Warten auf Godot (französischer Originaltitel: En attendant Godot) ist ein Theaterstück von Samuel Beckett, dessen Thema die ausbleibende moralische Reaktion der europäischen Gesellschaften auf die doppelte Katastrophe von Holocaust und Zweitem Weltkrieg ist. Dieses vergebliche Warten wurde verkürzt als Inbegriff eines absurden Theaters verstanden.
„Das Stück war einer der größten Erfolge der Nachkriegszeit und die Faszination, die von diesem Stück ausgeht, ist bis heute nahezu ungebrochen.“Kindlers neues Literatur-Lexikon. Studienausgabe, Kindler 1996, siehe Literatur, S. 377. Becketts Weltruhm beruht nicht zuletzt auf diesem Theaterstück, dessen Titel inzwischen international zur Redewendung wurde, die – dem Stück nicht folgend – einen unausweichlichen, existentiellen Zwang zu vergeblichem Warten behauptet.Der Dialog habe nur die Funktion, „das scheinbar Evidente, nämlich das Warten, zu registrieren und die Langeweile dieses Wartens erträglich zu machen. (…) [Es] wird kein Ausweg aus der problematischen Situation der Wartenden gefunden.“ Kindlers neues Literatur-Lexikon. Studienausgabe, Kindler 1996, siehe Literatur, S. 377.
Beckett hat es im Herbst 1948 begonnen, Anfang 1949 fertiggestellt und 1952 publiziert. Nachdem er lange vergeblich nach einer Aufführungsmöglichkeit gesucht hatte, wurde es schließlich am 5. Januar 1953 vom Théâtre de Babylone in Paris uraufgeführt. Regisseur der Premiere war Roger Blin, der selbst als Pozzo mitspielte. Die Aufführung war überraschend erfolgreich und verhalf Beckett zu seinem Durchbruch als Autor. Die erste Inszenierung im deutschsprachigen Raum (Übersetzung mit kleinen inhaltlichen Änderungen von Elmar Tophoven in Abstimmung mit Beckett) fand am 8. September 1953 im Schlosspark Theater in Berlin unter der Regie von Karl Heinz Stroux statt. 1955 kam Becketts englischsprachige Fassung des Stückes als Waiting for Godot in London auf die Bühne.Vgl. Hubert Zapf und Martin Middeke: Samuel Beckett und das absurde Theater. In: Hans Ulrich Seeber (Hrsg.): Englische Literaturgeschichte. 5., erw. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-476-02421-3, S. 424–426, hier S. 424, sowie
Übersicht mini|Jorge Petraglia, Roberto Villanueva, Leal Rey (Revista Teatro in Buenos Aires, 1956) Die Landstreicher Estragon und Wladimir warten schon den zweiten Tag auf eine Antwort des ihnen nur vage bekannten Godot. Diese sie in „Bittsteller“ verwandelnde Anfrage blockiert alle Versuche des Weggehens und der Neuorientierung: „Nichts zu machen!“ Weil vor allem Estragon an dem ereignislosen Nichtstun so zu leiden beginnt, dass er mehr als zehnmal den Wunsch äußert, das Warten abzubrechen, vertreiben sich die beiden mit einer Reihe von Spielen die Zeit.
Auch am zweiten Tag erscheint ein Junge als Bote Godots, der ihnen mitteilt, Godot werde nicht heute, bestimmt aber morgen kommen. Ihr hoffnungsvolles Warten wird durch den Auftritt eines Herrn Pozzo und seines Dieners Lucky unterbrochen, die zeitweilig für Abwechslung sorgen. Das Stück endet mit dem nicht endenden Warten.
Aspekte des Inhalts
Verantwortungsverweigerung und moralische Inkonsequenz mini|Vladimir und Estragon (Indien, 2010) Neben das titelgebende symbolische Warten, den Verlust an Initiative, treten im ersten und vor allem zweiten Akt andere Themen von allgemeiner Relevanz: die Gewalt auf der Straße, die Ausbeutung anderer und vor allem der Tod von Millionen Menschen, deren Asche und Gebeine die Überlebenden zu einer Reaktion auffordern.Diese Schlüsselstelle des Stücks wird von Esslin (siehe Literatur, S. 45) so interpretiert, dass hier die Stimmen „nach den Geheimnissen des Seins und des Ich fragen“ und die beiden Landstreicher vor dem Leiden und der Angst fliehen, „die aus der Konfrontation mit der Wirklichkeit menschlicher Existenz entspringen“ – ein Zusammenhang mit dem hier offenbar gemeinten Holocaust und den Opfern des Zweiten Weltkriegs (die Millionen Tote, das Rauschen ihrer Asche…) wird nicht gesehen. Vor allem durch Letzteres fühlen sich Estragon und Wladimir stellvertretend für die ganze Menschheit angesprochen: „An dieser Stelle und in diesem Augenblick sind wir die Menschheit, ob es uns passt oder nicht.“ Dieser Hinweis auf eine globale christliche Verantwortung wird mehrmals von Estragon in den Gesprächen erwähnt. Damit präzisiert er das Ziel ihres Wartens: eine moralische Antwort der Zivilisation auf Massenmord und Krieg.
Um der Reflexion über die Ursachen der Katastrophen und der damit verbundenen Verantwortung zu entgehen, erfinden Estragon und Wladimir nun eine Reihe von Spielen, die ihre Erinnerung an die Gräuel zerstreuen und ihre Denk- und Empathieverweigerung kaschieren: das An- und Ausziehen der Schuhe, das schnelle Tauschen ihrer Hüte, das Nachahmen von Pozzo und Lucky, die wechselseitige Beschimpfung – und dann wieder die Bekräftigung ihrer Freundschaft, dann Leibesübungen, dann die Suche nach Namen …Esslin subsumiert diese Denk-Verhinderungs-Spiele als „Ulk“, Wladimir und Estragon seien „Partner in einem Komiker-Duett.“ (Siehe Literatur, S. 33) Das Bühnengeschehen ist für die beiden Figuren an der Oberfläche ein aktives Warten aus tödlicher Langeweile, Kindlers Literatur-Lexikon kommentiert: „Der Dialog ist aller Funktionen entkleidet (…) er entwickelt keine ethischen oder politischen Reformprogramme, er bietet keine Deutung der Probleme menschlicher Existenz an.“ Kindlers neues Literatur-Lexikon. Studienausgabe, Kindler 1996, siehe Literatur, S. 377. darunter aber die Verdrängung moralischer Konsequenzen nach dem massenhaften Tod. In einem kurzen Moment der Erleuchtung kann Wladimir daher irritiert fragen, ob die Zerstreuungsspiele „unseren Verstand vor dem Untergang“ bewahren oder ihn, im Gegenteil, in eine moralische „Nacht unergründlicher Tiefen“ führen.Beckett: Warten auf Godot. S. 84.
Auch die Detailanalysen zeigen deutlich den Kern des Stücks, der Becketts Intentionen nicht nur über den gesprochenen Text vermittelt, sondern auch über Haltung und Verhalten der Figuren. Esslin zitiert beispielsweise eine Dissertation über Beckett, in der „nicht weniger als fünfundvierzig Szenenanweisungen“ im Stück aufgezählt werden, in denen „eine Figur die aufrechte Haltung, das Symbol der menschlichen Würde, verliert“, so dass diese Wiederholungen den Widerspruch von Anspruch und Wirklichkeit betonen.Esslin, siehe Literatur, S. 33. Auch eine sich wiederholende winzige Handlungssequenz verweist auf dieses Thema: Beckett lässt seine Figuren sechs Mal das Ende des Wartens vereinbaren, das sie dann, performativ widersprüchlich, nicht umsetzen: „Wir gehen? – Gehen wir! Sie gehen nicht von der Stelle.“Beckett: Warten auf Godot, S. 99; ebenfalls 13, 46, 51, 59, 71. Indem die beiden Landstreicher sich mehrfach eine Handlung versprechen, die sie sofort nicht ausführen, wird ihr Bühnenauftritt zu einer Allegorie zivilisatorischer Inkonsequenz: Hier versagt die von ihnen repräsentierte Menschheit bei der Einlösung ihrer moralischen Verpflichtung, auf millionenfachen Tod und Massenmord zu reagieren. Das mit dem Stück populär verbundene unaufhörliche Warten ist nur die äußerste Schicht des moralischen Versagens bei der Antwort der Menschheit auf den Holocaust.
Scheitern der Intellektuellen mini|Warten auf Godot, Festival d’Avignon, 1978 Auch der Landbesitzer Pozzo, der später mit seinem Diener-Sklaven Lucky vorbeizieht, unterstreicht die ethische Dimension der Handlung. Pozzo ist ein reicher Tyrann, der sich Lucky, den angeblich „Glücklichen“, als Lastenträger und „Hofnarren“ hält.Beckett: Warten auf Godot. S. 37: „Früher hatte man Hofnarren. Heutzutage hat man Knucks. Wenn man es sich leisten kann.“ Pozzo treibt seinen mehrfach als „Schwein“ angesprochenen und mit Koffern schwer beladenen Diener im ersten Akt wie einen entkräfteten Packesel an einem Strick um den Hals vor sich her, lässt ihn auf Kommando apportieren und tanzen. Mit knallender Peitsche fordert er gleichsam als Höhepunkt seiner Darbietungen Lucky dazu auf, „laut zu denken“. Was dabei herauskommt, ist ein wirrer Monolog über das „Abmagern“, das „Kleiner-Werden“, das Steckenbleiben und das „Unvollendete“ der Intellektuellen. Bei ihrem späteren Auftritt im zweiten Akt, nach einem Zeitsprung, ist Pozzo inzwischen blind und Lucky stumm geworden – mit ihrer Hinfälligkeit personifizieren sie die Auszehrung eines gesellschaftlichen Systems der Unterdrückung und Affirmation.
Deutungen Moralische Interpretation mini|Warten auf Godot, Festival d’Avignon, 1978 Eine plausible Interpretation muss die Textur der Wiederholungen – das Warten auf die Erfüllung eines Versprechens, Estragons Vergesslichkeit, die Spiele-Sequenz, die gebeugten Haltungen und die folgenlosen Bewegungsankündigungen – kohärent verbinden können, sonst wäre sie gescheitert. Im Kern ist daher in Warten auf Godot das Thema die Doppelstruktur der Selbstfesselung: An der Oberfläche geht es einer Verabredung wegen um die Fortsetzung eines unbefristeten Wartens durch die Erfindung mehrerer Spiele. Auf der Ebene darunter, beim Blick auf den wiederholt angesprochenen Holocaust und Zweiten Weltkrieg, geht es darum, die eigenen moralischen Ansprüche zu überspielen und den christlichen Fragen nach den Ursachen millionenfachen Sterbens auszuweichen.
Was im ersten Fall noch als Clownerie oder „absurdes Theater“ zweier Landstreicher erscheint, wird im zweiten Fall zur Kritik an der moralischen Verweigerung einer Welt, sich rückblickend mit ihren Traumata zu beschäftigen und an der Verhinderung der nächsten zu arbeiten. Daher ist auch die das Stück eröffnende und mehrfach wiederholte Formel „Nichts zu machen“ doppeldeutig: An der Oberfläche drückt sie resignierend ein Wir können nichts machen! aus, die Unmöglichkeit, Godots Antwort zu beschleunigen. Auf der darunter liegenden Ebene wird daraus ein Wir sollten nichts machen!, die einverständige Aufforderung, den Ursachenfragen und der humanen Verantwortung nicht weiter nachzugehen. Ohne diesen doppelten Blick wird die moralische Kritik Becketts unsichtbar im rein Absurden.
Historische Interpretation Die Entstehung des französischen Originals und der Originaltext stützen eine „moralische“ Interpretation: In einer frühen Manuskriptfassung trug die Figur Estragons den Namen „Levy“ und im französischen Original gibt es mehrere Ortsbezeichnungen, die sich auf jüdische Einrichtungen in Paris beziehen.Vergleiche Temkine (siehe Literatur). Diese sind in der mit Beckett abgestimmten deutschen Übertragung nicht mehr zu erkennen. Dennoch nähert sich der in Warten auf Godot dramatisch gestaltete moralische Vorwurf auch in der deutschen Fassung der später so genannten „zweiten Schuld“, die Ralph Giordano im Verdrängen und Leugnen der „ersten Schuld“ sah, der im Kontext des Nationalsozialismus begangenen Verbrechen. Der Godot des Titels wird dann mit Verweis auf das englische Wort God und die französische Diminutiv-Endung -ot als kleiner Gott, als des Menschen besseres Ich, gedeutet, auf dessen Ankunft der Mensch vergeblich hofft. Im Kontext der „moralischen Interpretation“ personifiziert Godot sowohl die Verheißung der moralischen Verantwortung als auch ihre Korruption.Matthias Heine: Die Nazis und die Wahrheit über Becketts Godot. In: Die Welt vom 20. Juni 2008, S. 21.