Die Bestimmung des Menschen (Erstausgabe 1800) ist eine popularphilosophische Schrift von Johann Gottlieb Fichte. Sie wendet sich ausdrücklich nicht an Fachgelehrte, sondern an „alle Leser, die überhaupt ein Buch zu verstehen vermöchten“ (Vorrede S. IV'Die Bestimmung des Menschen' wird zitiert mit den Seitenzahlen der Originalausgabe von 1800: https://archive.org/stream/bub_gb_vF8AAAAAMAAJ#page/n11/mode/2up, abgerufen am 13. April 2020). Diese Leser möchte Fichte zur Selbsterkenntnis führen, indem sie sich in die Rolle des redenden Ich versetzen und dessen Gedankengänge selbst nachvollziehen (Vorrede S. V u. VI).
Aufbau und Hintergrund Der Kontext der philosophischen Debatte im 18. Jahrhundert In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde in Aufnahme von Shaftesburys Philosophie versucht, die Doppelfrage nach der Bestimmung des Menschen und der Existenz Gottes allein durch vernünftige Selbstbetrachtung zu beantworten. Schnell wurde die Frage – im engeren oder weiteren Anschluss an den Deismus – zu einem wesentlichen Thema theologischer und philosophischer Debatten.Vgl. Norbert Hinske (Hrsg.): Die Bestimmung des Menschen. Hamburg 1999 (= Aufklärung, Band 11, Ausgabe 1. Umfassende Darstellung bei Laura Anna Macor: Die Bestimmung des Menschen (1748–1800). Eine Begriffsgeschichte.) Stuttgart-Bad Cannstatt, 2013 (FMDA II,25). ISBN 978-3-7728-2615-3 Ausgehend von der in vielen Auflagen und Nachdrucken erschienenen Schrift Betrachtung über die Bestimmung des Menschen von Johann J. Spalding, ab der 7. Auflage 1763 abgekürzt zu Die Bestimmung des Menschen, wurde das Thema mit direktem Bezug auf Spaldings Schrift von Thomas Abbt und Moses Mendelssohn behandelt. Ihre Schriften richteten sich als allgemeinverständliche Abhandlungen an das gebildete Publikum. In der akademischen Philosophie wurde die Frage von Immanuel Kant weiter verfolgt.Vgl. Günter Zöller, Die Bestimmung der Bestimmung des Menschen bei Mendelssohn und Kant. In: Volker Gerhard, Rolf Peter Horstmann, Ralph Schumacher (Hrsg.): Kant und die Berliner Aufklärung. Akten des IX. Internationalen Kant-Kongresses. Bd. 4. Berlin 2001, ISBN 978-3-11-016979-9. Reinhard Brandt: Die Bestimmung des Menschen bei Kant. Hamburg 2007. ISBN 978-3-7873-1844-5 Fichtes Buch schließt sich dieser Modeerscheinung an, markiert zugleich aber auch ihr Ende.Vgl. § 41. Zum letzten Mal die Bestimmung des Menschen (1800), in: Laura Anna Macor: Die Bestimmung des Menschen (1748–1800). Eine Begriffsgeschichte. Stuttgart-Bad Cannstatt, 2013 (FMDA II,25). ISBN 978-3-7728-2615-3, S. 317ff. Ungewöhnlich ist, dass Fichte für sein Werk den Titel von Spaldings Schrift wörtlich übernimmt und sich auch stilistisch und strukturell deutlich an ihm orientiert. „Im meditativen Duktus, in der Abfolge von Stufen der Einsicht in die Bestimmung des Menschen, aber auch in der Gesamtbewegung von der Sinnenwelt zur Geisterwelt sowie in der abschließenden religiösen Orientierung nimmt sich Fichte[s] Bestimmung förmlich wie eine nachkantianische Neubearbeitung von Spaldings Bestimmung aus.“Günter Zöller, Die Bestimmung der Bestimmung des Menschen bei Mendelssohn und Kant. In: Volker Gerhard, Rolf Peter Horstmann, Ralph Schumacher (Hrsg.): Kant und die Berliner Aufklärung. Akten des IX. Internationalen Kant-Kongresses. Bd. 4. Berlin 2001. ISBN 978-3-11-016979-9. S. 482 Inhaltlich geht Fichtes Schrift ganz andere Wege: „Es geht um die Frage, was es heißt, ein Subjekt zu sein.“Gunnar Hindrichs, Der Standpunkt des natürlichen Denkens. Fichtes Bestimmung des Menschen in der Auseinandersetzung mit der "Unphilosophie" Jacobis, In: Birgit Sandkaulen (Hrsg.), System und Systemkritik. Beiträge zu einem Grundproblem der klassischen deutschen Philosophie. Kritisches Jahrbuch der Philosophie, Band 11. Königshausen & Neumann: Würzburg 2006, S. 109–129. ISBN 978-3-8260-3381-0, S. 111
Aufbau, Vorlagen, gegnerische Positionen Fichtes Schrift gliedert sich in drei Bücher mit den Titeln „Zweifel“, „Wissen“ und „Glaube“. Das erste und letzte Buch sind in formaler Anlehnung an Spaldings Schrift in der Ich-Form gehaltene Monologe, das zweite ist ein Dialog zwischen dem Ich und dem Geist. Damit erinnert das zweite Buch an die Soliloquia des Kirchenvaters Augustinus, in denen es zu einem Dialog zwischen einem Ich und der Vernunft (ratio) kommt. Inhaltlich können Fichtes Ansichten als Auseinandersetzung mit Baruch de Spinoza im ersten und Immanuel Kant im zweiten Buch gelesen werden.
Der 'Atheismusstreit' 1798/99 und Die Bestimmung des Menschen 1800 Als unmittelbarer Entstehungshintergrund der Bestimmung des Menschen ist der direkt vorangehende Atheismusstreit (1798/99) relevant:Ausführlich zum Atheismusstreit: Harald Münster: Fichte trifft Darwin, Luhmann und Derrida. "Die Bestimmung des Menschen" in differenztheoretischer Rekonstruktion und im Kontext der "Wissenschaftslehre nova methodo"; Amsterdam, New York: Rodopi 2011 (Fichte-Studien-Supplementa, Band 28). ISBN 978-90-420-3434-1. S. 12ff. Vgl. Peter L. Oesterreich & Hartmut Traub: Der ganze Fichte. Die populäre, wissenschaftliche und metaphilosophische Erschließung der Welt. Kohlhammer, Stuttgart 2006. ISBN 3-17-018749-X. S. 267 m. Anm. 34
Fichte war aufgrund eines Aufsatzes „Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung“Philosophisches Journal einer Gesellschaft Teutscher Gelehrter, hrsg. von Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Immanuel Niethammer, Bd. VIII, Erstes Heft, Jena und Leipzig 1798, S. 1–20.http://anthroposophie.byu.edu/mystik/grund.pdf abgerufen am 13. April 2020 von verschiedener Seite vorgeworfen worden, er leugne mit seiner Philosophie Gott. Gegen diesen Vorwurf verteidigt sich Fichte in seiner „Appellation an das Publikum“ (2. Auflage 1799). Bereits dort stellt Fichte zu Beginn seine Gedanken zur Bestimmung des Menschen ausführlich dar und skizziert sogar den dreiteiligen Aufriss der Bestimmung des Menschen, als er sein eigenes philosophisches System beschreibt: „Es zeigt gegen diejenigen, welche unsere gesamte Erkenntnis aus der Beschaffenheit unabhängig von uns vorhandener Dinge erklären wollen [vgl. 1. Buch], daß es nur insofern Dinge für uns gibt, als wir uns derselben bewußt sind [vgl. 2. Buch S. 73–122] und wir sonach mit unserer Erklärung des Bewußtseins zu den von uns unabhängig vorhandenen Dingen nie gelangen können [vgl. 2. Buch S. 122–178]. Es behauptet - und darin besteht sein Wesen -, daß durch den Grundcharakter und die ursprüngliche Anlage der Menschheit überhaupt eine bestimmte Denkart festgesetzt sei [vgl. 3. Buch].“Appellation an das Publikum, in: Werner Röhr (Hrsg.): Appellation an das Publikum. Dokumente zum Atheismusstreit um Fichte, Forberg, Niethammer. Jena 1798/99. Leipzig 1987. ISBN 3-379-00074-4. S. 93.
Die Form der Bestimmung, den Leser mit einer Identifikationsfigur zum Nachvollzug bestimmter Sätze zu animieren, ist ebenfalls an einer Stelle in der 'Appellation' bereits vorgeformt: „Es drängt sich öfters unter den Geschäften und Freuden des Lebens aus der Brust eines jeden nur nicht ganz unedlen Menschen der Seufzer: unmöglich kann ein solches Leben meine wahre Bestimmung seyn, es muss, o es muss noch einen ganz andern Zustand für mich geben!“vgl. Röhr 1987, S. 93f.
Auch die Gottesvorstellung wird ungebrochen übernommen: In der Bestimmung wird das Absolute wie in der Appellation an das Publikum als Implikat von Fichtes Philosophie dargelegt. Dieses Absolute kann Gott genannt werden – im dritten Buch spricht das redende Ich es sogar als „Gott“ direkt an (S. 304–312). Dieses angesprochene 'Du' wird aber – wie schon im Atheismusstreit – ausdrücklich apersonal gedacht: „In dem Begriffe der Persönlichkeit liegen Schranken. Wie könnte ich jenen auf dich übertragen, ohne diese?“ (S. 306) Fichte nimmt unverändert die Kritik seines beanstandeten Aufsatzes an einer anthropomorphen Gottesvorstellung auf: „Dieses Wesen soll […] Persönlichkeit haben […] Daß ihr aber dieses [den Begriff 'Persönlichkeit'] ohne Beschränkung und Endlichkeit schlechterdings nicht denkt noch denken könnt, kann euch die geringste Aufmerksamkeit auf eure Konstruktion dieses Begriffs lehren. Ihr macht sonach dieses Wesen durch die Beilegung jenes Prädikats zu einem Endlichen, zu einem Wesen euresgleichen, und ihr habt nicht, wie ihr wolltet, Gott gedacht, sondern nur euch selbst im Denken vervielfältigt.“Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung, in: Werner Röhr (Hrsg.): Appellation an das Publikum. Dokumente zum Atheismusstreit um Fichte, Forberg, Niethammer. Jena 1798/99. Leipzig 1987. ISBN 3-379-00074-4. S. 20.
Am Ende der Appellation überlegt Fichte schließlich, ob es einen des Atheismus „ganz unverdächtigen Theologen“Appellation an das Publikum, in: Werner Röhr (Hrsg.): Appellation an das Publikum. Dokumente zum Atheismusstreit um Fichte, Forberg, Niethammer. Jena 1798/99. Leipzig 1987. ISBN 3-379-00074-4. S. 119. gibt, den er als „meinen Gewährsmann“Appellation an das Publikum, in: Werner Röhr (Hrsg.): Appellation an das Publikum. Dokumente zum Atheismusstreit um Fichte, Forberg, Niethammer. Jena 1798/99. Leipzig 1987. ISBN 3-379-00074-4. S. 119. und Unterstützer seiner Ansichten nennen kann – und wendet sich direkt an den Verfasser der Bestimmung des Menschen: „Möchtest du, ehrwürdiger Vater | Spalding, dessen Bestimmung des Menschen es war, die den ersten Keim der höheren Spekulation in meine jugendliche Seele warf, und dessen Schriften alle, so wie die genannte, das Streben nach dem Übersinnlichen und Unvergänglichen so trefflich charakterisieren – möchtest du in meiner Sache stimmen können und wollen!“Appellation an das Publikum, in: Werner Röhr (Hrsg.): Appellation an das Publikum. Dokumente zum Atheismusstreit um Fichte, Forberg, Niethammer. Jena 1798/99. Leipzig 1987. ISBN 3-379-00074-4. S. 119 u. 120.. Dieser von Fichte wahrgenommenen Kontinuität gibt seine eigene Bestimmung des Menschen deutlich Ausdruck.Vgl. Albrecht Beutel, Aufklärer höherer Ordnung? Die Bestimmung der Religion bei Schleiermacher (1799) und Spalding (1797), in: Albrecht Beutel: Reflektierte Religion. Beiträge zur Geschichte des Protestantismus. Tübingen 2007, S. 266–290. ISBN 978-3-16-149219-8. S. 272 m. Anm. 46.
Inhalt Erstes Buch. Zweifel. Im ersten Buch „Zweifel“ will Fichte die Folgen einer als naturalistischer oder als metaphysischerVgl. Peter L. Oesterreich & Hartmut Traub: Der ganze Fichte. Die populäre, wissenschaftliche und metaphilosophische Erschließung der Welt. Kohlhammer, Stuttgart 2006. ISBN 3-17-018749-X. S. 270f. Determinismus verstandenen spinozitischen Philosophie aufzeigen (vielleicht handelt es sich auch schon um einen ersten Reflex auf die Naturphilosophie SchellingsVgl. Peter L. Oesterreich & Hartmut Traub: Der ganze Fichte. Die populäre, wissenschaftliche und metaphilosophische Erschließung der Welt. Kohlhammer, Stuttgart 2006. ISBN 3-17-018749-X. S. 271 m. Anm. 38): Wenn der Mensch ganz von außen bestimmt ist und sich selbst nur als von fremden Kräften bewegt wahrnehmen kann, dann wird so etwas Zentrales wie die eigene Liebe – „Mein Heiligstes“ (S. 66) – zur Illusion; denn Willensfreiheit gibt es nicht: „Der Gegenstand meiner innigsten Zuneigung ist ein Hirngespinnst, eine greiflich nachzuweisende grobe Täuschung. Statt meiner ist und handelt eine fremde mir ganz unbekannte Kraft“ (S. 65). Die Alternative, diese unerwünschte Erkenntnis der Liebe unterzuordnen, ist allerdings nicht weniger problematisch (S. 69). Angesichts zweier nicht zu empfehlender Wege bleibt das Ich zunächst ratlos zurück.
Zweites Buch. Wissen.