mini|hochkant=1.5|Ohrringe aus Gold, Türkis, Karneol und Lapislazuli, die einen Mann zwischen zwei Drachen zeigen; gefunden in Grab 2. Die Arbeiten zeigen Ähnlichkeiten mit Werken aus Sibirien.

Tilla Tepe (; auch Tillya Tepe oder Tillja Tepe, der goldene Hügel) ist ein Hügel im Norden Afghanistans. 1978 wurden dort bei Ausgrabungen sechs Gräber gefunden, die auf die Zeit um Christi Geburt datieren. Sie enthielten mehr als 20 000 Schmuckstücke, Waffen und Gewandteile, die großteils aus Gold und Halbedelsteinen bestehen. Der Fund wird auch als „baktrisches Gold“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um einen der bedeutendsten archäologischen Funde des 20. Jahrhunderts. Wegen des Afghanistankrieges galt der Schatz als verloren. Er konnte jedoch 2004 sichergestellt werden und ist vollständig erhalten.

Geografische Lage mini|hochkant=1.5|Tilla Tepe befindet sich im Westen der historischen, zentralasiatischen Region Baktrien, die überwiegend im Norden Afghanistans liegt. Die Karte zeigt einige Städte, die etwa zu jener Zeit existierten.

Tilla Tepe liegt in der Oase Scheberghan im Norden Afghanistans, in der Provinz Dschuzdschan. Westlich liegt die Stadt Scheberghan und etwa 100 Kilometer östlich befindet sich Baktra, Hauptstadt des antiken Baktriens. Die Oase wird von den Flüssen Safid-Rud und Siyad-Rud bewässert, was Ackerbau ermöglicht.Viktor Iwanowich Sarianidi: Die Kunst des alten Afghanistan. Leipzig 1986, ISBN 3-527-17561-X, S. 326 f. Etwa 500 Meter nördlich von Tilla Tepe finden sich die Ruinen von Yemschi Tepe, einer kreisrunden Stadt, die wahrscheinlich in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt florierte, aber vermutlich schon eine ältere Gründung ist. Tilla Tepe selbst ist ein kleiner, etwa drei bis vier Meter hoher Hügel mit einem Durchmesser von rund 100 Meter, der die einzige Erhebung in der ansonsten flachen Landschaft darstellt.

Geschichte der Region zu jener Zeit Bis etwa 135 v. Chr. gehörte die Region Baktrien zum Griechisch-Baktrischen Königreich. Danach kam sie in den Herrschaftsbereich der Saken und Yuezhi, die als Eroberer aus Südsibirien und der Mongolei in das Gebiet einfielen. Sie plünderten und zerstörten zahlreiche Städte und vernichteten das griechisch-baktrische Königreich. Diese Nomaden, die von Teilen der Forschung zu den Skythen gezählt werden, siedelten sich schließlich in Baktrien an und übernahmen eine städtische Lebensweise. In der folgenden Zeit scheint das Gebiet zum parthischen Machtbereich gehört zu haben,Marek J. Obrycht, In: Josef Wiesehöfer: Das Partherreich und seine Zeugnisse. Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07331-0, S. 26–27. obwohl gerade die östliche Ausdehnung des Partherreiches in der Forschung umstritten ist.Willem Vogelsang: The Afghans. Oxford 2002, ISBN 0-631-19841-5, S. 141–142. Über die Periode nach dem Untergang des Griechisch-Baktrischen Reiches ist wenig bekannt, deshalb gilt sie als dunkles Zeitalter Zentralasiens. Danach geriet das Gebiet in den Machtbereich der Kuschana, eines Clans der Yuezhi, die es kurz nach Christi Geburt unter Kujula Kadphises schafften, die Yuezhi-Stämme unter dem von ihnen gegründeten Reich zu vereinigen. Die Gräber von Tilla Tepe datieren wahrscheinlich in eine Zeit kurz vor der Entstehung des Kuschanreichs, als die Yuezhi oder Saken Baktrien beherrschten.

Entdeckung und Geschichte der Funde Seit 1969 grub ein sowjetisch-afghanisches Archäologenteam unter der Leitung von Wiktor Iwanowitsch Sarianidi an diversen Orten im Norden Afghanistans, einer bis dahin archäologisch so gut wie unerforschten Region, und widmete sich dabei vor allem bronzezeitlichen Fundstätten. Dabei wurde die Oasenkultur entdeckt.

Im Jahr 1978 begannen Ausgrabungen bei dem etwa 500 Meter südlich der antiken Stadtruine Yemschi Tepe gelegenen Hügel Tilla Tepe, nachdem dort schon einmal kurz im Jahr 1970 gegraben worden war. Hier kam zunächst ein Dorf zu Tage, das in das dritte Jahrhundert v. Chr. datiert. Unter diesem Dorf wurde ein befestigter Tempel gefunden, der wahrscheinlich auf kurz vor 1000 v. Chr. zu datieren ist. In dieser Anlage kam im November 1978 ein Grab zu Tage, das vor allem durch seine reichen Goldfunde Aufmerksamkeit erregte. Bis Februar 1979 konnten sechs Gräber, alle reich mit Gold ausgestattet, freigelegt werden. Wegen der unruhigen politischen Lage musste das Grabungsteam das Land verlassen, wobei die Grabungen an dem Ort nie wieder fortgesetzt werden konnten.

Die Funde gelangten 1979 in das Nationalmuseum in Kabul, zu einer Zeit, in der es in Afghanistan bereits Unruhen gegeben hatte. Bedingt durch die politisch unsichere Lage im Land wurden die Schätze in den darauffolgenden Jahren fast durchgängig verwahrt. Nur 1980 und 1991 wurden kleine Teile der Sammlung kurzzeitig ausgestellt. Während der sowjetischen Besatzungszeit des Afghanistankonflikts lagerten die Funde mit einjähriger Unterbrechung im Museum in Kabul. Nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte wurden sie Ende 1989 zusammen mit einigen anderen Museumsbeständen in den Kellerräumen der sich im Präsidentenpalast befindlichen Zentralbank deponiert. Das Museum selbst wurde in den darauffolgenden Jahren im Bürgerkrieg nach dem sowjetischen Abzug teils durch Kampfhandlungen schwer beschädigt und zudem mehrfach geplündert beziehungsweise vandaliert. Es gab Gerüchte, der Schatz sei durch die Sowjetunion beschlagnahmt oder sei anderweitig geraubt worden. Nach dem Sturz der Taliban waren viele Kunstschätze des Landes in den Kriegswirren verloren gegangen.Carla Grissmann: The Kabul Museum: It's Turbulent Years. In: Juliette van Krieken-Pieters (Hrsg.): Art and Archaeology of Afghanistan – Its Fall and Survival. Brill Academic Publishers, Leiden 2006, ISBN 90-04-15182-6, S. 63–71. (Handbook of Oriental Studies. Section 8 Uralic & Central Asian Studies, Band 14) Auch bei den Funden aus Tilla Tepe glaubte man, dass sie wohl für immer verschwunden bleiben würden.Kriegswirren in Kabul – Das Verschwinden des Schatzes, auf: Website des ZDF, Sendung vom 18. Juli 2004, abgerufen am 24. November 2009.

Erst im Jahr 2003 wurden die 1989 verwahrten Museumsbestände in der Zentralbank wiedergefunden, wobei es aufgrund bürokratischer Verzögerungen bis April 2004 dauern sollte, bis die Safes im Beisein Sarianidis geöffnet und die Funde sichergestellt werden konnten. Dabei stellte sich heraus, dass die Sammlung inklusive jeder einzelnen Kleinigkeit vollständig war.

Seit 2007 sind die wichtigsten Grabfunde auf einer Ausstellungstour durch Europa, die USA und Kanada. 1985 erschien in verschiedenen Sprachen übersetzt ein mit vielen Farbfotografien ausgestatteter Band, der die wichtigsten Funde präsentierte. 1989 erschien eine wissenschaftliche Publikation über die Grabungen. Eine vollständige Grabungspublikation steht noch aus.

Die Festung Eine Festung wurde kurz vor 1000 v. Chr. auf einem kleinen Hügel errichtet. Der Bau stand auf einer rund vier Meter hohen und 100 Meter breiten Basis, die teilweise in den Boden eingelassen war. Die Festung war nahezu quadratisch und besaß vier gerundete Ecktürme und halbrunde Türme. Der Eingang lag im Norden. In der Mitte der Festung stand eine Art Halle, die auch als Tempel interpretiert wird. Das Hauptfundmaterial ist Keramik, wobei es undekorierte Gefäße, aber auch solche gab, die mit geometrischen Mustern bemalt waren. Ein Teil der Keramik wurde auf einer Töpferscheibe hergestellt. Bei der handgemachten Keramik handelt es sich meist um einfache Gebrauchsware.

Neben der Keramik gibt es einige Messer und Pfeilspitzen aus Bronze. Der Ort scheint lange bewohnt gewesen zu sein, ohne dass genaue Jahreszahlen genannt werden können. Kulturell lässt sich diese Festung mit anderen archäologischen Orten in Zentralasien verbinden, wobei Tilla Tepe sogar die am besten erforschte Fundstätte ist. Die hier gefundene Kultur gehört in die Zeit nach dem Untergang der Oasenkultur Zentralasiens. Sie wird als Periode der Barbarian Occupation bezeichnet.Elena E. Kuz'mina; J. P. Mallory: The origin of the Indo-Iranians. Leiden, Boston 2007, ISBN 978-90-04-16054-5, S. 423–25.

Bestattungen und Bestattete mini|hochkant=2.5|Rekonstruktionen der Kleidung von Bestattung 4 (links) und 2 (rechts)

Nachdem die Festung, vielleicht um 800 v. Chr., verlassen worden war, wurde der Ort um 400 v. Chr. wieder besiedelt. Es entstand ein kleines Dorf, das aber nicht lange bewohnt war. Kurz nach Christi Geburt wurde der Platz als Friedhof benutzt. Bei den sechs gefundenen Gräbern handelte es sich um Gruben, die mit Holzplanken abgedeckt waren und einen Hohlraum bildeten. Die Toten lagen in Holzsärgen, die keinen Deckel hatten, aber wahrscheinlich in Decken eingewickelt waren. Die Bestatteten sind auf dem Rücken in kostbaren mit Gold verzierten Gewändern und mit reichem Schmuck beigesetzt worden. Einige wenige weitere Beigaben, wie Gefäße, Spiegel oder Kosmetikutensilien, fanden sich in und neben den Särgen. Es gibt keine Anzeichen, dass es Grabhügel gab, doch mag der Hügel der Burgruine als Grabhügel gedient haben.So Viktor Iwanowich Sarianidi: Die Kunst des alten Afghanistan. Leipzig 1986, ISBN 3-527-17561-X, S. 301. Die Bestattungen gehören zu fünf Frauen und einem Mann. Zur Zeit ihres Todes war die Festung auf dem Hügel schon verfallen und die Gräber sind teilweise in die alten Mauern hineingegraben.

Identität der Toten Vieles spricht dafür, dass hier Nomaden oder ehemalige Nomaden beigesetzt wurden. Die Art der Gewänder (Hosen) und einige Waffen, wie zwei Bögen in der Bestattung des Mannes, sind typisch für Nomadenvölker. Auch eine zusammenklappbare und daher leicht transportierbare Krone (Grab 6) ist in diesem Kontext zu sehen. Welcher Volksgruppe die Bestatteten angehörten, konnte jedoch nicht genau festgestellt werden. In Frage kommen zum einen die Yuezhi, die laut chinesischen Quellen aus diversen Clans bestanden und in die Region eingefallen waren,Véronique Schiltz: Tillya Tepe, der „Goldhügel“. In: Pierre Cambon, Jean-François Jarrige (Hrsg.): Gerettete Schätze. Afghanistan. Die Sammlung des Nationalmuseums in Kabul. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland/Production Foundation De Nieuwe Kerk und Hermitage, Bonn/Amsterdam 2010, ISBN 978-90-78653-20-2, S. 57–63, hier S. 56 f. zum anderen könnte es sich um Saken gehandelt haben, die zum skythischen Kulturkreis gezählt werden. Sie drangen etwa zur gleichen Zeit wie die Yuezhi in Baktrien ein, wobei sie sich allerdings eher in der weiter südlich liegenden Hindukusch-Region sowie im Süden Afghanistans ansiedelten. Die reiche Ausstattung der Grabanlagen mit goldenen Plaketten auf den Gewändern, vergoldeten Hauben und vielen anderen Goldbeigaben ähnelt in der Tat sehr anderen bekannten skythischen Bestattungen, die beispielsweise am Schwarzen Meer gefunden werden konnten.Viktor Iwanowich Sarianidi: Zur Kultur der frühen Kusana. In: Jokob Ozols, Volker Thewalt (Hrsg.): Aus dem Osten des Alexanderreiches, Völker und Kulturen zwischen Orient und Okzident, Iran, Afghanistan, Pakistan, Indien. Köln 1984, ISBN 3-7701-1571-6, S. 98–109.Viktor Iwanowich Sarianidi: Die Kunst des alten Afghanistan. Leipzig 1986, ISBN 3-527-17561-X, S. 301; Georgina Hermann, Joe Cribb (Hrsg.): After Alexander: Central Asia before Islam. Oxford 2007, ISBN 978-0-19-726384-6, S. 55.