mini|250px|Außenansicht der Stiftspfarrkirche St. Kassian von Norden mini|250px|Außenansicht von Norden während der jüngsten Renovierungsmaßnahmen (Mai 2011)

Die Stiftspfarrkirche St. Kassian in Regensburg ist nach der Stiftskirche zur Alten Kapelle die zweitälteste Kirche der Stadt und zählt zu den am frühesten belegten Kirchengebäuden Bayerns. Das denkmalgeschützte Gotteshaus besitzt eine reiche Baugeschichte und war in verschiedenen Epochen einschneidenden Veränderungen unterworfen. Heute dominiert im Innenraum und an der Nordfassade der Rokokostil. Die Kirche wird seit 1225 ununterbrochen vom Stift Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle seelsorgerisch betreut. Die Stiftspfarrei St. Kassian ist heute mit nur rund 65 Katholiken die kleinste Pfarrei der Diözese Regensburg.

Das Patrozinium des Märtyrers Kassian (Gedenktag: 13. August), der als erster Bischof des Bistums Säben in Südtirol (heute in der Diözese Bozen-Brixen aufgegangen) gilt, kommt in Oberitalien und Südtirol häufig vor, ist aber nördlich der Alpen kaum verbreitet. Die Regensburger Kassianskirche gilt sogar als die nördlichste Kirche, die diesem Heiligen geweiht ist, was sich aus der frühen Zugehörigkeit der Stadt zum Patriarchat von Aquileia erklärt.Gimmel, S. 2f.

Geschichte Gründungsgeschichte bis zum Übergang an das Kollegiatstift zur Alten Kapelle Die St.-Kassians-Kirche zählt neben der Stiftsbasilika zur Alten Kapelle und der Basilika St. Emmeram zu den ältesten Kirchen der Stadt Regensburg. Die Legende berichtet, dass sie auf dem Areal eines ehemaligen heidnischen, möglicherweise römischen Tempels errichtet wurde. Dies unterstellt auch die Inschrift in der Kartusche am Chorbogenscheitel, wo es heißt: „Templum S. Cassiani olim Idolorum“ (Tempel des heiligen Kassian – einst Götzentempel). Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Kirche als „Capella(m) ad sanctum Cassianum“ im Jahre 885. Sie gehörte damals zur Königspfalz der Agilolfinger und Karolinger am Alten Kornmarkt. Im Unterschied zur Alten Kapelle, die dem König und seinem Hofstaat als Pfalzkirche vorbehalten war, diente St. Kassian den königlichen Beamten als Gotteshaus. Als im Jahr 1225 mit St. Ulrich eine neue Pfalzkapelle errichtet wurde, ging St. Kassian als Stiftspfarrkirche an das inzwischen neu errichtete Kollegiatstift zur Alten Kapelle über. Dieser Zustand dauert an, sodass die Seelsorge in der Kassianskirche bis heute den Stiftskanonikern der Alten Kapelle obliegt.Gimmel, S. 3f.

Karolingischer Bau und romanische Erweiterung Der älteste Bau der Kassianskirche geht auf die karolingische Zeit zurück. Da von diesem Bau keine Mauern, sondern nur Fundamente erhalten sind, wurde dieser erst während der jüngsten Sanierungsarbeiten entdeckt. Aus einer Rekonstruktion ergibt sich, dass der Bau mindestens 20 Meter, wahrscheinlich aber eher 26 bis 28 Meter lang war und auf der Ostseite mit drei runden Apsiden abschloss. Die Ansätze der Apsiden waren dort, wo sich heute das östliche Freipfeilerpaar des Langhauses befindet. Während sie seitlich nur etwa 2,50 Meter breit waren, nimmt man für den Hauptchor eine Breite von 5,80 Metern an, was der heutigen Mittelschiffbreite entspricht.Gimmel, S. 4–9.

Diese vorromanische Kirche wurde nach heutigem Kenntnisstand bei dem großen Stadtbrand von Regensburg im Jahre 891 als eines der Gebäude von den Flammen verschont, da sie zur damaligen Zeit von einem Friedhof umgeben war. Der Bau wurde vermutlich im 12. Jahrhundert, also in der Zeit der Romanik, geringfügig erweitert. Dabei ersetzte man die mittlere Apsis durch ein quadratisches Chorjoch, an das sich wieder halbrunde Apsiden, diesmal leicht eingezogen, anschlossen.

Neubau einer frühgotischen Basilika im 13. und 14. Jahrhundert Der im Kern noch bestehende Bau wurde ab dem 13. Jahrhundert als frühgotische Basilika errichtet. Zunächst wurden die nun deutlich breiteren Seitenschiffe angebaut, sodass die Kirche ihr heutiges Quermaß erhielt.

Um 1300, auf jeden Fall aber noch im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts, errichtete man im inzwischen hochgotischen Stil auch die übrigen Baukörper neu. Zunächst wurde östlich der alten Kirche die neue Stirnwand mit den drei Apsiden und dem fünfeckigen Sakristeianbau errichtet, sodass im Altbau weiterhin Gottesdienste abgehalten werden konnten. Erst die Einwölbung des neuen Chores und die Errichtung der Freipfeiler im Mittelschiff erforderten den Abriss der alten Kirche. Während die Chorpartie und Teile der seitlichen Außenmauern bereits dem heutigen Stand entsprachen, erreichte auch dieser hochgotische Bau noch nicht die Länge der heutigen Kirche. Er endete auf der Höhe des mittleren Freipfeilerpaares. Es waren, wie heute noch im Ansatz erkennbar, früher Halbpfeiler, die in die Westwand der frühgotischen Kirche integriert waren. Möglicherweise wurden Teile des Vorgängerbaus als Eingangshalle belassen. Der Zugang zu der damals errichteten Kirche erfolgte wohl von der Westseite mittels einer Treppe, da das Fußbodenniveau im Vergleich zu der romanischen Kirche deutlich angehoben worden war.

Umgestaltungen im 15. bis 17. Jahrhundert Ein bayernweit wütender Orkan am 29. Juni 1474 machte Instandsetzungen an dem Kirchenbau unumgänglich. Im Jahr 1477 erfolgte unter Stiftsdekan Joseph Hayden neben der Restaurierung des Gotteshauses – das Mauerwerk des Langhauses wurde erneuert – auch eine Anpassung an den spätgotischen Zeitgeschmack. So wurde beispielsweise der Bau um ein Joch nach Westen verlängert, sodass die Kirche ihre heutige Länge erreichte. Außerdem wurde ein reich skulptiertes Sakramentshaus geschaffen, das eine bis dahin benutzt schlichte Sakramentsnische ersetzte.

Im Jahr 1601 beschloss das Stiftskapitel erneut eine grundlegende Sanierung der Stiftspfarrkirche, die sich inzwischen wieder in einem sehr schlechten baulichen Zustand befand und daher als templum ruinosum bezeichnet wurde. An die in den Jahren 1603/04 durchgeführten Maßnahmen erinnert eine Inschrifttafel aus Plattenkalk im westlichen Eingangsbereich. Die Tafel ist von einem Rahmen mit Weinlaubranken umgeben und zeigt einen Schild mit der heiligen Maria mit Lilienzepter. 1603/04 erhielt das Mittelschiff ein deutlich steileres Dach, sodass die Basilika in eine Pseudobasilika umgestaltet wurde. Außerdem erhielten die seitlichen Apsiden deutlich größere, spitzbogige Fensteröffnungen, die am Außenbau noch erkennbar sind.

Im Jahr 1626 wurde der kleine, inzwischen ebenfalls baufällige Kirchturm abgebrochen und durch einen Dachreiter über dem Westgiebel ersetzt. Dieser wurde im 19. Jahrhundert nochmals erneuert. Im Jahr 1640 wurde ein stattlicher, viergeschossiger Gebäudetrakt mit Wohnungen für die Stiftskanoniker südlich an die Kirche angebaut. Dieser wurde in den Jahren 1888/89 durch einen Neubau im Stile der Neorenaissance ersetzt. Außerdem wurden die Wände des Mittelschiffs erhöht, dass über dessen Flachdecke ein Zwischengeschoss eingezogen werden konnte. Schließlich wurden auch die Seitenschiffe neu eingedeckt.

Geschichte der Wallfahrt zur „Schönen Maria“ mini|hochkant|Die Wallfahrt zur „Schönen Maria“, Holzschnitt von Michael Ostendorfer (um 1520) Die Wallfahrt zur „Schönen Maria“ war nach der Vertreibung der Juden aus Regensburg im Jahr 1519 entstanden. Auf dem Areal des vormals jüdischen Viertels errichtete man dafür eine Holzkapelle, die den Titel „Schöne Maria“ trug. Wohl aus Kultpropaganda, die maßgeblich von dem Regensburger Domprediger Balthasar Hubmaier vorangetrieben wurde, entwickelte sich die Gründungslegende einer Wallfahrt, die mit der Figur der „Schönen Maria“ von dem Landshuter Bildschnitzer Hans Leinberger verknüpft wurde. Entsprechend erlangte die neu erbaute Kapelle als Wallfahrtskirche zur „Schönen Maria“ große Bekanntheit. Die rege Wallfahrtstätigkeit ging allerdings bereits nach fünf bis zehn Jahren wieder stark zurück. Auch der schon 1519 begonnene Bau einer großen Steinkirche kam Mitte der 1520er Jahre aus Geldmangel fast zum Erliegen, erst 1540 wurde sie eingeweiht.Peter Morsbach: Fragen zur Entstehung der Kapelle zur Schönen Maria. In: Martin Dallmeier (Hg.): Der Neupfarrplatz – Brennpunkt – Zeugnis – Denkmal. (Herbstsymposion 1999). Regensburg 2002, S. 41–49. Nachdem die Kirche 1542 evangelisch wurde und als Neupfarrkirche bezeichnet wird, übertrug man das Gnadenbild in das Kloster der Franziskaner-Minoriten am Dachauplatz. Am 13. August 1747, dem Festtag des heiligen Kassian, ließ es schließlich der damalige Stiftspfarrer Johann Anton Götz in die Pfarrkirche St. Kassian übertragen. Dort, so die Hoffnung des Geistlichen, sollte die mit diesem Bildnis verbundene Marienwallfahrt wieder aufleben.

Tatsächlich setzte bald ein reger Wallfahrtsbetrieb ein. In den Jahren 1759 bis 1783 sind 62 sogenannte Mirakelberichte, also Berichte von wundersamen Gebetserhörungen und Heilungen auf die Fürsprache der Mutter Gottes, schriftlich festgehalten worden. Einer sei hier beispielsweise wiedergegeben: Der Thurn und Taxis’sche Generaldirektor der fürstlichen Posten in den Niederlanden, Alexander August von Becker, kam 1766 gemeinsam mit seinen beiden Söhnen mit einem Schiff auf der Donau in große Not und wurde durch die Fürsprache Mariens wunderbar errettet. Zum Dank stiftete er ein kostbares Votivgemälde, das sich noch in der Kirche befindet. Es handelt sich dabei um die einzige noch vorhandene Votivtafel, die rechts am Chorbogen angebracht ist. Mit der Säkularisation endete die Wallfahrt zu Beginn des 19. Jahrhunderts abrupt.Gimmel, S. 27–29.

Umgestaltung im Rokokostil 1749/60 Bereits nach zwei Wallfahrtsjahren ermöglichten der enorme Zuspruch der wiederbelebten Wallfahrt und die reichlichen Spenden den Beginn einer Renovierung und Umgestaltung der Kassianskirche, die von 1749 bis 1760 nach und nach umgesetzt wurde. Man baute in dieser Zeit die Kassianskirche zu einer Wallfahrtskirche im zeittypischen Rokokostil um, was in einer weiteren Inschrifttafel festgehalten ist. Bei den Baumaßnahmen wurde die gotische Kirchenausstattung, bestehend aus dem Sakramentshaus und sieben Seitenaltären, entfernt. Außerdem wurden die Rippen des gotischen Chorgewölbes abgeschlagen.

Anschließend wurde sie neu mit zahlreichen Fresken und reicher Stuckdekoration verziert. Zu diesem Zweck wurde die Arkaden des Langhauses abgeflacht, um darüber Platz für großflächige Fresken zu gewinnen. Ausführender Stuckateur war der Wessobrunner Anton Landes. Das große Deckenfresko im Mittelschiff wird dem Prüfeninger Maler Otto Gebhard zugeschrieben. Auch die Altäre wurden erneuert; die übrigen Fresken schuf der Augsburger Rokokomaler Gottfried Bernhard Göz. Auch die Altäre wurden im Zuge dieser Umgestaltung erneuert. Nur der gotische Kassiansaltar, möglicherweise ein ehemaliger Hochaltar, blieb bis heute erhalten. Der originell konstruierte Rokoko-Hochaltar beispielsweise wurde im Jahre 1759 von dem Bildhauer Johann Baptist Dirr aus Stadtamhof geschaffen.

Zwei der Gemälde, die im Jahr 1758 von Göz fertiggestellt wurden, thematisieren die Wallfahrt zur „Schönen Maria“ – so auch das westliche Deckenfresko im Südschiff. Es erzählt die Legende von der Vertreibung der Regensburger Juden und der Entstehung der Marienwallfahrt. Damit handelt es sich um ein marianisch-judenfeindliches Kirchenkunstwerk ersten Ranges, welches im Jahr 2006 wegen der darin dargestellten Ritualmordbeschuldigung nicht zum ersten Mal in die Kritik geraten ist.Sendtner: Leiche im Keller. In: Ettl (Hrsg.): Regensburg – Reise-Lesebuch, S. 67–76.