mini|272x272px|Unternehmensarchitektur des National Institutes of Health (NIH) c. 2008 Eine Unternehmensarchitektur () beschreibt ursprünglich das Zusammenspiel von Elementen oder Artefakten der geschäftlichen Tätigkeiten oder Geschäftsprozesse eines Unternehmens und der Informationstechnologie (IT). Entgegen ihrer Bezeichnung sind Unternehmensarchitekturen jedoch nicht auf Unternehmen beschränkt, sondern werden auch von Organisationen, Regierungen und dem Militär entwickelt und eingesetzt.

Sie unterscheidet sich von Begriffen wie Informationsarchitektur oder Softwarearchitektur durch den ganzheitlichen Blick auf die Rolle der IT im Unternehmen. Oft geht damit auch ein höherer Abstraktionsgrad einher. Die Unternehmensstrategie oder IT-Strategie ist dabei vorgegeben und wird in einer Initiative für eine Unternehmensarchitektur detailliert. Sie geht meist von der obersten Managementebene, d. h. dem Vorstand oder der Geschäftsleitung, aus.

Teilweise werden unter der Unternehmensarchitektur nur die Schlüsselprozesse und deren IT-Bedürfnisse verstanden. In diesem speziellen Fall wird diese von der Unternehmensführung ohne Einbindung der IT erstellt.Jeanne W. Ross, Peter Weill, David C. Robertson: Enterprise Architecture as a Strategy. Harvard Business School Press, Boston, Massachusetts 2006, ISBN 1-59139-839-8. Außerdem wird die Entwicklung der Strategie für das Unternehmen und der IT-Strategie Bestandteil der Unternehmensarchitekturentwicklung.

In den letzten Jahren hat sich der Begriff „Unternehmensarchitektur“ weiterentwickelt und wird im Zusammenhang mit einem komplexer werdenden Geschäftsumfeld auch für die Konstruktion bzw. das Design von formellen und informellen Unternehmensstrukturen verwendet. Die gezielte Kombination unterschiedlicher Beratungsfelder wie beispielsweise Veränderungsmanagement, Diagnostik, Unternehmenskulturentwicklung und Personalentwicklung unterstützen die Etablierung dieser Strukturen und fördern den nachhaltigen Unternehmensaufbau.

Aufgrund der Komplexität des Themas „Unternehmensarchitekturen“ werden Berater und Beratungsunternehmen häufig in Groß- oder multinationalen Unternehmen oder Konzernen eingesetzt, die sich mit diesem Thema beschäftigen.

Entstehungsgeschichte mini|Evolution einiger US-amerikanischer Unternehmensarchitekturen (bis 2003) Der Ursprung der Unternehmensarchitekturen liegt in den 1960er Jahren mit evolutionären Meilenstein des sogenannten Zachman Framework aus den 1980er Jahren. Es wurde 1987 von John Zachman veröffentlicht. Die Weiterentwicklung der Unternehmensarchitektur wurde in den folgenden Jahren vor allem durch das Militär und die Regierung der Vereinigten Staaten vorangetrieben: Auf Basis der Überlegungen von Zachman entwickelte das US-Verteidigungsministerium eine Unternehmensarchitektur, die 1994 unter der Bezeichnung Technical Architecture Framework for Information Management (TAFIM) vorgestellt wurde. 1996 verabschiedete der US-Kongress den Clinger-Cohen-Act, der alle US-Regierungsbehörden verpflichtet, die Effektivität ihrer IT-Investitionen zu erhöhen. Dies führte 1999 zur Veröffentlichung des Federal Enterprise Architecture Frameworks (FEAF), das seit 2002 zur Federal Enterprise Architecture weiterentwickelt wird. Aus TAFIM entwickelte die Open Group The Open Group Architecture Framework (TOGAF), das seit April 2022 in der Version 10 vorliegt. Das Thema verzahnt sich seit den 2010er Jahren außerdem mit der „digitalen Transformation“.

Definition mini|375x375px|Aufbau und Ebenen einer Vision einer Unternehmensarchitektur des Department of Energy (DOE), c. 1998 Es besteht keine allgemein anerkannte Definition des Begriffs Unternehmensarchitektur. Dennoch lassen sich aus den Gemeinsamkeiten der Definitionen Eigenschaften einer Unternehmensarchitektur ableiten.J. Leitel: Entwicklung und Anwendung von Bewertungskriterien für Enterprise Architecture Frameworks. Masterarbeit. Technische Universität München, Fakultät für Informatik, 2007. Ein Ansatz hierzu ist der ISO-Standard ISO/IEC/IEEE 42010, der allgemeine Anforderungen an eine Unternehmensarchitektur definiert. In diesem Standard wird Architektur als Beschreibung (Modell) der grundsätzlichen Struktur der Teile eines Systems sowie der Zusammenhänge zwischen den einzelnen Elementen verstanden. Auf dieser Grundlage wird zwischen zwei Typen der Unternehmensarchitektur unterschieden: Typ-1-Architekturen befassen sich mit der Beschreibung der Unternehmensarchitektur zu einem bestimmten Zeitpunkt (Momentaufnahme). Typ-2-Architekturen legen den Schwerpunkt auf den Prozess zur Weiterentwicklung der Unternehmensarchitektur.

Struktur zur Beschreibung der Unternehmensarchitektur Die Unternehmensarchitektur befasst sich mit der geschäftlichen Tätigkeit des Unternehmens und der Unterstützung dieser Tätigkeiten durch die Informationstechnologie (IT). Hierbei werden oftmals die folgenden Architekturbereiche betrachtet:

Geschäftsarchitektur: Die Geschäftsarchitektur betrachtet die Geschäftsprozesse und die Geschäftsobjekte des Unternehmens. Die Geschäftsprozessarchitektur ist das Ergebnis der Geschäftsprozessmodellierung. Informations- und Datenarchitektur: In der Informations- und Datenarchitektur werden die Daten mit ihren Beziehungen, die für die Durchführung der Geschäftsprozesse benötigt werden, identifiziert und beschrieben. Dies erfolgt in einem Modell und einer Darstellungsform, die stabil, vollständig, konsistent und für alle Beteiligten verständlich ist (vgl. Datenmodell). Die Informationsarchitektur repräsentiert Informationen, Informationsgruppen und deren Informationsbedürfnisse. Unter Informationsgruppen sind verschiedene Rollen zusammengefasst, die den gleichen Informationsbedarf haben (z. B. Controller). Anwendungsarchitektur: Innerhalb der Anwendungsarchitektur werden die Anwendungen verwaltet, die für die Ausführung der Geschäftsprozesse erforderlich sind. Neben der Bestandsführung aller Anwendungen werden auch die Beziehungen und Schnittstellen zwischen den Anwendungen im Rahmen der Anwendungsarchitektur betrachtet. Die Anwendungen werden anhand ihrer fachlichen Funktionalität und der durch sie verarbeiteten Informationen kategorisiert. Diese Kategorien sind relativ stabil. Die konkreten Anwendungen, die innerhalb der Kategorien zum Einsatz kommen, werden häufiger ersetzt. Dieser Wandel ergibt sich aus der technischen Weiterentwicklung und veränderten Anforderungen. Anwendungsarchitektur wird im deutschen Sprachraum auch mit Softwarearchitektur gleichgesetzt. Technologiearchitektur: Die Technologiearchitektur beschreibt die Architekturelemente für Aufbau und Betrieb der IT-Infrastruktur. Sie definiert die Basis, auf der Anwendungen beschafft, integriert und betrieben werden können.

Diese Basisarchitekturen können, je nach Sichtweise, um weitere Architekturen ergänzt werden. TOGAF ergänzt beispielsweise die Sicherheitsarchitektur (Beschreibung der Sicherheitsprozesse, Sicherheitssysteme und die Aufgaben der beteiligten Organisationseinheiten mit der die für die Organisation geeignete Informationssicherheit erreicht wird) und die Betriebsarchitektur (Betrieb und Verwaltung der Software, Hardware und Kommunikationsinfrastruktur).

Prozess zur Weiterentwicklung Die Struktur kann zur Darstellung des aktuellen (Ist-Architektur) oder eines angestrebten zukünftigen Zustandes (Soll-Architektur) der Unternehmensarchitektur genutzt werden. Die Weiterentwicklung der Unternehmensarchitektur, aus dem IST zum SOLL, ist ein Kreislauf.Ronny Fischer: Organisation der Unternehmensarchitektur. Entwicklung der aufbau- und ablauforganisatorischen Strukturen unter besonderer Berücksichtigung des Gestaltungsziels Konsistenzerhaltung. Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2008, ISBN 978-3-8300-3770-5. (zgl. Dissertation Universität St. Gallen) Sie weist eine Verwandtschaft zum ISO-9000-Qualitätsprozess auf. Als erster Schritt wird die Soll-Architektur aus Geschäfts- und IT-Strategie abgeleitet. Nächster Schritt ist die Planung, Konzeption und Umsetzung von Projekten für die Transformation der Ist-Architektur. Anschließend werden die Ergebnisse kontrolliert. Sobald sich die Geschäfts- oder die IT-Strategie verändert, ist ein erneuter Durchlauf des Kreislaufes zur Aktualisierung der Unternehmensarchitektur erforderlich. Für die weitere Detaillierung können die Ansätze der einzelnen Enterprise Architecture Frameworks genutzt werden (vgl. Architecture-Development-Methode (ADM) aus dem TOGAF).

Ziele Eine Unternehmensarchitektur soll die Ausrichtung der Unternehmens-IT an den Geschäftszielen sicherstellen. Sie stellt die einzelnen Architekturen und deren Zusammenhänge dar, um die Komplexität beherrschbar zu machen. Dadurch soll die Unternehmens-IT beweglicher werden. Außerdem sollen IT-Investitionen besser bewertet und unnötige Investitionen vermieden werden können. Ferner kann die Unternehmensarchitektur zur Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern dienen. Insbesondere bei Fusionen und Übernahmen – aber auch bei der Aufteilung eines Unternehmens in mehrere Unternehmen – können Unternehmensarchitekturen wertvolle Dienste leisten und Zeit und Geld sparen.

Ein weiteres Ziel der Unternehmensarchitektur besteht in der Standardisierung der Komponenten in IT-Systemlandschaften. Dadurch kann eine erhöhte Kompatibilität der Komponenten zueinander und eine reduzierte Time To Market für neue oder angepasste Services und Lösungen geschaffen werden. Im Ergebnis können umfassende Unternehmenstransformationen schneller erreicht werden. Weitere Ziele bestehen in einem besseren Erkennen von Abhängigkeiten und dem Reduzieren von Redundanzen einzelner Komponenten und Bausteine. Da die Unternehmensarchitektur auch indirekte Zusammenhänge und die Analyse möglicher Auswirkungen von Entscheidungsalternativen ermöglicht, wird die Entscheidungsfindung verbessert.

Der Unternehmensarchitekturprozess soll Wert schöpfen für alle Beteiligten, was von vielen Methoden leider nicht berücksichtigt wird. Kluge, Dietzsch und Rosemann liefern einen Ansatz, wie diese Wertrealisierung gemessen werden kann.

Ergebnisse Zu den Ergebnissen der aufgestellten Unternehmensarchitektur zählen: Darstellung der Organisation oder des Unternehmens in geeigneten Modellen als ein Teil einer ganzheitlichen Unternehmensabbildung. Dokumentation von Prinzipien der Unternehmensarchitektur. Es handelt sich hier um Prinzipien auf höchster Ebene, welche die Grundzüge der Architektur bestimmen. Es sollten so wenig Prinzipien wie notwendig verwendet werden, da sonst die Architekturentwicklung behindert bzw. unmöglich wird. Die Architekturprinzipien beschäftigen sich nicht mit konkreten Technologien oder Anwendungen. Einheitliches Vokabular für die Benennung der Bestandteile der Unternehmensarchitektur. Eine Untersuchung der Auswirkungen auf die Ziele von Organisationen und Unternehmen wurde von Fachleuten durchgeführt.

Rahmenwerke Sogenannte Enterprise Architecture Frameworks (EAF) dienen der Modellierung und der Entwicklung einer Unternehmensarchitektur. Sie bilden die Grundlage für die Ableitung oder Instanziierung einer konkreten Unternehmensarchitektur. Je nach Framework liegt der Schwerpunkt auf der Strukturierung (durch Beschreibung eines Architektur-Referenzmodells) oder Entwicklung (durch Anführung eines Vorgehens-Referenzmodells) der Unternehmensarchitektur. Diese eigenständigen EAF werden durch sogenannte Add-On Frameworks in ihrer Anwendung ergänzt. Zu den Add-On Frameworks zählt bspw. das Department of Defense Joint Technical Architecture (DoD JTA), welches Standards, Schnittstellen und Dienste liefert, die den Informationsfluss bei Implementierungen vereinfachen sollen. Das OMB Enterprise Architecture Assessment Framework (EAAF) unterstützt bei der Bemessung und Bewertung einer Enterprise Architecture Bestrebung.