mini|Die Große Synagoge in Pilsen
Die Geschichte der Juden in Tschechien (einschl. der historischen Länder Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien) begann etwa im 10. Jahrhundert. Die bedeutendste Gemeinde war von Beginn an in Prag, jüdische Gemeinden bildeten sich aber in vielen Städten und Dörfern, wovon bis heute zahlreiche ehemalige Synagogen, jüdische Friedhöfe und andere Baudenkmäler in Tschechien zeugen. Im Lauf der Jahrhunderte erlebte die jüdische Minderheit in den böhmischen Ländern Zeiten der Prosperität und der Verfolgung, bis sie im 19. Jahrhundert volle Gleichberechtigung erlangte. Ein Großteil der jüdischen Bevölkerung wurde während der deutschen Besatzung von 1939 bis 1945 im Holocaust ermordet. Heute leben nur noch etwa knapp 4000 Juden in Tschechien.Martin Wein: History of the Jews in the Bohemian Lands. Brill, Leiden 2015 (Table of Contents).
Mittelalter Erste jüdische Ansiedelungen Jüdische Kaufleute sind in Böhmen um die Mitte des 10. Jahrhunderts belegt. Es handelte sich vor allem um Sklavenhändler. Der spanische Jude Ibrahim ibn Jaqub besuchte nach 960 mehrmals Böhmen und beschrieb in seinen Reiseberichten die Städte und den Handel. Neuere Fachliteratur sieht den Sklavenhandel neben der Kriegsbeute als eine der wichtigsten Einkommensquellen der böhmischen Fürsten.Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců. Vstup Čechů do dějin (530–935). Nakladatelství Lidové noviny, Prag 1997, ISBN 80-7106-138-7, S. 350. Bis in die Mitte des 10. Jahrhunderts wurden Menschen vor allem aus den böhmischen Expansionsgebieten in Kleinpolen mittels jüdischer Kaufleute an arabische Märkte geliefert.
Eine jüdische Ansiedlung in Böhmen wird erstmals zum Jahr 1091 in Prag in der Chronica Boemorum erwähnt. Cosmas von Prag beschreibt in diesem Werk die Juden als sehr wohlhabend. Sie waren in der Prager Vorburg und in der Vyšehrad-Straße angesiedelt (in suburbio Pragensi et vico Wissegradensi), es sind also im Prager Becken mindestens zwei jüdische Siedlungen anzunehmen. 1098 wanderte ein Teil der jüdischen Bevölkerung nach Polen und Ungarn aus. Der Fürst, welcher die Juden als sein Eigentum betrachtete, ließ diese von seinen Leuten berauben. Josef Žemlička bezeichnet diesen Vorfall als erstes staatlich organisiertes Pogrom in Böhmen. Die jüdischen Kaufleute hatten bis in das 11. Jahrhundert eine starke Handelsposition in Böhmen, danach wurden sie allmählich durch deutsche Kaufleute verdrängt. Rund 200 Jahre nach der Christianisierung Tschechiens entwickelte sich Antijudaismus. Zu Beginn des 12. Jahrhunderts wurden die Juden verfolgt und der Zwangstaufe unterworfen.
mini|hochkant|Judentor der Festung Olmütz Prag war das jüdische Zentrum in Böhmen. Erst im 13. Jahrhundert entstanden durch die Entwicklung der Städte Voraussetzungen für eine weitere Ausbreitung von jüdischen Ansiedlungen in anderen Teilen Böhmens. Hier sind vor allem die Städte Teplice, Ústí nad Labem und Most als die wichtigsten Ansiedlungen nach Prag zu benennen.Josef Žemlička: Čechy v době knížecí (1034–1198). Nakladatelství Lidové noviny, Prag 1997, ISBN 80-7106-196-4, S. 212 f.
Zwischen fürstlichem Schutz und Verfolgungen mini|hochkant|links|Statuta judaeorum aus dem 13. Jh.
In den Jahren 1174–78 wurde das erste belegbare Privileg von Soběslav II. erlassen. Das Privilegium Statuta judaeorum von Ottokar II. Přemysl (1253–1278) erkannte den Juden weitere Bürgerrechte zu. In diesem Privilegium wurde es Christen verboten, Juden zu schlagen oder gar zu morden. Weiters wurde auch das Zerstören von Gräbern und Synagogen geahndet. Solche Schutzbestimmungen ermöglichten eine jüdische Existenz. 1270 wurde die frühgotische Altneu-Synagoge erbaut, die seither das religiöse Zentrum der jüdischen Gemeinde in Prag ist.
mini|Darstellung von Israeliten mit Judenhut in der Velislaus-Bibel (14. Jh.) Von 1310 bis 1346 begann für die Juden wieder eine Schreckensherrschaft unter König Johann von Böhmen. 1336 ließ er jüdische Einrichtungen plündern und Juden einsperren, die sich jedoch mit einem Lösegeld wieder freikaufen konnten. Erst unter Karl IV. (1316–1378) hatten die Juden wieder einen gewissen Schutz. Jedoch zwang die Kirche Karl IV. zu einer Anordnung, welche Juden in der Öffentlichkeit den hohen Judenhut tragen ließ.
1389 kam das Gerücht auf, dass ein Priester im Prager Ghetto ausgelacht und gesteinigt wurde. Dieses Gerücht mussten 3000 Juden mit ihrem Leben bezahlen. Es wurden auch jüdische Häuser zerstört und niedergebrannt. Erst vier Jahre später erweiterte Wenzel IV. die Privilegien von Ottokar. König Wenzel IV. bestrafte auch die Übeltäter mit hohen Geldstrafen, welche wiederum zum Teil an die Geschädigten ging. 1410 bestätigte er durch eine Verordnung der jüdischen Gemeinde in der Prager Neustadt den jüdischen Friedhof. Allerdings behielt der König den größeren Teil der Geldstrafen und auch fast alle geraubten Gegenstände selbst.
Die Hussitenkriege brachten neuerliche Unsicherheit. Zwar lockerten sich einige Einschränkungen für Juden, sie waren jedoch auch weniger vor Vertreibung und Pogromen geschützt. 1421 siedelten sich aus Wien und Niederösterreich vertriebene Juden in Südmähren an.
Frühe Neuzeit mini|Der Alte Jüdische Friedhof in Kolín, 1418 gegründet Unter der Regentschaft Georgs von Podiebrad (1458–71) und der Jagiellonen (1471–1526) kamen erneut antijüdische Gesetze auf. Danach fiel Böhmen an die Habsburger und die Juden blieben weiter rechtlos. 1543 kam es zu einer Massenflucht der Juden. Danach war Prag die einzige jüdische Gemeinde in Böhmen und dort wurden die Juden auf der linken Brustseite der Oberbekleidung mit gelbem Stoff gekennzeichnet. Erst als Rudolf II. 1576 den Thron bestieg, wurde es im Prager Ghetto ruhiger. In dieser Zeitspanne trat auch Rabbi Löw in Prag in Erscheinung.
Es herrschte ein Konflikt zwischen den christlichen Konfessionen. Rudolf II. sicherte den nichtkatholischen Ständen 1609 Religionsfreiheit zu. 1618 kam es zum Prager Fenstersturz. Dies war der Beginn des Aufstandes böhmischer Protestanten gegen die katholischen Habsburger und gilt als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges. 1620 kam es zur Schlacht am Weißen Berg, wo die böhmischen Stände als Verlierer hervorgingen. Kurz darauf kam es zur Plünderung des Prager Ghettos. Karl von Liechtenstein wurde neuer Statthalter und 1627 brachten die Habsburger eine neue Verfassung heraus. Durch die Rebellion verlor das tschechische Volk sämtliche Rechte und Freiheiten. Den Juden wurden unter Statthalter Karl von Liechtenstein mehr Rechte zugesprochen. Zwischen 1623 und 1627 durften sie sich Häuser außerhalb des Ghettos kaufen und er erweiterte ihre Handelsfreiheit. Zehn Jahre später stiegen jedoch die Steuern und durch die hohen Forderungen, eine Pestepidemie, sowie verschiedene Kämpfe verarmten fast alle jüdischen Gemeinden.
Das Prager Ghetto litt schwer unter dem Artilleriebeschuss durch die schwedischen Belagerer Prags im Jahr 1648, wodurch zahlreiche Häuser beschädigt wurden und etliche Menschen ums Leben kamen. Die jüdische Bevölkerung beteiligte sich stark an der Verteidigung der Stadt. Neben Wachdiensten, darunter der Stellung der Brandwache, leistete sie große Abgaben an Steuern und Naturalien, die fast ihr gesamtes Vermögen aufzehrte. Die Juden lieferten unter anderem Getreide und organisierten Nachschub an Pulver und Waffen. Als Anerkennung wurde der jüdischen Gemeinde von Kaiser Ferdinand III. das Führen eines eigenen Wappens in Form eines Davidsterns mit schwedischem Hut zugestanden. Die Gemeinde feierte den Westfälischen Frieden Ende 1648 mit Freudenfeuern und einem feierlichen Umzug. Wenige Monate später kam es im April 1649 allerdings zu einer erneuten Seuchenepidemie in der Stadt. Zu diesem Zeitpunkt lebten kaum noch mehr als 2000 Menschen im Prager Ghetto.Claudia Reichl-Ham: Zur Beteiligung der Juden an der Verteidigung Prags im Jahr 1648 aus der Sicht zeitgenössischer jüdischer Autoren. In Claudia Reichl-Ham, Jan Kilián, Jenny Öhman (Hrsg.): „15 Wochen lang bey Tag und Nacht von denen Schweden belägert“: Das Tagebuch des Johann Norbert Zatočil von Löwenbruck zur Belagerung von Prag durch die Schweden im Jahr 1648. Heeresgeschichtliches Museum Wien 2022. ISBN 978-3-902551-98-6. S. 416–420.
mini|hochkant|links|Interieur der Šach-Synagoge in Holešov Von 1670 bis 1708 stieg die jüdische Bevölkerung wieder an. Grund dafür war die Vertreibung der Juden aus Wien und Ungarn.
Dessen ungeachtet verlor die jüdische Gemeinde in Prag 3500 Juden durch eine weitere Pestepidemie und 1689 gab es in der Altstadt einen Brand, der sich auf das Ghetto ausbreitete. Es wurden 318 Häuser und 11 Synagogen zerstört. Sechs Synagogen konnten durch die Unterstützung ausländischer Juden wieder errichtet werden.
Prag wuchs Ende des 17. Jahrhunderts zu einer der wichtigsten Judengemeinden der damaligen Zeit. 1726 wurden die Juden erneut durch die Familiantengesetze Karls VI. unterdrückt, indem man die jüdische Bevölkerungszahl und ihren Wohnort regelte. Deshalb flohen viele Juden wieder nach Westungarn und Polen.
Als 1744 der Zweite Schlesische Krieg ausbrach, wurden die Juden beschuldigt, das preußische Heer bei der Besetzung Prags zu unterstützen. Nachdem die Besetzung am 16. November 1744 ihr Ende gefunden hatte, wurde kurz darauf das Ghetto der Stadt überfallen. Am 18. Dezember ließ Maria Theresia (1717–1780) alle Juden aus Prag (bis Januar 1745) und Böhmen (bis Juni) ausweisen, trotz der Warnungen ihrer Berater über die negativen Folgen für die Wirtschaft der Stadt. 1745 vertrieb sie auch die Juden aus dem eroberten Teil Schlesiens. Schon für ihre Zeitgenossen war der Judenhass Maria Theresias nicht rational, sondern nur religiös erklärbar: Juden galten als Christusmörder, als geborene Feinde der Christen, die diesen zu schaden suchten, wo sie nur könnten. In diesem Fall, weil sie angeblich den Feind Preußen unterstützten, was Motiv für den Ausweisungsbefehl war. Die Juden durften ihren Besitz nicht mitnehmen, sondern mussten ihn verkaufen. Die Käufer nutzten die Not der Juden aus und bezahlten nur einen Bruchteil des Wertes. Nach der Vertreibung organisierten die Juden in Europa eine Kampagne der Unterstützung. Adlige und sogar der Papst appellierten an Maria Theresias christliches Mitgefühl. Letztlich überzeugen sie ökonomische Gründe, den Ausweisungsbefehl zurückzunehmen. Denn die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Prag war ein wirtschaftlicher Rückschlag. Die Wirtschaft des wichtigsten Kronlandes Böhmen brach zusammen, die Auswirkungen waren bis ins Heilige Römische Reich zu spüren. 1748 zog Maria Theresia ihren Befehl zurück und gewährte den Juden einen befristeten Aufenthalt von zehn Jahren in Böhmen. Zusätzlich mussten die ins zerstörte Prager Ghetto zurückkehrenden Juden eine jährliche Steuer bezahlen. Wegen dieser enorm hohen Steuern und eines erneuten Großbrandes in Prag verschuldete sich die jüdische Gemeinde.
Aufklärung mini|hochkant|Altneu-Synagoge und Jüdisches Rathaus in Prag, Gemälde von Václav Jansa Durch das 1782 erlassene „Toleranzpatent“ von Kaiser Joseph II. (1741–1790) stand auch den Juden eine gewisse Religionsfreiheit zu. Das Zeitalter der Aufklärung brachte zudem viele Veränderungen im Handel, der Produktionsformen und der alten sozialen bzw. gesellschaftlichen Strukturen mit sich. Die daraus resultierenden Vorteile waren auch für die jüdische Bevölkerung spürbar. Durch die ablehnende Haltung der Habsburger gegenüber den Juden wurden diese allerdings gezwungen, bürgerliche Namen anzunehmen. Außerdem wurden die von Maria Theresia veranlassten Sondersteuern von ihrem Sohn, Joseph II., keineswegs aufgehoben.