mini|Die Frau auf dem scharlachroten Tier. Facundus-Beatus, f. 225v
Beatus-Apokalypsen, auch Beatus-Handschriften oder kurz Beatus genannt, sind illuminierte Handschriften mit einem dem Beatus von Liébana zugeschriebenen Apokalypsen-Kommentar. Die meisten Beatus-Handschriften entstanden zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert in Nordspanien.
26 illuminierte HandschriftenVollständige Liste, mit Ausnahme des erst nach Erscheinen entdeckten Beatus von Genf, zu Beginn jedes Bandes in J. Williams, The Illustrated Beatus. sowie einige reine Texthandschriften sind ganz oder teilweise erhalten. Die umfangreichen, großformatigen Codices mit ihren zahlreichen farbenprächtigen Miniaturen (ein vollständiger Beatus enthält über 100) zählen zu den bedeutendsten Werken der spanischen Buchmalerei und seit 2015 zum Weltdokumentenerbe.
Entstehung und Verwendung mini|hochkant|Die vier apokalyptischen Reiter aus dem Facundus-Beatus (f. 135). Dem Teufel wurden nachträglich die Augen ausgekratzt.
Die älteren erhaltenen Beatus-Codices stammen durchweg aus dem christlichen Norden der Iberischen Halbinsel, vor allem aus dem Königreich León. Hersteller wie Auftraggeber waren fast ausschließlich in Klöstern zu finden.
In der Liturgie wurde die Beatus-Apokalypse nicht verwendet, sie diente vor allem der privaten Andacht und Erbauung der Mönche. Von dem profunden Eindruck auf die gläubigen Leser zeugen die zerkratzten Augen und Gesichter des Teufels oder der Hure Babylon, die in manchen Handschriften zu finden sind.
Einige der prächtigen Codices dürften wohl auch als Prestigeobjekte und Statussymbole gedient habenRef? und wurden wenig gelesen: Sie zeigen wenig Gebrauchsspuren (Glossen, Randnotizen) und sind hervorragend erhalten.
Inhalt Die Beatus-Handschriften enthalten mit leichten Variationen die folgende Sammlung von Texten: Genealogische Tafeln; Vorwort (Praefatio) mit einer Widmung an Etherius von El Burgo de Osma; Zwei Prologe, die dem heiligen Hieronymus zugeschrieben werden; Die Interpretatio, ein Kurzkommentar zu ausgewählten Abschnitten der Apokalypse; Den Hauptteil, den in zwölf Bücher eingeteilten Commentarius in Apocalypsin; Das Explicit, in dem die Bestandteile eines Buches (Codex) aufgezählt werden (nach Isidor von Sevilla, Etymologiae VI 13, 1–2; 14, 6);Lateinischer Text der Etymologiae Isidors. Die Traktate De adfinitates et gradibus und De agnatis et cognatis mit Definitionen von Verwandtschaftsverhältnissen (Etymologiae IX 5–6);Lateinischer Text der Etymologiae Isidors. Den Commentarius des Hieronymus zum Buch Daniel.
Wie es gerade zu dieser Zusammenstellung von Texten gekommen ist, deren Zusammenhang nicht immer einleuchtet, ist unbekannt.
Der Apokalypsen-Kommentar des Beatus von Liébana Die Zuschreibung des anonym überlieferten Kommentars an Beatus von Liébana ist unbestritten: Sie ergibt sich aus der Widmung an den Beatus-Schüler Etherius und aus der stilistischen und inhaltlichen Nähe zur Streitschrift Adversus Elipandum.
Im Vorwort nennt Beatus seine Quellen: Hieronymus, Augustinus, Ambrosius, Fulgentius, Gregor, Tyconius, Irenäus, Apringius von Beja und Isidor. Der eigene Beitrag des Beatus ist gering; sein Werk ist im Wesentlichen eine Kompilation aus Werken der genannten Autoren. Der überwiegende Teil – annähernd die Hälfte – stammt aus dem Apokalypsen-Kommentar des Tyconius, eines Donatisten, der im 4. Jahrhundert in Nordafrika lebte.
Die Einteilung in zwölf Bücher stammt wahrscheinlich schon von Tyconius. Der Text der Apokalypse wird in 66 Abschnitte, storiae genannt, eingeteilt. Nach jeder storia folgt eine explanatio, die mit den Worten incipit explanatio suprascriptae storiae eingeleitet wird und Vers für Vers den Offenbarungstext kommentiert. Das weitschweifige Werk umfasst in einer modernen Druckausgabe mehr als 500 Seiten.Eugenio Romero Pose (Hrsg.): Sancti Beati a Liebana Commentarius in Apocalypsin. Scriptores Graeci et Latini Consilio Academiae Lynceorum Editi, Typis Officinae Polygraphicae, Rom 1985. Als Entstehungszeit wird das Ende des 8. Jahrhunderts angenommen (um 786).Yarza Luaces: Beato de Liébana, S. 42.
mini|hochkant|Das Lamm auf dem Berg Zion, Morgan-Beatus
Stil In den isolierten christlichen Königreichen der nördlichen Iberischen Halbinsel haben sich Kunstformen entwickelt, die sich von den übrigen europäischen Kunststilen deutlich abheben, auch wenn sich verschiedene Einflüsse nachweisen lassen: Teilweise gehen diese bis auf die Antike zurück; aus dem benachbarten Frankenreich und vor allem aus dem arabischen Raum wurden Anregungen übernommen, Letztere wohl durch mozarabische Flüchtlinge vermittelt.
Charakteristisch sind die mangelnde Naturtreue und extreme Vereinfachung: Berge sind beispielsweise als simple geometrische Figuren dargestellt, oft mit dem Zirkel gezeichnete Halbkreise. Jede Räumlichkeit fehlt; die Darstellungen sind rein zweidimensional. Dem steht eine reiche Ornamentik gegenüber; bemerkenswert ist vor allem das kunstvolle Flechtwerk. Die Farben sind meist kräftig und leuchtend.
Auch eine eigene Schriftform hat sich auf der nördlichen Iberischen Halbinsel ausgebildet, die westgotische Minuskel, in der alle älteren Beatus-Codices geschrieben sind. mini|links|hochkant|Beatus von Urgell: Das Tier, das aus der Erde heraufsteigt (f. 138v). Darunter der Text der explanatio in westgotischer Minuskel.
Ikonographie Vermutlich war der Apokalypsen-Kommentar des Beatus von Anfang an als illustriertes Werk angelegt. Das Bildprogramm erfuhr im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Ergänzungen und Erweiterungen, hat sich jedoch nicht wesentlich geändert. Aufgrund ikonographischer, stilistischer und textueller Merkmale wurden von mehreren Autoren Einteilungen und Stemmata der Beatus-Codices vorgeschlagen, unter anderem von Wilhelm NeußWilhelm Neuß: Die Apokalypse des Johannes in der altspanischen und altchristlichen Bibel-Illustration. Münster 1931., Henry A. SandersHenry A. Sanders et al.: Beati in Apocalypsin libri duodecim. Codex Gerundensis. Madrid 1975., Peter K. KleinPeter K. Klein: Der ältere Beatus-Codex Vitr 14-1 der Biblioteca Nacional zu Madrid. Studien zur Beatus-Illustration und der spanischen Buchmalerei des 10. Jahrhunderts. Hildesheim – New York 1976. und John WilliamsJohn Williams: The Illustrated Beatus.. Die Ergebnisse unterscheiden sich in einigen Details; allen gemeinsam ist jedoch die Einteilung in zwei Familien, wobei die Familie II sich durch eine reichere Bebilderung mit mehr und größeren Miniaturen auszeichnet. Innerhalb der Familie II werden noch die Zweige IIa und IIb unterschieden.
Bilder zur Einleitung Bei den Illustrationen vor der eigentlichen Beatus-Apokalypse unterscheiden sich die Handschriften am stärksten; etliche Bilder kommen nur in einer einzigen Handschrift vor. Folgende Miniaturen sind mehreren Codices gemeinsam:
mini|hochkant|Labyrinth aus dem Fanlo-Beatus mit der Inschrift Pantio abba librum
Labyrinth: Buchstaben-Labyrinthe oder eigentlich -Raster finden sich in zahlreichen spanischen Handschriften des Hochmittelalters, nicht nur in Beatus-Codices. Kästchen mit Buchstaben sind zu einem – meist rechteckigen und reich verzierten – Teppich angeordnet. In den häufig wiederholten Buchstabenfolgen ist eine kurze Botschaft verborgen, etwa der Herstellungsort, der Schreiber oder Auftraggeber (z. B. S(an)c(t)i Micaeli lib(er), „Buch des hl. Michael“ im Morgan-Beatus). Maiestas Domini, Alpha und Omega Anbetung des Lammes und des Kreuzes Evangelisten-Zyklus: Dieser Zyklus von acht Miniaturen kommt nur in der Familie II vor. In einem hufeisenförmigen Bogen befinden sich jeweils zwei Figuren, auf der linken Seite der Evangelist mit einem Zeugen, auf der rechten Seite zwei Engel, die das Evangelium präsentieren. Darüber sind die Evangelistensymbole dargestellt. Für diesen Zyklus lassen sich verschiedene Vorbilder nachweisen, die bis ins Frühchristentum oder sogar in die Antike zurückreichen (Porträt des Dichters mit seiner Muse). Das „Autorenbild der Evangelisten“ ist ein „Leitmotiv“ des frühen Mittelalters; eine spezifische Motivation für die Aufnahme des Evangelisten-Zyklus in einen Apokalypsen-Kommentar ist jedoch unbekannt. Genealogische Tafeln: Diese finden sich nur in den Beatus der Familie II. Auf insgesamt sieben Doppelseiten wird der Stammbaum Christi dargestellt. Die Namen stehen in kreisförmigen Medaillons, weitere Texte sind von Rechtecken, Kreisen und vor allem hufeisenförmigen Bögen umrahmt. Mehrere kleine Miniaturen illustrieren die Genealogie: Adam und Eva Noach (Noe filus Lamech): Die Abbildung zeigt das Brandopfer des Noach und markiert den Beginn des zweiten Weltalters (incipit secunda aetas mundi) Opferung Isaaks Weltkarte: Diese einfache isidorianische Weltkarte (siehe unten) illustriert die Aufteilung der Welt auf die drei Söhne Noachs. Maria mit dem Kind Der seltene Vogel und die Schlange: Der Kampf des Vogels mit der Schlange, den jener mit dem Schnabel allein nicht gewinnen kann und durch einen Schlag mit dem Schwanz den Sieg erringt, wird christologisch gedeutet.
mini|Die vierte Posaune, Escorial-Beatus (f. 94v)
Bilder zur Johannes-Apokalypse Der Großteil der Miniaturen illustriert die Apokalypse selbst. Die Miniaturen folgen sehr buchstabengetreu dem Text, beispielsweise werden Sonne und Mond in drei annähernd gleich große Sektoren eingeteilt, um die Verfinsterung eines Drittels zu illustrieren . Es findet sich aber auch manche Nachlässigkeit, die Symbolzahlen (sieben Häupter, zehn Hörner, 24 Älteste usw.) sind nicht immer genau, sondern als unbestimmte Vielheit wiedergegeben.
Die dargestellten Personen, Gegenstände und Szenen sind fast immer beschriftet, beispielsweise Iohannes, angelus (Engel), lapis (Mühlstein, ), ubi Iohannes librum accepit (hier nimmt Johannes das Buch entgegen, ) usw.
Die Illustrationen befinden sich üblicherweise zwischen storia und explanatio. In den Codices der Familie II sind die meisten ganzseitig und gerahmt. Auch kleinere Formate kommen vor, vor allem bei den Zyklen (sieben Sendschreiben, sieben Posaunen, sieben Schalen); manche Miniaturen sind doppelseitig. Charakteristisch für die Familie II sind auch die monochromen horizontalen Streifen, die den Hintergrund bilden.
mini|hochkant|Der Altar und die Seelen der Verstorbenen. Beatus von Urgell, f 106 mini|hochkant|Die Anbetung des Tieres und des Drachen. Escorial-Beatus f 108v mini|hochkant|Aus dem Maul des Tieres, des Drachen und des falschen Propheten kommen unreine Geister gleich Fröschen hervor. Beatus von Osma, f. 139 mini|hochkant|Das Lamm besiegt das Tier, den Drachen und den falschen Propheten. Facundus-Beatus f. 230v
Nachfolgend werden vollständig alle storiae aufgelistet, die in den Beatus-Handschriften illustriert sind:
1. Buch: Die Offenbarung Gottes an Johannes Der Herr erscheint in den Wolken Vision des Ältesten mit den sieben Leuchtern
2. Buch: Sendschreiben an die sieben Gemeinden (, ): Zyklus von sieben ähnlichen, meist kleineren Miniaturen
3. Buch: Vision Gottes auf dem Thron; die vierundzwanzig Ältesten und das gläserne Meer Vision des Lamms, der vier Wesen und der vierundzwanzig Ältesten
4. Buch: Die vier apokalyptischen Reiter Der Altar und die Seelen der Verstorbenen Die Öffnung des sechsten Siegels Die Engel der vier Winde Die Anbetung des Lammes und die 144.000 Versiegelten (meist doppelseitig) Die Öffnung des siebenten Siegels
5. Buch: Die ersten fünf Posaunen (–): Zyklus von fünf kleineren Miniaturen Die Heuschrecken und der Engel des Abgrunds Die sechste Posaune Die Vision von den Reitern Der starke Engel; Johannes verschlingt das Buch und misst den Tempel – (Johannes und das Meer befinden sich außerhalb des Rahmens, sodass die Miniatur größer als eine Seite ist) Die beiden Zeugen Der Antichrist tötet die beiden Zeugen Auferstehung der beiden Zeugen; Erdbeben Die siebente Posaune
6. Buch: Der geöffnete Tempel und das Tier aus dem Abgrund