mini|Gustave Flaubert (ca. 1860) L’Éducation sentimentale, Histoire d’un jeune homme, ist der Titel des letzten vollendeten und 1869 publizierten Romans des französischen Schriftstellers Gustave Flaubert, der heute als einer der einflussreichsten Romane des 19. Jahrhunderts gilt und mehrmals ins Deutsche übersetzt wurde (s. u.). Erzählt wird die Geschichte Frédéric Moreaus, der seinen Provinzort verlässt, um in Paris Karriere zu machen und den elegantem Lebensstil der mondänen Großstadt zu genießen. Dabei schwankt er zwischen den verschiedenen künstlerischen, großbürgerlichen und zwielichtigen Milieus, verliebt sich unglücklich und endet ohne Vermögen in kleinbürgerlichen Verhältnissen.
Handlung Flauberts Roman zeichnet, mit satirischen Elementen bei den Gesellschaftsszenen und tragisch-melancholischen bzw. illusionär idyllischen Zügen bei den privaten Schicksalen, ein Bild der französischen Gesellschaft der 1840er Jahre in Paris. Die Hauptfigur Frédéric Moreau will nicht in der Provinz bodenständig leben, sondern träumt von einer hohen Position mit elegantem Lebensstil in der mondänen Großstadt. Dabei schwankt er auf der Suche nach Erfolg und Glück unentschlossen zwischen Karrierestrategien und ihnen entgegenstehenden Gefühlsregungen. Seinen Freunden und Bekannten begegnet er in drei verschiedenen Zirkeln: der journalistisch-künstlerischen Szene mit systemkritischen, reformerischen bzw. revolutionären Tendenzen, den etablierten großbürgerlichen Kreisen der Bankiers, Kaufleute, Juristen usw., die sich jeweils an die vorherrschende politische Strömung anpassen, und der zwielichtigen Demimonde, in der sich die beiden anderen Gruppen in ihrer Doppelmoral treffen. Er passt sich schnell an die verschiedenen Milieus und ihre Regeln an, erreicht aber in seinem Zickzackkurs zwischen Gewissenlosigkeit und schlechtem Gewissen im Gegensatz zu den Protagonisten vieler traditioneller Entwicklungsromane keines seiner Ziele, v. a. weil er sich von seiner hoffnungslosen Liebe zur verheirateten Marie Arnoux nicht lösen kann.
Erster Teil 1840 verlässt der 18-jährige Frédéric Moreau, nach einer kurzen Reise zum Erbonkel nach Le Havre, das Gutshaus seiner Mutter in Nogent-sur-Seine (Kp. 2), um in Paris Jura zu studieren (Kp. 3–5). Madame Moreaus früh verstorbener Mann hinterließ ihr zerrüttete Vermögensverhältnisse. Ihre Pachteinnahmen sind gering und sie musste Besitzungen verkaufen, um die Schulden zu bezahlen und das Studium zu finanzieren. Sie hofft, dass er als Advokat oder Richter sowie durch eine reiche Heirat und die Erbschaft ihres Schwagers sein geringes väterliches Vermögen aufbessern und großbürgerlich leben kann. Doch Frédéric, aus dessen Perspektive die Handlung zum größten Teil erzählt wird, ist leichtlebig und spinnt sich in Vorstellungen von einer Karriere als Minister oder als berühmter Künstler ein. So beginnt er mit einem Romanprojekt oder mit Kompositionen und nimmt Malstunden. Mit seinen Freunden, revolutionär gesinnten Literaten, Malern und Journalisten, bummelt er durch das Quartier Latin oder vergnügt sich im Tanzlokal Alhambra. Er legt sich eine teure Garderobe zu und verkauft sie wieder unter Wert, wenn er kein Geld mehr hat. Wie diese sind alle seine Aktionen sprunghaft und er ermüdet schnell. Erst im zweiten Anlauf besteht er sein Examen mit Hilfe seines armen Schulfreundes Charles Deslauriers, der sein Studium als Kanzleigehilfe verdient und ebenfalls vom gesellschaftlichen Aufstieg träumt. Dieser rät ihm, Verbindungen zu einflussreichen Personen aufzubauen, z. B. zum Bankier und Spekulanten Dambreuse, dessen Geschäftserfolge auf seinen Anpassungen an die Regierungswechsel seit der Napoleonzeit basieren. Dieser macht ihm verschiedene Angebote, doch Frédéric verfolgt nicht diesen Karriereweg, unterbricht immer wieder die Kontakte und bemüht sich stattdessen um die Freundschaft des undurchsichtigen Kunsthändlers und Verlegers Jacques Arnoux und dessen Frau Marie, die er auf der Rückreise von Le Havre kennen gelernt hat. Die schöne junge Frau besetzt seine Gedanken und er will sie näher kennen lernen (Kp. 1). Deshalb kauft er von seinem Studiengeld Bilder in Arnoux’ Geschäft „Kunst und Gewerbe“ und teure Kleidung und Geschenke, um Marie zu beeindrucken. Diese Leidenschaft wird zu einer Obsession, die ihn Tag und Nacht verfolgt und an der Umsetzung ernsthafter Projekte hindert. Da Madame Arnoux ihn freundlich distanziert behandelt und nicht ermutigt, wagt er nicht, sich ihr zu erklären. Andererseits spürt er, dass seine Liebe nicht zu realisieren ist, er will aber die Hoffnung nicht aufgeben. So bereitet ihm das Großstadtleben wenig Freude und er leidet an Weltschmerz, der sich zu psychotischen Grenzzuständen steigert, aus denen er sich am Ende der Studienzeit in Nogent vorübergehend etwas lösen kann. Aber auch in der Provinz ist er auf Dauer nicht glücklich und er träumt sofort wieder von einem Luxusleben in Paris mit einer Annäherung an Marie, als er durch den Tod seines Onkels zum reichen Erben wird (Kp. 6).
Zweiter Teil 1845 kehrt Frédéric finanziell gut ausgestattet nach Paris zurück. Er kauft einen zweisitzigen Wagen mit Pferd und ein für Feste geeignetes Haus. Auch beim Erwerb der Einrichtung und bei Vergnügungen geht er sorglos mit seinem Geld um, so dass sein Kapital zunehmend schmilzt. In seinem früheren Freundeskreis hat sich einiges geändert. Deslauriers Versuch, zu habilitieren, ist durch den Vortrag versponnener Ideen misslungen. Arnoux, der inzwischen sein Kunstgeschäft und seine Zeitschrift aufgeben musste und jetzt in einer Fabrik Fayencen herstellt, lebt nun in bescheidenen Verhältnissen und gibt keine Feste mehr. Seine Frau hat in dem einfachen Ambiente für Frédéric zwar an gesellschaftlich eleganter Attraktivität verloren, jedoch in ihren jetzigen Rollen als Mutter und Hausfrau an menschlicher Ausstrahlung gewonnen („ernst, feierlich und beinahe fromm und gläubig“). Arnoux’ missglückte Spekulationen und seine Affären haben eine Ehekrise ausgelöst und sie wird Frédérics Vertraute. Ihre Gegenfigur ist Rose Annette Bron (Rosanette), eine freizügige Halbweltdame („tändelnd-verspielt […] beschwingt und unterhaltsam“) und zur Zeit gleichzeitig die Geliebte Arnoux’, des alten reichen Oudry und des jungen Schauspielers Delmar. Frédéric hat die von ihren Freunden „Marschallin“ genannte Frau auf einem ausgelassenen Kostümball in ihrer Wohnung kennengelernt. Der Autor beschreibt das Fest aus distanzierter Beobachterperspektive als eine unzusammenhängende Konversations- und Bilderfolge, wobei sich bei zunehmender Dauer unter der verlaufenden Schminke traurige Gesichter zeigen, und demonstriert den Leerlauf der gesellschaftlichen Konventionen, die persönliche Rivalitäten verdecken (Kp. 1). Mit diesem Milieu kontrastieren zwei andere Zirkel, in denen Frédéric sich bewegt. Offen kontrovers, von Seiten Senecals, Deslauriers Freund, revolutionär-dogmatisch, rechthaberisch verlaufen die politischen Diskussionen seiner Boheme-Freunde, einer Gruppe von egozentrischen Individualisten (Kp. 2). Großbürgerlich steif, aber doppelbödig und schwer durchschaubar sind dagegen die Gäste im Haus des Bankiers Dambreuse, wo sich die konservativen Geschäftsleute und hohen Beamten treffen. Von ihnen erhofft sich Frédéric Unterstützung für eine Stelle im Staatsdienst, während ihm der Hausherr zu einer Wirtschaftskarriere rät.
Frédérics zeitweise kontrollierte Leidenschaft für Marie erhält durch Arnoux’ finanzielle Schwierigkeiten und seine Ehekrise neue Hoffnungen. Er leiht ihm fünfzehntausend Franken, um seine Frau durch seine Hilfsbereitschaft zu beeindrucken und sie für sich zu gewinnen. Als Sicherheit erhält er ein Grundstück, das jedoch, wie sich später herausstellt, mit Hypotheken belastet ist. Mehr als zwanzig Jahre später, bei ihrer letzten Begegnung, wird ihm die tugendhafte Geliebte das Geld zurückgeben (III, 6). Die Summe hatte er eigentlich seinem Freund Deslauriers für die Gründung einer Zeitung versprochen und sie unbedacht auch Dambreuse für den Kauf von Aktien zugesagt. Schnell lässt er sich immer wieder zu Freundschaftsdiensten überreden, verleiht Geld, wechselt aber dann situativ seine Pläne und hält Verabredungen nicht ein. Manchmal verleiten ihn auch Stimmungen, sich in vornehmer Gesellschaft zu isolieren und Chancen zu verspielen, z. B. bei der Verteidigung seines Freundes Arnoux, seiner heimlichen Geliebten Rosanette oder des zeitweise inhaftierten mutmaßlichen Bombenbastlers Senecal. Einmal wird er sogar ausfällig bis zur Duellforderung an de Cisy (Kp. 4). Zum Zeitpunkt der Krise Arnoux’ denkt er, der Zeitpunkt für sein Liebesgeständnis sei gekommen (Kp. 3). Doch Marie weist ihn zurück, obwohl sie ihn insgeheim liebt. Auf seinen Vorwurf, sie habe „spießbürgerliche Grundsätze“ antwortet sie, sie sei an ihre Familie gebunden und rühme sich nicht, „eine große Dame zu sein“. Enttäuscht will er sich nun leichtlebigen Frauen zuwenden und braucht dafür Geld (Kp. 4). Er verkauft aus seinem Vermögen einen Pachthof, legt das Geld zur Hälfte in Staatsanleihen an und spekuliert mit der anderen Hälfte an der Börse. Dann bemüht er sich um einen der offenbar frei gewordenen Plätze bei der Rosanette, hat dabei jedoch vermögende Rivalen, v. a. Cisy.
Frédérics enttäuschte Freunde, denen er finanzielle Unterstützung zugesagt hat und die ihn wegen seines Reichtums beneiden, rächen sich für sein unbeständiges Verhalten. Pellerins freizügiges Porträt Rosanettes, das er gewissermaßen bestellt, aber nicht bezahlt hat, wird in einem Schaufenster ausgestellt, mit der Angabe, er sei der Besitzer. In einem Zeitungsartikel der „Leuchte“ verspottet ihn der Schreiber, offenbar Hussonnet, für Eingeweihte gut erkennbar als „einen hergelaufenen Einfaltspinsel“ aus der Provinz und rätselt über die Motive seines Duells. „Der Advokat“ Deslauriers nutzt die Beichte seines alten unentschlossenen Freundes für sich und kommt auf die Idee an seiner Stelle die Kontakte zu Dambreuse für seinen Aufstieg zu nutzen und Madame Arnoux mit Frédérics Hypothekenforderungen als Geliebte zu gewinnen. Andererseits gibt er ihm den Rat, nach Nogent zurückkehren und sich mit Louise, der provinziell natürlichen Tochter des reichen Nachbarn Roque, zu verloben. Das ist auch der Wunsch ihres Vaters, des Verwalters der ländlichen Güter Dambreuses, und seiner Mutter, denn Roques Vermögen und der für ihn reaktivierbare Adelstitel aus der Familie seiner Mutter, der Tochter des Grafen de Fouvens, würden sich verbinden. Doch Frédéric zögert bei seinem kurzen Besuch (Kp. 5) wieder einmal, denn Louise ist ihm in seiner arroganten Beurteilung zu wenig gebildet und im Vergleich zu Madame Arnoux oder Madame Dambreuse nicht großstädtisch-gesellschaftsfähig, und er kann ihre Liebe zu ihm nicht erwidern. So schiebt er den von ihm erwarteten Antrag auf.