Michael Kitzelmann (* 29. Januar 1916 in Horben, heute Ortsteil von Gestratz; † 11. Juni 1942 in Orel) wurde im Zweiten Weltkrieg als Offizier der Wehrmacht wegen „Wehrkraftzersetzung“ hingerichtet.
Leben Als angehender Theologe Der aus einer streng katholischen Bauernfamilie stammende Michael Kitzelmann kam mit Unterstützung seines Lehrers und seines Pfarrers 1928 auf das humanistische Gymnasium in Dillingen an der Donau, wohnte dort im katholischen Knabenseminar und schloss 1936 mit dem Abitur ab. Im selben Jahr absolvierte er den Reichsarbeitsdienst bei Pfronten-Ried und begann im September 1936 mit dem dreisemestrigen Studium an der Theologischen St. Stephan Akademie in Augsburg mit dem Ziel, Priester zu werden.siehe englische Onlinefassung bei Literatur Annelore Leber.
1937 bewarb er sich zusätzlich an der Lehrerbildungsanstalt Pasing. Man lehnte seinen Antrag ab, weil er nicht bereit war, in eine der obligatorischen NS-Organisationen einzutreten.siehe Weblink „Karl Schweizer“.
Als Offizier Zur Ableistung seines Wehrdienstes rückte Kitzelmann 1937 in die Luitpoldkaserne (Lindau am Bodensee) ein. Er kam dann als Reserveoffizieranwärter zum Infanterie-Regiment 91.
Er schrieb vom 9. Januar 1938 einem Freund:
Im März 1938 war Kitzelmann am Einmarsch in Österreich anlässlich des sogenannten Anschlusses beteiligt.
Kurz bevor seine zwei Jahre Dienstzeit vorbei waren, begann der Krieg. 1939 nahm Kitzelmann am Überfall auf Polen teil. Aus Osieck an der Weichsel berichtete der inzwischen zum Unteroffizier beförderte Kitzelmann seinen Eltern:
Nach dem Sieg über Frankreich 1940 äußerte er sich in einem Brief an den Vater bei seiner Beförderung zum Leutnant begeistert:
Im Juni 1941 begann der Krieg gegen die Sowjetunion. Kitzelmann geriet in die gnadenlosen Kampfhandlungen an der Ostfront. Er nahm im Juli 1941 an der Kesselschlacht bei Smolensk und den frühen Phasen der Schlacht von Leningrad teil. Er erhielt das Eiserne Kreuz zweiter Klasse für Tapferkeit als Kompaniechef.Michael Kitzelmann in der italienischsprachigen Wikipedia. In Briefen an die Eltern und in Gesprächen mit Kameraden äußerte er aus seiner christlichen Grundhaltung heraus Kritik am Vernichtungskrieg und den dafür Verantwortlichen:
Im Winter 1941 war er im Kampf gegen Partisanen eingesetzt. In der Zeit von Januar bis Mai 1942 wurde Kitzelmann Zeuge von Gräueltaten, die Einsatzgruppen an Russen und Juden verübten. Traumatisiert und schockiert durch diese Erlebnisse begann Kitzelmann nach einer Gewissensprüfung, die Nazis zu hassen und Befehle offen zu kritisieren. Seine aus christlicher Grundhaltung entstehende Ablehnung des Krieges und der dafür verantwortlichen NS-Führung zeigte er nun in Briefen nach Hause und Gesprächen mit Kameraden immer klarer:
Hinrichtung Seine Äußerungen wurden ihm zum Verhängnis. Ein Kamerad denunzierte ihn bei einem Lazarettaufenthalt in Orel im März 1942. Kitzelmann kehrte zu seiner Division zurück und wurde Anfang April festgenommen. Am Karfreitag 1942 verurteilte ihn das Feldkriegsgericht der 262. Infanterie-Division wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode.
Michael Kitzelmann war vom bevorstehenden tragischen Ende seines Lebens erschüttert, aber laut seinen erhaltenen Tagebuchaufzeichnungen nicht sonderlich überrascht. Er war mit vierundzwanzig Jahren Kompaniechef,nach amerikanischen Quellen „army captain“ = Hauptmann. trug als Auszeichnung das Eiserne Kreuz II. Klasse wegen Tapferkeit im Kampf sowie das Verwundetenabzeichen in Gold für mehrere Verwundungen.
Seine Gedanken und seine Verzweiflung während seiner zweimonatigen Haft in der Todeszelle schilderte er so:
Seine Mutter, eine Allgäuer Bäuerin, versuchte ihn noch zu retten, fuhr eiligst nach Berlin und bemühte sich, ein Gnadengesuch einzureichen, wurde aber mit den Worten abgewiesen:
Michael Kitzelmann wurde am 11. Juni 1942 im Wehrmachtsgefängnis Orel unter Verlust der „Wehrwürdigkeit“ durch Erschießen hingerichtet. Vor der Exekution vergab er noch dem Feldwebel, der ihn denunziert hatte. calvin.edu
Nachgang Der Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages verabschiedete am 26. August 2009 einstimmig eine Beschlussempfehlung an den Bundestag, die wegen Kriegsverrats Verurteilten zu rehabilitieren. Dies tat der Bundestag (in seiner letzten Sitzung der Wahlperiode) am 8. September 2009, gut 64 Jahre nach Kriegsende (siehe Aufhebung von NS-Unrechtsurteilen). Historikern zufolge waren damals willkürlich Todesstrafen verhängt worden.siehe Meldung. Beck-aktuell (Ende August 2009), rsw.beck.de
Würdigung Im Mai 1986 wurde am Johann-Michael-Sailer-Gymnasium in Dillingen an der Donau diese Gedenktafel eingeweiht:
Die katholische Kirche hat Michael Kitzelmann als Glaubenszeugen in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen.
Literatur (in der Reihenfolge des Erscheinens) Annedore Leber (Hrsg.): Das Gewissen steht auf. 64 Lebensbilder aus dem deutschen Widerstand 1933–1945. Herausgegeben in Zusammenarbeit mit Willy Brandt und Karl Dietrich Bracher. Mosaik Verlag, Berlin u. a. 1954, englische Übersetzung unter dem Titel Conscience in Revolt insbesondere der Tagebuchaufzeichnungen Kitzelmanns. Kitzelmann, Michael. In: Wilhelm Kosch: Biographisches Staatshandbuch. Lexikon der Politik, Presse und Publizistik. Fortgeführt von Eugen Kuri. Zweiter Band. A. Francke Verlag, Bern und München 1963, S. 662. Friedemann Bedürftig (Hrsg.): Das große Lexikon des Dritten Reiches. Südwest-Verlag, München 1985, ISBN 3-517-00834-6. Karl Schweizer: Der Nationalsozialismus in Stadt und Landkreis Lindau. In: Werner Dobras, Andreas Kurz (Hrsg.): Daheim im Landkreis Lindau. Stadler Verlagsgesellschaft, Konstanz 1994, ISBN 3-7977-0281-7, S. 113–135. Francis L. Carsten: The German Resistance to Hitler. Resistance thinking on foreign Policy. Batsford, London 1970 (In deutscher Sprache: Widerstand gegen Hitler. Die deutschen Arbeiter und die Nazis. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-458-16806-0). Helmut Witetschek, Art.: Michael Kitzelmann, in: Helmut Moll (Hrsg. im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz), Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, Paderborn u. a. 1999. 8. erweiterte und aktualisierte Auflage: 2024, Band I, S. 75–79. Hans Hümmeler: Michael Kitzelmann. Mensch – Soldat – Christ. 1. Auflage, unveränderter Nachdruck. Eos-Verlag, St. Ottilien 2000, ISBN 3-8306-7020-6 (Briefe und Tagebucheinträge aus der Todeszelle). Alexander Dallin: German Rule in Russia, 1941–1945. A Study of Occupation Policies. 2nd edition. Palgrave, Basingstoke 2001, ISBN 0-333-21695-4. Jakob Knab: Empörung über den weltanschaulichen Vernichtungskrieg im Osten. Der katholische Leutnant Michael Kitzelmann. In: Wolfram Wette (Hrsg.): Zivilcourage. Empörte, Helfer und Retter aus Wehrmacht, Polizei und SS. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-596-15852-4, S. 35–49 (Fischer-Taschenbücher, 15852). In unserem Jahrhundert sind die Märtyrer zurückgekommen. In: Die Welt, 11. October 1999; welt.de
Weblinks
Karl Schweizer: NS-Regime erschoss Michael Kitzelmann. In: SZON Süddeutsche Zeitung Online, 25. August 2009, mit Porträt.
Einzelnachweise
Kategorie:Leutnant (Heer der Wehrmacht) Kategorie:Infanterist (Deutsches Reich) Kategorie:Römisch-katholische Kirche im Deutschen Reich 1933–1945 Kategorie:Person (Widerstand gegen den Nationalsozialismus) Kategorie:Hingerichtete Person (NS-Opfer) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1916 Kategorie:Gestorben 1942 Kategorie:Mann