miniatur|Adam Heinrich Müller (um 1810) miniatur|Jugendbild Adam Heinrich Müller, ab 1826 Müller Ritter von Nitterdorf, später auch oft von Müller (* 30. Juni 1779 in Berlin; † 17. Januar 1829 in Wien), war ein deutscher Philosoph, Diplomat, Ökonom und Staatstheoretiker. Er gehörte dem Wiener Romantikerkreis an.

Leben Adam Müller, Sohn eines Finanzbeamten, studierte von 1798Eingeschrieben als „Adam Heinr. Müller“ am 19. April 1798 (Die Matrikel der Georg-August-Universität zu Göttingen 1734–1837. Hildesheim 1937, S. 381). bis 1801 in Göttingen Rechtswissenschaft und Geschichte; zu seinen dortigen Lehrern zählten der Jurist Gustav von Hugo und die Historiker August Ludwig von Schlözer und Arnold Heeren, die auf den jungen Müller großen Einfluss ausübten. Am tiefsten wurde er jedoch durch Friedrich Gentz geprägt, der insbesondere die eigene Anglophilie auf den jungen Müller übertrug. Nach kurzer Tätigkeit als Rechtsreferendar an der kurmärkischen Kammer in Berlin wurde er Hauslehrer der Familie Haza-Radlitz in Posen; hier verfasste er sein erstes Buch, die philosophische Abhandlung Die Lehre vom Gegensatze, das 1804 in Berlin erschien.

Dabei konnte er in den folgenden Jahren einige Reisen, z. B. nach Schweden und Dänemark, unternehmen. Bei einem längeren Aufenthalt in Wien konvertierte er am 30. April 1805 zur römisch-katholischen Kirche.

Von Ende 1805 bis 1809 lebte Müller in Dresden, wo er durch seine 1806 gehaltenen Vorlesungen über deutsche Wissenschaft und Literatur berühmt wurde; den von ihm propagierten Gedanken eines Ausgleichs der Gegensätze (germanisches gegen griechisches Element der europäischen Literatur, Klassik gegen Romantik) wandte er hier auf Dichtung, Philosophie, aber auch politisches Denken an. Seine zentralen politischen Ideen entwickelte er in seinen 1808/09 gehaltenen Vorlesungen, die er 1809 unter dem Titel Die Elemente der Staatskunst publizierte. Gemäß seiner Devise, der „Staatsgelehrte“ habe dem Staatsmann zur Seite zu stehen, propagierte Müller die Grundgedanken der politischen Romantik, als deren Hauptwerk die Elemente anzusehen sind: Gegen die moderne Vertragstheorie setzte er die Idee des organisch gewachsenen, Tradition und Gegenwart verbindenden monarchischen Ständestaates; gegen die moderne Wirtschaftstheorie des (von Müller zeitlebens angefeindeten) Adam Smith propagierte er den Gedanken einer strengen sozialen Bindung des Eigentums. Auch später hat er immer wieder das moderne Wirtschaftsleben kritisiert. Seine bewunderte wie angefeindete Definition des Staates darin lautet: Der Staat sei keine „Manufaktur […] oder merkantilische Sozietät, er ist die innigste Verbindung der gesamten physischen und geistigen Bedürfnisse, des gesamten physischen und geistigen Reichtums, des gesamten inneren und äußeren Lebens einer Nation, zu einem großen, energischen, unendlich bewegten und lebendigen Ganzen“.

1808 war Müller gemeinsam mit Heinrich von Kleist Herausgeber der Zeitschrift Phöbus. 1809 ging er, nachdem er sich mit Sophie von Haza-Radlitz verheiratet hatte, nach Berlin, wo er weitere historisch-politische Vorlesungen hielt und Artikel in der von Heinrich von Kleist herausgegebenen Zeitung Berliner Abendblätter (1810/11) veröffentlichte. Müller, nun wieder im preußischen Staatsdienst, lehnte die Reformbestrebungen des seit 1810 amtierenden Staatskanzlers Karl August von Hardenberg ab und versuchte, mit seinen regierungskritischen Artikeln eine öffentliche Diskussion über die Reformpolitik auszulösen. 1811 fungierte er zudem als enger politischer Berater des Führers der preußischen Adelsopposition, Friedrich August Ludwig von der Marwitz. Doch Hardenberg zerschlug die Opposition: Marwitz wurde inhaftiert, die „Abendblätter“ mussten ihr Erscheinen einstellen und Müller wurde als diplomatischer Berichterstatter nach Wien abgeschoben.

Durch den Krieg zurück nach Berlin getrieben, verfasste Müller im Namen der Kurbrandenburgischen Ritterschaft eine Anklageschrift gegen den Staatskanzler von Hardenberg, nachdem dieser Müllers Bitte um eine Einstellung im Staatsdienst abgelehnt hatte. In dieser, für den König bestimmten, Anklageschrift beschuldigte er den Kanzler revolutionärer Grundsätze. Dabei äußerte sich Müller über die von ihm befürchteten Konsequenzen der Reformpolitik folgendermaßen: „Ritter und Bauernstand gehen unter, und es gibt am Ende nur Kaufleute, Handwerker und Juden.“ Seine Schrift trug jedoch keine Konsequenzen.

Nachdem der preußische Staat seine Gehaltszahlungen eingestellt hatte, musste sich Müller in österreichischen Diensten verdingen: Von 1813 bis 1815 war er für die österreichische Armee in Tirol als Landeskommissar und Regierungsrat mit Verwaltungshandeln beschäftigt und als Herausgeber des „Boten in Tirol“ publizistisch tätig. 1815, nachdem er dem Kaiser 1815 in das Feldhoflager gefolgt war, wurde er in den Stab Metternichs aufgenommen, der ihm von 1815 bis 1826 den Posten eines österreichischen Generalkonsuls für Norddeutschland mit Sitz in Leipzig verschaffte. Hier betätigte sich Müller auch als Spion für Metternich und agierte vor allem gegen Friedrich List, den Begründer der Nationalökonomie in Deutschland. So denunzierte er List am 6. Dezember 1819 in einem Brief an Metternich wegen „revolutionären Umtrieben gefährlichster Art“.J. Baxa: Adam Müllers Lebenszeugnisse, 1966, Bd. 2, S. 340; siehe auch S. 318f. Der Historiker Günter Fabiunke kam zu dem Schluss, dass damit „Metternich der gefährlichste und zugleich hinterhältigste Feind Friedrich Lists in dessen Kampf um die wirtschaftliche und politische Einheit Deutschlands“ wurde.Günter Fabiunke, Zur historischen Rolle des Nationalökonomen Friedrich List (1789–1846). Ein Beitrag zur politischen Ökonomie in Deutschland, Berlin 1955, S. 241. Müller entwickelte zudem zahlreiche publizistische und politische (teils anti-preußische) Aktivitäten, unter anderem gab er von 1816 bis 1818 die „Deutschen Staatsanzeigen“ heraus. Als Diplomat agierte Müller jedoch weitgehend glücklos; seine Kritik des Reformationsjubiläums von 1817 führte zu ersten öffentlichen Auseinandersetzungen um seine Person, und nach dem von ihm nicht unbeeinflussten Übertritt des Herzogspaares von Anhalt-Köthen zum Katholizismus im Jahr 1825 konnte ihn Metternich nicht mehr halten. Müller wurde in den erblichen österreichischen Adel erhoben mit dem Prädikat „Ritter von Nitterdorf“Müllers Adelsdiplom war auf den 28. Januar 1826 datiert. Er hatte die Nobilitierung im August 1822 und Februar 1823 erbeten und im Juli 1826 eine Zusage erhalten, aber das von ihm gewünschte Prädikat „von Niederdorf“ wurde nicht genehmigt. Erwa im November fiel die Entscheidung für „Nitterdorf“; die Veröffentlichung war offenbar erst Anfang 1827. (Ausgewählte Abhandlungen 1921, S. 236 und 238f. sowie die Todfallsaufnahme S. 242; Allgemeines Repertorium der neuesten in- und ausländischen Literatur für 1827, 1. Band, 6. Stück [April 1827], S. 471f.) und 1827 nach Wien zurückberufen, wo er seine letzten Lebensjahre als Hofrat in der Hof- und Staatskanzlei arbeitete. Er starb knapp zwei Jahre später.

Der spätere deutsche Reichstagsabgeordnete Albert Ludwig von Haza-Radlitz war sein Stiefsohn und konvertierte unter seinem Einfluss ebenfalls zur katholischen Kirche.

Schriften Müller gilt als ein Hauptvertreter der Politischen Romantik. Sein Werk ist überwiegend durch einen aufklärerisch-romantischen Mischstil geprägt, der sich vor allem in seiner wirtschaftstheoretischen Schrift Elemente der Staatskunst niederschlägt. Er untersucht darin, wie wirtschaftlich starke Nationen ihren Reichtum für alle Gesellschaftsschichten nutzbringend anwenden und eine gerechte Weltordnung erzeugen können. Zentral ist dabei seine Kritik am Liberalismus und an den Schriften Adam Smiths. Philosophisch geht Müller von einer Gegensatzlehre aus – einer Art frühdialektischer Anschauung, die sich um die Gedanken der Vermittlung und des Ausgleichs dreht. Eine Auswahl:Seit Meusel/Ersch, Das gelehrte Teutschland, 18. Band 1821, S. 749, wird ein Werk Die Theorie der Staatshaushaltung und ihre Fortschritte in Teutschland und England seit Ad. Smith, 2 Bände 1812, aufgeführt. Das Werk ist nirgends nachgewiesen. Die Lehre vom Gegensatze. Erstes Buch. Der Gegensatz, von Adam Heinrich Müller. Berlin 1804. (Digitalisat) Vorlesungen über die deutsche Wissenschaft und Literatur, gehalten zu Dresden, im Winter 1806, von Adam H. Müller. Dresden o. J. (Digitalisat). 2. vermehrte und verbesserte Auflage, Dresden 1807 (Digitalisat). Von der Idee der Schönheit. In Vorlesungen gehalten zu Dresden im Winter 1807/8 durch Adam Müller. Berlin 1809. (Digitalisat) Von der Idee des Staates und ihren Verhältnissen zu den populären Staatstheorien. Eine Vorlesung von Adam H. Müller. Dresden 1809. (Digitalisat) Die Elemente der Staatskunst, von Adam H. Müller. 3 Theile. 1809 (Digitalisate) ( Bd. 1, Bd. 2). Ueber König Friedrich II und die Natur, Würde und Bestimmung der Preussischen Monarchie. Oeffentliche Vorlesungen, gehalten zu Berlin im Winter 1810, von Adam Müller. Berlin 1810 (Digitalisat). Versuche einer neuen Theorie des Geldes mit besonderer Rücksicht auf Großbritannien. Von Adam Müller. Leipzig und Altenburg 1816. (MDZ) (). Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland. Gehalten zu Wien im Frühlinge 1812 von Adam Müller. Georg Joachim Göschen, Leipzig 1816. (Digitalisat) Deutsche Staats-Anzeigen.Herausgegeben von Adam Müller. 3 Bände, 1816–1818. (Digitalisate) Sendschreiben an Herrn Carl Ludwig von Haller. In: Deutsche Staats-Anzeigen, II. Band, 1817, S. 147–167. Etwas, das Göthe gesagt hat. Beleuchtet von Adam Müller. Leipzig, den 31. Oktober 1817. [Herausgegeben von Hans Feigl im Januar 1910 in der Verlagsbuchhandlung Carl Konegen, Wien. Vgl. S. 17–24.] (Digitalisat).Vgl. dazu J. Baxa, Adam Müller, Lebensbild, 1930, S. 344–346, und W. T. Krug, Etwas, das Herr Adam Müller usw. 1817. Von der Nothwendigkeit einer theologischen Grundlage der gesammten Staatswissenschaften und der Staatswirthschaft insbesondere, von Adam Müller. Leipzig 1819. (Digitalisat) Vorschlag zu einem historischen Ferien-Cursus. Von Adam Ritter von Müller. Verlag der Mechitaristen-Congregations-Buchhandlung, Wien 1829. (Digitalisat) Adam Müller. Ausgewählte Abhandlungen. Mit einem Bildnis, einem Lebensabriß und bisher unveröffentlichten Briefen und Berichten Adam Müllers. Auf Grund archivarischer Forschungen und mit erklärenden Anmerkungen herausgegeben von Dr. Jakob Baxa. Gustav Fischer, Jena 1921 (Digitalisat). Adam Müller. Ausgewählte Abhandlungen. Mit erklärenden Anmerkungen herausgegeben von Dr. Jakob Baxa. Zweite, vermehrte und veränderte Auflage. Gustav Fischer, Jena 1931.

Literatur alphabetisch geordnet Hannah Arendt: Adam-Müller-Renaissance? In: Kölnische Zeitung. Literaturbeilage vom 13. und 17. September 1932. Jetzt wieder greifbar in englischer Übersetzung in: Dies.: Reflections on Literature and Culture. Stanford University Press, Stanford (California) 2007, ISBN 978-0-8047-4499-7, S. 38–45. Jakob Baxa: Adam Müller. Ein Lebensbild aus den Befreiungskriegen und aus der deutschen Restauration. Jena 1930. Jakob Baxa: Sophie von Müller (1775–1849). In: Unsere Heimat. Monatsblatt des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich und Wien. Jg. 29, 1958. Nr. 7/9, S. 131–150. (PDF) Jakob Baxa: Adam Müllers Lebenszeugnisse. 2 Bände. Schöningh, München/Paderborn/Wien 1966. Gisela von Busse: Die Lehre vom Staat als Organismus. Kritische Untersuchungen zur Staatsphilosophie Adam Müllers. Berlin 1928.

Alois Hartmann: Sinn und Wert des Geldes. In der Philosophie von Georg Simmel und Adam (von) Müller. Verlag für Wissenschaft und Kultur, Berlin 2003, ISBN 3-936749-53-1. Marie-Luise Heuser: Romantik und Gesellschaft. Die ökonomische Theorie der produktiven Kräfte. In: Myriam Gerhard (Hrsg.): Oldenburger Jahrbuch für Philosophie 2007. Oldenburg 2008, 253–277.