Muränen (Muraenidae) sind eine Familie aalartiger Knochenfische, die mit etwa 200 bisher bekannten Arten in flachen tropischen und subtropischen Meeren verbreitet sind. An den Küsten des südlichen Europa leben zwei Arten: die Mittelmeer-Muräne (Muraena helena) und die Braune Muräne (Gymnothorax unicolor).Wilfried Westheide, Reinhard Rieger: Spezielle Zoologie Teil 2: Wirbel und Schädeltiere, 1. Auflage, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin 2004, ISBN 3-8274-0307-3. Besonders häufig sind Muränen in den tropischen Korallenriffen: Bei den Marianen und bei den Marshallinseln werden 54 Arten gezählt, in den Gewässern um Hawaii sind sie mit 32 Arten nach den Lippfischen (Labridae) die artenreichste Fischfamilie.Svein A. Fosså, Alf Jacob Nilsen: Korallenriff-Aquarium. Band 3, Birgit Schmettkamp Verlag, ISBN 3-928819-14-3.

Da den Muränen die paarigen Flossen und die Kiemendeckel fehlen, ähneln sie äußerlich Schlangen. Muränen werden 17 Zentimeter bis vier Meter lang (Strophidon sathete).

Merkmale Muränen sind langgestreckt und seitlich abgeflacht, die Anzahl der Wirbel liegt normalerweise zwischen 110 und 200, maximal sind es 260. Der Körper ist muskulös, besonders der Nacken. Die Färbung ist oft bräunlich oder schwärzlich purpurn, tropische Arten sind häufig bunt gemustert oder auch hell. Die Brust- und Bauchflossen sind schon bei den Larven vollständig verschwunden – im Gegensatz zu anderen Aalartigen ohne paarige Flossen, die Brust- und Bauchflossen im Larvenstadium noch besitzen. Der Schultergürtel ist zu einer dünnen Spange reduziert (Ursprung von Pharyngeal-Muskeln).

Die Haut ist schuppenlos und von einer dicken, an der Luft klebrig werdenden Schleimschicht überzogen, die die Tiere beim Gleiten durch scharfkantige Felsen oder Korallen vor Verletzungen schützt. Bei der indopazifischen Gelbmaulmuräne (Gymnothorax nudivomer) wurde ein giftiges Hautsekret gefunden. Das Blut der Muränen ist – wie das vieler, vielleicht aller anderen Aalartigen – durch hämolytische Proteine giftig (siehe Dinogunellin). Das Gift kann durch Erhitzen über 75 °C zerstört werden.Marco Lichtenberger: Muränen, in KORALLE, Meerwasseraquaristik-Fachmagazin, Nr. 56 April/Mai 2009, Natur und Tier Verlag, Münster, Das Seitenlinienorgan der Muränen ist auf ein bis drei Porenreihen am Kopf und ein bis zwei Poren in der Kiemenregion reduziert. Bei einigen Arten sind die Poren weiß eingefasst und gut zu erkennen.

mini|Der Pharyngealkiefer Die Maulspalte ist tief, reicht bis weit hinter das Auge und ist mit zahlreichen Zähnen besetzt. Neben den normalen Zähnen auf dem Kieferrand besitzen viele Arten noch spitze Knochenfortsätze in der Mitte des Oberkiefers. (Der Schädel weicht in dieser Region stark von dem der anderen Teleosteer ab.) Diese „Pseudozähne“ werden bei geschlossenem Kiefer umgeklappt. Die Zähne sind ein wichtiges Merkmal bei der Unterscheidung der Gattungen und Arten.

Im Schlund der Muränen sitzen die nur von Muskelbändern gehaltenen sogenannten Schlund- oder Pharyngealkiefer, die Teilen von Kiemenbögen entsprechen und dabei helfen, größere Futterbrocken in Richtung Magen zu ziehen.Rita Mehta, Peter Wainwright: Raptorial jaws in the throat help moray eels swallow large prey. Nature 449, S. 79–82 (6. September 2007) Abstract

mini|Die hinteren Nasenlöcher sind bei der Panthermuräne röhrenartig verlängert Die Kiemenöffnungen liegen weit hinten am Kopf und sind klein und oval. Die Kiemendeckel fehlen; dafür sind aber die Branchiostegalradien, die die Kiemenmembran aufspannen, zahlreich und gut entwickelt. Muränen müssen das Wasser deswegen – und weil das Suspensorium kaum beweglich ist – durch regelmäßiges Öffnen und Schließen des Mauls durch die Kiemen pumpen – ein Verhalten, das von Tauchern oft fälschlicherweise als „Drohen“ angesehen wird. Drohen die Fische wirklich, reißen sie ihr Maul weit auf und verharren so, bis die Gefahr vorüber ist.

Muränen haben vier Nasenlöcher, von denen zwei an der Schnauzenspitze, die beiden anderen über den Vorderrändern der Augen sitzen. Die Nasenlöcher sind durch ein faltiges Kanalsystem miteinander verbunden, was eine große innere Oberfläche ergibt und den Fischen einen ausgezeichneten Geruchssinn verleiht. Sie sehen dagegen sehr schlecht. Sowohl die vorderen als auch die hinteren Nasenlöcher können röhrenartig verlängert sein. Die vorderen ragen dann über die Schnauzenspitze, die hinteren wirken wie Hörner zwischen den Augen.

Die Nasenlöcher sind auch das sicherste Unterscheidungsmerkmal zu den ähnlich aussehenden Schlangenaalen (Ophichthidae), denen ebenfalls oft die Brustflossen fehlen. Alle vier Nasenlöcher der Schlangenaale sitzen an der Schnauzenspitze, zwei von ihnen enden in nach unten gebogenen Röhren.

Lebensweise mini|Eine Atlantische Weißband-Putzergarnele säubert die Zähne von Muraena augusti Alle Muränen leben mehr oder weniger versteckt in Höhlen, Felsspalten und Korallenriffen und verlassen höchstens nachts zur Jagd vollständig ihren Unterschlupf. Sie schwimmen mit Hilfe schlängelnder Bewegungen des ganzen Körpers. Tagsüber ragt meist nur der Kopf aus dem Unterschlupf. Muränen sind standorttreu und suchen immer wieder dasselbe Versteck auf. Größere Muränen haben auch mehrere Unterschlupfe, die bis zu 200 Meter weit auseinander liegen können. Höhlensysteme können von einzelnen oder von mehreren Muränen, manchmal auch von verschiedenen Arten, bewohnt werden. Muränen leben oft dauerhaft mit Putzerlippfischen oder Putzergarnelen zusammen. Von diesen lassen sie sich säubern und im hierfür geöffneten Maul zwischen den Zähnen befindliche Nahrungsreste entfernen. Die Putzer werden nicht gefressen.

Die Arten der Gattungen Anarchias und Uropterygius, die alle verhältnismäßig klein sind, verlassen ihren Unterschlupf so gut wie nie und jagen auch ausschließlich in Höhlen und Spalten. Sie sind deshalb so gut wie nie zu sehen und ihre Lebensweise ist weitgehend unbekannt.

Einige Muränenarten in Südostasien und Nordaustralien dringen in Brackwasser und Flussmündungen vor, die Goldstaubmuräne (Gymnothorax tile) und die Leopardmuräne (Gymnothorax polyuranodon) auch in Süßwasser. Die Leopardmuräne wurde schon 30 km landeinwärts in Flüssen angetroffen. Keine Muräne lebt jedoch auf Dauer im Süßwasser, die Fortpflanzung findet immer im Meer statt.

Ernährung mini|Kopf und Zähne der Tigermuräne (Enchelycore anatina) Alle Muränen sind Raubfische und ernähren sich ausschließlich carnivor. Ausgesprochene Nahrungsspezialisten gibt es nicht. Die verschiedenen Arten ernähren sich jedoch bevorzugt, je nachdem, ob sie spitze oder abgerundete Zähne haben, von Fischen und Kopffüßern oder von hartschaligen wirbellosen Tieren wie Krebstieren. Nur wenige Arten fressen Muscheln, Schnecken oder Seeigel. Fischfresser sind vor allem die Arten der Gattungen Enchelycore und Muraena sowie viele Arten der Gattung Gymnothorax. Echidna und Gymnomuraena fressen vor allem hartschalige Tiere. Die Fische jagen vor allem in der Dämmerung oder nachts, größere Exemplare nur jede zweite oder dritte Nacht oder noch seltener. Dabei spielt ihr gut entwickelter Geruchssinn eine große Rolle. Sie fressen auch Aas. Bei einigen Arten der Gattungen Echidna und Gymnothorax wurde bei Aquarienbeobachtungen eine spezielle Verhaltensweise festgestellt, die sonst nur noch bei Schleimaalen vorkommt. Zum Abreißen von Nahrungsstücken aus größeren toten Fischen bilden die überaus beweglichen Tiere einen Knoten und ziehen dabei den Kopf durch die entstehende Knotenschlinge. Diese drückt nun auf die Beute und bildet ein Widerlager beim Herausreißen von Fleischstücken. Die gleiche Technik wird benutzt, um Beute aus engen Spalten zu ziehen. Einige Arten haben dazu auch ein besonders schmales Maul.

Fortpflanzung Über die Fortpflanzung der Muränen ist sehr wenig bekannt. Bei einigen Arten, so bei der Geistermuräne (Rhinomuraena quaesita) und der Sternfleckenmuräne (Echidna nebulosa), wurde ein Geschlechtswechsel (Dichogamie) festgestellt, der zudem mit einem Sexualdimorphismus einhergeht. Balzende Muränen richten sich auf, umschlingen sich mit den Körpern und reißen das Maul weit auf. Die Riesenmuräne (Gymnothorax javanicus) legt 200.000 bis 300.000 Eier, die nach dem Aufquellen einen Durchmesser von 5 mm haben.

Stammesgeschichte mini|hochkant=1.2|Paranguilla tigrina im Museum für Naturkunde Berlin Fossilien muränenähnlicher Fische sind aus der Monte-Bolca-Formation aus dem mittleren Eozän von Norditalien bekannt. Die beiden Gattungen Dalpiaziella und Paranguilla haben noch kleine Brustflossen und werden in die Familie Paranguillidae eingeordnet. Eine nahe Verwandtschaft mit den heutigen Muränen ist unsicher.Karl Albert Frickhinger: Fossilien Atlas Fische, Mergus-Verlag, Melle, 1999, ISBN 3-88244-018-X.

Systematik Muränen gehören zur Ordnung der Aalartigen und innerhalb dieser zusammen mit den zwei artenärmeren und weitgehend unbekannten Familien Chlopsidae und Myrocongridae zur Unterordnung Muraenoidei. Allen Angehörigen dieser Unterordnung fehlen die Schuppen, das Seitenlinienorgan und die Kiemenbögen sind reduziert und das Stirnbein ist geteilt. Die Muränen werden in zwei Unterfamilien, 16 Gattungen und etwa 200 Arten unterteilt.

Unterfamilie Muraeninae

mini|Sternfleckenmuräne(Echidna nebulosa) mini|Drachenmuräne(Enchelycore pardalis) mini|Zebramuräne (Gymnomuraena zebra) mini|Gymnothorax bacalladoi mini|Kastanienmuräne (Gymnothorax castaneus) mini|Netzmuräne (Gymnothorax favagineus) mini|Gelbkopfmuräne (Gymnothorax fimbriatus) mini|Juvenile Riesenmuräne (Gymnothorax javanicus) mini|Gymnothorax mordax mini|Gymnothorax nubilus mini|Gymnothorax pictus mini|Gymnothorax prionodon mini|Gymnothorax polygonius mini|Gymnothorax prasinus neben Weißaugen-Muräne (Gymnothorax thrysoideus) mini|Mittelmeer-Muräne (Muraena helena) mini|Geistermuräne (Rhinomuraena quaesita) Die Kiemenbogenabschnitte sind nicht verknöchert. Der Flossensaum aus Rücken-, Schwanz- und Afterflosse ist deutlich ausgeprägt.

Gattung Cirrimaxilla Cirrimaxilla formosa Chen & Shao, 1995 Gattung Diaphenchelys Diaphenchelys dalmatian Hibino et al., 2017 Diaphenchelys pelonates McCosker & Randall, 2007 Gattung Echidna Echidna amblyodon (Bleeker, 1856) Kettenmuräne (Echidna catenata) (Bloch, 1795) Labyrinthmuräne (Echidna delicatula) (Kaup, 1856) Echidna leucotaenia Schultz, 1943 Sternfleckenmuräne (Echidna nebulosa) (Ahl, 1789) Echidna nocturna (Cope, 1872) Echidna peli (Kaup, 1856) Ringelmuräne (Echidna polyzona) (Richardson, 1845) Echidna rhodochilus Bleeker, 1863 Echidna unicolor Schultz, 1953 Echidna xanthospilos (Bleeker, 1859) Gattung Enchelycore Tigermuräne (Enchelycore anatina) (Lowe, 1838) Enchelycore bayeri (Schultz, 1953) Enchelycore bikiniensis (Schultz, 1953) Enchelycore carychroa Böhlke & Böhlke, 1976 Enchelycore kamara Böhlke & Böhlke, 1980 Enchelycore lichenosa (Jordan & Snyder, 1901) Enchelycore nigricans (Bonnaterre, 1788) Enchelycore nycturanus Smith, 2002 Schmalkiefermuräne (Enchelycore octaviana) (Myers & Wade, 1941) Drachenmuräne (Enchelycore pardalis) (Temminck & Schlegel, 1846) Enchelycore propinqua Mohapatra et al., 2017 Enchelycore ramosa (Griffin, 1926) Weißrandmuräne (Enchelycore schismatorhynchus) (Bleeker, 1853) Gattung Enchelynassa Enchelynassa formosa (Quoy & Gaimard, 1824) Gattung Gymnomuraena Zebramuräne (Gymnomuraena zebra) (Shaw, 1797) Gattung Gymnothorax Gymnothorax afer Bloch, 1795 Gymnothorax albimarginatus (Temminck & Schlegel, 1846) Gymnothorax angusticauda (Weber & de Beaufort, 1916) Gymnothorax angusticeps (Hildebrand & Barton, 1949) Gymnothorax annasona (Whitley, 1937) Gymnothorax annulatus Smith & Böhlke, 1997 Gymnothorax atolli (Pietschmann, 1935) Gymnothorax australicola Lavenberg, 1992 Gymnothorax austrinus Böhlke & McCosker, 2001 Gymnothorax bacalladoi Böhlke & Brito, 1987 Gymnothorax baranesi Smith, Brokovich & Einbinder, 2008 Gymnothorax bathyphilus Randall & McCosker, 1975 Gymnothorax berndti Snyder, 1904