mini|Ezriel Carlebach, 1942 Ezriel Carlebach (auch Azriel, eigentlich Esriel Gotthelf Carlebach, , ; * 6. November 1908 in Leipzig; gest. 12. Februar 1956 in Tel Aviv, Israel) war ein israelischer Journalist deutscher Herkunft.
Er gründete die Zeitung Maʿariv (), deren Chefredakteur er bis zu seinem Tod war.
Leben Ezriel Carlebach stammte aus einer Familie deutscher Rabbiner, die seine Großeltern Salomon Carlebach und Esther Carlebach aus Lübeck begründeten. Seine Eltern waren Gertrud Jakoby aus Bromberg und Ephraim Carlebach (1879–1936), Rabbiner und Gründer der Höheren Israelitischen Schule in Leipzig. Ephraim Carlebach wanderte im Frühjahr 1936 mit seiner Familie nach Palästina aus, wo er wenige Monate später starb. Der Sohn Ezriel war bereits 1927 erstmals nach Palästina gegangen. Er hatte zwei Schwestern, Hanna und Cilly, sowie zwei Brüder, David und Joseph. Ezriel Carlebach hatte eine Tochter, Tekuma.
1926–1929: Litauen und Palästina Ezriel Carlebach erhielt eine religiöse Ausbildung zunächst bei Joseph Leib Bloch am Rabbinerseminar Telšē im litauischen Telšē (dt.: Telschi), woran er in einer Erzählreihe gleichen Namens erinnerte.Esriel Carlebach: Das Städtchen (Telschi). In: Menorah, Jg. 5, Heft 2 (Februar 1927), pp. 105–108 sowie Telschi. I. Die Jeschiwah, 4 Tl., In: Menorah; Jg. 4, Heft 1 (Januar 1926), pp. 37–44 (= Teil 1), Heft 2 (Februar 1926), pp. 112-116 (= Teil 2), Heft 4 (April 1926), pp. 231–235 (= Teil 3) und Heft 12 (Dezember 1926), pp. 692-694 (= Teil 4). Alle zugänglich unter: Compact Memory - Goethe-Universität Frankfurt. Überlebende der Schoah führten die Jeschive fort, die heute als Rabbinical College of Telshe mit Sitz in Wickliffe, Ohio (USA) firmiert. Danach lernte er an der Jeschiva Vilijampolė Slobodka in Kaunas, ebenfalls Litauen, wo im Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung das KZ Kauen errichtet wurde. 1927 bis 1929 studierte er am Rabbinerseminar Merkaz haRav Kook von Abraham Isaak Kook in Jerusalem und erhielt seine Ordination (Asmacha) als Rabbiner. In Jerusalem, wurde er – wie für Talmudstudenten weithin üblich – regelmäßig an Sabbath zu freiem Essen geladen. Sein Gastgeber hatte einen Sohn, Józef Grawicki, der in Warschau als Sejm-Korrespondent für die jiddische Zeitung Haynt (, auch Hajnt) arbeitete.
Auf dem Weg zu einem Besuch in Deutschland machte Carlebach Station in Warschau, das er schon immer hatte kennenlernen wollen, und besuchte Józef Grawicki auf Empfehlung von dessen Vater. Grawicki ermunterte Carlebach, auf Jiddisch für das Haynt zu schreiben. Carlebach empfand das als Herausforderung und nahm an. Er schrieb unter anderem über den Konflikt zwischen dem zionistischen Rabbiner Abraham Kook und dem antizionistischen Rabbiner Joseph Chaim Sonnenfeld in Jerusalem.
Der Name Carlebach war in Warschau nicht unbekannt, denn drei Onkel Esriel Carlebachs, die Feldrabbiner des kaiserlichen Deutschen Heeres, Emanuel Carlebach (1874–1927) und Leopold Rosenak (ein angeheirateter Onkel) und der ihnen 1915 zugeordnete Pädagoge Rabbiner Joseph Carlebach, waren während der deutschen Besatzungszeit (1915–1918) engagiert, „deutsche Kultur in den jüdischen Osten zu bringen“, um – so die Absicht Erich Ludendorffs – unter den Juden Polens und Litauens eine deutschfreundliche Haltung zu erreichen. Zum Engagement gehörten die Einrichtung moderner Bildungseinrichtungen mit jüdischer Ausrichtung und der Aufbau jüdischer Verbände (zum Beispiel der chassidisch ausgerichtete Dachverband Agudas haOrthodoxim, auch Aguddat(h) Jisraʾel ), die auch Lobbyisten für Deutschland sein sollten. Joseph Carlebach beispielsweise gründete und leitete bis 1919 das teils deutschsprachige Jüdische Realgymnasium in Kaunas. in ihrem Bemühen setzten Carlebachs Onkels auf Chassidim und standen Zionisten eher ablehnend gegenüber. Entsprechend hatte Carlebachs Name nicht eben einen guten Klang in den Ohren der Leserschaft des Haynt.
1929–1933: Deutschland 1929 kehrte Carlebach nach Deutschland zurück und studierte Jura in Berlin sowie Hamburg und promovierte zum Doktor der Rechtswissenschaften. Während dieser Zeit schrieb Carlebach für das Israelitische Familienblatt, was sein Einkommen sicherte. Einem Aufruf des Haynt, das sich durch einen Streik bedroht sah, zu helfen, kam Carlebach gerne nach und verfasste unentgeltlich Berichte aus Deutschland.
Haynt hat es ihm später vergolten, indem es Carlebachs ausgiebige Forschungsreisen finanzierte, die ihn zu den so unterschiedlichen jüdischen Gemeinschaften der litauischen Karäer, der mallorquinischen Conversos, der maghrebinischen Mizrachim, der krypto-jüdischen Dönme (Sabbatianer) in der Türkei, der jüdischen Jemeniten und der Sephardim in Thessaloniki (später durch die Nazi-Besatzer fast gänzlich ausgelöscht) geführt hatten. Carlebach sandte regelmäßige Reportagen ans Haynt, die später die Grundlage für ein Buch wurden.Esriel Carlebach: Exotische Juden. Berichte und Studien. Berlin: Welt-Verlag, 1932, 246 S. Auch in schwedischer (Esriel Carlebach: Judar i Sovjet. Ragna Aberstén-Schiratzki (Übs.). In: Judisk Tidskrift; Jg. 7 (1933), pp. 41–47 und 84-90) sowie ungarischer Übersetzung: Esriel Carlebach: Exotikus zsidók. Élmények és beszámolók, Is Jehudi (Übs.): Magyar Zsidók Pro Palesztina Szövetsége. Budapest 1942, (=Javne Könyvek; Bd 7), 114 S. Zu seinen Veröffentlichungen gehörte auch ein Bericht über einen Zusammenstoß mit einer Gruppe von Antisemiten, bei dem er verprügelt worden war.
Im Juni 1931 sprachen die Deutschen Buchwerkstätten in Leipzig ihren ausgelobten Erzählerpreis für das Jahr 1931 jeweils zur Hälfte Alexander von Keller und Carlebach für seinen Roman Mit 21 … zu.Esriel Carlebach: Mit 21 … Meyer & Jessen, München 1932. „Seine preisgekrönte Novelle behandelt eine Begebenheit, die sich vor kurzem im jüdischen Viertel der Jerusalemer Altstadt zugetragen hat.“Literaturpreis für Esriel Carlebach. In: Die Neue Welt (Revue), Jg. 5, Nr. 159, 26. Juni 1931, p. 11.
Er arbeitete als Journalist auch für andere Zeitungen, wie die hebräische Haʾaretz,Z. B. über Chaim Nachman Bialik, cf. Ezriel Carlebach: ). In: Haʾaretz. 3. Februar 1932, p. 3. und ab 1931 in Festanstellung beim Israelitischen Familienblatt in Hamburg.Martje Postma: Das Israelitische Familienblatt. In: Vierhundert Jahre Juden in Hamburg: eine Ausstellung des Museums für Hamburgische Geschichte vom 8. November 1991 bis 29. März 1992, Ulrich Bauche (Hrsg.), Dölling und Galitz, Hamburg 1991 (Die Geschichte der Juden in Hamburg, Band 1), p. 417, ISBN 3-926174-31-5 Diese Zeitung stellte in einer Kulturbeilage Musik, darstellende und bildende Kunst anhand der Werke jüdischer Künstler vor. An vier bis fünf Abenden die Woche verfasste Carlebach jeweils nach dem Theaterbesuch Kritiken, die er seiner Assistentin Ruth Heinsohn in die Schreibmaschine diktierte.
Im Sommer 1932 reiste er – ebenfalls vom Haynt finanziert – in die UdSSR, unter anderem auf die Krim und nach Birobidschan, um über jüdisches Leben unter kommunistischer Herrschaft zu berichten. Im Oktober und November berichtete er in der Artikelserie Sowjet-Judäa im Israelitischen Familienblatt und später im HayntEzriel Carlebach: , in: Haynt, 27. Januar, p. 6, 10. Februar, p. 6, 7. April 1933, p. 6. von seiner Expedition und kam zu dem Ergebnis, dass dort für jüdisches Leben weder Möglichkeiten noch das passende Milieu bestehen.
Albert Einstein hatte die Sowjet-Judäa-Artikel verschiedentlich ins Gespräch gebracht, so dass sie eine weit über die Leserschaft des Familienblatts hinausreichende Resonanz fanden. Insbesondere Hitler-Gegner, die auf die UdSSR setzten und sie blauäugig oder vorsätzlich verharmlosten, wurden nachdenklich oder zürnten Carlebach. Er wertete die breite Auseinandersetzung mit dem Thema als journalistischen Erfolg.Ezriel Carlebach: (); letter to Chaim Finkelstein September/November 1955; engl., Mort Lipsitz (Übs.). In: Chaim Finkelstein (), , pp. 668–699, {1908-1939}, Tel Aviv-Yafo: (), 1978, pp. 363–367, hier p. 365.
Durch seine in Sowjet-Judäa geäußerte Kritik an der Sowjetunion handelte er sich die Verfolgung, Belästigung und schließlich einen versuchten Auftragsmord ein, den eine vom kommunistischen Jugendverband geführte Gruppe verübte, die unter dem Namen Arbeitsgemeinschaft jüdischer Werktätiger, Hamburg auftrat.Revolverattentat auf Esriel Carlebach. In: Israelitisches Familienblatt, Jg. 35 (1933), Nr. 1, 5. Januar 1933, p. 1. In der Nacht zum 4. Januar 1933 gab ein Attentäter mehrere Schüsse auf ihn ab. Ein Schuss durch seinen Hut verfehlte ihn nur knapp.Ruth Heinsohn (verh. Gerhold; 1911–2003), Interview vom 13. Dezember 1999, Protokoll durch Ulf Heinsohn (Privatbesitz).
Carlebach hatte jedoch „durch den Sturz bei dem gegen ihn gerichteten Attentat eine Gehirnerschütterung und eine Verletzung der Wirbelsäule davongetragen“.Verrohung der Sitten. In: Jüdische Rundschau, Jg. 38 (1933), Nr. 3, 10. Januar 1933, p. 1. Er „lag stundenlang bewußtlos auf offener Straße, ehe er von Polizeibeamten aufgefunden wurde“.Revolverattentat auf Esriel Carlebach. In: Jüdische Presse, Jg. 19 (1933), Nr. 2, 13. Januar 1933. p. 3. Das Israelitische Familienblatt setzte 2000 Reichsmark Belohnung für die Ergreifung des Attentäters aus. Bis Anfang Februar war Carlebach soweit genesen, dass er seine Tätigkeit beim Israelitischen Familienblatt wieder aufnehmen konnte. Er verließ Hamburg und zog nach Berlin, wo ab 1935 auch das Israelitische Familienblatt erschien, das inzwischen (bis zur Zwangsschließung dieser letzten jüdischen Zeitung Deutschlands 1938) offizielles Organ der Reichsvertretung der Deutschen Juden geworden war.
Mit dieser Erfahrung zögerte er dennoch nicht, weiterhin auch den Nationalsozialismus öffentlich anzugreifen. Carlebach hatte als Journalist zum Beispiel öffentlich gemacht, dass Joseph Goebbels, der so vehement die Juden und ihren vorgeblich schädlichen Einfluss schmähte, Student jüdischer Professoren gewesen war und sein seinerzeitiges Stipendium ihrer Fürsprache verdankte.
Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Carlebach verhaftet, was er darauf zurückführte, dass Goebbels ihm verübelte, was Carlebach über ihn veröffentlicht hatte.Ezriel Carlebach: ; letter to Chaim Finkelstein September/November 1955; engl., Mort Lipsitz (Übs.). In: Chaim Finkelstein (), , pp. 668–699, {1908–1939}, Tel Aviv-Yafo: , 1978, pp. 363–367, hier p. 365. Carlebach hatte Glück, denn die Justizvollzugsbeamten waren noch nicht auf diktatorische Linie gebracht und vollzogen noch rechtsstaatliche Praktiken. Er wurde entlassen, weil kein Haftbefehl vorlag. Nach der Freilassung musste Carlebach sofort untertauchen, weil die Nationalsozialisten inzwischen seine Entlassung bemerkt hatten und ihn suchten.
Er fand Helfer, die ihm Unterschlupf gewährten und falsche Papiere besorgten. Um sich überhaupt noch in den Straßen frei bewegen zu können, ging Carlebach ein hohes Risiko ein, färbte sich die Haare und kleidete sich in SA-Uniform. Er beobachtete auf abenteuerliche Weise das Deutschland der NS-Machtfestigung, worüber er täglich Artikel verfasste, die im Haynt in Warschau unter dem Pseudonym Levi Gotthelf () erschienen.
In Berlin wohnte er am 10. Mai 1933 als Beobachter unerkannt der zentralen Bücherverbrennung der Deutschen Studentenschaft auf dem Opernplatz bei, wo auch seine Bücher dem Feuer übergeben wurden. Haynt mühte sich derweil darum, Carlebach außer Landes zu bringen. Dies gelang schließlich mit den gefälschten Papieren eines oberschlesischen Bergmanns; Helfer schmuggelten ihn nahe der Stadt Kattowitz (Katowice) in den damals polnischen Teil Oberschlesiens.
1933–1937: Polen und Großbritannien