mini|hochkant=1.5|alt=Frontale Farbfotografie der Berliner Mauer mit einem Bild, das zwei ältere Männer in innigem Bruderkuss zeigt. Beide tragen schwarze Anzüge und haben dunkle Haare. Der rechte Mann trägt eine Brille. Um das Graffiti stehen kyrillische Aussagen und ein deutscher Text, der lautet „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“|Dmitri Wrubel: „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“ – East Side Gallery, 1991
Das Denkmal East Side Gallery im Berliner Ortsteil Friedrichshain ist eine dauerhafte Open-Air-Galerie auf dem längsten noch erhaltenen Teilstück der Berliner Mauer in der Mühlenstraße zwischen dem Berliner Ostbahnhof und der Oberbaumbrücke entlang der Spree.
Im Frühjahr 1990, nach der Öffnung der Berliner Mauer, wurde dieses Teilstück von 118 Künstlern aus 21 Ländern auf einer Länge von 1316 Metern bemalt. Die Künstler kommentierten in gut einhundert Gemälden auf der ehemals Ost-Berlin zugewandten Seite der Mauer mit den unterschiedlichsten künstlerischen Mitteln die politischen Veränderungen der Jahre 1989/1990. Wegen städtebaulicher Maßnahmen ist sie mittlerweile nicht mehr durchgehend erhalten, und anstelle der Originale von damals existieren heute nur noch die im Jahr 2009 entstandenen Repliken.
Die eigentliche Grenze bildete an dieser Stelle das Kreuzberger Ufer der Spree. Die Galerie befindet sich an der sogenannten Hinterlandmauer, die das Grenzgebiet nach Ost-Berlin hin abschloss. Längs dieser Grenzanlagen verlief mit der Mühlenstraße eine der Hauptausfallstraßen in Richtung Süden. Aufgrund der räumlichen Gegebenheiten waren die zuletzt üblichen Betonröhren bereits hier aufgesetzt, so dass die Hinterlandmauer in diesem Bereich untypischerweise optisch, aber etwas überhöht, der äußeren Mauer glich.
Der einzige erhaltene originale Mauerabschnitt einer Vorderlandmauer, also die typische Berliner Mauer nach West-Berlin, steht im Parlament der Bäume. An allen anderen Mauer-Gedenkorten wurden die Betonsegmente entweder von anderen Standorten dorthin versetzt, neu aufgebaut oder sind von sogenannten Mauerspechten durchlöchert worden.
Geschichte mini|alt=Seitliche Farbfotografie von einer Straße mit einer langen Mauer auf der linken Seite und einer Fabrikfassade auf der rechten Seite. Im Hintergrund fährt ein Auto und hinter der linken Mauer sind Häuser und ein Fabrikschornstein.|Die Mühlenstraße im Jahr 1987, Blick in Richtung Nordwest mini|alt=Schwarzweißfotografie in der Obersicht von einer Mauer mit Überkletterungsschutz, die sich von links unten zur Bildmitte erstreckt, und einem Fluss auf der rechten Seite. Zwischen Mauer und Fluss verläuft eine schmale Grünfläche mit Asphaltweg. Rechts am Ufer stehen Betonpfeiler. Links von der Mauer ist eine vielbefahrene Straße und im Hintergrund ist rechts von großen Gebäuden eine Brücke.|Das Gebiet der East Side Gallery im August 1990 mini|alt=Seitliche Farbfotografie von der Berliner Mauer mit zwei Bildern und einem Wachturm, der hinter dem rechten Bild steht. Das linke Bild zeigt mehrere nackte Menschen und Kinder, die in einem Felsrund mit feuerrotem Himmel im Hintergrund spielen. Das rechte Bild zeigt zwei zusammenlaufende Mauern, die in einem Berg vor weißem Hintergrund mit rotem Kreis enden. An der linken Mauer steht ein Schild „Detour to the japanese sector“.|Teil der East Side Gallery im August 1990, Grenzwachturm hinter der Straßenmauer mini|alt=Farbfotografie entlang der Berliner Mauer auf der rechten Seite. Links steht ein Wachturm und in der Mitte ist ein Asphaltweg mit verwilderten Grünflächen. Im Hintergrund sind zwischen den Wolken Fabrikschornsteine und der Fernsehturm zu erkennen.|Die spätere East Side Gallery am 2. Oktober 1990
Nach einem Hilferuf des Verbandes Bildender Künstler der DDR (VBK) an den Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) in Frankfurt am Main im November 1989 reisten dessen Vorsitzende Barbara Greul-Aschanta und der BBK-Vorstandssprecher Bodo Sperling nach Berlin, um mit dem VBK unter der Leitung von Jörg Kubitzki Verhandlungen über den Zusammenschluss der beiden deutschen Verbände zu führen und den Künstlern Lösungen aufzuzeigen, wie sie nun ihren finanziellen Alltag bewältigen können. Die DDR-Künstler hatten seit Oktober 1989 keine Einkünfte mehr aus den bisherigen Staatsaufträgen erhalten. Nach dreimonatigen Gesprächen und Diskussionen, wie es denn weiter gehen kann und wie Künstler in Westdeutschland mit ihrer Kunst Geld verdienen, wurden Pläne für ein gemeinsames Projekt East Side Gallery geschmiedet.
Im Februar 1990 kam es nach Einholen einer Erlaubnis durch das damalige Ministerium für Nationale Verteidigung unter Leitung von Theodor Hoffmann und des Ministerrats der Deutschen Demokratischen Republik zur offiziellen Gründung des Projektes „East Side Gallery“. Gleichzeitig wurden Vorbereitungen zu einer gemeinsamen Kunstausstellung im Gebäude der damaligen Humboldt-Universität zu Berlin für Agrarwissenschaften in der Invalidenstraße 42 getroffen. Über Botschaften und diplomatische Vertretungen wurden Künstler aus vielen Teilen der Welt eingeladen, an dem Projekt teilzuhaben.
Als Großsponsoren boten sich durch die Vermittlung der Botschaft der Vereinigten Staaten, Coca-Cola und McDonald’s an, das erste gesamtdeutsche Kunstprojekt zu fördern. In oft nächtelangen Diskussionen in den Clubs und privaten Künstlerwohnungen im Ostteil Berlins konnten die Bedenken der Ostberliner Künstler nicht ausgeräumt werden, eventuell die durch den Fall der Mauer frisch erreichte Unabhängigkeit durch Einwilligung in Sponsoring zu verlieren. So einigte man sich darauf, auf diese Unterstützung zu verzichten.
Im Sommer 1990 bot die japanische Botschaft an, die gesamte East Side Gallery nach Fertigstellung auf das ehemalige Gelände der Weltausstellung Expo 85 zu verschiffen. Die dafür notwendige Erlaubnis konnte allerdings aufgrund der damals ungeklärten Besitzverhältnisse an der Berliner Mauer nicht eingeholt werden. Wie sich später herausstellte, stand die gesamte Berliner Grenzanlage unter der Aufsicht der LPG-Leipzig, einer Deckorganisation des damaligen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Damit sollte eine allzu große Nähe zwischen den beiden Bevölkerungsteilen in Berlin unterbunden werden. Die Schottin Christine MacLean übernahm die tägliche Organisation und Umsetzung an der Mauer, sie nahm Künstler unter Vertrag und organisierte Sponsorengelder für einen Katalog. Am 28. September 1990 wurde die East Side Gallery feierlich auf einem Schiff auf der Spree eröffnet. Die Künstler schufen mit ihren individuellen Botschaften und Kommentaren ein Dokument dafür, dass der Wunsch nach Freiheit letztlich stärker ist als Zwangsmaßnahmen und Gewalt. Mit mehr als hundert Gemälden drückten sie ihre Freude über den Mauerfall und die Überwindung des Kalten Kriegs aus.
Noch im März 1990 hatten die Werbe- und Veranstaltungsgesellschaft mbH (Wuva) und der Rat des Stadtbezirks Friedrichshain einen Nutzungsvertrag für die Reste der Mauer an der Mühlenstraße geschlossen. Dieser erlaubte der Wuva die Anbringung kommerzieller Werbung – dafür fanden sich jedoch wenig Interessenten. Die Wuva verfolgte anfangs Pläne, die bemalten Mauerstücke als Ausstellung um die Welt zu schicken und anschließend zu versteigern. Stattdessen wurde im November 1991 der als East Side Gallery benannte Mauerstreifen unter Denkmalschutz gestellt.
Sanierungen mini|alt=Frontale Farbfotografie von einem Fahrgerüst vor einer Mauer, auf dem ein Mann im linken Seitenprofil steht und telefoniert. Im Vordergrund sind ein hohes Absperrgitter und weitere Malutensilien sowie eine Vorlage mit dem finalen Bild. Die Fläche an der Mauer ist größtenteils weiß, aber Linien und die ersten Farben deuten das finale Bild an.|Dmitri Wrubel während der Wiederherstellung des Bildes Bruderkuss im Juni 2009, das neue Bild ist schon schemenhaft als Skizze zu erkennen
Im Laufe der Jahre sind viele Bilder der East Side Gallery stark verwittert. Vor allem Witterungseinflüsse und Graffiti schädigen die East Side Gallery. Einige Bilder verschwanden vollkommen, neue Bilder entstanden. 1996 gründete sich unter dem Vorsitz von Kani Alavi der Verein Künstlerinitiative East Side Gallery e. V., der sich seither um den Erhalt und die Sanierung bemüht. Die Sanierung im Jahr 2000 war eine wichtige Etappe der Bemühungen. Mit Hilfe des Verbands der Lackindustrie wurden 40 der stark angegriffenen Bilder restauriert. Die Betonflächen wurden geglättet und die noch vorhandenen Kunstwerke mit einem Speziallack versehen, der eine leichte Entfernung von Graffiti möglich macht. Ein Großteil der Gemälde blieb dennoch sanierungsbedürftig.
mini|alt=Seitliche Farbfotografie von der Berliner Mauer mit einem Bild von abstrakten Köpfen und geometrischen Figuren, die wahllos zusammengefügt sind. Auf einem Kopf stehen die Wahrzeichen Berlins. Teilweise sind die verschiedenen Farben verblasst oder abgesplittert.|Abschnitt der East Side Gallery vor der Sanierung mini|alt=Seitliche Farbfotografie von der Berliner Mauer mit dem Bild von abstrakten Köpfen und geometrischen Figuren, die durch die fließenden Linien zusammenfinden. Ein abstrakt gemalter Jesus am Kreuz ist unten links und auf mehreren Querstreifen, die der Deutschlandfahne ähneln, steht „Ich liebe das Leben“|Ein Abschnitt nach der Sanierung
Im Oktober 2008 begann die erneute Sanierung der East Side Gallery. Hierfür standen 2,2 Millionen Euro zur Verfügung. Gesamtprojektleiter war die Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH (S.T.E.R.N.). Auf einer Pressekonferenz anlässlich des Beginns der Sanierung beschrieb Kulturstaatssekretär André Schmitz die East Side Gallery als Teil des Berliner Gesamtkonzepts zur Erinnerung an die Berliner Mauer.
Laut S.T.E.R.N. war eine nachhaltige Instandsetzung des Mauerwerks Grundvoraussetzung der Sanierung. Dazu wurden die Stahlbewehrungen freigelegt, um sie von Korrosion zu befreien. Bei diesem Verfahren musste ein Großteil der Bilder abgestrahlt werden. Die entstandenen Löcher wurden mit einem speziellen Beton verfüllt, verspachtelt und grundiert. Zur Wiederherstellung der Motive wurden die Künstler der Werke, die ausfindig gemacht werden konnten, nach Berlin eingeladen, um ihr Bild ein zweites Mal an die Berliner Mauer zu malen. Dieser Aufforderung kamen 87 der noch lebenden 115 Künstler nach. Jeder Künstler erhielt eine Aufwandsentschädigung von 3000 Euro und eine Verpflegungskostenpauschale. Künstlern, die nicht aus Berlin kamen, wurden die Fahrt- und Unterkunftskosten erstattet.Marika Bent: Der Kuss. In: nd-aktuell.de. 7. November 2009, abgerufen am 19. August 2021.
Die Masken von Vyatcheslav Schlyakhov wurde als erstes wiederhergestelltes Bild im März 2009 enthüllt. Die Wiedereröffnung der sanierten Galerie fand am 6. November 2009 statt.J. Fahrun, S. Flatau: East Side Gallery – Breschnew und Honecker küssen sich wieder. In: Welt Online, 6. November 2009; abgerufen am 2. Januar 2021.
Einige der Künstler protestieren gegen die Sanierung: Sie seien zuvor nicht nach ihrem Einverständnis gefragt worden, bekämen ein Pauschalhonorar von 3000 Euro für die Rekonstruktion ihrer eigenen Werke, während die Lottostiftung Berlin für die Sanierung insgesamt knapp eine Million Euro bereitgestellt habe. Von den Werken hätten über die Jahre nur andere mit Print-Publikationen profitiert, weshalb etwa der Künstler Jim Avignon seinen Beitrag auf der Mauer bereits mit dem Wort „moneymachine“ (Geldmaschine) übermalt hatte. 14 Künstler gründeten daher die Gründerinitiative East Side mit dem Ziel, die Mittel der Lottostiftung ausschließlich den beteiligten Künstlern zur Wiederherstellung ihrer Bilder zukommen zu lassen.ddp, Spiegel Online, 5. November 2009 Diese Bemühungen setzten sich jedoch nicht durch.