mini|James Mellaart an der neolithischen Stätte Çatalhöyük Ende der 50er oder Anfang der 60er Jahre James Mellaart (* 14. November 1925 in London; † 29. Juli 2012 ebendort) war ein britisch-niederländischer Prähistoriker und Archäologe. Von 1959 bis 1961 amtierte er als stellvertretender Direktor des British Institute of Archaeology at Ankara (BIAA); anschließend wirkte er bis 1963 als Dozent für Prähistorische Archäologie an der Universität Istanbul. 1964 wurde er Dozent für Anatolische Archäologie am Institute of Archaeology des University College in London, wo er bis zu seiner Emeritierung 1991 tätig war. Mit seinen Entdeckungen in Hacılar, Beycesultan und Çatalhöyük erweiterte Mellaart den Kenntnisstand über die bronzezeitlichen und neolithischen Gesellschaften Anatoliens erheblich und prägte die Prähistorische Archäologie nachhaltig.
Im Verlauf seiner Karriere entwickelte Mellaart allerdings auch ein umfassendes System von Fälschungen, um seine oft spekulativen Deutungen zu stützen. Dabei gebrauchte er sein großes wissenschaftliches Ansehen gezielt, um diesen Konstruktionen den Anschein von Glaubwürdigkeit zu verleihen, wodurch in der Rückschau auch seine tatsächlichen Leistungen entwertet werden. Zwar führten seine Manipulationen unter Fachkollegen zu Misstrauen und behinderten punktuell auch seinen weiteren Karriereverlauf, doch wurde das volle Ausmaß bis zu seinem Tod – nicht zuletzt aufgrund systematischer institutioneller Verschleierung – nicht publik.
Biographie Herkunft, Ausbildung und frühe Prägungen James Mellaart wurde am 14. November 1925 in London geboren.Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12, hier: S. 11. Da Mellaart in London geboren war, besaß er, wie auch seine Schwester, eine doppelte Staatsbürgerschaft; Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 45. Sein Vater, Jacob Herman Jan Mellaart (1895–1972), Kunstspezialist niederländischer Herkunft, war kurz vor der Geburt seines Sohnes nach England übergesiedelt. Die Mutter, Apollonia Dingena (genannt Linn) geb. van der Beek (1886 oder 1899–1933), stammte aus Nordirland, verfügte jedoch ebenfalls über niederländische Wurzeln.Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12, hier: S. 11. Mellaart hatte eine jüngere Schwester, die 1929 ebenfalls in London geboren wurde.Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 33. Später behauptete Mellaart, seine Familie stamme ursprünglich aus Schottland und sei mit dem MacDonald-Clan, genauer der Linie MacLarty, verbunden. Im späten 17. Jahrhundert sei die Familie nach Holland gelangt und habe ihren Namen in die niederländisch klingende Form Mellaart geändert.Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411; Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 130. Diese Behauptung stieß nicht überall auf Glauben.Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12, hier: S. 11. Der Vater sicherte der Familie ein gutes Einkommen, indem er Sammler beim Erwerb von Kunstwerken beriet, sodass sie ein komfortables Haus im Londoner Stadtteil Chelsea beziehen konnte. Mit der Wirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre brach der Kunstmarkt jedoch ein, sodass die Familie 1932 nach Amsterdam zurückkehrte, wo sich der Vater einen größeren Kundenstamm erhoffte.Michael Balter: The Goddess and the Bull, New York u. a. 2005, S. 12. Nach dem frühen Tod der Mutter 1933Die Mutter starb an einer Gasvergiftung in der gemeinsamen Wohnung; Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 37. heiratete der Vater das Kindermädchen und zeugte mit ihr vier weitere Söhne.Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 37. James und seine Schwester hegten zeitlebens eine tiefe Abneigung gegen ihre Stiefmutter; 1986 besuchte Mellaart nicht einmal ihre Beerdigung. Möglicherweise trug diese Feindseligkeit dazu bei, dass er seine Jugendzeit in den Niederlanden später weitgehend verdrängte, sich weigerte, mit niederländischen Kollegen Niederländisch zu sprechen, und sich zeitlebens als Schotte begriff, während er seine niederländische Herkunft leugnete.Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12, hier: S. 11; Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 130; Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 37, 81.mini|James Mellaart mit seinem Vater Jacob Herman Jan, Ende der 40er oder Anfang der 50er Jahre
In den Jahren nach der Rückkehr in die Niederlande zog die Familie mehrfach um: zunächst von Amsterdam nach Rotterdam, später nach Den Haag und während der deutschen Besatzung nach Maastricht. Um dem Arbeitsdienst zu entgehen, nahm Mellaart – vermittelt durch einen Freund seines Vaters – eine Stelle am niederländischen Nationalmuseum für Archäologie in Leiden an. Ein von ihm verfasster Brief, gespickt mit den Namen zahlreicher Museumsmitarbeiter und Archäologen, beeindruckte den Museumsdirektor derart, dass er für den 18-jährigen, ungeübten Bewerber eigens eine Position schuf. Mellaarts spätere Behauptung, der Schweizer Konsul habe die Anstellung vermittelt, lässt sich nicht belegen. Während des Krieges will er zudem eine nicht detonierte V2 geborgen und später einem hochrangigen amerikanischen Militärangehörigen übergeben haben. Anfang September 1944 kehrte er ins Elternhaus im Süden der Niederlande zurück – zehn Tage bevor die Amerikaner in Maastricht einrückten. Nach der Befreiung nahm er sein Studium der Ägyptologie und Klassischen Altertumswissenschaften in Leiden auf und stimmte der Beendigung seines Museumsvertrags zum 1. Oktober 1944 zu. Sechs Monate später versuchte er jedoch vergeblich, die Vereinbarung rückgängig und Gehaltszahlungen bis Mai 1945 über ein Komitee geltend zu machen, das Probleme infolge der Besatzung regeln sollte. Dies führte zu Irritation im Museum und könnte seine studentische Laufbahn beeinträchtigt haben, da das Personal eng mit der Ägyptologie- und Klassikabteilung der Universität verbunden war. Bereits während seiner Tätigkeit im Museum soll er sich Kenntnisse zum Lesen ägyptischer Hieroglyphen angeeignet haben. Am Gymnasium hatte er Sprachkenntnisse in Deutsch, Englisch, Französisch, Latein und Altgriechisch erworben; von einem Onkel väterlicherseits erlernte er zudem das Gälische.Michael Balter: The Goddess and the Bull, New York u. a. 2005, S. 12f.; Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411; Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier: S. 90f.; Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 43; Enrico Giannichedda: Il tesoro di Dorak, Archeo inchiesta, Bari 2023.
Ab 1947 studierte er in London, wo er am University College ein Grundstudium der Archäologie aufnahm.Michael Balter: The Goddess and the Bull, New York u. a. 2005, S. 13. Während dieser Zeit wirkte er auch an Ausgrabungen mit – unter anderem unter der Leitung von Kathleen Kenyon in Sutton Walls – und entwickelte ein frühes Forschungsinteresse an den Seevölkern und ihrer Rolle im Zusammenbruch des bronzezeitlichen Mächtesystems im 12. Jahrhundert v. Chr. sowie an der Ausbreitung frühbronzezeitlicher Kulturen im östlichen Mittelmeerraum.Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411. Ein Dissertationsprojekt zum Seevölkersturm, das er 1951 begonnen haben will, reichte er nie ein.James Mellaart: Letters to the Editors. In: Bulletin of the Anglo-Israel Society 12 (1993), S. 81f. Sein Sohn nach hätte Mellaart niemanden für würdig erachtet seine Arbeit richtig einzuschätzen; Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg, Zürich 2017, S. 205.
Wissenschaftliche Anfänge Nach seinem Abschluss 1951 erhielt Mellaart ein zweijähriges Stipendium beim British Institute of Archaeology at Ankara (BIAA). 1959 wurde Mellaart stellvertretender Direktor des BIAA unter Seton Lloyd, ein Amt, das er bis 1961 innehatte. Anschließend war er von 1961 bis 1963 Dozent für Prähistorische Archäologie an der Universität Istanbul. 1964 wurde er zum Dozent für Anatolische Archäologie am Institute of Archaeology des University College London, wo er bis zu seiner Emeritierung 1991 tätig war. Während seiner Zeit am BIAA kartierte er zahlreiche prähistorische Fundplätze in Südwestanatolien – meist zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln, da er über keinen Führerschein verfügte – und entwickelte sich zu einem herausragenden „Site-Spotter“, der in der Lage war, aus kleinen Erhebungen die unter der Erde liegenden prähistorischen Siedlungen zu erkennen. Während seiner Tätigkeit am BIAA entdeckte er Hunderte vorklassischer Fundplätze, darunter das bedeutende chalkolithische und bronzezeitliche Siedlungsareal Beycesultan.Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411–13; ders.: Mellaart, James. In: Oxford Dictionary of National Biography Online, Januar 2016 [Zugriff am 21. Juni 2026]; David Stronach: Working with Jimmy and Arlette Mellaart, 1955 to 1958. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 271–275, hier: S. 271f.