mini mini|Dawkins 2008 bei einer Signierstunde für The God Delusion in der Barnes-&-Noble-Filiale in Lower Manhattan
Der Gotteswahn () ist der Titel einer 2006 erstmals bei Houghton Mifflin im englischen Original erschienenen Monografie Richard Dawkins’, in der er sich gegen theistische Religionen und insbesondere gegen die drei abrahamitischen Weltreligionen wendet. Dawkins’ zentrale Thesen sind, dass jeder Glaube an Gott in all seinen Formen irrational sei und dass Religion in der Regel schwerwiegende negative Auswirkungen auf die Gesellschaft habe.Edward Croft Dutton (2007) “Richard Dawkins: The God Delusion”. Journal of Social, Political & Economic Studies 32 (3): S. 385–388, S. 385 f.
Das Buch war weltweit ein großer Verkaufserfolg und gilt seither als einer der Haupttexte des „Neuen Atheismus“.
__TOC__ Gliederung des Buches Kap. 1: Ein tief religiöser Ungläubiger In diesem Kapitel differenziert Dawkins die Aussagen verschiedener Naturwissenschaftler, z. B. Sagan, Weinberg und Hawking, zu ihrer persönlichen Einstellung zur Religion und unterstreicht dies mit entsprechenden Zitaten. Er legt dar, dass etwa Albert Einstein nicht an einen (persönlichen) Gott geglaubt habe, wie oft unterstellt wurde, sondern den Begriff metaphorisch für das von ihm bewunderte Universum gebraucht habe.
Hier differenziert und erläutert Dawkins auch die Begriffe Theismus, Deismus und Pantheismus. Im Weiteren spricht er den seines Erachtens unverdienten Respekt an, den Religionen in vielen Gesellschaften genießen oder beanspruchen. Dabei zitiert er Henry L. Mencken:
„Wir müssen die Religion des Anderen respektieren, aber nur in dem Sinne und dem Maße, wie wir seine Theorie respektieren müssen, dass seine Frau schön ist und seine Kinder klug.“
Kap. 2: Die Gotteshypothese Hier gibt Dawkins eine kurzgefasste Übersicht über Polytheismus, Monotheismus und Agnostizismus und erstellt eine Skala mit sieben graduellen Überzeugungen, die vom (1) überzeugten Theisten, der „nicht [glaubt], sondern weiß, dass es einen Gott gibt“, bis zum (7) überzeugten Atheisten reicht, der „weiß, dass es keinen Gott gibt.“ In der Mitte liegt (4) der reine Agnostiker, der „weiß, dass [er] nicht wissen kann, ob es einen Gott gibt oder nicht.“ Dawkins schätzt sich selbst als (6) De-facto-Atheisten ein: „Ich schätze die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes als sehr gering ein und lebe mein Leben entsprechend.“
Anschließend schreibt er, dass die USA ursprünglich als säkularer Staat gegründet worden seien, heute aber als der am stärksten religiös geprägte Staat der westlichen Welt anzusehen seien. Dies zeige sich z. B. in der Intoleranz gegenüber Atheisten bei großer Toleranz gegenüber beliebigen religiösen Bekenntnissen und Sekten. Der ebenfalls damit verbundenen Ablehnung der Evolutionstheorie Darwins durch christliche Kreationisten werde von Wissenschaftlern zum Teil mit der NOMA-Theorie Stephen Jay Goulds begegnet, nach der Wissenschaft und Religion zwei voneinander getrennte Bereiche seien. So wie Wissenschaft keine Aussagen über Gott machen könne, solle die Religion die Fakten den Wissenschaftlern überlassen.
Dawkins grenzt sich als Positivist jedoch deutlich von NOMA ab. Dabei argumentiert er, eine Welt mit einem Gott unterscheide sich grundlegend von einer Welt ohne Gott. Die Frage nach der Existenz von Göttern sei daher grundsätzlich eine Fragestellung, die mit Methoden der Naturwissenschaft bearbeitet werden könne. Einen Agnostizismus, der die Gottesfrage einer wissenschaftlichen Klärung für prinzipiell unzugänglich erklärt und es sogar ablehnt, die Gotteshypothese einer Wahrscheinlichkeitsbewertung zu unterziehen, kritisiert Dawkins scharf. Er spricht in diesem Zusammenhang von der Armut des Agnostizismus.
Kap. 3: Argumente für die Existenz Gottes Dawkins fährt fort, indem er die Argumente, die aus seiner Sicht am häufigsten für die Existenz Gottes vorgebracht wurden, aufzählt und kritisiert: die Fünf Wege des Thomas von Aquin mit genereller Ausweitung auf ontologische ‚A-priori‘- oder ‚A-posteriori‘-Argumentationsketten; die Schönheit („Woher kommt die Schönheit in den Werken der Künstler?“); die persönliche Gotteserfahrung („Ich habe Gott erfahren“); die Existenz „Heiliger Schriften“; die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Glauben („Es gibt doch gläubige Naturwissenschaftler“); die Pascalsche Wette „Nicht an Gott zu glauben könnte verheerend sein“; die Berechnung der Wahrscheinlichkeit, dass Gott existiert von Stephen D. Unwin.
Kap. 4: Warum es mit ziemlicher Sicherheit keinen Gott gibt Dawkins präsentiert Argumente, die eine Existenz Gottes unwahrscheinlich oder unnötig erscheinen lassen. Dawkins identifiziert das Hauptproblem der Vorstellung eines Schöpfers und allmächtigen Herrschers unserer Welt darin, dass solch eine Vorstellung nichts tatsächlich erkläre, sondern im Gegenteil lediglich einen unendlichen Rückgriff darstelle, indem sie etwas sehr Komplexes (unsere Welt und das Leben auf ihr) mit etwas noch Komplexerem (Gott) erklärt, dessen Ursprung wiederum unklar bleibt. Er erläutert dies mit den Argumenten des Verständnisses der natürlichen Auslese (Evolutionstheorie); gegen das Konzept der nichtreduzierbaren Komplexität des Biochemikers Michael J. Behe; der Verehrung von (Verständnis-)Lücken (d. h. Alles, was wir nicht verstehen, wird Gott zugeschrieben); des Anthropischen Prinzips (d. h. Wir leben auf unserer Erde, weil sie für uns gemacht ist [Mensch ⇒ Erde] gegenübergestellt mit Nur auf einer solchen Erde haben wir uns überhaupt entwickeln können [Erde ⇒ Mensch]).
Dawkins kommt zum Schluss, dass es unmöglich sei, die behauptete Existenz eines „Höheren Wesens“ zu beweisen oder zu widerlegen, da Nichtexistenz nicht bewiesen werden könne. Hier führt er das Gedankenexperiment von Bertrand Russell an, eine Teekanne, die möglicherweise im All kreise, aber prinzipiell auch mit den besten Teleskopen nicht zu entdecken sei. Mit Gott sei es wie mit ihr: zwar vorstellbar, aber weder nachweis- noch widerlegbar. In einem solchen Fall läge die Beweislast aber bei denen, die die Existenz der Teekanne – oder die eines Gottes – behaupten würden.
Mit Rücksicht auf die logische Schwierigkeit eines prinzipiellen Beweises der Nicht-Existenz irgendeines Wesens vertritt Dawkins daher die vorsichtige These, dass Gott mit ziemlicher Sicherheit nicht existiert. Dawkins attackiert dabei die Gotteshypothese mit genau jenem Typ von Argument, das von theologischer Seite lange Zeit gegen die Vorstellung unerschaffener Lebensformen ins Feld geführt wurde: Die Existenz solcher Lebensformen müsse erklärt werden, ihre bloß zufällige Existenz sei unplausibel. Für den Bereich der Biologie wurde das Argument entkräftet und die Entstehung von Lebewesen mit komplexen, hochfunktionellen Strukturen als natürliches Phänomen im Rahmen der Evolutionstheorie verstanden. Bei der Frage nach der Existenz Gottes aber greife dieser Typ von Unwahrscheinlichkeitsargument, so Dawkins. Die Existenz eines Gottes sei mindestens so unwahrscheinlich wie die Existenz einer »unerschaffenen, rein zufällig entstandenen Boeing 747«.
Kap. 5: Die Wurzeln der Religion Dawkins vermutet, dass ‚Glauben‘ durch die Evolution begünstigt worden sei, da der Glaube an ein höheres Wesen in sozialen Systemen weit verbreitet sei. Möglichkeiten einer Erklärung, die er diskutiert, sind der Placebo-Effekt: Eine Person, die glaubt, unter einem väterlichen, allmächtigen Beschützer zu leben, sollte sich zuversichtlicher im Leben fühlen. Gruppenselektion: Eine Gruppe, die durch eine Überzeugung oder einen Glauben (welcher Art auch immer und verstärkt durch Aufnahmerituale) eisern zusammenhält, sollte einen Vorteil haben gegenüber ‚überzeugungslosen‘ Gruppen. Beiprodukt-Effekt: Kinder, die gelernt haben ‚blind zu glauben‘ (‚blind zu vertrauen‘), was ihnen erfahrene Ältere als Warnungen aussprechen, dürften eine größere Chance haben, in einer gefährlichen Umgebung zu überleben. Dabei kann eine Verstärkung entstehen, wenn diese Warnungen (Ver- und Gebote) einer noch höheren Macht als jener der Älteren zugeschrieben werden. Psychologische Gegebenheiten (Funktionsweise des Gehirns): Intuitiver Dualismus (d. h. Ich in meinem Körper, statt Monismus: Ich, der Körper) führt den Menschen zu der Frage: Was ist und woher kommt dieses „Ich“, diese Seele, die meinen Körper bewohnt? Und da alles einen Sinn haben muss (Wasser kommt aus einer Quelle, damit ich es trinken kann), muss auch die Seele einen Sinn haben, der (aus Erklärungsmangel) mit einem höheren Sinn (Gott) in Verbindung gebracht wird.
Wiederkehrende Aspekte dieser Erklärungen können dadurch erklärt werden, dass es sich bei religiösen Vorstellungen um Meme handeln könnte, die eigenständige Evolutionsprozesse durchlaufen und den Menschen nur als „Wirt“ verwenden. Beispiele für diese Meme wären: (a) Lebst du so (und nicht anders), wirst du nach dem Tod belohnt und weiterleben. (b) Je mehr du glaubst und je weniger du zweifelst, desto besser ist es für dich (desto glücklicher wirst du sein). (c) Im Gegensatz zu dir werden Ungläubige sicherlich bestraft oder sollten von dir bestraft werden usw.
Am Ende des Kapitels geht Dawkins auf das Phänomen der Cargo-Kulte ein, bei denen Entstehung, Verbreitung und Perpetuierung von – für Dawkins absolut irrationalen – Memen beobachtet werden können.
Kap. 6: Die Wurzeln der Moral. Warum sind wir gut? Dawkins behauptet hier, dass Menschen ihre Moral nicht aus religiösen Schriften ableiten, sondern die Entstehung von Moral ein universelles gesellschaftliches Phänomen sei. In Testantworten, in denen schwierige moralisch vertretbare Entscheidungen erfragt werden, ergebe sich keine Korrelation zwischen moralischer Entscheidung und Religiosität: Gläubige und Atheisten/Agnostiker zeigten dieselben Entscheidungsprofile. In einem Beispiel aus der Bevölkerungsstatistik beschreibt Dawkins die quantitativ belegten Beobachtungen von Sam Harris, dass in den USA in traditionell republikanischen Staaten, in denen konservative christliche Gruppierungen einen starken Einfluss ausüben, Mordraten, Gewalt- und Eigentumsdelikte in Städten deutlich höher liegen als in vergleichbaren Städten in „liberalen“ demokratischen Staaten. Religion sei also keine Garantie für moralisches Verhalten und religiöse Menschen seien nicht automatisch „gut“. „Gut“ und „böse“ lassen sich wohl letztlich auf Erfahrungen, die in der Entstehungsphase menschlicher oder sogar vormenschlicher Gruppen mit einem Sozialverhalten gemacht wurden, auf „nützlich“ oder „schädlich“ (für die Gruppe) zurückführen. Man stelle sich vor, dass Jäger der Gruppe (oder Familie) A auf einen in ihr Revier eingedrungenen Jäger einer benachbarten Gruppe B treffen. Die Gruppe A wird den Eindringling B zumindest vertreiben oder ihn sogar töten, denn er ist ein Nahrungskonkurrent. Aus der Sicht der Nahrungsbeschaffung für die Gruppe A ist das eine nützliche, also „gute“ Tat. Dieselbe Tat, derselbe Vorgang, ist aus Sicht der Gruppe B das genaue Gegenteil. Der getötete Jäger fehlt seiner Gruppe bei der Nahrungsbeschaffung, was unter Umständen Hunger und Existenznotstand bedeuten kann. Folglich ist das Töten des Jägers B ein schädliches Ereignis durch eine „böse“ Tat.