miniatur|Carl Hau Carl Hau (ursprünglich Karl Hau, * 3. Februar 1881 in Großlittgen bei Wittlich; † 5. Februar 1926 in Tivoli) war ein deutscher Jurist, der im Juli 1907 in Karlsruhe wegen Mordes an seiner Schwiegermutter Josefine Molitor zum Tode verurteilt wurde. Der Indizienprozess erregte große öffentliche Aufmerksamkeit (Hau-Krawall). Hau wurde zu lebenslanger Zuchthausstrafe begnadigt und nach 17 Jahren Haft auf Bewährung freigelassen. Er verfasste danach zwei Bücher, in denen er den Prozess und die Haftzeit aus seiner Sicht schilderte, was den Auflagen zur Haftentlassung widersprach. Die im Ullstein Verlag erschienenen Berichte wurden zu Bestsellern. Das badische Justizministerium widerrief 1925 unter anderem wegen dieser Veröffentlichungen die Aussetzung der Strafe. Es kam zu neuen Debatten in der Presse über den Fall und über die Meinungsfreiheit ehemaliger Häftlinge. Carl Hau beging auf der Flucht in Italien am 5. Februar 1926 Suizid.

Jugend und Ausbildung Carl Hau war der Sohn des Bankdirektors Johan Baptist Hau. Seine Mutter verstarb, als er drei Jahre alt war. Nach dem Abitur am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier studierte er Rechtswissenschaft in Freiburg im Breisgau und Berlin. 1901 erkrankte er an Lungentuberkulose, so dass er an verschiedenen Orten Erholung suchte, zuletzt in Ajaccio auf Korsika. Dort lernte er Josefine Molitor mit ihren Töchtern Lina und Olga kennen.

Vorgeschichte der Tat Die Familie des Medizinalrates Franz Molitor lebte seit 1897 in einer noch heute existierenden Parkvilla in der Stadelhoferstraße 11 in Baden-Baden. Aus der Ehe waren sechs Töchter und ein Sohn hervorgegangen. Nach dem Tod des Medizinalrates im Februar 1901 lebte seine Witwe, Josefine Molitor, mit ihren Töchtern Lina und Olga allein in der Villa. Die vier weiteren Töchter und der Sohn hatten Baden-Baden schon vor dem Tod des Vaters verlassen.

Karl Hau lernte Josefine Molitor und ihre Töchter Lina und Olga im Frühjahr 1901 bei einem Urlaubsaufenthalt in Ajaccio auf Korsika kennen. Es folgte ein weiteres Treffen auf der Weiterreise in Montreux. Es gelang Hau, die drei Damen durch sein verbindliches und gebildetes Auftreten für sich einzunehmen, beide Töchter fühlten sich zu ihm hingezogen. Im Mai 1901 besuchte Hau, der in Freiburg im Breisgau Jura studierte, die Familie in Baden-Baden.

Danach hielt er weiter Briefkontakt mit Lina Molitor, die sich heimlich mit ihm in Luzern und Freiburg traf. Im Juni 1901 floh das Paar in die Schweiz. Nachdem die von Linas Konto abgehobenen 2.000 Mark ausgegeben waren, kam es in Realp am St. Gotthard zu einem Schusswechsel zwischen den beiden, bei dem Lina Molitor von einer aus der Nähe abgefeuerten Pistolenkugel an der Brust getroffen, jedoch nur leicht verletzt wurde. Wer geschossen hatte, wurde nie geklärt. Es ist unklar, ob Lina Molitor und Karl Hau geplant hatten, gemeinsam Suizid zu begehen, und wenn ja, aus welchen Motiven. Reiner Haehling von Lanzenauer sieht den für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Altersunterschied, Lina war fünf Jahre älter, als möglichen Grund an.Reiner Haehling von Lanzenauer, S. 546 f.

Linas Mutter und Haus Vater trafen, von Hau alarmiert, kurz darauf in Realp ein. Der Vater bezahlte die offenen Rechnungen, und man drängte das Paar zur Heirat, um einen Skandal zu vermeiden. Die Hochzeit fand am 18. August 1901 in Mannheim statt.

Einen Monat nach der Heirat ließ sich das Paar in Washington, D.C. nieder, wo Hau – nun unter dem Vornamen Carl – sein Jurastudium fortsetzte. 1903 wurde die Tochter Olga geboren. 1904 erlangte Hau den Bachelor of Law und hielt Kurse für Römisches Recht. 1906 wurde er für den District of Columbia als Rechtsanwalt zugelassen. Neben seiner anwaltlichen Tätigkeit wurde er vom türkischen Gesandten in Vertragsangelegenheiten beauftragt, was zu einer Anstellung als Sekretär des türkischen Generalkonsuls in Washington, Hermann Schoenfeld, führte. In dieser Eigenschaft unternahm Hau mehrere Geschäftsreisen in die Türkei, unter anderem, um für die Louisiana Purchase Exposition, die Weltausstellung 1904 in St. Louis, zu werben.

Die Tat Carl Hau begab sich am 25. Oktober 1906 zusammen mit seiner Frau Lina, der gemeinsamen Tochter und seiner Schwägerin Olga Molitor nach Paris. Dort wohnten sie im Hotel Regina. Am 29. Oktober erhielt Josefine Molitor ein Telegramm mit dem Inhalt: „Erwarte Dich mit dem nächsten Zug. Olga krank. Komme sofort, Lina.“ Frau Molitor reiste daraufhin nach Paris, traf dort aber ihre Töchter wohlbehalten an. Lina wusste nichts von einem Telegramm. Josefine Molitor vermutete, dass das Telegramm dazu dienen sollte, sie aus ihrem Haus zu locken, und kehrte am 31. Oktober mit ihren Töchtern Olga und Fanny nach Baden-Baden zurück. Ihre Villa fand sie unversehrt vor. Wegen des Telegramms erstattete sie Strafanzeige. Carl Hau reiste gleichzeitig mit Lina und der gemeinsamen Tochter nach London weiter. In London erhielt die Familie ein Telegramm der Standard Oil Company, eines Mandanten von Carl Hau, mit der Aufforderung, sich unverzüglich nach Berlin zu begeben. Noch in London ließ er sich eine Perücke und einen falschen Bart anfertigen und erwarb einen langen schwarzen Mantel. Anschließend reiste er nach Deutschland, allerdings nicht nach Berlin, sondern nach Frankfurt am Main, wo er am 3. November eintraf. Den Bart hatte er während der Reise weggeworfen. Aus Frankfurt telegrafierte er seiner Frau, dass das Treffen nach Frankfurt verlegt worden sei. Er ließ sich erneut einen falschen Bart anfertigen und die in London erworbene Perücke farblich an den Bart anpassen. Am Dienstag, dem 6. November 1906, fuhr er um 10:30 Uhr mit dem D-Zug nach Baden-Baden. Dort fiel er wegen des falschen Bartes verschiedenen Personen auf. Er konnte in Baden-Baden bis kurz vor der Tat beobachtet werden.

Am 6. November erhielt Josefine Molitor um 17:20 Uhr einen Anruf. Das Dienstmädchen, das den Anruf annahm, meinte, die Stimme Carl Haus erkannt zu haben. Sie teilte dies Frau Molitor mit, die es aber nicht weiter beachtete. Der Anrufer gab sich als Vorsteher des Hauptpostamtes in Baden-Baden aus und erklärte, dass Frau Molitor umgehend zum Postamt kommen müsse, da ein von ihr reklamiertes Aufgabeexemplar eines Telegramms aufgefunden worden sei. Ihre Einwände, sie wolle sich wegen des schlechten Wetters nicht zum Postamt begeben, wurden zurückgewiesen. Josefine Molitor ging daraufhin mit ihrer Tochter Olga über die Kaiser-Wilhelm-Straße zum Hauptpostamt. In Höhe Lindenstaffeln wurde von hinten aus etwa zehn Meter Entfernung ein Schuss auf sie abgegeben. Die Kugel kam aus einem Revolver mit einem Kaliber von etwa 6 mm. Sie verletzte Josefine Molitor am linken Lungenflügel und durchschlug beide Herzkammern. Olga Molitor konnte nur noch eine schlanke Gestalt in langem, dunklem Mantel mit großem Hut wahrnehmen, die sich aus einer Nische löste und rasch entfernte. Andere Augenzeugen der Tat gab es nicht.

Der Prozess Vorverfahren Aufgrund von Zeugenaussagen, wonach Hau in Baden-Baden gesehen worden war, und der Aussage des Dienstmädchens, dass sie Carl Hau eindeutig am Telefon erkannt habe, erging rasch ein Haftbefehl, der bereits am Abend des 7. November von der britischen Polizei in London vollstreckt wurde. Anfang des Jahres 1907 wurde Hau nach Baden ausgeliefert. Noch während der Untersuchungshaft in Karlsruhe teilte ihm seine Frau mit, dass sie glaube, er sei der Täter gewesen. Sie ertränkte sich kurz darauf nahe Zürich im Pfäffikersee. Vorher hatte sie verfügt, dass das gemeinsame Kind einen neuen Namen erhalten und bei einer anderen Familie aufwachsen sollte.

Hauptverhandlung miniatur|Das Gebäude des Landgerichtes Karlsruhe (Schwurgerichtstrakt), in dem der Prozess stattfand Die Hauptstadt des Großherzogtums Baden, Karlsruhe, war dem Ansturm auf den Mordprozess kaum gewachsen. Vor dem Gebäude des Landgerichts Karlsruhe bildeten sich lange Schlangen von Bürgern, die die Verhandlung verfolgen wollten. Die gesamten regulären Polizeikräfte der Stadt und des Kreises Karlsruhe (70 Beamte) wurden aufgeboten, um des Andrangs Herr zu werden. Bald zeigte sich jedoch, dass dies nicht ausreichte; es wurde zunächst auf die berittene Gendarmerie und schließlich auf das in der Nähe stationierte Militär zurückgegriffen.Zum Einsatz kamen zwei Kompanien des 1. Badischen Leib-Grenadier-Regiments Nr. 109 unter dem Kommando des Hauptmanns Ferdinand von Notz, der darüber 19 Jahre später einen Bericht verfasste. Am Tage der Urteilsverkündung belagerten etwa 20.000 Schaulustige das Gerichtsgebäude; mehrfach wurde versucht, die Postenketten zu durchbrechen (Hau-Krawall). Einen derartigen Auflauf von Neugierigen hatte es noch bei keinem Prozess im Deutschen Reich gegeben.

Als Verteidiger hatte der Vater des Angeklagten den Rechtsanwalt Eduard Dietz, Landgerichtsrat a. D., beauftragt, dem Hau aber nicht vertraute. In seinem Buch Das Todesurteil schreibt er:

Die Verhandlung wurde vom Vorsitzenden Richter Dr. Eller geleitet. Die Anklage vertrat Staatsanwalt Bleicher. Hauptzeugin war Olga Molitor.

Die Hauptverhandlung begann am 17. Juli 1907 vor dem Schwurgericht des Landgerichtes Karlsruhe. Sie sollte fünf Tage dauern. Im Laufe der Verhandlung wurden insgesamt 72 Zeugen und neun Sachverständige vernommen. Die internationale Presse – etwa die New York TimesNew York Times, 9. November 1906 (PDF; 45 kB)New York Times, 17. Juli 1907New York Times, 7. Februar 1909 (PDF) – berichtete über den Kriminalfall.

Verhalten des Angeklagten Zu Beginn der Verhandlung verneinte der Angeklagte die Frage nach seiner Schuld, verweigerte auf weitere Fragen aber die Aussage. Er räumte im Laufe der Verhandlungen allerdings ein, dass er das Pariser Telegramm verfasst und sich am Tag der Tat in Baden-Baden aufgehalten habe. Das Telegramm habe er verfasst, weil seine Ehefrau eifersüchtig auf ihre Schwester Olga gewesen sei. Die Depesche erschien ihm als der sicherste Weg, das Zusammensein mit beiden Schwestern zu beenden, indem Josefine Molitor Olga mit sich nehme. Auf Nachfragen, ob Grund zur Eifersucht bestanden habe, verweigerte Hau zunächst die Aussage. Später räumte er ein, sich stärker zu Olga hingezogen gefühlt zu haben. Deshalb habe er auch das angebliche Telegramm der Standard Oil Company verfasst und sich nach Baden-Baden begeben, da er Olga Molitor noch einmal habe sehen wollen. Er bestritt aber weiterhin, den Schuss abgegeben zu haben.

Zeugenaussagen Olga Molitor wurde im Laufe des Prozesses mehrfach vernommen. Sie schilderte in der ersten Vernehmung, wie sie mit ihrer Mutter das Haus verließ, die Kaiser-Wilhelm-Straße entlang ging und Schritte von jemandem hörte, der ihnen folgte. Dann beschrieb sie die Situation während der Tat. Fragen, ob sie ihrer Schwester Grund zur Eifersucht gegeben habe, verneinte sie. Sie hätte entsprechende Avancen Haus auch zurückgewiesen, falls er sich offenbart hätte. In späteren Vernehmungen räumte sie dann ein, dass ihre Schwester eifersüchtig gewesen sei. Lina habe sie etwa gebeten, nicht zu kostbare Kleidung zu tragen. Es sei auch zu Auseinandersetzungen zwischen ihr und ihrer Schwester gekommen.

Infolge des Aussageverhaltens von ihr und Hau neigte sich die öffentliche Meinung mehr und mehr zugunsten Haus. Schließlich wurde Olga Molitor angepöbelt, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigte. Nach ihrer letzten Vernehmung musste die Polizei eingreifen, damit sie und ihre Angehörigen sich in einer Droschke zurück ins Hotel begeben konnten. Eine Menschenmenge von mehreren hundert Personen folgte unter Pfiffen der Droschke.