Die Provenienzforschung (lateinisch provenire, „herkommen“) widmet sich der Geschichte der Herkunft (Provenienz) von Kunstwerken und Kulturgütern. Der Gegenstand der Provenienzforschung ist die Provenienzgeschichte eines Objekts. Provenienzforschung wird als Teildisziplin der Geschichte beziehungsweise Kunstgeschichte verstanden. Bei einem Kunstwerk oder Kulturgut sind im idealen Fall alle früheren Besitzverhältnisse (Provenienzen) bekannt und können offengelegt werden. Besondere Herausforderungen bestehen in Deutschland zum Beispiel durch Kunstraub und Enteignung während des NS-Regimes und bei der sogenannten Beutekunst bzw. Raubkunst. Darüber hinaus hat seit 2018 vor allem der Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter zu einer intensiven öffentlichen Debatte geführt und weitere Forschung zur Provenienz von Kunst, Kulturgut und Objekten des kulturellen Erbes aus Kontexten europäischer Kolonisation in Afrika veranlasst. Provenienzforschung ist eine vergleichsweise junge wissenschaftliche Disziplin.

Grundlagen und Entwicklung Die Provenienzforschung widmet sich der wissenschaftlichen Erschließung der Herkunft und der wechselnden Eigentümer- und Besitzerverhältnisse eines Kunstwerks, Kulturguts oder Objekts des kulturellen Erbes in Museen, Sammlungen, Archiven, Bibliotheken sowie im Kunst- und Antiquitätenhandel.

Bei der Erforschung werden einerseits Daten ausgewertet, die sich direkt am betreffenden Objekt finden lassen: z. B. Rückseitenbeschriftungen, Künstler-, Eigentümer- und Ausstellungsvermerke bei Gemälden, handschriftliche Einträge, Widmungen, Initialen, Marginalien, Stempel oder Exlibris bei BüchernDavid Pearson: Provenance research in book history: a handbook. British Library, London 1994. und Archivalien. Andererseits werden externe Materialien wie Sammlungs-, Ausstellungs-, Auktionskataloge, Aktenbestände, Verkaufsunterlagen und weitere Dokumente des Kunsthandels, Archivalien oder Briefe hinsichtlich von Hinweisen auf frühere Eigentümer und Besitzer untersucht. Wenn keinerlei diesbezügliche Informationen oder Dokumentation vorhanden ist oder wenn es sich um Objekte ohne diese besonderen Merkmale handelt, die dann anhand von oftmals vagen Beschreibungen hinsichtlich der Provenienzen kaum identifiziert werden können (z. B. einfache Gebrauchsgegenstände), stößt die Provenienzforschung an ihre Grenzen. Unter bestimmten Umständen kann es aber sinnvoll sein, die betreffenden Objekte als Verdachtsfälle zu erfassen, um auf diese Angaben beim Erhalten weiterer Informationen, z. B. der Veröffentlichung von Dokumenten, oder bei eingehenden Anfragen zugreifen zu können.

Die Provenienzforschung ermöglicht und leistet eine Feststellung von Eigentums- und Besitzverhältnissen. Die Erforschung und schließliche Feststellung früherer Eigentums- und Besitzverhältnisse kann auch zur Bestätigung der Originalität und Authentizität eines Kunstwerks oder Kulturguts führen. Provenienzforschung kann auch zur Wertsteigerung von Objekten beitragen oder, im entgegengesetzten Fall, kann eine durch Provenienzforschung aufgedeckte, von der behaupteten Provenienz beispielsweise abweichende Eigentums-, Besitz- und Herkunftskonstellation den Wert mindern.

Wissenschaftlich erforschte Provenienzangaben können beispielsweise zur Entdeckung von allgemein kulturhistorischen Zusammenhängen beitragen, der Rekonstruktion von Sammlungen, historischen Beständen, historischen Interieurs und (Gelehrten-)Bibliotheken dienen und das Wissen zur Kunst-, Objekt-, Sammlungsgeschichte und zu Biographien erweitern.

Provenienzforschung nach der Washingtoner Erklärung

Die Provenienzforschung in den öffentlichen Museen und Sammlungen gewann 1998 mit der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung durch 44 Staaten an enormer Bedeutung. Die Unterzeichnerstaaten, auch Deutschland, haben sich unter anderem verpflichtet, Kunstwerke, die während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmt wurden, in ihren Beständen ausfindig zu machen, deren rechtmäßige Eigentümer zu suchen und eine „gerechte und faire Lösung“ zu finden. Die den meist jüdischen Opfern zwischen 1933 und 1945 entzogenen und geraubten Kunstwerke gingen vielfach in den Besitz von öffentlichen und privaten Sammlungen über. In der Nachkriegszeit fanden nur unzureichende Rückgaben statt, so dass sich auch heute noch mehrere tausend Kunstwerke aus ursprünglich jüdischem Eigentum, oft unerkannt, in den Museen befinden.Constantin Goschler: Zwei Wellen der Restitution. Die Rückgabe jüdischen Eigentums nach 1945 und 1990. In: Inka Bertz, Michael Dorrmann (Hrsg.): Raubkunst und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute. Frankfurt am Main 2008, S. 30. Mit der Verpflichtung, diese ungeklärten Provenienzen aufzudecken, wurde die Erforschung der Geschichte und Herkunft eines Kunstwerks zum arbeitsintensiven zentralen Forschungsfeld der Museumsarbeit, denn alle Kunstwerke, die vor 1945 entstanden sind und nach 1933 angekauft oder übernommen wurden, können theoretisch aus Raubkunstbeständen stammen. Am 28. März 2007 fand im Kulturausschuss des Bundestags eine Anhörung zur Raubkunst mit Juristen, Historikern und Museumsvertretern statt.Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“. Deutscher Bundestag, Drucksache 16/7000 vom 11. Dezember 2007, S. 122 (PDF). Deutlich wurde, dass für die geforderte Intensivierung der Provenienzforschung größere finanzielle Mittel zur Verfügung stehen müssen.

Datenbanken

Art Loss Register Das Art Loss RegisterThe Art Loss Register. London (englisch). ist die weltweit größte, privatwirtschaftlich geführte Datenbank. Sie beinhaltet verloren gegangene, gestohlene und als unbedenklich eingetragene Kulturgüter. Die Datenbank wies 2007 über 180.000 Einträge auf, 2010 waren es nach Firmenangaben 300.000 und Anfang September 2016 bereits 500.000 Kunstgegenstände. 2022 hat die Datenbank über 700.000 Einträge. Der Kunsthandel kann hier gebührenpflichtig seine Angebote prüfen lassen, auch Unternehmen und Privatpersonen können gegen eine Gebühr gestohlene Kunstwerke registrieren oder prüfen lassen, ob es sich bei einzelnen Werken um Diebesgut handelt oder Restitutionsansprüche vorliegen. Die Polizei erhält einen kostenlosen Zugriff auf diese Datenbank.

Lost Art-Datenbank Bei der Koordinierungsstelle Magdeburg wurde die Lost Art-Datenbank angelegt,Lost Art: Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg die seit 2015 das Deutsche Zentrum Kulturverluste weiterführt. Sie dokumentiert im Auftrag von Bund und Ländern internationale Such- und Fundmeldungen sowohl zu NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern als auch zu im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg verbrachter Beutekunst. Mittlerweile verzeichnet die Datenbank zirka 100.000 detailliert beschriebene Objekte aus den genannten Bereichen, ebenso wie zahlreiche Sammelmeldungen, deren Einzelobjekte aufgrund der historischen Umstände weder quantifiziert noch qualifiziert werden können (etwa 3,5 Millionen). „Lost Art“ registriert jegliches Kulturgut, unabhängig von seinem materiellen Wert; Mobiliar wird hier ebenso aufgeführt wie Gemälde, Inkunabeln, Skulpturen, Bücher, Musikalien oder Kunsthandwerk. Ziel der Arbeit ist es, über das Sammeln und Veröffentlichen von Such- und Fundmeldungen die Identifizierungen der Herkunft und der Eigentümer von Kunstwerken zu ermöglichen; sie hat nicht den Auftrag, eigenständige Provenienzrecherchen durchzuführen.

Provenienzforschung im Kunsthandel

Im Kunsthandel spielte die Herkunft eines Kunstwerks von jeher eine Rolle. Durch die Angaben zur Herkunft eines Kunstwerks konnte dessen besonderer Wert begründet oder ein solcher Wert abgeschrieben werden. Die Debatte um Raubkunst führte dazu, dass auch der internationale Kunsthandel heute verstärkt Provenienzforschung betreibt bzw. zunehmend auf Provenienzforschung angewiesen ist.

Auf Auktionen des Kunsthandels gelangen auch gestohlene Kunstwerke und Gegenstände. Auch als Raubkunst aus der Zeit des NS-Regimes zu identifizierende Kunstwerke und Gegenstände gelangen in den Kunsthandel. Bis in die 1990er Jahre kam es diesbezüglich nicht häufig zu Rechtsstreitigkeiten. Seit der zunehmenden Verbreitung von Informationen im Internet, z. B. von Auktionskatalogen und Auktionsankündigungen, können diese Objekte nun einfacher erkannt werden, sodass Rückgabeprozesse heute häufiger vorkommen.

Große Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s unterhalten seit einigen Jahren eigene Abteilungen für Provenienzforschung.

Provenienzforschung in Deutschland Deutschland gehörte im Jahr 1998 zu den Unterzeichnerstaaten der Washingtoner Erklärung, mit der sich die unterzeichnenden Staaten zur Feststellung während der NS-Zeit beschlagnahmter Sammlungsstücke in ihren Beständen, dem Ausfindigmachen der rechtmäßigen Eigentümer und Erben und dem Finden einer „gerechten und fairen Lösung“ verpflichteten.

1999 wurde eine „bundesweit erste Stelle für Provenienzforschung in einer kulturgutbewahrenden Einrichtung“ an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit der Kunsthistorikerin Ilse von zur Mühlen besetzt.Forschungsverbund Provenienzforschung Bayern, abgerufen am 1. Dezember 2023. Von zur Mühlen kann als Wegbereiterin und Pionierin auf dem Gebiet der Provenienzwissenschaft gelten.Zur Situation in der frühen Phase der Professionalisierung des Fachs vgl. eine Darstellung Ilse von zur Mühlens aus dem Jahr 2001 zur Situation und Aufgabenstellung ihrer Tätigkeit: „Provenienzrecherche an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen“, in: AKMB-news 7/2001, S. 7–9, doi:10.11588/akmb.2001.3.57354. Eine zweite derartige Stelle wurde im Folgejahr 2000 im Wallraf-Richartz-Museum (Fondation Corboud) in Köln geschaffenWallraf Museum: Eine Pflicht der Museumsarbeit, abgerufen am 1. Dezember 2023. und mit Katja Terlau besetzt. Kurz darauf folgte im selben Jahr 2000 an der Hamburger KunsthalleHamburger Kunsthalle: Provenienzforschung & Sammlungsgeschichte, abgerufen am 1. Dezember 2023. die Einstellung einer ersten Wissenschaftlerin, der Kunstwissenschaftlerin Ute Haug, eigens für die Provenienzrecherche der Bestände.Vgl. Ute Haug, „Provenienzforschung an der Hamburger Kunsthalle“, in: AKMB-news 7/2001, S. 9–11, hier S. 9. Es richteten auch die Dresdener Staatlichen KunstsammlungenStaatliche Kunstsammlungen Dresden: Forschung. Provenienzforschung an den SKD, abgerufen am 2. Dezember 2023. für die Kunsthistorikerin Ursula Köhn und die Staatsgalerie Stuttgart eine erste Stelle für Provenienzforschung am Museum ein.Staatsgalerie Stuttgart: Provenienzforschung an der Staatsgalerie Stuttgart, abgerufen am 2. Dezember 2023.

2000 wurde von Ute Haug, Ilse von zur Mühlen, Laurie A. Stein und Katja Terlau der Arbeitskreis Provenienzforschung (zunächst als „Arbeitskreis zur Recherche der Provenienzen in deutschen Museen“) gegründet.Arbeitskreis Provenienzforschung e. V. Abgerufen am 2. Dezember 2023. 2001 wurde der Arbeitskreis erweitert um die Kunsthistorikerin Ursula Köhn. Die Gründung des Arbeitskreises Provenienzforschung gilt als wichtiger Schritt in der Geschichte der Professionalisierung der Disziplin der Provenienzforschung. Der Arbeitskreis ermöglichte eine Vernetzung und Zusammenarbeit der Forschenden.Vgl. die Darstellung von Ilse von zur Mühlen in „Provenienzrecherche an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen“ (in: AKMB-news 7/2001, S. 7–9, hier S. 8): „Der rege Austausch der Recherchierenden überall in der Republik in einem Arbeitskreis (vgl. noch einmal den Beitrag von Ute Haug) ermöglicht es dennoch, in relativ kurzer Zeit Wissen um Sammlungen, Kunsthandel, aber auch die tragischen Schicksale der Verfolgten zusammenzutragen.“ Er gilt als wegbereitend für eine zunehmende Internationalisierung des Fachs. Zunächst als offenes Netzwerk für Fachwissenschaftler angelegt, erfolgte am 17. November 2014 in Bremen schließlich die Eintragung als gemeinnütziger Verein „Arbeitskreis Provenienzforschung e. V.“.