Lisianski (auch Liseanskey’s Island, Lassion Island, hawaiisch: Papaʻāpoho) ist eine kleine, unbewohnte Insel im Pazifischen Ozean, die geographisch zu den Nordwestlichen Hawaiʻi-Inseln und politisch zum US-Bundesstaat Hawaii (Hawaiʻi) gehört.
Geographie Lisianski ist ein AtollAlan C. Ziegler: Hawaiian natural history, ecology, and evolution. University of Hawaii Press, Honolulu 2002, ISBN 978-0-8248-2190-6, S. 29 im Nordwesten des Hawaii-Archipels und die einzige, dauerhaft über den Meeresspiegel hinausragende Erhebung der Neva Shoals, einer 86 Quadratkilometer umfassenden Riffstruktur. Eine Lagune ist nicht mehr erkennbar, aber in der Inselmitte ist eine leichte Senkung, wahrscheinlich der Überrest der einstigen Lagune.Gordon A. Macdonald et al.: Volcanoes in the Sea – The Geology of Hawaii. University of Hawaiian Press, Honolulu 1983, ISBN 978-0-8248-0832-7, S. 480 Die nächstgelegene Insel ist Laysan, 215 km östlich, die nächste bewohnte Insel ist Kauaʻi, rund 1500 km im Südosten.
Die von Nordost nach Südwest-orientierte Insel hat ungefähr die Gestalt eines langgezogenen Ovals von 2,2 Kilometern Länge und einer maximalen Breite von 0,89 kmMaße abgegriffen aus Google Earth mit einer Landfläche von 1,48 QuadratkilometernKekuewa Scott T. Kikiloi: Kukulu Manamana: Ritual Power and Religious Expansion in Hawaiʻi. Dissertation, University of Hawaiʻi at Mānoa 2012, S. 124. Mit Ausnahme eines kleinen, felsigen Bereiches im Osten ist Lisianski ringsum von naturbelassenen Stränden aus Korallensand und -trümmern umgeben. In der Nordhälfte befindet sich eine V-förmige, bis zu 12 m hohe Düne, die höchste Erhebung der Insel.Edwin H. Bryan: American Polynesia and the Hawaiian Chain. Tongg Publishing, Honolulu 1942, S. 190–194
Klima und Klimawandel links|mini|Lisianski; die flache Insel im Profil Die Insel hat tropisches Seeklima. Die Temperaturunterschiede zwischen den einzelnen Monaten sind eher gering. Das Maximum der Niederschläge liegt in den Monaten Dezember bis Mai, die Monate Juni und Juli sind trockener. Obwohl Lisianski relativ niedrig ist, zeigen die Prognosen, dass die Folgen des Ansteigens des Meeresspiegels infolge des Klimawandels vergleichsweise gering sein werden. Selbst bei einem ungünstigen Szenario wird mit einem Oberflächenverlust von lediglich 5 Prozent gerechnet, was nur geringe Auswirkungen auf Flora und Fauna haben dürfte.Jason D. Baker, Charles L. Littnan, David W. Johnston: Potential effects of sea level rise on the terrestrial habitats of endangered and endemic megafauna in the Northwestern Hawaiian Islands. In: Endangered Species Research, Jahrgang 2, 2006, S. 25
Flora und Fauna Flora Die heutige Flora von Lisianski entspricht höchstwahrscheinlich nicht oder nur zu einem geringen Anteil der ursprünglichen. Berichte aus dem 19. Jahrhundert lassen eine dichte, niedrig wachsende, buschige Vegetation vermuten, deren genaue Zusammensetzung nicht mehr nachzuvollziehen ist.F. D. Walker: Log of the Kaalokai. The Hawaiian Gazette Co., Honolulu 1909 Eingeführte Kaninchen haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Primärbiotop nahezu vollständig vernichtet. Die Botaniker der Tanager-Expedition der Smithsonian Institution berichteten im Jahr 1924, dass die Vegetation „äußerst dürftig [war], ein Flecken Gras am nördlichen Ende und ein paar andere spärlich verteilte Pflanzen waren alles, was man finden konnte“ (exceedingly poor, one patch of grass at the north end and a few other plants sparsely distributed being all that was to be found).Roger B. Clapp, William O. Wirtz: The natural history of Lisianski Island, Northwestern Hawaiian Islands. Atoll Research Bulletin Nr. 186, Smithsonian Institution, Washington D.C. 1975
Nach der Ausrottung der Kaninchen hat sich die Vegetation erholt. Sie lässt sich heute in drei Zonen einteilen:Dieter Mueller-Dombois, Francis Raymond Fosberg: Vegetation of the Tropical Pacific Islands. Springer, New York 1998, ISBN 0-387-98313-9, S. 570
Die hinteren Strandbereiche sind mit niedrigen Sträuchern der auf den pazifischen Inseln weit verbreiteten Art Scaevola taccada bewachsen. Die zum Inselinnern ansteigenden Bereiche werden dominiert von Tussocks der Grasart Eragrostis variabilis aus der Familie der Liebesgräser. Im Bereich der Senke im Zentrum findet sich eine Pflanzengemeinschaft aus kriechend wachsenden Ziegenfuß-Prunkwinden (Ipomoea pes-caprae) und Tribulus cistoides mit Portulaca lutea, Sesuvium portulacastrum, dem Süßgras Lepturus repens und dem auf den Hawaii-Inseln verbreiteten Strauch Chenopodium oahuense in einer niedrig wachsenden Variante.
Endemische Pflanzen gibt es nicht (mehr). Im Jahr 1844 pflanzte Kapitän Pell von der Holder Borden 80 Kokospalmen im Südosten der Insel an, sie haben nicht überlebt.The Friend, Honolulu vom 1. November 1844, Band II, Nr. XI, S. 100–101
Fauna Lisianski beherbergt – wie die Nachbarinsel Laysan – eine große Anzahl von Seevögeln. Viele Arten können dort ungestört von Menschen und Prädatoren brüten, manche sind aber nur zeitweilige Besucher.
Die häufigsten Brutvögel sind:
Laysanalbatros (Phoebastria immutabilis, Syn.: Diomedea immutabilis)
Boninsturmvogel (Pterodroma hypoleuca)
Keilschwanz-Sturmtaucher (Puffinus pacificus) und Weihnachtssturmtaucher (Puffinus nativitatis)
Rotschwanz-Tropikvogel (Phaethon rubricauda)
Maskentölpel (Sula dactylatra) und Rotfußtölpel (Sula sula)
Rußseeschwalbe (Onychoprion fuscatus, Syn.: Sterna fuscata)
Braunnoddi (Anous stolidus) und Schlankschnabelnoddi (Anous tenuirostris)
sowie als Zugvögel, die auf Lisianski überwintern:Mark J. Rauzon: Isles of Refuge – Wildlife and History of the Northwestern Hawaiian Islands. University of Hawaii Press, Honolulu 2001, ISBN 0-8248-2209-9
der Borstenbrachvogel (Numenius tahitiensis), der in der Tundra Alaskas brütet und im Herbst über mehr als 4000 Kilometer nonstop nach Lisianski und zu anderen tropischen Pazifikinseln fliegt
außerdem Steinwälzer (Arenaria interpres), Sanderling (Calidris alba) und Wanderwasserläufer (Tringa incana, Syn.: Tringa incanus, Heteroscelus incanus).
An der Küste sind Mönchsrobben häufig, darunter auch die seltene Hawaii-Mönchsrobbe (Monachus schauinslandi). Grüne Meeresschildkröten (Chelonia mydas) suchen die Strände zur Eiablage auf. Beide Spezies gehören zu den bevorzugten Beutetieren der zwischen den nordwestlichen Hawaii-Inseln häufigen Tigerhaie.
Geschichte Vorgeschichte Lisianski war wahrscheinlich niemals dauerhaft von Polynesiern besiedelt. Reste von Bauwerken, wie zum Beispiel Zeremonial- oder Wohnplattformen, wurden bisher nicht gefunden. Auch die paläontologischen und archäologischen Grabungen von Alan C. Ziegler zwischen dem 10. Juni und dem 11. August 1990 erbrachten keine greifbaren Beweise für eine polynesische Besiedlung.Storrs L. Olson, Alan C. Ziegler: Remains of Land Birds from Lisianski Island, with Observations on the Terrestrial Avifauna of the Northwestern Hawaiian Islands. In: Pacific Science (1995), Band 49 (2), S. 116–117 Doch zweifellos war die Insel den Polynesiern bekannt, denn sie liegt in relativer Nähe zu den hawaiischen Hauptinseln. Die Polynesier waren exzellente Seefahrer und Navigatoren und unternahmen weite Reisen im Pazifik. Eine Wegstrecke von rund 1700 Kilometern von Hawaii (Big Island) nach Lisianski konnten sie mit ihren hochseetüchtigen Doppelrumpf-Kanus problemlos bewältigen.
Juri Lissjanski hat 1805 am Strand einen Flaschenkürbis mit einem Loch gefunden, vermutlich eine Kalebasse, aber das Relikt ist kein Beweis für eine Besiedlung, sondern höchstwahrscheinlich von Wind und Wellen zur Insel getrieben oder von zeitweiligen Besuchern zurückgelassen worden.Urey Lisiansky: Voyage Round the World in the Years 1803. 4, 5, & 6 […]. John Booth, London 1814, S. 250–256
Entdeckung Der erste Europäer, der die Insel Lisianski entdeckte, war der Leutnant der Kaiserlich Russischen Marine Juri Fjodorowitsch Lissjanski (russisch: Юрий Фёдорович Лисянский, auch Lisiansky, Lisyansky, Lissianski, Lisjanskij, Lisianskoj und andere Schreibweisen). Die erste russische Weltumseglung unter der Leitung von Adam Johann von Krusenstern mit der Fregatte Nadeschda und dem Begleitschiff Newa, befehligt von Juri Lissjanski, begann am 7. August 1803 und dauerte bis zum 19. August 1806. Die Schiffe fuhren jedoch zeitweilig getrennt. Auf der Etappe von Sitka nach Macau (wo die Schiffe wieder zusammentrafen), lief die Newa in der Nacht vom 15. zum 16. Oktober 1805 auf Grund. Bei Tagesanbruch entdeckte die Mannschaft in einer Meile Entfernung eine kleine, niedrige Insel. Lissjanski ließ die Newa von allen schweren Gegenständen entladen und die Mannschaft versuchte, das Schiff in tieferes Wasser zu ziehen. Am Abend des 17. Oktobers kam die Newa schließlich frei, konnte jedoch nicht sofort abfahren, da Windstille eintrat. Lissjanski nutzte die Flaute und betrat am folgenden Tag die Insel. Er fand „zahlreiche Vögel verschiedener Arten und Robben von enormer Größe“ ([...] found numerous birds of different kinds, and seals of an enormous size). Lissjanski ließ einen Pfahl in den Grund rammen und dort eine Flasche mit der Schilderung seiner Entdeckung der Insel vergraben ([...] fixed a high pole in the ground, and buried near it a bottle, containing a description of our discovery of this island). Er war jedoch von seiner Entdeckung wenig begeistert, denn er schrieb:
Lissjanski benannte die Insel nach sich selbst, „im Einverständnis mit dem einhelligen Wunsch meiner Mannschaft“ (in compliance with the unanimous wishes of my ship’s company). Dem Riff, auf dem sein Schiff havariert war, gab er den Namen „Newa“. Als am 19. Oktober 1805 endlich Wind aufkam, segelte die Newa ab.
Am 3. April 1827 erreichte ein weiteres russisches Schiff, die Korvette Moller unter dem Kommando von Mikhail Nikolaevich Staniukovich (Михаил Николаевич Станюкович; auch Stanyukovich, Stanjukovič, Stanikowitsch) (1786–1869), die Insel Lisianski. Der Schiffsarzt und Naturforscher Karl Izembek (auch Carl Izenbeck, Isenbeck) betrat die kleine Insel und sammelte einige Vogelpräparate.Walter Rothschild: The avifauna of Laysan and the neighboring islands [...]. R.H. Porter, London 1893, S. ii
Havarien