Das Wort Bienensterben wird auf verschiedene Weise verwendet, als Schlagwort und als Fachausdruck.
Als Fachbegriff bezieht sich Bienensterben auf Wildbienenarten, von denen mehr als 50 % der deutschen Arten auf der Roten Liste gefährdeter Arten stehen. Die Wildbienen werden im folgenden Artikel nicht betrachtet. Im weitesten Sinne wird der Begriff Bienensterben als Synonym und Schlagwort für das Insektensterben benutzt.Das große Insektensterben – Gründe für das Sterben Umweltinstitut München abgerufen am 22. Mai 2019 Europäischer Tier- und Naturschutz e. V., abgerufen am 22. Mai 2019.Wildbienen: „Bienensterben“ auf Wildbienen.de, abgerufen am 22. Mai 2019.
Das Schlagwort Bienensterben steht in öffentlichen Debatten und Medien für die These, dass es weltweit einen starken Rückgang der Anzahl bzw. Dichte von Völkern der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera) gebe, für den der Mensch durch globalisierte, industriell-technische Formen der Landnutzung (Monokulturen, Pestizide, Transport etc.) verantwortlich sei und der wegen ausbleibender Bestäubung durch Bienen fatale Folgen für die Lebensmittelproduktion habe. Diese Ansicht wird auch in bekannten Filmen wie Vanishing of the Bees (2009), Das Geheimnis des Bienensterbens (2010) und More than Honey (2012) vermittelt. Von Forschern wird die Honigbiene jedoch als Sonderfall gesehen, da sie kommerziell genutzt wird und daher stark vom Imker abhängig ist – es wird angenommen, dass sie nicht aussterben kann, solange es Imker gibt.
Eine Analyse der Bestandsentwicklung global bewirtschafteter Bienenvölker kann die These eines so verursachten globalen Bienensterbens jedoch nicht stützen; vielmehr zeigen sich überregional und regional sehr unterschiedliche Befunde von Zu- und Abnahmen der Dichte von Bienenvölkern.Moritz, R. F. 2014: Die Ursachen des weltweiten Bienensterbens. In: Rundgespräche der Kommission für Ökologie 43: 87–94, hier 87. Zum Teil lassen sich diese Befunde mit sozial-ökonomischen Veränderungen erklären, die Bienenhaltung für die Imker attraktiv oder unattraktiv gemacht haben.Moritz, R. F. 2014: Die Ursachen des weltweiten Bienensterbens. In: Rundgespräche der Kommission für Ökologie 43: 87–94, hier 88, 94. Verluste von Bienenvölkern konnten in einigen Fällen auf eindeutige Ursachen zurückgeführt werden, zum Beispiel neues Auftreten eingeschleppter Parasiten wie die Varroamilbe, oder, in zwei Fällen, nicht sachgerechter Einsatz von Neonicotinoiden als Saatgut-Beizmittel. In vielen anderen Fällen, insbesondere bei Fällen erhöhter Wintersterblichkeit, als Syndrom auch als colony collapse disorder, meist abgekürzt CCD, bezeichnet, konnten alleinige Ursachen bisher wissenschaftlich nicht belegt werden. Vielmehr besteht weiterer Forschungsbedarf hinsichtlich der Kombination mehrerer Faktoren.
Colony Collapse Disorder (, kurz CCD) ist eine aus den Vereinigten Staaten stammende Bezeichnung für eine bestimmte Form des Bienensterbens. Symptome sind der rasche Verlust ausgewachsener Arbeiterinnen im Stock und das Fehlen toter Arbeiterinnen im und um den Stock. Brut, junge Bienen, Honig und Pollen sind dagegen noch vorhanden. Nestschädlinge und Kleptoparasitismus treten zudem nur mit Verzögerung auf.
Entwicklung der Bienenpopulationen Die FAO trägt jährlich offizielle Schätzungen zur Zahl der kommerziellen Bienenstöcke in vielen Ländern seit Beginn der 1960er Jahre zusammen. Diese Zahl ist im Laufe der letzten 50 Jahre in manchen Ländern gestiegen, in anderen gefallen. In den USA sank sie zwischen 1961 und 2014 von 5,5 auf 2,6 Millionen. In Indien stieg sie im selben Zeitraum von 5 auf 11,6 Millionen, in China von 3,2 auf 8,9 Mio. In Deutschland sank die Zahl der Bienenstöcke von 2 auf 0,7 Mio., in der Türkei stieg sie von 1,5 auf 6,6 Mio.FAOSTAT, 2016.
Insgesamt stieg die Zahl der kommerziellen Bienenstöcke nach FAO-Angaben zwischen 1961 und 2007 um ca. 45 % an. Während die Zahl in Nordamerika (−49,5 %) und Europa (−26,5 %) sank, nahm sie in Asien (+426 %), Afrika (+130 %), Südamerika (+86 %) und Ozeanien (+39 %) zu. Innerhalb der Regionen zeigten sich ebenfalls erhebliche Divergenzen; beispielsweise nahm die Zahl in Finnland, Kanada und Spanien erheblich zu, während sie in Deutschland, Schweden und den USA sank. In den Jahren 2007–2022 stieg die Anzahl der Bienenvölker in Deutschland nach Angaben der Bundesregierung wieder deutlich an, von 670.000 auf knapp 1 Million.Umfragen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft und der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Statista 2023
Laut der „ersten langfristigen [wissenschaftlichen] Bewertung des globalen Bienensterbens“, welche GBIF-Daten über mehr als einem Jahrhundert analysierte, nahm die Anzahl der Bienenarten nach den 1990er Jahren rapide ab und ist zwischen 2006 und 2015 um ein Viertel im Vergleich zu vor 1990 geschrumpft.
Geschichte „Der Tod von Bienenvölkern gehört zur Natur und zur Imkereikultur. Winter-Verlustraten von 10 % des Bestandes galten seit Beginn der Dokumentation Ende des 19. Jhs. als normal.“Karafyllis, N.C./Friedmann, G. 2017: Kein Honigschlecken. Bienen als ‚Ökosystemdienstleister‘ und natürliche Mitwelt. In: Naturphilosophie. Ein Lehr- und Studienbuch. Tübingen, UTB/Mohr Siebeck: 292–302, hier 295. Das Schlagwort Bienensterben bezieht sich auf die seit einigen Jahrzehnten beobachteten deutlich höheren Winterverluste und signifikanten Verluste von Bienenvölkern auch während der Saison.
Nordamerika Vereinigte Staaten Im Herbst 2006 traten bei einzelnen Bienenhaltern in den USA massive Verluste auf, die größer waren als die üblichen, alljährlichen Winterverluste. Derart massive Verluste traten bereits in den 1880er, den 1920er und den 1960er Jahren auf, wobei unklar ist, ob es sich dabei um CCD handelte. In der Vergangenheit wurden auch noch weitere ungewöhnliche Fälle von Bienensterben beobachtet. Im Jahr 1903 verschwanden im Cache Valley in Utah nach einem strengen Winter und kalten Frühling 2000 Bienenstöcke. Im Winter 1995/96 traten in Pennsylvania Verluste von 53 % ohne erkennbare Ursache auf.Honey Bee Health and Colony Collapse Disorder. ARS.
1853 berichtete Lorenzo Langstroth von Bienenstöcken, die eines Morgens leer aufgefunden wurden. 1891 und 1896 verschwanden größere Zahlen von Bienen, was als May disease beschrieben wurde. In den 1960er Jahren verschwanden Bienen in Texas, Louisiana und Kalifornien. 1975 ereignete sich eine ähnliche Epidemie in 27 Bundesstaaten, und erneut 2005 in Kalifornien.Hannah Nordhaus: . The Breakthrough, Sommer 2011.
Das Bee Informed Partnership, ein gemeinsames Projekt führender US-amerikanischer Forschungslabore und Universitäten mit Unterstützung des United States Department of Agriculture, sammelt seit 2006 jedes Jahr Daten zu Honigbienenverlusten. Diese Daten werden in Form von Befragungen von Imkern erhoben, in denen die Imker Angaben unter anderem zur Zahl der Bienenstöcke zu verschiedenen Zeitpunkten im Jahr, Zuwächsen und Rückgängen dieser Zahl, sowie zu den von den Imkern vermuteten Ursachen für Verluste machen. Die landesweiten Winterverluste betrugen im Durchschnitt über die bisher veröffentlichten Daten aus zehn Wintern 29 %. Im ersten Umfragewinter 2006/07 betrugen die Verluste 32 %, im jüngsten Umfragewinter 2015/16 betrugen sie 28 %. Die Verluste unterscheiden sich dabei erheblich zwischen einzelnen Bundesstaaten, Jahreszeiten und Haltungsformen.Colony Loss 2015–2016: Preliminary Results. Bee Informed Partnership, 4. Mai 2016. Abgerufen am 8. März 2017.
Eine 2015 veröffentlichte Studie (Lee et al., 2015) analysierte die Daten des Umfragewinters 2013/14. Garten- und Nebenerwerbsimker hatten dabei höhere, kommerzielle Imker niedrigere relative Verluste. Die an der Analyse der Umfrage beteiligten Wissenschaftler vermuten, dass die niedrigeren Verluste kommerzieller Imker darauf zurückzuführen sind, dass diese im Gegensatz zu Hobbyimkern ihre Bienenstöcke im Winter üblicherweise in wärmere Regionen transportieren und sie außerdem gegen die Varroamilbe behandeln. Auch zeigte sich in den Ergebnissen in allen Jahren, dass Imker, die ihre Bienenstöcke transportieren und zur Bestäubung von Mandelbäumen einsetzen, ähnliche oder geringere Verluste erfahren als Imker, die dies nicht tun. Die in den jährlichen Umfragen von den Imkern am häufigsten genannten Ursachen für ihre Winterverluste waren Ausfall der Königin, Varroamilbe, Verhungern, Herbstschwäche, Pestizide, schlechte Überwinterungsbedingungen und CCD. Für den Winter 2013/14 gaben Gartenimker (96 % der Befragten) und Nebenerwerbsimker (2,6 %) schlechte Überwinterungsbedingungen, Verhungern und Herbstschwäche als häufigste Ursachen an. Kommerzielle Imker (1,4 %) nannten für dasselbe Jahr Ausfall der Königin (ca. 20 % der Befragten) sowie Varroamilbe (ca. 16 %) und Pflanzenschutzmittel (ca. 14 %) als häufigste Ursachen (ähnlich 2012/13).
Nach einer auf Basis der Daten des Umfragewinters 2014/15 ebenfalls 2015 veröffentlichten Studie (Seitz et al., 2015) sind die von kleineren Imkereien genannten Ursachen für Wintersterblichkeit vor allem Managementprobleme (z. B. Verhungern, Herbstschwäche), während größere kommerzielle Imkereien in erster Linie Parasiten oder Faktoren außerhalb ihrer Kontrolle ausmachten (z. B. Varroa, Nosema, Ausfall der Königin).
Kanada Im Rahmen des COLOSS-Forschungsprojekts wurden Umfragen zu den Winterverlusten 2009/10 in Kanada durchgeführt. In sechs Provinzen schwankten die Verluste zwischen 16 % und 25 %, mit besonders hohen Verlusten in Nova Scotia.
Ein im Süden Ontarios durchgeführtes Forschungsprojekt sammelte zwischen 2007 und 2008 Daten in mehr als 400 zufällig ausgewählten Bienenstöcken. Die Winterverlustrate betrug 27 %. Von den untersuchten Faktoren war der Befall mit der Varroamilbe am stärksten mit Verlusten assoziiert.
Europa In Europa nahm die Zahl der Honigbienenvölker von über 21 Mio. (1970) auf 15,5 Mio. (2007) ab. Dieser Rückgang war langsam bis 1990 und ab da deutlich steiler. Da es in Europa – anders als in den USA – keine gebietsweiten jährlichen Erhebungen gibt, sind Entwicklungen und Schwankungen schwerer feststellbar; für einige Länder fehlen Daten oder werden seitens der FAO geschätzt. Es lassen sich keine konsistenten Entwicklungen zwischen verschiedenen Ländern ausmachen, beispielsweise nahm die Zahl der Honigbienenvölker in Deutschland seit 2000 bei einem immer noch niedrigeren Stand als 1961 langsam zu, während die Zahl in Frankreich heute höher ist als 1961, seit 2000 aber abnimmt.
Das europaweite Forschungsnetzwerk COLOSS (Prevention of honey bee COLony LOSSes) wurde 2008 ins Leben gerufen und hat seitdem international standardisierte Umfrageprotokolle entwickelt, auf deren Basis repräsentative und international vergleichbare Umfragen zu Formen der Bienenhaltung, Bienenverlusten sowie möglichen Risikofaktoren durchgeführt werden. Im Winter 2012/13 wurden die so erhobenen Winterverluste und Risikofaktoren in 18 nord-, zentral- und westeuropäischen Ländern sowie Israel analysiert. Von den überwinternden Bienenstöcken gingen 16,1 % verloren. Die Verluste schwankten dabei erheblich zwischen den Ländern und unterschiedlich großen Bienenstockbeständen, von unter 10 % in Bosnien und Herzegowina bis zu hohen Verlusten von über 30 % in Schottland und Irland. Hinsichtlich der Risikofaktoren zeigt eine Regressionsanalyse, dass die Haltungsbedingungen der Honigbienen wichtig sind, etwa die Art der Behandlung gegen die Varroamilbe sowie die Erkennung und Korrektur von Problemen der Königinnen. Außerdem erhöht der Zugang zu bestimmten landwirtschaftlichen Nutzpflanzen (Mais, Raps) das Sterberisiko der Honigbienen (wobei nicht geklärt wurde, ob dieser Umweltfaktor mit der Art des Lebensraums, dem Ernährungswert der Nutzpflanzen oder der Behandlung mit Pflanzenschutzmitteln im Zusammenhang steht).