miniatur|Das Kloster 1655 Saint-Victor war eine königliche Abtei von Regularkanonikern südöstlich des mittelalterlichen Paris. Sie stand außerhalb der Stadtmauern Étienne Marcels im heutigen 5. Arrondissement.
Geschichte miniatur|Die frühere Abteikirche St. Victor in Paris Saint-Victor wurde 1113 von König Ludwig VI. am linken Ufer der Bièvre gegründet. Das Kloster beherbergte eine Art Mönchsgemeinschaft um den Theologen Wilhelm von Champeaux, den ersten großen Pariser Theologen, und war von Anfang an eines der intellektuellen und spirituellen Zentren von Paris.Rainer Berndt: Sankt Viktor, Schule von. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Bd. 30, Berlin/New York 1999, S. 42–46, hier S. 43–44.
Wilhelm von Champeaux hatte seine Anstellung als Domscholaster in Notre-Dame aufgegeben, um sich 1108 in ein Kloster zurückzuziehen. Der Nachzug seiner Schüler brachte ihn jedoch bald dazu, seine Lehrtätigkeit wieder aufzunehmen, und das einzurichten, was später die Kongregation der Augustiner-Chorherren vom Heiligen Victor werden sollte, die schnell die Leitabtei eines Ordens mit 30 Abteien und 40 Prioreien werden sollte, deren Ordensregel vom ersten Abt, Geudion, stammt.
Die Tatsache, dass Wilhelm von Champeaux aus dieser Gründung kam, hat sicher zur schnellen Entwicklung der Klosterschule beigetragen. Saint-Victor war im 12. Jahrhundert eines der aktivsten Zentren des intellektuellen Lebens, und seine Ausstrahlung reichte über die gesamte westliche Christenheit. Aus der Abtei kamen im Laufe ihres Bestehend sieben Kardinäle der Kirche. Nach Wilhelm von Champeaux, war vor allem Hugo von St. Viktor (zwischen 1118 und 1141) bedeutend. Enge Verbindungen gibt es zwischen den Lehrern in Saint-Victor und Bernhard von Clairvaux (um 1090–1153), der ihnen wiederum Petrus Lombardus empfahl. Neben der Theologie waren die sieben freien Künste in Saint-Victor Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit. Hugo von St. Viktor ließ die Ansicht vorherrschen, nach der die Kenntnis der Welt ein Ganzes ist, die zur Kenntnis Gottes führe – man studierte in Saint-Victor vor allem die klassischen Werke und die Logik, aber auch die Naturwissenschaften und die Kosmographie. Saint-Victor war aber nicht nur ein Zentrum des Bibelstudiums, sondern auch der Produktionsort von in ganz Europa nachweisbaren glossierten Bibeln und von Handschriften mit Viktoriner Exegese.
Hinter dem Palais des Abtes befanden sich die romanische Kirche, das Kloster, die Bibliothek und das Skriptorium. Gärten und Obstwiesen auf der anderen Seite der Bièvre erstreckten sich bis an die Seine hinunter. Das von einer Mauer umgebene Klostergelände hatte die Form eines Trapezes und erstreckte sich bis zum heutigen Jardin des Plantes. An der Südspitze des Geländes stand an der Ecke zum alten Chemin Devers-Seine (der, wie der Name sagt, zur Seine hinunter führte, die heutige Rue Cuvier) die Tour Alexandre, die im Mittelalter als klösterliches Gefängnis genutzt wurde. Der Turm erhielt in den Jahren 1686–87 mit der Fontaine Saint-Victor einen opulenten Wandbrunnen eines unbekannten Meisters, der 1840 gemeinsam mit der Tour Alexandre abgetragen und durch die Fontaine Cuvier ersetzt wurde.
Rings um das Kloster entwickelte sich in dessen Schutzbereich bald ein Ort gleichen Namens. Die Straße, die aus Paris heraus zum Kloster führte, hieß Rue Saint-Victor, das zugehörige Stadttor Porte Saint-Victor. Das Kloster wurde während der Französischen Revolution im Jahr 1790 aufgelassen und 1811 im Zuge der Erbauung einer neuen Lagerhalle für die Pariser Weinhändler endgültig demoliert. Der Ort gehört heute als Quartier Saint-Victor zum 5. Arrondissement.
An der Stelle, an der sich im Mittelalter die Abtei Saint-Victor befand, steht jetzt die Universität Pierre und Marie Curie (UPMC), die Rue Jussieu davor verläuft durch den ehemaligen Chor der Klosterkirche. Die Gemüse- und Obstgärten des Klosters sind jetzt durch die Universität Denis Diderot (Jussieu) – weiterhin bis an die Seine hinunter – bebaut.
Als Namensgeber der Kirche wird von einigen Gaius Marius Victorinus angenommen;zum Beispiel, weil die Devise der Abtei war Jesus, Maria, sanctus Victor, sanctus Augustinus, sie passt gut zu dem prä-augusteischen Victorinus. andere Forscher beziehen den Namen auf den Märtyrer Viktor von Marseille.zum Beispiel.
Äbte (engl.) miniatur|hochkant|Hugo von Saint Victor 1108–1113: Wilhelm I. von Champeaux 1113–1155: Gilduin 1155–1166: Achard 1166: Gunther 1162–1172: Ernis/Ervis 1172–1192: Guerin 1195–1197: Robert I. 1197–1198: Bernard I. 1198–1203: Absalon 1203–1229: Johannes Teutonicus 1229–1234: Pierre I. 1234–1241: Raoul 1241–1254: Ascelin 1254–1264: Robert II. 1264–1274: Thibaud 1274–1289: Pierre II. 1289–1294: André I. de Galles 1294–1300: Eudes 1300–1302: Guy 1302–1311: Guillaume II. de Resbez 1311–1329: Jean II. 1329–1345: Aubert de Mailly 1345–1349: Guillaume III. de Saint-Lô 1349–1360: Jean III. de Bruyères 1360–1367: Bernard II. de Mezo 1367–1383: Pierre IV. de Saulz 1383–1400: Pierre V. Le Duc Juni bis Oktober 1400: Jean IV. Le Boiteux 1400–1432: Geoffroy Pellegay 1432–1448: André II. Barre 1448–1458: Jean V. de La Masse 1458–1474: Jean VI. de Nicolaÿ 1474–1488: Germain Le Moine 1488–1514: Nicaise Delorme 1514–1543: Jean VII. Bordier 1543–1550: Antoine I. Caracciolo de Melphe, Sohn von Giovanni Caracciolo, Marschall von Frankreich 1550–1554: Pierre VI. Lizet 1554–1578: Louis I. de Lorraine-Guise 1578–1607: Charles de Lorraine 1607–1664: François I. de Harlay de Champvallon 1664–1706: Pierre VII. du Camboust de Coislin 1706–1728: Philippe-Antoine Gualterio 1728–1764: François II. de Fitz-James 1764–1788: Antoine II. de Malvin de Montazet 1788–1790: François III. de Fontanges († 1806)
Siehe auch Andreas von St. Viktor († 1175), Regularkanoniker an der Abtei St. Viktor, der Auslegungen zu Büchern des Alten Testaments verfasste
Literatur Rainer Berndt: Sankt Viktor, Schule von. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Bd. 30, Berlin/New York 1999, S. 42–46. Rainer Berndt (Hrsg.): Schrift, Schreiber, Schenker. Studien zur Abtei Sankt Viktor in Paris und den Viktorinern. Akademie-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-05-004038-6. Rainer Berndt: Die Bibliothek der Abtei Saint-Victor zu Paris. Ihr Werden, ihre Werke, ihr Wert. In: Andrea Rapp (Hrsg.): Zur Erforschung mittelalterlicher Bibliotheken. Frankfurt am Main 2009, S. 47–60. Björn Gebert: Sankt Viktor von Paris und die Viktoriner. Institutionelle Strukturen eines mittelalterlichen Klosterverbandes, in: Anette Löffler in Zusammenarbeit mit Björn Gebert (Hrsgg.): Legitur in necrologio victorino. Studien zum Nekrolog der Abtei Saint-Victor zu Paris (= Corpus Victorinum, Instrumenta 7), Münster, ISBN 978-3-402-10441-5, S. 119–171 Martin Schoebel: Archiv und Besitz der Abtei St. Viktor in Paris. (= Pariser Historische Studien 31), Bouvier, Bonn 1991, ISBN 3-416-80597-6 (Digitalisat) Gunnar Teske: Die Briefsammlungen des 12. Jahrhunderts in St. Viktor, Paris: Entstehung, Überlieferung und Bedeutung für die Geschichte der Abtei. (= Studien und Dokumente zur Gallia Pontificia 2), Bonn 1993, ISBN 3-416-02464-8. Matthias M. Tischler: Die Bibel in Saint-Victor zu Paris. Das Buch der Bücher als Gradmesser für wissenschaftliche, soziale und ordensgeschichtliche Umbrüche im europäischen Hoch- und Spätmittelalter. (= Corpus Victorinum. Instrumenta 6). Münster 2014, ISBN 978-3-402-10433-0. Ursula Vones-Liebenstein: Saint-Victor in Paris. Vom Königskloster zur Kongregation (= Canonici Regulares Sancti Augustini: Schriftenreihe der Akademie der Augustiner-Chorherren von Windesheim 12). Paring 2007, ISBN 3-936197-09-1.
Weblinks
Pläne der Abtei (engl.) Urkunden zur Abtei (franz.) Die Abtei Saint Victor (franz.)
hugo.sankt-georgen.de
Einzelnachweise
Kategorie:Ehemaliges Kloster in Paris Kategorie:5. Arrondissement (Paris) Kategorie:Marius-Victorinus-Kirche Kategorie:Klostergründung 1113 Kategorie:Aufgelöst 1790