mini|Emblem der Gemeinschaft Kraft durch Freude

Die nationalsozialistische Massenorganisation Kraft durch Freude (KdF) wurde am 27. November 1933 als Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) mit dem Ziel gegründet, den Totalitätsanspruch des NS-Regimes mit der „Bildung einer wirklichen Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen“ zu erfüllen.Rüdiger Hachtmann: „Bäuche wegmassieren“ und „überflüssiges Fett in unserem Volke beseitigen“. Der kommunale Breitensport der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. In: Frank Becker, Ralf Schäfer (Hrsg.): Sport und Nationalsozialismus. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8353-1923-3, S. 27–66, hier S. 29. Mit dem Amt für Reisen, Wandern und Urlaub war KdF der größte Reiseveranstalter in der Zeit des Nationalsozialismus.

Die Organisation mit Sitz in Berlin bestand von 1933 bis 1945, wobei sich die meisten ihrer Aktivitäten mit Beginn des Zweiten Weltkrieges im September 1939 auf die Frontbetreuung und „kulturelle Zerstreuung“ der deutschen Truppen beschränkten.

Gründung mini|hochkant|KdF-Abzeichen in Pfronten, 1935

Am 24. Oktober 1934 unterschrieb Adolf Hitler eine von Robert Ley, dem Leiter der DAF, vorgelegte Verordnung:

Als „Dienstleister der Volksgemeinschaft“ sollte die DAF „die breiten unterbürgerlichen Schichten“ neben einer „Disziplinierung“ mit „Zuckerbrot“ in „das Ordnungsgefüge der NS-Gesellschaft integrieren und zumindest eine passive Loyalität erreichen“.Rüdiger Hachtmann: „Bäuche wegmassieren“ und „überflüssiges Fett in unserem Volke beseitigen“. Der kommunale Breitensport der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. In: Frank Becker, Ralf Schäfer (Hrsg.): Sport und Nationalsozialismus. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, S. 27–66, hier S. 30. Zur Entstehung von Kraft durch Freude trugen zwei Faktoren bei: Zum einen war bereits in der Zeit der Weimarer Republik die durchschnittliche Zahl von Urlaubstagen bei Arbeitern und Angestellten auf acht bis zwölf Tage angestiegen; fast alle Arbeiter hatten Anspruch auf bezahlten Jahresurlaub. Jedoch bekamen meistens nur ältere Betriebsangehörige so viel Urlaub, dass sie tatsächlich eine längere Reise hätten antreten können. Die Nationalsozialisten verlängerten den Urlaub auf zwei bis drei Wochen pro Jahr und konnten damit auch weite Teile der vormals gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft gewinnen.

Zum anderen besaß das faschistische Italien unter Benito Mussolini bereits seit 1925 eine Freizeitorganisation, die Opera Nazionale Dopolavoro (Nationales Freizeitwerk). Robert Ley hatte diese 1929 auf einer Italienreise kennengelernt und schlug daher nach der Machtergreifung eine vergleichbare Organisation vor. Die Nationalsozialisten planten zunächst, sprachlich an die italienische Version angelehnt, ein Feierabendwerk „Nach der Arbeit“;Hasso Spode: Arbeiterurlaub im Dritten Reich. In: Carola Sachse et al.: Angst, Belohnung, Zucht und Ordnung. Herrschaftsmechanismen im Nationalsozialismus. Westdeutscher Verlag, Opladen 1982, S. 288ff., der endgültig gewählte Name „Kraft durch Freude“ erwies sich jedoch als weit wirksameres Schlagwort.Die Benennung als Feierabendwerk war auch nach der Gründung der Kdf gelegentlich üblich, siehe z. B:

An der Planung war Ley maßgeblich beteiligt, der als Leiter der DAF auch das Freizeitwerk führen sollte.

Am 14. November 1933 genehmigte Hitler die Pläne. Die offizielle Gründung der KdF fand zwei Wochen später am 27. November 1933 auf einer Sondertagung der DAF statt.

Ideologische Grundlagen und Ziele Das Ziel der KdF war es, dem deutschen Volk Leistungskraft zu verleihen. Gesunde Freude vor allem am Sport sollte dem „arischen“ Arbeiter Kraft geben, einerseits zur Stärkung der Volkswirtschaft, andererseits aber auch, um aus den Deutschen ein kriegstüchtiges Volk zu machen. „Das Ziel der Organisation ist die Schaffung der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft und die Vervollkommnung und Veredelung des deutschen Menschen“.DAF Informationsdienst vom 26. Januar 1934, zit. n. Bruno Frommann: Reisen im Dienste politischer Zielsetzungen. Arbeiterreisen und „Kraft durch Freude“-Fahrten. Historisches Institut der Universität Stuttgart, Stuttgart 1992, S. 108. Dieses Ziel und ein „nervenstarkes Volk“ sollte mit dem Angebot einer genau bemessenen und durchstrukturierten Freizeit an die arbeitende Bevölkerung gefördert werden. Arbeitsleistung und Produktivität sollten durch verbesserte Volksgesundheit gesteigert werden. Zur schnellen Erhöhung der Mitgliederzahlen, wurde der firmeneigene Betriebssport (gelber Sport) in die KdF integriert,Arnd Krüger: Strength through joy. The culture of consent under fascism, Nazism and Francoism. In: James Riordan, Arnd Krüger (Hrsg.): The International Politics of Sport in the 20th Century. Spon, London 1999, S. 67–89. womit auch außerbetrieblich von KdF angebotene Sportkurse, vor allem auch für Familienangehörige, rasch an Zuspruch gewannen, nach dem Motto: „Keiner ist zu alt und zu dick“ und „Wir müssen das überflüssige Fett in unserem Volke beseitigen“.Rüdiger Hachtmann: „Bäuche wegmassieren“ und „überflüssiges Fett in unserem Volke beseitigen“. Der kommunale Breitensport der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. In: Frank Becker, Ralf Schäfer (Hrsg.): Sport und Nationalsozialismus. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, S. 27–66, hier S. 35.

Während im italienischen Dopolavoro-Werk nur Arbeitnehmer organisiert waren, sollte das deutsche KdF Arbeitnehmer und Arbeitgeber unter einem Dach versammeln und so verhindern, dass eine reine Arbeiterorganisation entstünde, die möglicherweise politisch gefährlich werden konnte. Nicht die einzelnen Stände und Berufsgruppen sollten Einheiten bilden, sondern der Gedanke der klassenlosen „Volksgemeinschaft“ wurde betont. Die „Erhaltung des Arbeitsfriedens durch Befriedung der Arbeitenden“ war das offiziell ausgegebene Ziel.C. Selzner 1937, zit. n. Hasso Spode/Albrecht Steinecke: Die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ – ein Volk auf Reisen? In: ders. (Hrsg.): Zur Sonne, zur Freiheit! Beiträge zur Tourismusgeschichte. Verlag für Universitäre Kommunikation, Berlin 1991, Seitenzahl fehlt. Kraft durch Freude sollte also primär den inneren Frieden sichern, indem es den Arbeitern versprach, was sich bis dahin nur die Oberschicht leisten konnte: Reisen und eine ausreichende, ausgefüllte Freizeit. Die Nationalsozialisten wollten damit auch nachträglich die inzwischen von ihnen verbotenen Gewerkschaften übertrumpfen, die der Arbeiterschaft zwar eine erfüllte Freizeit versprochen, dieses Versprechen aber nie erfüllt hätten. Tatsächlich hatten jedoch bereits in den 1920er Jahren verschiedene Gewerkschaften und andere Arbeiterorganisationen vergünstigte Pauschalreisen für ihre Mitglieder organisiert, wenn auch in geringerem Umfang. mini|„Kraft durch Freude-Stadt“ (oben rechts Bahnhof Heerstraße): Während der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin kurzzeitig Ankunftsbahnhof für die Athleten. Für die NS-Ideologen war Freizeit nicht als Selbstzweck denkbar, sondern musste im Dienste des Staates und des Volkes stehen. Offizielles Ziel der KdF war „die Schaffung eines neuen deutschen Menschen und einer neuen deutschen Gesellschaftsordnung. Der politischen und der wirtschaftlichen folgt die gesellschaftlich-kulturelle Neuordnung der deutschen Volksgemeinschaft“.DAF Informationsdienst vom 20. November 1933, zit. n. Bruno Frommann: Reisen im Dienste politischer Zielsetzungen. Arbeiterreisen und „Kraft durch Freude“-Fahrten. Historisches Institut der Universität Stuttgart, Stuttgart 1992, S. 106.

Die Grundidee von KdF beruhte auf soziologischen Erkenntnissen aus dem Alltag der immer effizienter werdenden industriellen Arbeitswelt (Taylorismus, Fordismus), der die Arbeiter physisch und psychisch zermürbte. Robert Leys Absicht war es, durch mehr Freizeit den Arbeitnehmern die Möglichkeit zur Erholung zu geben, die allerdings nicht außerhalb der NS-Sphäre mit Langeweile und Amüsement verbracht werden sollte, sondern gezielt und organisiert die Arbeitskraft der Bevölkerung stärken und erhalten sollte. Die KdF-Aktivitäten wie Theaterbesuche, Erholungsurlaube und Rundfahrten zu günstigen Preisen waren Teil der Bemühung des NS-Regimes, den deutschen Staat zur „Wohlfühldiktatur“ (Götz Aly) zu machen.Götz Aly: Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-10-000420-5, Seitenzahl fehlt. Hitler selbst wird von Ley mit folgenden Worten zitiert:

Zu den kulturellen Zielen zählte die Stärkung des Heimatgefühls, des Nationalstolzes und des Gemeinschaftsgefühls. Die deutschen Menschen sollten in der gemeinsam verbrachten Freizeit zu einer starken, anderen Völkern überlegenen Gemeinschaft zusammengeschweißt werden. Man erhoffte sich von KdF auch Erfolge im Ausland: Das deutsche Volk sollte sein Selbstbewusstsein und die scheinbare Überlegenheit seines Vaterlandes auch auf Auslandsreisen nach außen tragen. Die Welt sollte den Eindruck eines gesunden und friedliebenden Deutschlands gewinnen.

Tätigkeiten mini|Die Kasernenruine Prora, einst geplant als „Bad der 20.000“

KdF organisierte Bunte Abende, Gymnastik, Schwimmlehrgänge, Nähkurse, Schachturniere und Konzerte, Erwachsenenbildung wurden gefördert. Auch initiierte die KdF Wettbewerbe zur Dorfverschönerung, die „das Dorf um seiner selbst willen und als nationalsozialistische Gemeinschaft und damit als Kraftquell für die ganze Nation“ gestalten sollten.Die Dorfverschönerungsaktion der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ – Jahresbericht 1936 Die Veranstaltungen blieben größtenteils frei von ideologischer Indoktrinierung und wurden deshalb in der Erinnerung von Teilnehmern als „schöne Zeit“ wahrgenommen. Der größte Geschäftsbereich von KdF war die Organisation von Ausflügen und Reisen. Das hierfür zuständige Amt für Reisen, Wandern und Urlaub erwirtschaftete rund vier Fünftel des Umsatzes.

mini|Tennis-Gymnastik im Rahmen von KdF mini|KdF-Wagen, Ausstellung Gesundes Leben, frohes Schaffen, Berlin 1938 mini|KdF-Konzert mit Wilhelm Furtwängler 1942 im Berliner AEG-Werk

Bekannte Angebote und Projekte, die allerdings für die Arbeiter meistens Verheißungen blieben, waren: KdF-Wagen (unter diesem Namen zwar geplant und mit „Kdf-Wagen-Sparkarten“ finanziert, aber nie ausgeliefert) Die Kreuzfahrtschiffe Wilhelm Gustloff (ab 1938), Der Deutsche (ab 1935), Dresden (ab 1934) und Robert Ley (ab März 1939). Seebad Prora auf Rügen (nicht vollständig fertiggestellt) Segeltörns mit dem Deutschen Hochseesportverband HANSAYacht Nr. 3, 1936, S. 22.Rüdiger Hachtmann: „Bäuche wegmassieren“ und „überflüssiges Fett in unserem Volke beseitigen“. Der kommunale Breitensport der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. In: Frank Becker, Ralf Schäfer (Hrsg.): Sport und Nationalsozialismus. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, S. 27–66, hier S. 44.