miniatur|Protestplatte gegen die Abschaffung der Sendung und Entlassung eines Redakteurs (1981)
Radiothek (vollständiger Titel Fünf nach sieben – Radiothek) war eine musikjournalistische und politische Jugendsendung des Westdeutschen Rundfunks Köln, die ab dem 30. Dezember 1973 über das Hörfunkprogramm WDR 2 ausgestrahlt wurde. Es handelte sich um eine täglich zweistündige Wort-Musik-Sendung, die vor allem dank ihrer Musikstrecken zeitweise große Hörerreichweiten erzielte und unter jungen Hörern Kultstatus erreichte.
In ihren Wortbeiträgen griff die Radiothek häufig brisante Themen auf. Ihre sozialkritischen Akzente und der Umstand, dass sie ihre Themen aus Sicht der jugendlichen Zielgruppe betrachtete, stießen auf scharfe Kritik. Nach jahrelangem politischem Streit wurde die Sendereihe schließlich am 30. Dezember 1980 eingestellt.
Sendungstypus Die Radiothek gehörte zu den „Zielgruppensendungen für Jugendliche“, die in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren von allen ARD-Rundfunkanstalten in ihr Hörfunkprogramm aufgenommen wurden. Andere Beispiele waren der Pop-Shop des Südwestfunks, Point im Süddeutschen Rundfunk, der Zündfunk des Bayerischen Rundfunks und s-f-beat im Sender Freies Berlin. Mit diesen Sendungen nahmen die Programmmacher im Radio die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen in den Blick, die zuvor nur am Rande behandelt worden war. Jetzt wurde diese Altersgruppe erstmals täglich gezielt über mehrere Stunden hinweg und auf festen Sendeplätzen mit Programm versorgt.Vgl. Kuhlmann (s. Literatur), S. 1–4, 20–22. Im weitesten Sinne sind die Zielgruppensendungen für Jugendliche aus den 70er Jahren Vorläufer der 20 Jahre später eingerichteten Jugendwellen wie WDR 1Live oder SWR Dasding.
Vorgeschichte Ab dem 29. Februar 1968 hatte der WDR in dem gemeinsam mit dem NDR betriebenen 1. Hörfunkprogramm die monatliche Jugendsendung Panoptikum ausgestrahlt: eine 55-minütige, aufwendig produzierte Collage aus aktueller Popmusik, kurzen Informationsbeiträgen über Jugendthemen, politischer Satire und Gesellschaftskritik, die unter anderem von Rosemarie Pape, Hubert Maessen und Tom Schroeder moderiert wurde. Das Konzept hatten die Redakteurin Gretel Rieber und der Regisseur Joachim Sonderhoff entwickelt. Die basisdemokratisch arbeitende Redaktion wurde von der Chefin des WDR-Jugendfunks, Waltraud Schmitz-Bunse, geleitet.
In den frühen 70er Jahren wurde den Programmverantwortlichen klar, dass die jüngere Hörergruppe mit nur einer Spezialsendung im Monat unterversorgt war. Gleichzeitig verlor der WDR vor allem junge Hörer an das private Programm Radio Luxemburg, das sich auch an die Zuhörer in Westdeutschland richtete. Aber auch Sender wie Radio Nordsee International, BFBS u. a. die in Nord- und Westdeutschland gut empfangbar waren, zogen Zuhörer an sich. 1972 begannen die Planungen für eine sogenannte Jugendschiene, die täglich von 19.05 bis 21.00 Uhr im Programm stehen sollte.Zur Vorgeschichte der Radiothek: Kuhlmann (s. Literatur), S. 22–28.
Erscheinungsbild der Sendung Anders als die kleinteilige Collage Panoptikum war die Radiothek eine formal konventionelle Wort-Musik-Sendung. An den meisten Tagen lief das Wortprogramm etwa zwischen 19.35 und 20.15 Uhr; eine Ausnahme war der Mittwochabend, bei dem es auf die Zeit zwischen 20.30 und 21.00 Uhr gelegt wurde. Samstags wurde es in verkürzter Form nach 20.20 Uhr gesendet. Die übrige Sendezeit fiel dem Musikprogramm zu.
Die Präsentation des Programms oblag an der Mehrzahl der Sendetage jeweils zwei Moderatoren; einer übernahm die Musikmoderation, der andere präsentierte das Wortprogramm. Meist wurde das Wortprogramm durch einige Zwischenmusik unterbrochen; im Musikprogramm tauchten im Gegenzug häufig kurze Veranstaltungstipps auf, die der Wortmoderator durchgab.Zum Erscheinungsbild der Radiothek: Kuhlmann (s. Literatur), S. 41 f.
Musik in der Radiothek Das Musikprogramm der Radiothek wies an jedem Wochentag seinen besonderen stilistischen Schwerpunkt auf.Zu den Musik-Schwerpunkten der Radiothek: Kuhlmann (s. Literatur), S. 43–46. Dabei saß in der Regel an jedem Wochentag ein bestimmter Musikmoderator am Mikrofon, der auch für die Musikauswahl verantwortlich war:
Montags: Mainstream-Pop; moderiert meist von Ulf Posé Dienstags: Soul; moderiert meist von Dave Colman Mittwochs: Diskothek im WDR; Hitparade, moderiert von Mal Sondock Donnerstags: Progressive Rock und elektronische Musik; moderiert meist von Winfried Trenkler Freitags: Country, zeitweise auch Oldies; moderiert u. a. von Achim Graul, später von Roger Handt (Questionmark – ein Quiz für Popmusikkenner) Samstags: Schlagerrallye; moderiert meist von Wolfgang Neumann Sonntags: Open Box – ein Sendeplatz, der mit unterschiedlichen Formaten, Themen- und Musikakzenten gefüllt wurde.
Bekannt wurden Sendungen wie „Tucky“ Trenklers Special über die Canterbury-Szene mit Soft Machine, Caravan, Matching Mole und Hatfield and the North. Als musikalischer Vor- und Abspann der Radiothek dienten Ausschnitte aus einer Aufnahme des Orchesters Maynard Ferguson: Nice’n’juicy.Enthalten auf der LP M.F. Horn 3, Columbia KC 32403.
Diskothek im WDR und Schlagerrallye Diese Rubriken der Radiothek erzielten die größte Publikumsresonanz.Zu Diskothek im WDR und Schlagerrallye: Kuhlmann (s. Literatur), S. 46–50. Die bei den Hörern beliebteste Ausgabe war die Diskothek im WDR am Mittwochabend. Moderator Mal Sondock hatte das Konzept bereits in den 60er Jahren entwickelt. 1974 wurde es in die Radiothek integriert. Kern der Sendung war die wöchentliche Hitparade. Bei der Auswahl der Platten, die er vorstellte, orientierte sich Sondock am Prozedere britischer und US-amerikanischer Hitparaden:
Als alternatives Hitparadenangebot konzipierten die WDR-Musikredakteure 1973 die Schlagerrallye: eine Sendung, in der die Platzierungen nicht durch reine Verkaufserfolge bestimmt wurden, sondern nach einem festen Reglement. Aus den zehn platzierten Titeln der Vorwoche, den Platten auf den Plätzen 11–15, die nur angespielt wurden, sowie den acht Neuvorstellungen wählte der Hörerkreis der Schlagerrallye die zehn besten Platten für die nächste Woche aus.Zit. nach Kuhlmann (s. Literatur), S. 49.
Die Wortbeiträge der Radiothek Ähnlich wie die Musik erhielt auch das Wortprogramm jedes Wochentages einen thematischen Akzent.Vgl. Kuhlmann (s. Literatur), S. 40.
Montag: Politik Hier ging es z. B. um die Jugendverbände der politischen Parteien (Jungsozialisten, Jungdemokraten, Junge Union), um parteiunabhängige Jugendverbände, um die Folgen der Ost-West-Entspannung für Jugendliche, um das Welternährungsproblem, um zeitgeschichtliche Themen aus der Weimarer Republik und dem nationalsozialistischen Deutschland, aber auch um die Gründung der Partei Die Grünen.
Dienstag: Arbeitswelt Hier wurden z. B. Interessengegensätze zwischen jungen Arbeitnehmern oder Auszubildenden und ihren Chefs behandelt, die Aktivitäten der Gewerkschaften und ihrer Jugendvertreter in den Betrieben, die Wahl von Betriebsräten und Vertrauensleuten, aber auch aktuelle spektakuläre Arbeitskämpfe und nicht zuletzt die immer weiter um sich greifende Jugendarbeitslosigkeit.
Mittwoch: Privates Hierunter fielen u. a. Sendungen zu den Themen Sexualität, Verhältnis Jugendlicher zu ihren Eltern, Partnerschaftsprobleme. Es ging auch um die Schwierigkeiten Behinderter in der Gesellschaft, die Benachteiligung von Einwanderern und die Probleme von vielerlei Randgruppen. Diese halbstündigen Wortbeiträge liefen ab 20.30 Uhr im Anschluss an die Diskothek im WDR und waren überwiegend vorproduzierte Reportagen oder Radio-Features.
Donnerstag: Kultur im weitesten Sinne Hier ging es z. B. um alternative Kulturprojekte, freie Theater- oder Videogruppen, linke Kleinverlage, aber auch um den aufkeimenden Rechtsextremismus und um Initiativen für selbstverwaltete Jugendzentren. Mitunter wurden auch gesellschaftliche Phänomene wie die Rockerszene oder die Kultur der Punks behandelt.
Freitag: Bildungsthemen Der Platz für Themen wie Leistungsdruck in der Schule, Pro und contra Gesamtschule und Kooperative Schule, Probleme von Junglehrern und Referendaren. Außerdem z. B. Probleme von Studenten an der Massenuniversität, Missstände bei Universitäts-Abschlussprüfungen. Ferner gab es Tipps für die Wahl eines passenden Ausbildungsberufes und Berichte über alternative Kindergarten- und Kinderbetreuungsprojekte wie die Kinderladen-Bewegung etc.
Samstags tauchten im Kontext der Schlagerrallye meist nur kurze vorproduzierte Wortbeiträge auf. So gab es die aufwendig produzierte zwölfteilige Hörbild-Serie Geschichte der Comics, die später preisgekrönt wurde, und eine ähnliche Reihe Science Fiction. Darüber hinaus wurden z. B. Rätsel zu zeitgeschichtlichen Themen eingestreut, die von den Hörern am Telefon gelöst werden konnten.
Sonntags wurde das Wortprogramm nicht nach einheitlichem Muster gestaltet. In den späten 70er Jahren standen hier Sonderformen wie die Anrufsendung Radiothek am Draht oder die monatliche Radiothek unterwegs.
Sendewochen Unabhängig von täglichen Themenakzenten brachte die Radiothek ab Mai 1975 in unregelmäßiger Folge thematische Schwerpunkte in sogenannten Sendewochen.Vgl. Kuhlmann (s. Literatur), S. 56 f. Dabei wurde ein Thema bis zu sieben Tage lang aus unterschiedlicher Perspektive behandelt. In dieser Form ging es unter anderem um Umweltschutz und Energiesparen, um den sogenannten Radikalenerlass, um den Terrorismus der RAF, um die Gefahren von Alkohol- und Drogenkonsum, um die Probleme ungelernter junger Arbeiter oder auch um die politische Dimension der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 im von einer Militärjunta regierten Argentinien.
Sonderformate: Radiothek am Draht und Radiothek unterwegs Beide Formate wurden 1979 eingerichtet: für den sonntäglichen Open-Box-Sendeplatz, auf dem sie in der Regel jeweils einmal pro Monat auftauchten.Vgl. Kuhlmann (s. Literatur), S. 60–64.
Radiothek am Draht war eine Sendung mit Hörerbeteiligung per Telefon; auf die Fragen und Meinungen der Hörer antwortete eine Gesprächsrunde aus Moderatoren und Gästen im Studio. Die erste Sendung dieser Art behandelte im April 1979 das Thema Das erste Mal – Fragen über Ängste, Unsicherheiten, Verhütung. In weiteren Sendungen ging es u. a. um Liebeskummer (Mai 1979), Taschengeld (August 1979) oder auch Fragen stellen und was ändern wollen bringt nur Ärger (Oktober 1979).
Radiothek unterwegs war eine öffentliche Veranstaltung, deren Kern eine Podiumsdiskussion bildete. Abgehalten wurde die Veranstaltung in verschiedenen nordrhein-westfälischen Städten, bevorzugt solchen, die abseits der kulturellen oder politischen Zentren lagen. So kam die Auftaktsendung am 11. Februar 1979 aus Lügde; sie behandelte das Thema Freizeitprobleme für Jugendliche im ländlichen Raum. Spätere Sendungen erschienen unter Titeln wie Jugendliche diskutieren mit jungen Soldaten (aus Rheine, April 1979), Hausfrau und Mutter (aus Soest, Mai 1979), Jugend im Europa der Regionen (aus Vlotho, Juni 1979), Umwelt (von der Bundesgartenschau in Bonn, Juli 1979) oder Integration jugendlicher Ausländer (August 1979). Für den rock-pop-musikalischen Rahmen sorgten in der Regel professionelle und Amateurbands. Die Radiothek unterwegs wurde jeweils vor Ort aufgezeichnet und dann vom Band gesendet.
Die Redakteure und Moderatoren der Wortbeiträge Verantwortet wurden die Beiträge von einer eigens eingerichteten Wortredaktion – die der Hörfunkdirektion bis in den Winter 1978/79 direkt unterstellt war. Als „integrierte Redaktion“ vereinte sie Redakteure aus den Bereichen Aktuelle Politik, Jugendfunk und Kultur. Festangestellte Wortredakteure waren u. a. Helga Kirchner, Dietrich Backmann und Joachim Ulrich Lux, außerdem Nora Schattauer, Lothar Fend und Jürgen Keimer, zu Beginn auch Gretel Rieber. Leiter der Wortredaktion war ab dem Frühjahr 1974 Ulrich Teiner. Ab 1978/79 wurde die Redaktion dem Hörfunk-Programmbereich Kultur eingegliedert.