Völkischer Nationalismus stellt ein rassistisches Konzept dar, das die gemeinsame weltanschauliche Basis der völkischen Bewegung bildet. Es geht von dem essentialistischen Konstrukt als „Völker“ oder „Volksgruppen“ bezeichneter Bevölkerungsgruppen aus, die als geschlossene ethnisch-biologische und/oder ethnisch-kulturelle Einheiten innerhalb einer Hierarchie solcher Populationen beschrieben werden. Zeitweise war der völkische Nationalismus in Mitteleuropa eine breite und vorherrschende ideologische Sichtweise, repräsentiert in zahlreichen nationalistischen, explizit antisemitischen und sonstigen rassistischen Zusammenschlüssen aller Art mit vielen Publikationen und bekannten Persönlichkeiten. Heute nimmt er auch die Gestalt des Ethnopluralismus an.
Inhalt Unter dem völkischen Nationalismus versteht man die Überhöhung des eigenen „Volks“, das sich durch gemeinsame Abstammung, Kultur und Sprache definiert, und das Streben nach einer homogenen Bevölkerung durch Exklusion von Fremden. Das Volk wird zum Kollektivsubjekt. Er bildet eine hierarchisch gegliederte Wertigkeit der „Völker“.Brigitte Bailer-Galanda, Wolfgang Neugebauer: Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus. Wien 1994, S. 36. Er fordert Homogenität nach innen, gegenüber „Andersartigkeit“ und „Überfremdung“ aber Exklusion bzw. AbgrenzungAlice Brauner-Orten: Die Neue Rechte in Deutschland: Antidemokratische und rassistische Tendenzen. Opladen 2001, S. 47ff. („Entmischung“, Verhinderung einer „Umvolkung“, eines „Austauschs“ der Bevölkerung) und orientiert daran seine Strategien. Der völkische Nationalismus basiert ideologisch auf völkisch-rassistischen Konzepten.Vgl. Roger Griffin: Völkischer Nationalismus als Wegbereiter und Fortsetzer des Faschismus. Ein angelsächsischer Blick auf ein nicht nur deutsches Phänomen. In: Heiko Kauffmann, Helmut Kellershohn, Jobst Paul (Hrsg.): Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt – Analysen rechter Ideologie, 2005; Margret Jäger, Siegfried Jäger: Gefährliche Erbschaften. Die schleichende Restauration rechten Denkens, 1999; Uwe Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache – Rasse – Religion. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 2001. Seine Träger und Akteure werden im politischen Spektrum sowohl rechtsaußen als auch – als übliche Alltagsüberzeugungen – in der gesellschaftlichen Mitte verortet.Z. B. Siegfried Jäger, Dirk Kretschmer: Symbolische Politik der „Mitte“, nach rechts gewandt. In: Siegfried Jäger, Dirk Kretschmer, Gabriele Cleve u. a.: Der Spuk ist nicht vorbei. Völkisch-nationalistische Ideologeme im öffentlichen Diskurs der Gegenwart, Duisburg o. J., S. 54–57, siehe auch: .
Der Sozialwissenschaftler Helmut Kellershohn nennt sieben Kernelemente eines völkischen Nationalismus:Helmut Kellershohn: Das Projekt Junge Freiheit. Eine Einführung. In: ders. (Hrsg.): Das Plagiat. Der Völkische Nationalismus der Jungen Freiheit. Duisburg 1994, S. 17–50. die Gleichsetzung von „Volk“ und „Nation“ bzw. die Vorstellung einer nach rassistischen Kriterien homogenen „Nation“ die Überhöhung des „Volkes“ zu einem Kollektivsubjekt im Sinne von ethnos und die Unterordnung spezifischer Interessen unter dem Primat der „Volksgemeinschaft“ die Rechtfertigung eines „starken Staates“, der die Volksgemeinschaft mittels „national“ gesinnter Eliten und/oder einer charismatischen Führerfigur organisiert die Heroisierung des „anständigen Volksgenossen“, der sich mit Leib und Seele in den Dienst seiner Volksgemeinschaft stelle und für diese Opfer bringe die völkische oder rassistische Konstruktion eines „inner(staatlich)en Feindes“, der für Rückschläge bei der Realisierung der Volksgemeinschaft verantwortlich gemacht wird und als negative Projektionsfläche für die Volksgemeinschaft eine identitätsstiftende und konsensbildende Funktion hat ein biopolitisches Verständnis des „Volkskörpers“, das diesen durch Bevölkerungspolitik gesund und stark erhalten bzw. machen will ein chauvinistisches Machtstaatsdenken.
Geschichte Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewann die völkische Bewegung Einfluss auf die politische und kulturelle Diskussion im deutschsprachigen Mitteleuropa. Seine geschichtliche Ausprägung fand der ihr eigene völkische Nationalismus vor allem im Deutschen Reich. Zu dessen sozialen Trägern und zu dessen „notwendiger ideeller Bedingung“ wird der deutsche Protestantismus gerechnet.Vgl. Frank Unger: Demokratie und Imperium: die Vereinigten Staaten zwischen Fundamentalismus, Liberalismus und Populismus. Würzburg 2010, S. 175. Aus ideengeschichtlicher Perspektive radikalisierte sich die „bürgerlich-protestantische Mentalität“ seit der Reichsgründung verstärkt deutsch-völkisch. Der religiös überhöhte Nationalismus bzw. ein völkisch aufgeladener Protestantismus des Kaiserreichs führten demnach bis hin zum nationalsozialistischen Konzept der Deutschen Christen.Frank-Michael Kuhlemann: Bürgerlichkeit und Religion. Göttingen 2002, S. 305. Die überwiegend männliche und protestantische Anhängerschaft des völkischen Nationalismus rekrutierte sich aus den Mittelschichten. Dieses Sozialprofil und seine Bedeutung für den Aufstieg der NSDAP analysierte der Soziologe Seymour Martin Lipset als „Extremismus der Mitte“. Die völkische Bewegung, zu der die deutschnationalen Zusammenschlüsse und die NSDAP gehörten – deren Parteiorgan war der „Völkische Beobachter“ –, lehnte die Weimarer Verfassung ab und vertrat völkische Gemeinschaftlichkeitskonzepte („deutsche Volksgemeinschaft“). Die biologische und kulturelle Homogenität des „Volks“ als „Abstammungsgemeinschaft“ und die „Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen“ (Carl Schmitt: Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus, 1926Birgit Schreiber: Politische Retheologisierung. Ernst Tollers frühe Dramatik als Suche nach einer „Politik der reinen Mittel“. Königshausen und Neumann, Würzburg 1997, S. 89.Gunther Mai: Zeiten der Gewalt. Europa in der Zwischenkriegszeit. In: Michael Klein (Hrsg.): Gewalt – interdisziplinär (= Erfurter Sozialwissenschaftliche Reihe, Nr. 5). Lit Verlag, Münster 2002, S. 17.Matthias Hambrock: Die Etablierung der Außenseiter. Der Verband nationaldeutscher Juden 1921–1935. Böhlau Verlag, Köln 2003, S. 498.Ulrich R. Haltern: Integration als Mythos. Zur Überforderung des Bundesverfassungsgerichts. In: Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart. Neue Folge 45. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1997, S. 51.) wurden beschworen. Völkische Konzepte wie „Volkstum“, „Lebensraum“ und vor allem „Volksgemeinschaft“ waren in weiten Teilen der Bevölkerung und vor allem innerhalb des „vaterländischen Lagers“ verbreitet, damit integraler Teil auch der nationalsozialistischen Programmatik.
Mit den nationalsozialistischen Massenverbrechen erfuhren die sie begründenden Vorstellungen eine starke Entwertung. Nach der Meinung des Sozialwissenschaftlers Christoph Butterwegge (1996) stießen sie inzwischen „bei den Medienmachern so gut wie nie auf heimliche oder gar offen bekundete Sympathie“. Seit der Wende aber würden „innerhalb des etablierten Kulturbetriebes“ völkisch-nationalistische Tendenzen wieder stärker in Erscheinung treten. Es sehe fast so aus, als wandere völkischer Nationalismus im Zuge einer „Reorganisation der ‚nationalen Identität‘“ „in die Mitte“ hinein.Christoph Butterwegge: Migrant(innen) und Massenmedien. In: Digitale Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, Die Soziologin und Rassismusforscherin Nora Räthzel untersuchte Anfang der 1990er Jahre den printmedialen Asylrechtsdiskurs und wie in dessen Verlauf ein homogenes deutsches Volk als Opfer einer Ausbeutung/Überfremdung durch „die Anderen“ konstruiert worden sei.Nora Räthzel: Zur Bedeutung von Asylpolitik und neuen Rassismen bei der Reorganisierung der nationalen Identität im vereinigten Deutschland. In: Christoph Butterwegge, Siegfried Jäger (Hrsg.): Rassismus in Europa. 3. Auflage. Köln 1993, S. 213–229, hier: S. 216ff.
Gegenwart Alltagsüberzeugungen Aus Meinungsbefragungen ergibt sich, dass 2014 mindestens jeder zehnte Deutsche einer „natürlichen Hierarchie“ der „Völker“ zustimmt. Verbreitet sind Abwertungen ethnisch und/oder religiös definierter Bevölkerungsgruppen (z. B. von Roma oder Muslimen).So Karl Moehl, Leiter des Referats Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in: Recht ohne Wirkung? Nationale und internationale Rechtsgrundlagen zur Beseitigung von Rassismus Dokumentation des Fachkongresses, siehe: . Ein Teil der Forschung wendet sich daher der Frage zu, inwieweit völkische Konzepte im Alltagsdenken der deutschen Bevölkerung lebendig sind und im Alltagsdiskurs zur Sprache gebracht werden bzw. inwieweit „völkische Ideologie in das alltägliche Denken dieser Gesellschaft“ – der deutschen – „eingelagert ist“.Völkischer Nationalismus und seine Kernideologeme. Eine knappe Begriffserklärung. In: Siegfried Jäger, Dirk Kretschmer, Gabriele Cleve u. a.: Der Spuk ist nicht vorbei. Völkisch-nationalistische Ideologeme im öffentlichen Diskurs der Gegenwart. Duisburg o. J., S. 22–28, hier: S. 22, siehe auch: . Das Fazit lautet, es gebe eine große Variationsbreite völkischer Ideologeme – Homogenität des „deutschen Volks“, Zurückweisung „fremder“, durch Migration hervorgerufener Einflüsse, deutsche Hochkultur gegen zurückgebliebene orientalische Kulturen u. a. m. – im Alltagsdenken. Verortet werden sie gesellschaftlich und politisch als „Extremismus der Mitte“. Sie gelten nicht als Alleinstellungsmerkmal „rechter“ politischer Zusammenschlüsse,Gabriele Cleve: Rassismus und völkisches Denken im Alltag. In: Siegfried Jäger, Dirk Kretschmer, Gabriele Cleve u. a.: Der Spuk ist nicht vorbei. Völkisch-nationalistische Ideologeme im öffentlichen Diskurs der Gegenwart. Duisburg o. J., S. 228–265, hier: S. 259ff., siehe auch: . sondern seien ebenso in einer nach rechts tendierenden Mitte anzutreffen.Vgl. Siegfried Jäger, Dirk Kretschmer: Symbolische Politik der „Mitte“, nach rechts gewandt. In: Siegfried Jäger, Dirk Kretschmer, Gabriele Cleve u. a.: Der Spuk ist nicht vorbei. Völkisch-nationalistische Ideologeme im öffentlichen Diskurs der Gegenwart. Duisburg o. J., S. 54–57, siehe auch: .
Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI), sieht in einem „abgedrifteten steuer- und europakritischen Liberalismus“ eine Quelle des „völkisch-autoritären Nationalismus“. „Volk“ werde dabei wieder ethnisch zur geschlossenen „Volksgemeinschaft“ stilisiert und die demokratische Parole „Wir sind das Volk“ – wie 1989 – zum ethnokratischen „Wir sind ein Volk“ umgedeutet. Damit einher gehe, dass alles „Fremde“ abgelehnt werde und auszuschließen sei.Claus Leggewie: Anti-Europäer: Breivik, Dugin, al-Suri & Co. Berlin 2016. Wer vor diesem Hintergrund die Akteure als „Rechtspopulisten“ bezeichne, verharmlose sie.Politikexperte warnt vor„Verharmlosung“ von Rechtspopulisten. In: Die Welt, 14. März 2017.
Organisierte Formen Völkischer Nationalismus ist über das NS-Ende hinaus bis heute vital in einem breiten Spektrum politischer Organisierung. Es ist ein gemeinsames charakteristisches Merkmal der politischen Formationen am rechten Rand, beschränkt sich darauf jedoch nicht.