Le Chambon-sur-Lignon [] ist eine französische Stadt mit Einwohnern (Stand ) im Département Haute-Loire in der Region Auvergne-Rhône-Alpes.
Das hugenottische Städtchen auf dem Hochplateau der Cevennen im Zentralmassiv am Flüsschen Lignon du Velay wurde bekannt durch die Hilfe seiner Einwohner für die von den Nationalsozialisten und dem Vichy-Regime bedrohten Juden.
Geschichte Ab dem Jahr 1530 verbreitete sich, vom Vivarais her, im Velay der Protestantismus. Mit dem Edikt von Nantes wurde den Protestanten des Velay die Einrichtung von zwei Kultstätten gestattet, davon eine in Le Chambon. Die Religionsfreiheit wurde durch das Edikt von Fontainebleau 1685 widerrufen. Bereits in den 1670er Jahren waren die Protestanten Dragonaden ausgesetzt; später wurden ihre Gottesdienste verboten und ihre Kirchen zerstört. Trotz der Unterdrückung hielt sich der protestantische Glaube, außerhalb des Orts wurden in der Wildnis von illegalen Pfarrern weiterhin Andachten zelebriert.
Im 19. Jahrhundert durfte der Glaube wieder gelebt werden. Im Herzen von Le Chambon wurde eine neue protestantische Kirche („Temple“) errichtet.In Frankreich werden protestantische Kirchen als Temples bezeichnet Der 1893 gegründete Verein L’Œuvre des Enfants à la Montagne holte Kinder aus Industriestädten für einen Aufenthalt an gesunder Luft in den Ort. 1902 wurde mit der Bahnstrecke La Voulte-sur-Rhône–Dunières eine schmalspurige Eisenbahnverbindung in Richtung Saint-Etienne eröffnet; an dieser erhielt das Dorf den Bahnhof Le Chambon – Mazet, was ihm einen Zustrom an Touristen bescherte. Es entstanden Hotels und Kinderheime. Diese Infrastruktur ermöglichte es 1939, Bürgerkriegsflüchtlinge aus Spanien aufzunehmen.Histoire bei ville-lechambonsurlignon.fr, abgerufen am 22. Mai 2021. Am 1. November 1968 wurde der Bahnverkehr eingestellt, seit 1994 verkehrt auf der Strecke die Museumsbahn Velay-ExpressBericht der Eisenbahn-Romantik; abgerufen am 5. April 2024..
Ort und Region der Zuflucht mini|Protestantische Kirche („Temple“) mini|links|Von den geretteten Juden initiierte Gedenktafel am Schulhaus mini|Bahnhof Le Chambon – Mazet (um 1910) mini|„Cercle de silence“ als Protest gegen das französische Einwanderungsgesetz auf der Place du Marché (2010)
Auf Initiative des Pastors André Trocmé mit seiner Frau Magda, des Pastors Edouard Theis und anderer Bürger nahmen von 1942 an die Einwohner Geflüchtete aus Internierungslagern und Juden auf. Auch in Gottesdiensten wurden gemeinsam Fluchtmöglichkeiten aus den Lagern sowie die Unterbringung und Versorgung geplant. Die Geflüchteten wurden in den Häusern der Bewohner, in den Bauernhöfen der Umgebung und in öffentlichen Gebäuden untergebracht. Es gab ein Helfernetzwerk, eine Verschwörung des Schweigens und keine Denunziationen. Wenn Patrouillen der Deutschen anrückten, wurden die Geflüchteten außerhalb des Ortes versteckt. Nach Abzug der Patrouillen sangen die Einwohner in den Wäldern ein bestimmtes Lied, um anzuzeigen, dass die unmittelbare Gefahr vorüber sei.
Unter anderem hatte das Comité inter mouvements auprès des évacués – Service œcuménique d’entraide (CIMADE) im Ort das Hotel „Coteau Fleuri“ als Maison d’accueil angemietet. Dort wurden im Juli 1942 fünfunddreißig bisherige Gefangene aus dem Camp de Gurs untergebracht. Sie mussten im August weiter fliehen.Jeanne Merle d’Aubigné, Violette Mouchon, Émile C. Fabre (Hrsg.): Les clandestins de Dieu. Cimade 1940–1944. Fayard, Paris 1968, S. 75, 112ff. Neuausgabe Labor & Fides, 1989, ISBN 2-8309-0588-1. Weitere Beiträge u. a. von Madeleine Barot. In Deutsch: Adolf Freudenberg (Hrsg.): „Rettet sie doch!“ Franzosen und die Genfer Ökumene im Dienste der Verfolgten des Dritten Reiches. Evangelischer Verlag Zollikon EVZ, Zürich 1969, S. 102, 132ff. Neuausgabe als: „Befreie, die zum Tode geschleppt werden!“ Ökumene durch geschlossene Grenzen 1939–1945. Christian Kaiser Verlag, München 1989, ISBN 3-459-01591-8 (leicht verändert gegenüber dem frz. Orig. und der engl. Übersetzung). – Romain Gary hat den Namen des Hotels im unten dargestellten Roman als Reminiszenz in den Nachnamen des Protagonisten Ambroise Fleury aufgenommen.
Die Bewohner und Bauern dieser Gegend versorgten die Verfolgten, besorgten Lebensmittelkarten und organisierten Ausweisfälschungen.Film: Der Velay-Express - Dampf und Diesel im Zentralmassiv, ab Minute 15.; abgerufen am 19. Januar 2025.
Sie unterstützten auch beim Grenzübertritt in die Schweiz. Einige Einwohner wurden verhaftet, unter anderem Daniel Trocmé, der Cousin des Pfarrers, der im Konzentrationslager Majdanek umkam.
August Bohny gründete und leitete von 1941 bis 1944 im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft für kriegsgeschädigte Kinder (SAK) (ab 1942: Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes) die Kinderhäuser Abric, Faidoli, Atelier Cévenol und Ferme Ecole, wo rund 200 Kinder jeweils etwa sechs Monate verbrachten. Friedel Bohny-Reiter leitete von 1943 bis 1944 das Haus Abric. Sie halfen Pfarrer André Trocmé und den einheimischen Flüchtlingshelfern, zahlreiche Kinder vor Razzien und Deportationen zu retten, zu verstecken oder in die Schweiz in Sicherheit zu bringen.
In der Region um Chambon-sur-Lignon wurden 3000 bis 5000 Personen durch das Engagement ihrer Bewohner vor dem sicheren Tod in den Konzentrationslagern bewahrt. Das Verstecken der Flüchtlinge geschah in der ganzen Region: in Fay-sur-Lignon, Chaumargeais, Mazet-Saint-Voy, Tence, Les Tavas, Freycenet-Saint-Jeures, Chapignac, und Saint-Agrève. In umliegenden protestantischen Gemeinden bis hin zur Ardèche sind heute noch 20 Unterbringungsmöglichkeiten bekannt. Beteiligt waren 23 Pastoren. Einzelne katholische Priester halfen ebenso wie die in der Gegend vertretenen „Darbysten“.Gérard Bollon: La cause des enfants en Haute-Loire orientale. Culture protestante et dynamisme associatif au XXème siècle.
Die Region wurde 1990 anerkannt als Gerechte unter den Völkern. Die israelische Regierung ehrte die Region wegen des humanitären Einsatzes und des mutigen Widerstandes in der Gefahr. Im Mahnmal Yad Vashem ehrt eine Stelle im Garten der Gerechten die Region. 59 Personen der Region wurden als Individuen oder Paare (Ehepaare, Geschwister oder Eltern-Kind-Paare) ebenfalls als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet. Eine solche gemeinschaftliche Ehrung erfuhr sonst nur das Dorf Nieuwlande in der niederländischen Provinz Drenthe.Liste des Justes des Nations dans la région du Chambon-sur-Lignon
Der Österreicher Eric Schwam (geboren als Erich Arthur Schwam am 21. Oktober 1930 in Wien), wurde mit seiner vor der NS-Herrschaft flüchtenden jüdischen Familie aus Wien 1943 als 13-Jähriger in Le Chambon aufgenommen und ging bis 1950 dort zur Schule. Später zog er nach Lyon, studierte Pharmazie und heiratete eine Französin. Die Ehe blieb kinderlos und Schwam starb am 5. Dezember 2020 90-jährig, einige Monate nach seiner Frau. Er vermachte der Gemeinde ein Vermögen von 2 Mio. Euro, ein bisher einzigartig hohes Legat aus dem Kreis der Flüchtlinge, um es als Stipendien an Jugendliche und Kleinunternehmer, die sich hier angesiedelt haben, zu verwenden.
Bevölkerungsentwicklung Jahr 1962 1968 1975 1982 1990 1999 2008 2017Einwohner 3096 2846 2811 2791 2854 2642 2662 2470 Quellen: Cassini und INSEE
Sehenswürdigkeiten mini|Katholische Kirche Notre-Dame
Kirche Notre-Dame Protestantische Kirche („Temple“)
Partnerschaft Le Chambon pflegt eine Partnerschaft mit der Gemeinde Fislisbach im Schweizer Kanton Aargau.
Persönlichkeiten 1942 kam Albert Camus nach Le Chambon, um eine Tuberkulose auszukurieren. Hier schrieb er Das Missverständnis und arbeitete an seinem Roman Die Pest.Giuditta Rosowsky: Camus et le sauvetage des juifs. In: Archives juives 14.1 (1978), S. 16–18. Camus’ Gedanken in seinem Tagebuch von 1942 ähneln denen Trocmés, der einem Vichy-Funktionär auf dessen einschüchternde Vorhaltung, wie gefährlich „die Juden“ seien, antwortete:
Der schweizerische Künstler Hans Beutler leitete in dieser Zeit ein Kinderheim. Eines der zahlreichen Kinder, die in Le Chambon durch die Hilfe der Bewohner den Holocaust überleben konnten, war der spätere Mathematiker Alexander Grothendieck.
Von 1945 bis 1948 lebte der Philosoph Paul Ricœur im Ort und unterrichtete dort am Collège Cévenol. Als am 27. Mai 2010 in Paris eine Paul-Ricœur-Stiftung gegründet wurde, hielt der Präsident der Republik, Nicolas Sarkozy, persönlich die Gründungsansprache und betonte dabei den geistigen Widerstand mit ausdrücklichem Bezug auf Ricœurs zeitweiligen Wirkungsort.. Auch in weiteren Reden nimmt Sarkozy öfter Bezug auf den Ort, z. B. am 9. Februar 2011 in Paris, am 3. März 2011 in Puy-en-Velay nahe Le Chambon, am 8. Mai 2011 in Paris zum 66. Jahrestag der endgültigen Befreiung Europas.
In der Belletristik Romain Gary lässt in dem Résistance-Roman Gedächtnis mit Flügeln einen seiner Protagonisten, den alten normannischen Drachenbauer Ambroise Fleury, auf Le Chambon hinweisen: Sieben Drachen standen am Himmel über La Motte.Liegenschaft vermutlich in Gonfreville-Caillot Sieben gelbe Drachen. Sieben Judensterne … Umringt von ein paar Kindern, stand mein Onkel Ambroise auf der Wiese vor der Hütte und schaute zum Himmel empor, wo die sieben „Sterne der Schande“In seinem Dorf in der Normandie ist soeben die von französischen Gendarmen auf deutschen Befehl durchgeführte Razzia des Wintervelodroms bekannt geworden, zu deren später ermordeten jüdischen Opfern auch sehr viele Kinder gehörten. Dass es Franzosen waren, Polizisten, Nachbarn und Busfahrer, die die Opfer in dieser Anzahl zusammenzutreiben ermöglichten, nennt Gary eine Schande. Es dauerte 50 Jahre, bis Giscard d’Estaing als Staatspräsident Frankreichs diese Tatsache 1995 auch öffentlich aussprach. In den 50er Jahren musste Alain Resnais für den Film Nacht und Nebel auf Regierungsdruck das historische Bildmaterial durch Randbeschneidung manipulieren, um die deutlich sichtbaren Käppis der die Deportation ausführenden französischen Gendarmen optisch verschwinden zu lassen. Garys Begriff „Schande“ bezieht sich auf die nationale Schande der Kollaboration und ist zugleich eine Anspielung auf den in Frankreich in der Nachkriegszeit weit verbreiteten Ausdruck „Les enfants de la honté“, Kinder der Schande, für Nachkommen aus deutsch-französischen Sexualkontakten während der Besatzungszeit. Gary teilte keineswegs die demonstrative und lautstarke Verachtung für diese Frauen, welche die großen Mehrheit im Land nach 1945 ausdrückte, wie sich aus anderen seiner Werke ergibt. Heute ist bekannt, dass insgesamt 200.000 Kinder in Frankreich aus solchen Beziehungen entstanden sind. schwebten.
Zur Strafe für die gelben Sterne wird Ambroise von den Deutschen verhaftet, nach langwierigen Verhandlungen kommt er wieder frei. Nach seiner Rückkehr in die Drachenbau-Werkstatt waren seine ersten Worte: „Wir machen uns wieder an die Arbeit.“ Der erste Drachen, den er zusammenfügte, stellte ein Dorf vor bergigem Hintergrund dar, das von einer Frankreichkarte umgeben war, sodass man die Lage des Dorfes ausmachen konnte. Sein Name war Le Chambon-sur-Lignon in den Cevennen … „Le Chambon. Merke dir diesen Namen!“
Der Onkel verlässt bald darauf das Dorf: „Wo wollen Sie hingehen?“In Frankreich werden bzw. wurden damals ältere Verwandte mit „vous“ angeredet, ohne dass dies einer tiefen Vertrautheit Abbruch täte, wie gerade dieser Roman zeigt. – Er antwortete: „Nach Le Chambon. Es liegt, wie ich dir schon sagte, in den Cevennen.“ Warum? „Weil sie mich da brauchen.“ Als Erklärung erzählt Gary sodann die Geschichte der von den Dörflern geretteten Judenkinder, Hunderte an der Zahl: Das Leben von Le Chambon war vier Jahre lang ganz dieser Aufgabe gewidmet. Und ich will diesen Namen, ein Symbol so großer Opferbereitschaft, noch einmal niederschreiben: Le Chambon-sur-Lignon.