Alois Dempf (* 2. Januar 1891 in Altomünster; † 15. November 1982 in Eggstätt) war ein katholischer Philosoph, der in der Zeit des Nationalsozialismus sich gegen das Regime wandte und ab 1938 mit einem Lehrverbot belegt worden war. Seine Arbeitsschwerpunkte waren die Wissenssoziologie des Mittelalters und die Kulturphilosophie.
Leben Jugend – Krieg – Promotion Dempf war der Sohn des Posthalters von Altomünster, der im Nebenerwerb eine kleine Landwirtschaft betrieb.Biographische Informationen im Wesentlichen nach der Darstellung von Dempfs Tochter: Felicitas Hagen-Dempf, in: Vincent Berning, Hans Maier (Hrsg.): Alois Dempf 1891–1982. Philosoph, Kulturtheoretiker, Prophet gegen den Nationalsozialismus. Konrad, Weißenhorn 1992, sowie zum Überblick über die philosophischen Thesen nach: Alois Dempf: Selbstdarstellung, in: Ludwig J. Pongratz (Hrsg.): Philosophie in Selbstdarstellungen I. Meiner, Hamburg 1975, 37–79. Sein Großvater war Bürgermeister des Ortes gewesen, sein Onkel Theologe. Er wuchs in einem liberalen katholischen Umfeld auf und besuchte das Gymnasium in Schäftlarn und das Domgymnasium in Freising. Auf Rat eines Freundes seines Onkels befasste er sich schon zur Schulzeit mit der Lehre Herman Schells („Gott und Geist“) und begann daraufhin ein Studium der Philosophie in Innsbruck mit dem Ziel, Theologe zu werden. Die rein neuscholastische Ausbildung befriedigte ihn aber nicht, so dass er nach dem Philosophicum [der philosophischen Zwischenprüfung] das Fach wechselte und einem Wunsch seines Vaters entsprechend, ein Studium der Medizin in München begann. Im Jahr 1914 hatte er eine Art „Erweckungserlebnis“, das ihn wieder zurück zur Philosophie brachte. Im Rahmen seiner Beteiligung an der katholischen Jugendarbeit war bekannt, dass er sich für die Ideen Schells stark begeisterte. Eine kleinere, unveröffentlichte Arbeit gelangte an Hermann Platz, einen der Mitbegründer des Katholischen Akademikerverbandes. Dieser lud Dempf zu einem Treffen ehemaliger Schell-Schüler nach Düsseldorf ein. Im Hause der Familie Platz traf er so bedeutende Persönlichkeiten wie Paul Simon, Theodor Abele und Heinrich Brüning. Er hörte dort einen Vortrag von Hugo Paulus, der bei Schell promoviert hatte und danach in den Pfarrdienst gegangen war. Hierüber berichtete Dempf in einem Brief: „Ich muss die stärksten Ausdrücke wählen, um das ganz einzigartige Erlebnis, das Düsseldorf für mich bedeutete, […] Dieser prächtige religiöse Charakterkopf Dr. Paulus, dank dem ich mich in ganz unmittelbarer Berührung mit dem dynamischen Katholizismus Schells kommen fühlte und den ich an den 2 Tagen wirklich lieben lernte!“zitiert nach: Vincent Berning, Hans Maier (Hrsg.): Alois Dempf 1891–1982. Philosoph, Kulturtheoretiker, Prophet gegen den Nationalsozialismus. Konrad, Weißenhorn 1992, 80. Der Kreis, mit dem Dempf von nun an über lange Jahre enge, freundschaftliche Kontakte pflegte, zählte sich zur Liturgischen Bewegung und stand dem Quickborn und den Tagungen auf Burg Rothenfels nahe, bei denen Dempf später auch als Referent auftrat.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte er sieben Semester seines Medizinstudiums absolviert und wurde als Feldunterarzt an die Ostfront eingezogen. Während des Militärdienstes fand er genügend Zeit, sich ausführlich mit philosophischen Werken, insbesondere mit Platon, Kant, Fichte und Hegel zu befassen. Die besondere Bedeutung, die Thomas von Aquin für ihn gewonnen hatte beschrieb er in einem Brief an Platz im Jahr 1918: „Aber alle Philosophen erreichten, und das ist ja nur natürlich, nur eine geistige, humanistische Einheit der Wertordnung, befriedigen also nur den intellektualistischen Seelentyp. Nur Thomas, der geradewegs vom Gottesbegriff ausgeht, scheint eine universale Einheit des Geisteslebens mit seinem Satz: omne ens naturaliter verum et bonum <et pulchrum?> [alles Sein ist von Natur aus wahr und gut (und schön?)], alles Wirkliche ist an sich vernünftig und wertvoll, erreicht zu haben und mit einem Lehrsatz, den ich vorläufig die transzendente Einheitslehre des Geistes bezeichnen möchte, daß nämlich der adäquate Gegenstand der einheitlichen Seelenkräfte in ihrer letzten Reinheit nur das Absolute ist, antikantianissime, mit der praktischen Bedeutung, daß die Seeleneinheit nur theozentrisch überhaupt zu erreichen ist. Aber gerade das steckt formal in einem noch jäheren Intellektualismus als selbst der Hegelsche ist.“zitiert nach: Vincent Berning, Hans Maier (Hrsg.): Alois Dempf 1891–1982. Philosoph, Kulturtheoretiker, Prophet gegen den Nationalsozialismus. Konrad, Weißenhorn 1992, 81–82. Nach Kriegsende setzte er sein Studium der Philosophie in München fort, heiratete die aus Westfalen stammende Mathematikerin Maria Theresia Jütte und bewirtschaftete zugleich die elterliche Landwirtschaft. Noch während des Studiums und kurz danach bekam das Paar zwei Töchter und einen Sohn. Bereits in der Studienzeit (ab 1919) schrieb Dempf einige Artikel für die Zeitschrift Hochland.
Im Jahr 1921 promovierte er in Philosophie bei Hans Meyer und Clemens Baeumker zum Thema Der Wertgedanke in der Aristotelischen Ethik und Politik. In dieser Arbeit versuchte Dempf eine Verknüpfung der Schelersschen Wertethik mit dem aristotelischen Denken. Seine ersten beiden Bücher in den Jahren 1924 und 1925 verfasste er noch in Altomünster, wobei er auf die Bibliothek des Klosters Scheyern zurückgriff. Das erste, Weltgeschichte als Tat und Gemeinschaft, ist eine erste Ausarbeitung seines systematischen Ansatzes einer Kulturphilosophie. In dem anderen, Die Hauptform mittelalterlicher Weltanschauung, verwirklichte er zwei Aspekte, die ihn in Fachkreisen bekannt machten. Zum einen arbeitete er die Philosophie des Mittelalters, insbesondere die Patristik, intensiv auf, wodurch er sich bei den Mediävisten einen Namen machte. Zum anderen strukturierte er den Stoff angeregt durch Hegels Phänomenologie des Geistes und durch die typologischen Arbeiten von Max Weber und Scheler nach soziologischen Gesichtspunkten und gilt aufgrund dessen als Begründer der mittelalterlichen Wissenssoziologie.
Bonn In München lehnte der Nachfolger von Baeumker und Neuscholastiker Josef Geyser es ab, Dempf, der nicht mehr an der Universität tätig war, zu habilitieren. Dieser suchte daraufhin einen anderen Vertreter einer „christlichen Philosophie“ und fand mit Hilfe Platzes über dessen Freund Ernst Robert Curtius Zugang zu Adolf Dyroff, dem Bonner Inhaber eines Konkordatslehrstuhls. Das Thema der Habilitationsschrift, mit der Dempf am 26. Februar 1926 habilitiert wurde, lautete: Das Unendliche in der mittelalterlichen Metaphysik und in der Kantischen Dialektik. In dieser Arbeit stellte er Parallelen zwischen Augustinus und Kant fest, während er mit Thomas von Aquin ein strukturelles Miteinander von der apriorisch-transzendentalen und aposteriorisch-erfahrungsgemäßen Erkenntnisweise sah.
Mit der Habilitation erhielt Dempf die Möglichkeit, in Bonn als Privatdozent tätig zu werden, so dass die Familie 1926 nach Bonn umzog. Von Hermann Platz wurde er als Redakteur in die Herausgabe der Zeitschrift Abendland. Deutsche Monatshefte für europäische Kultur, Politik und Wirtschaft eingebunden. Diese von Platz begründete und als Gegengewicht zu nationalistischen Bestrebungen gedachte Zeitschrift „wurde zu einem Motor übernationaler Verständigung, vor allem der Versöhnung mit Frankreich“.Heinz Hürten: Deutsche Katholiken 1918 bis 1945. Schöningh, Paderborn 1992, S. 152; siehe auch Vanessa Conze: Das Europa der Deutschen: Ideen von Europa in Deutschland zwischen Reichstradition und Westorientierung (1920–1970). Oldenbourg, München 2005, 30–32; ganzer Abschnitt zur Zeitschrift S. 27–56; online lesbar Auf einer Tagung in Köln lernte Dempf 1925 den italienischen Antifaschisten Luigi Sturzo kennen, mit dem er sich befreundete und dessen Buch Italien und der Fascismus (Köln 1926) er übersetzte. Auf Sturzo geht eine eindringliche Warnung vor dem Abschluss eines Konkordats mit den Faschisten zurück. Dempf setzte sich persönlich gegen den Abschluss des Konkordats mit den Nationalsozialisten ein. „Vor Abschluss des von Franz von Papen betriebenen deutschen Konkordats anno 34 fuhr ich mit dem engsten Freunde Brünings, Hermann Joseph Schmidt nach Rom, um dem Sekretär des Kardinalstaatssekretärs Pacelli, Professor Leiber, die Warnung von uns deutschen Antinazisten gründlich darzulegen. Drei Tage lang lief Leiber als Kurier von der Gregoriana in den Vatikan, leider erfolglos.“Alois Dempf: Selbstdarstellung. In: Ludwig J. Pongratz (Hrsg.): Philosophie in Selbstdarstellungen I. Meiner, Hamburg 1975, 42. Manfred Schröter und Alfred Baeumler, die Herausgeber des Münchner Handbuchs für Philosophie, beauftragten Dempf gleich mit drei Beiträgen. Als Spezialist für das Mittelalter schrieb er Die Ethik des Mittelalters (1927) und die Metaphysik des Mittelalters (1930). Darüber hinaus durfte er seinen systematischen Beitrag zur Kulturphilosophie (1932) in dem Sammelwerk darstellen. In der Zusammenschau der mittelalterlichen Ethik sah Dempf drei Grundmotive für ethisches Verhalten: „Aber zuletzt stehen dann noch mindesten drei Gattungen ethischer Systematik vor uns, die symbolische Sittenlehre, die die Seele als mikrokosmisches Abbild des gesamten Universums sieht, dann die teleologische Systematik, die eine lebendige Einheit der natürlichen und übernatürlichen Lebensordnungen unter dem aristotelischen Vollendungsbegriff sucht, und zuletzt die metaphysische Ethik der deutschen Mystik, besonders Meister Eckarts, die die ethische Selbstvollendung als Gottesgeburt in der Seele mit dem gesamten zeitlosen Weltprozeß verbindet.“Alois Dempf: Ethik des Mittelalters. Oldenbourg, München 1927, 3. In der Betrachtung der Metaphysik des Mittelalters vertrat Dempf die seinerzeit umstrittene Auffassung, dass die mittelalterliche Philosophie nicht als ein Verfallsprozess hin zur Spätscholastik zu betrachten sei, sondern dass in dem Weg über die Spätscholastik die Grundlagen des neuzeitlichen Denkens gelegt worden seien. Parallel zu den beiden Bänden für das Handbuch hatte Dempf an der Aufbereitung der Staatsphilosophie im Mittelalter gearbeitet und diese in seinem Buch „Sacrum Imperium“ 1929 veröffentlicht. Geschichte ist für ihn ein überindividueller Prozess der sich dialektisch in der Spannung zwischen Individuum und Gemeinschaft entwickelt. Der Gesamtzusammenhang ist dabei bestimmt durch den philosophisch erkannten und christlich offenbarten Gott, der wollend in das Geschehen eingreift. Der königliche Krönungsritus beinhaltet die Idee der Einheit von Kirche und Reich. Im Kampf um die Vorherrschaft entsteht aus dem Investiturstreit die Universität als Neutralisierung dieses Konfliktes, die zugleich auch dem entstehenden Bürgertum zu mehr Eigenständigkeit verhilft. Dempf vertrat eine geistesaristokratische Erklärung der Geschichte. Es ist nicht ein dunkler Zeitprozess, der die Geschichte bestimmt, sondern das politische und soziale Bewusstsein der geschichtlich bedeutenden Personen in ihrer Zeit.
In seiner Kulturphilosophie verwies Dempf auf zwei Grundeinsichten, die er bereits bei Platon gefunden hatte. Zum einen sind es die Ideen als zeitübergreifende Normen in der Logik und Mathematik, in der Ethik ebenso wie in der kosmischen Ordnung: „Und seitdem war es immer die klassische Lehre einer jeden wissenschaftlichen Politik und der zahllosen Abarten der Naturrechtslehren theologischer und philosophischer, konservativer und revolutionärer Art, daß über allen Orten des Eigeninteresses ein objektiver Standort der Vertretung der Gesamtheit des Gemeinwohls und des Gesamtwerks der Berufe zu finden sei, und alle Utopien haben immer wieder dieses Ideal der sozialen Gerechtigkeit zu einem absoluten und unveränderlichen zu machen versucht.“ (50)