mini|Schweden mini|Karte von Schweden in den Farben der LGBT-Flagge
Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Schweden ist weitgehend gewährleistet. Das Land ist in dieser Beziehung eines der liberalsten auf der Welt. Die gleichgeschlechtliche Ehe wurde 2009 eingeführt.
Geschichte Straffreistellung Bis 1944 waren gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen in Schweden ein Straftatbestand. Der Tatbestand war in Kapitel 18, § 10 Strafgesetzbuch von 1864 (1864 års strafflag)Straff-Lagen. erfasst.Das 1864 års strafflag wurde erst 1965 durch ein modernes Strafgesetzbuch (Brottsbalken – BrB) ersetzt. Im 1864 års strafflag waren homosexuelle Handlungen mit „Unzucht wider die Natur“ erfasst.Die Formulierung lautete: Öfwar någon med annan person otukt som emot naturen är eller öfvar någon otukt med djur; warde dömd till straffarbete i högst två år. („Treibt jemand mit einer anderen Person Unzucht wider die Natur oder treibt jemand Unzucht mit Tieren wird er zu Zwangsarbeit von höchstens zwei Jahren verurteilt.“) Nach der Gesetzesänderung von 1944Lag om ändring i 18 och 25 kap. strafflagen (ausgefertigt am 14. April 1944, in Kraft getreten am 1. Juli 1944). wurden homosexuelle Menschen zwar nicht mehr bestraft, ihre Veranlagung aber als „krank“ eingestuft. Die Entkriminalisierung wurde also dadurch erkauft, dass Betroffene nun als psychisch krank galten, in psychiatrische Anstalten eingewiesen oder Behandlungen z. B. mit Elektroschocks ausgesetzt wurden.
Nachdem einvernehmliche homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen 1944 legal wurden, schuf der Staat erhebliche rechtliche Ungleichheiten hinsichtlich des Schutzalters: Für heterosexuelle Kontakte lag es immer bei 15 Jahren, für homosexuelle Beziehungen aber bei 18 Jahren. Erst 1978 wurde das Schutzalter für alle auf 15 Jahre angeglichen.
Abbau weiterer Diskriminierungen 1972 ermöglichte Schweden als erstes Land der Welt die Möglichkeit – nach einer Prüfung – das Geschlecht rechtlich zu ändern. Gleichzeitig wurde die kostenlos Behandlung zur Geschlechtsangleichung ermöglicht und eine kostenlose Hormontherapie angeboten.Government Offices (Weblinks). Erst 2013 wurde die bis dahin verpflichtende Sterilisation bei Geschlechtswechsel abgeschafft. Personen, die von dieser Sterilisationspflicht betroffen waren, steht seit 2018 eine finanzielle Entschädigung in Höhe von 225.000 Schwedische Kronen (ca. 20.000 Euro) zu. Betroffen waren etwa 600 bis 700 Menschen.Historic Victory for Trans People – the Swedish Parliament Decides on Compensation for Forced Sterilizations auf der Homepage der RFSL vom 21. März 2018.
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1979 meldeten sich mehrere Personen krank, weil sie „homosexuell“ seien, um dagegen zu protestieren, dass Homosexualität weiterhin als Krankheit eingestuft wurde. Außerdem wurde die Hauptverwaltung der Sozialbehörde durch Aktivisten besetzt. Die schwedische Gesundheitsbehörde (Socialstyrelsen) strich daraufhin Homosexualität aus der Klassifizierung der Krankheiten – Transvestitismus allerdings erst 2009. Diskriminierung aufgrund der homosexuellen Orientierung (später in „sexuelle“ Orientierung geändert) wurde 1987 unter Strafe gestellt. 1999 wurde das Gesetz zum Verbot der Diskriminierung im Arbeitsleben aufgrund der sexuellen Ausrichtung erlassen und das Amt des Ombudsmanns gegen solche Diskriminierungen (Ombudsmannen mot diskriminering på grund av sexuell läggning – HomO) eingerichtet.Das Amt des „Ombudsmanns gegen Diskriminierung aufgrund der sexuellen Ausrichtung“ wurde 2009 mit anderen Ombudsämtern gegen Diskriminierung zum Diskrimineringsombudsmannen (DO) zusammengelegt. 2002 folgte ein Gesetz, das unter anderem Studierende an Hochschulen vor entsprechender Diskriminierung schützen und die Gleichstellung fördern sollte. 2003 trat ein erweitertes Antidiskriminierungsgesetz in Kraft – nochmals erweitert 2005 – und der Tatbestand der Volksverhetzung wurde auf Hassrede aufgrund der sexuellen Ausrichtung ausgeweitet. 2006 trat das Gesetz zum Verbot der diskriminierenden und sonstigen herabsetzenden Behandlung von Kindern und Schülern – auch hinsichtlich ihrer sexuellen Ausrichtung – in Kraft. Ein neues, erweitertes Antidiskriminierungsgesetz folgte 2009 und ersetzte die bisherige Gesetzgebung. Es verbietet unter anderem Diskimminierung aufgrund der geschlechtlichen Identität oder des geschlechtlichen Ausdrucks. 2011 wurde auch das Gesetz Regeringsformen – Teil der Verfassung des Königreichs Schweden – um den Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Ausrichtung erweitert.Government Offices (Weblinks).
1987 erließ Schweden das „Saunaclubgesetz“Lag om förbud mot s.k. bastuklubbar och andra liknande verksamheter. und ein Gesetz gegen Prostitution, um die Ausbreitung von HIV zu verhindern. Eigentümer durften keine Räume betreiben, die für anonyme sexuelle Kontakte zwischen Kunden gedacht waren. Betreiber waren verpflichtet, aktiv zu verhindern, dass in ihren Räumen sexuelle Handlungen stattfanden. Bei Verstößen drohte die Zwangsräumung oder Schließung. Das „Saunaclubgesetz“ wurde 2004 aufgehoben.
Verpartnerung, Ehe 1988 trat ein Gesetz über homosexuelle Lebenspartner in Kraft, 1995 folgte das Gesetz über die eingetragene Partnerschaft. Es bestand die Beschränkung, dass die eingetragene Partnerschaft nur standesamtlich geschlossen werden konnte. 2003 erhielten eingetragene Partner die Möglichkeit, Adoptiveltern zu werden. Ein neues Partnerschaftsgesetz trat in Kraft, das sowohl gleichgeschlechtliche als auch verschiedengeschlechtliche Lebensgemeinschaften abdeckte. 2005 erhielten gleichgeschlechtliche Paare rechtlich Zugang zu Behandlungen der „assistierten Fortpflanzung“ (künstliche Befruchtung). 2009 wurden dann das Ehegesetz und andere Vorschriften mit Bezug auf die Ehe geschlechtsneutral gefasst.Government Offices (Weblinks). Zugleich wurde das Gesetz über die eingetragenen Lebenspartnerschaften aufgehoben.
Rechtliche Lage Strafrecht Seit 1944 sind homosexuelle Handlungen in Schweden straffrei.Lag om ändring i 18 och 25 kap. strafflagen (ausgefertigt am 14. April 1944, in Kraft getreten am 1. Juli 1944).
Zivilrecht, Ehe Nach verschiedenen Zwischenstufen (eingetragene Partnerschaft) ist die Ehe in Schweden seit 2009 für alle offen, unabhängig von der sexuellen Ausrichtung.Government Offices (Weblinks).
Seit dem 1. Februar 2003 haben queere Personen, die alleinstehend sind oder in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft oder Ehe leben, dieselben Adoptionsrechte wie verheiratete heterosexuelle Paare.
Öffentliches Recht, Antidiskriminierungsgesetzgebung Es besteht eine umfangreiche Antidiskriminierungsgesetzgebung die seit 1999 ständig erweitert und auch auf die schwedische Verfassung erstreckt wurde (siehe Abschnitt Geschichte).
Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern gab es in Schweden kein explizites Verbot für queere Personen, Wehrdienst zu leisten oder bei den Streitkräften zu arbeiten. Allerdings bestand bis 1976 eine militärmedizinische Empfehlung, Homosexuelle oder „Transsexuelle“ von der Wehrpflicht freizustellen. Die RFSL führte in der Sache einen Grundsatzprozess gegen die Wehrpflichtbehörde, was zu einer Änderung der Vorschrift führte. Es dauerte jedoch bis 1989, zehn Jahre nach der Aufhebung der Einstufung von Homosexualität als Krankheit, bis „Homosexualität“ aus den militärmedizinischen Diagnoselisten gestrichen wurde.Fia Sundevall1, Alma Persson: LGBT in the Military: Policy Development in Sweden 1944–2014. Linköping University Post Print, 2016. Seit Beginn der 2000er Jahre setzen sich die schwedischen Streitkräfte aktiv für die Verbesserung des Arbeitsumfelds queerer Personen ein.
Soziale Lage Allgemeingesellschaftlich Die Neuregelung 1944 beendete zwar die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Handlungen, verbesserte deren gesellschaftliche Akzeptanz jedoch kaum. Dieser gesellschaftliche Widerstand gegen queere Rechte und Selbstbestimmung zeigte sich – trotz relativ früher gesetzlicher Regelungen zugunsten dieser Gruppe – in zögerlicher Rücknahme diskriminierender Bestimmungen, etwa der Einstufung von Homosexualität als Krankheit, was erst 1979 widerrufen wurde. Transvestiten galten bis 2009 als geistig gestört und krank. Erst 2013 wurde die bis dahin verpflichtende Sterilisation bei Geschlechtswechsel abgeschafft.Government Offices (Weblinks).
Die insgesamt liberal erscheinende Gesamtsituation in Schweden scheint heute wieder bedroht. Auch in Schweden nehmen Anti-Gender-Kampagnen zuEva Karlberg, Elżbieta Korolczuk, Hansalbin Sältenberg: Insidious de-democratization: Conceptualizing anti-gender politics in Sweden. Journal of Gender Studies 34/1 (2025)., die Teil einer breiteren transnationalen Bewegung sind, die sich gegen Gleichstellung, die Rechte queerer Menschen, sowie feministische und queertheoretische Forschung wendet. Diese Kampagnen mobilisieren sich um den Kampfbegriff „Gender-Ideologie“, der abwertend verwendet wird, um Genderforschung und Menschenrechte queerer Personen und Frauen zu delegitimieren.Agnieszka Graff, Elżbieta Korolczuk: Anti-Gender Politics in the Populist Moment. Routledge, London 2021. ISBN 978-1-000-41334-2; Roman Kuhar, David Paternotte: Anti-Gender Campaigns in Europe: Mobilizing against Equality. Rowman & Littlefield, London 2017. ISBN 978-1-78660-001-1
Queere Selbsthilfe mini|Logo der RFSL mini|Logo der queeren Zeitschrift QX
RFSL (schwedisch: Riksförbundet för homosexuellas, bisexuellas och transpersoners rättigheter) ist der Schwedische Verband für die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen und Transpersonen und die größte und bedeutendste LGBT-Organisation in Schweden. Er wurde bereits 1950 gegründet.
QX ist die führende queere Zeitschrift in Schweden.Homepage von QX.
Religion und geschlechtliche Vielfalt Der lutherischen Schwedischen Kirche gehören 80 Prozent der Bevölkerung an. Sie war bis Ende 1999 Staatskirche. 2007 hat deren Ratsversammlung sich für die Öffnung der Ehe ausgesprochen, damals jedoch unter der Einschränkung, dass der Begriff „Ehe“ („Äktenskap“) ausschließlich der Verbindung zwischen Mann und Frau vorbehalten bleibt.
Am 22. Oktober 2009 stimmte die Schwedische Kirche mit großer Mehrheit dafür, die Eheschließung homosexueller Paare in der Kirche zuzulassen, einschließlich der Verwendung des Begriffs „Ehe“. Die neuen Regelungen traten am 1. November 2009 in Kraft. Damit ist jede Kirchgemeinde innerhalb der Schwedischen Kirche verpflichtet, Ehen zwischen zwei Personen unabhängig von deren Geschlecht zu schließen, sofern kein Ehehindernisgrund vorliegt. Diese Verpflichtung trifft ausschließlich die Kirchgemeinde, der Gewissensvorbehalt der Geistlichen wird gewahrt.Maria Ringborg: Kyrkomötet öppnade för enkönade äktenskap. In: Dagens Nyheter vom 22. Oktober 2009. Wenige Monate zuvor hatte der Reichstag die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt.
Transpersonen Seit 2013 wurde eine Geschlechtsänderung im Melderegister auch für Personen möglich, die nicht schwedischer Staatsbürger oder unverheiratet sind. Die Person muss jedoch im schwedischen Melderegister eingetragen sein. Weiter wurde die bis dahin verpflichtende Sterilisation bei Geschlechtswechsel abgeschafft. Urteile und Entscheidungen zur Änderung der Geschlechtsidentität anderer Staaten werden im Allgemeinen auch in Schweden anerkannt.Government Offices (Weblinks).
Literatur
Jens Rydström, Kati Mustola: Criminally Queer: Homosexuality and Criminal Law in Scandinavia 1842-1999. Aksant Academic Publishers, Amsterdam 2007, ISBN 978-90-5260-245-5. Jens Rydström: Odd Couples: A History of Gay Marriage in Scandinavia. Amsterdam University Press, Amsterdam 2011, ISBN 978-90-5260-381-0.
Weblinks
Government Offices of Sweden: Chronological overview of LGBT persons rights in Sweden.
Anmerkungen
Einzelnachweise
Homosexualitat In Schweden Homosexualitat In Schweden