mini|300px|Blick auf das Konzentrationslager Rab; im Vordergrund die Flagge Italiens (1942)
Das Konzentrationslager Rab (auch Arbe oder Kampor genannt) war während des Zweiten Weltkrieges das größte und brutalste italienische Konzentrationslager für jugoslawische Zivilisten. Es wurde zwischen Juli 1942 und September 1943 betrieben und befand sich auf der dalmatischen Insel Rab (ital. Arbe) nahe des Dorfes Kampor. Infolge des Balkanfeldzugs der Achsenmächte war die Insel durch das faschistische Italien annektiert worden.
Da Rab in erster Linie als Straflager für Slowenen und Kroaten in der italienischen Besatzungszone diente, galt es als ein „Slawenlager“. Zudem bestand von Mai bis September 1943 auf der Insel auch Italiens zentrales Internierungslager für jugoslawische Juden, deren Haftbedingungen jedoch ungleich besser waren als jene der slawischen Insassen. Laut den meisten Schätzungen wurde Rab während des dreizehnmonatigen Lagerbetriebs von zwischen 10.500 und 15.000 Häftlingen durchlaufen, mit selteneren Maximalangaben von bis zu 21.000 Insassen.
Das „Slawenlager“ war mit einer Sterblichkeitsrate von rund 20 Prozent mit den Verhältnissen in den deutschen Konzentrationslagern Buchenwald oder Dachau vergleichbar. Von den laut Minimalangaben 7541 slawischen Insassen (zwei Drittel Slowenen, ein Drittel Kroaten) wurden bisher rund 1500 Tote namentlich identifiziert. In den maximalen Schätzungen, die von insgesamt höheren Häftlingszahlen ausgehen, wird die Gesamtzahl der Opfer auf 3000 bis 5000 Tote geschätzt. Die Haupttodesursachen waren Unterernährung und Krankheiten. Im Separatlager für jugoslawische Juden galten die Verhältnisse hingegen als „relativ erträglich“ (Jaša Romano). Das jüdische Lager verfügte mit seinen laut Minimalangaben rund 2700 Häftlingen über ein gewisses Maß an Selbstverwaltung und entsprach einem gewöhnlichen italienischen Internierungslager ohne Todesopfer.
Das Lager für die slawischen Häftlinge wird nach aktuellem Forschungsstand mehrheitlich nicht als Vernichtungslager eingestuft, gleichzeitig gilt Rab jedoch auch als ein Beweis dafür, dass italienische Konzentrationslager während des Zweiten Weltkrieges durchaus „das gleiche Niveau“ (Mark Mazower) erreichen konnten wie manche von NS-Deutschland betriebene Lager. Das Modell für Rab und andere italienische „Slawenlager“ lieferten dabei die kolonialen Konzentrationslager des faschistischen Italiens aus den 1930er Jahren, wie sie bereits während des Genozids in Libyen und während des Abessinienkriegs zum Einsatz kamen. Wie schon in Afrika dienten auch die italienischen Lager für Jugoslawen nicht nur als Werkzeug zur Bekämpfung von Widerstandsgruppen im Besatzungsgebiet. Eine entscheidende Rolle spielte dabei auch eine Politik der „ethnischen Säuberung“, die – motiviert durch den antislawischen Rassismus der Faschisten – neuen spazio vitale („Lebensraum“) für die Italiener gewinnen sollte.
Das Konzentrationslager wurde nach dem Seitenwechsel Italiens am 11. September 1943 von einer im Lager gebildeten Widerstandsgruppe der slowenischen Befreiungsfront (OF) befreit, einem Ableger der Kommunistischen Partei Jugoslawiens. Im Jahr 1953 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Lagerfriedhofs auf Rab, dem größten Massengrab von Slowenen außerhalb des slowenischen Staates, mit finanziellen Mitteln der jugoslawischen Teilrepublik Slowenien ein Gedenkfriedhof angelegt. Zum Befreiungstag des Konzentrationslagers Anfang September finden dort jährliche Gedenkveranstaltungen statt.
Bezeichnung Die offizielle italienische Bezeichnung für das Lager lautete Campo di concentramento internati civili Arbe, zu Deutsch wörtlich „Konzentrationslager für Zivilinternierte Arbe“. Die überwiegend südslawischen Insassen verwendeten für das Lager den slowenischen bzw. serbokroatischen Namen Rab, oder sie benannten es nach dem nahegelegenen Dorf Kampor (ital. Campora).Carlo Spartaco Capogreco, Jens Hoppe: Arbe. In: The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945, Volume III: Camps and Ghettos under European Regimes Aligned with Nazi Germany. Bloomington 2018, S. 540–542, hier S. 541. In der deutschsprachigen und englischsprachigen Fachliteratur wird meist die Selbstbezeichnung des italienischen Konzentrationslagers Arbe vorrangig verwendet und der slawische Name Rab nachrangig in Klammer gesetzt. Oft werden aber auch beide Begriffe im selben wissenschaftlichen Text gleichzeitig als Synonyme verwendet.Quellen: Carlo Spartaco Capogreco: Mussolini's Camps: Civilian Internment in Fascist Italy (1940–1943). New York 2019 , S. 113, 284. Amedeo Osti Guerazzi, Constantino di Sante: Die Geschichte der Konzentrationslager im faschistischen Italien. In: Sven Reichardt, Reinhard Nolzen (Hrsg.): Faschismus in Italien und Deutschland. Studien zu Transfer und Vergleich. Göttingen 2005, S. 176–200, hier S. 189; Davide Rodogno: Fascism's European Empire: Italian Occupation during the Second World War. Cambridge / New York 2006, S. 351–355; Karlo Ruzicic-Kessler: Italiener auf dem Balkan. Besatzungspolitik in Jugoslawien 1941–1943. Berlin/Boston 2017, S. 279–283, 360, Sanela Schmid: Deutsche und Italienische Besatzung im Unabhängigen Staat Kroatien 1941 bis 1943/45. Berlin/Boston 2020, S. 433 u. 436; Carlo Spartaco Capogreco, Jens Hoppe: Arbe. In: The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945, Volume III: Camps and Ghettos under European Regimes Aligned with Nazi Germany. Bloomington 2018, S. 540–542, hier S. 541. In der slowenischen und kroatischen Literatur ist neben dem Inselnamen Rab auch der Dorfname Kampor für das Konzentrationslager üblich.Herman Janež: Kampor na otoku Rabu: koncentracijsko taborišče = koncentracioni logor: 1942–1943. Ljubljana 2008 (slowenisch/kroatisch); Ivan Kovačić: Kampor 1942–1943: Hrvati, Slovenci i Zidovi u koncentracijskom logoru Kampor na otoku Rabu [= Kampor 1942–1943: Kroaten, Slowenen und Juden im Konzentrationslager Kampor auf der Insel Rab]. Rijeka 1998. (kroatisch)
Lagerstruktur Lagerleitung miniatur|Ein italienischer Wachmann des Konzentrationslagers Rab mit seinem Wachhund
Die Lagerkommandatur oblag einem Oberleutnant der Carabinieri, der gleichzeitig Oberbefehlshaber der italienischen Militärgarnison der gesamten Insel war. Sein Arbeitsbüro wurde in der Grundschule des Inseldorfes Kampor eingerichtet. Der erste Lagerkommandant war Oberleutnant Vincenzo Venne. Sein Nachfolger, Oberleutnant Vincenzo Cuiuli (1895–September 1943), erhielt sowohl von den Häftlingen als auch von den italienischen Soldaten und Offizieren den Spitznamen „die Schlange“ (serbokroatisch zmija, italienisch serpente) und war für seine sadistischen Neigungen berüchtigt.Carlo Spartaco Capogreco: Mussolini's Camps: Civilian Internment in Fascist Italy (1940–1943). New York 2019 , S. 120 u. 242; Ivan Kovačić: Djelatnost predstavnika Katoličke crkve u spašavanju zatočenika logora Kampor na otoku Rabu 1942. – 1943. godine. Uz 50. obljetnicu smrti krčkog biskupa dr. Josipa Srebrnića [= Die Tätigkeit von Vertretern der katholischen Kirche bei der Rettung der Gefangenen des Lagers Kampor auf der Insel Rab in den Jahren 1942–1943. Zum 50. Todestag des Bischofs von Krk, Dr. Josip Srebrnić]. In: Krčki zbornik, Nr. 74, 2016, S. 55–97, hier S. 59 (kroatisch). Der italienische Historiker Giuseppe Piemontese bezeichnete Cuiuli in seiner 1946 veröffentlichten Arbeit über die Besatzungspolitik Italiens auf dem Balkan als „würdigen Schüler der Bestien von Belsen, Auschwitz und Dachau“.Zitiert nach Amedeo Osti Guerazzi: „Schonungsloses Handeln gegen den bösartigen Feind“. Italienische Kriegführung und Besatzungspraxis in Slowenien 1941/42. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 62 (2014), Heft 4, S. 537–567, hier S. 557. Die Wachmannschaften bestanden aus insgesamt 704 Soldaten, während das Lagerkommando aus 48 Personen bestand.Sanela Schmid: Deutsche und Italienische Besatzung im Unabhängigen Staat Kroatien 1941 bis 1943/45. Berlin/Boston 2020, S. 336. Rundherum um das Lager wurden Bunker für etwa 2200 Soldaten gebaut.Karlo Ruzicic-Kessler: Italiener auf dem Balkan. Besatzungspolitik in Jugoslawien 1941–1943. Berlin/Boston 2017, S. 279.
Lageraufbau miniatur|hochkant=2|Überblick über den ursprünglich geplanten Aufbau des Lagers. Dabei sollte Rab (Arbe) in vier große Teillager (I, II, III, IV) mit einer Gesamtkapazität von 20.000 Häflingen (5.000 pro Teillager) entstehen. Lager I: Slawische MännerLager II: Jüdische HäftlingeLager III: Slawische Frauen und KinderLager IV: Slawische ZwangsarbeiterVgl. Carlo Spartaco Capogreco: Mussolini's Camps: Civilian Internment in Fascist Italy (1940–1943). New York 2019 , S. 242; Karlo Ruzicic-Kessler: Italiener auf dem Balkan. Besatzungspolitik in Jugoslawien 1941–1943. Berlin/Boston 2017, S. 280.
Als erstes wurde das „Campo Primo“ (Lager I) in Betrieb genommen, das wiederum in vier Sektoren unterteilt war, die jeweils einem eigenen Offizier unterstellt waren. Hier wurden hauptsächlich „kräftige“ Männer (validi) untergebracht. Es lag rechts der von der Hafenstadt Rab kommenden Hauptstraße und grenzte an ein Urbarmachungsgebiet. Auf der linken Seite der Straße befanden sich die Bereiche, die im ursprünglichen Plan für das „Campo Secondo“ (Lager II), „Terzo“ (Lager III) und „Quatro“ (Lager IV) vorgesehen waren. Weiter unten an der Straße wurden die restlichen Einrichtungen eingerichtet und darüber hinaus eine Lichtung für die Bestattung der verstorbenen Internierten. Frauen, Kinder, ältere und kranke Menschen wurden zunächst in einem separaten Bereich des Lagers I untergebracht; später wurden sie in das Lager III verlegt (drei Viertel der dortigen Internierten), bevor sie im Spätherbst 1942 ins Konzentrationslager Gonars verlegt wurden, das bis zur Kapitulation Italiens im September 1943 bestand. Das Lager II wurde erst im Frühjahr 1943 in Betrieb genommen und beherbergte mehr als 2700 Juden im Rahmen einer „vorsorglichen Internierung“. Das Lager IV blieb weitgehend ungenutzt.Carlo Spartaco Capogreco: Mussolini's Camps: Civilian Internment in Fascist Italy (1940–1943). New York 2019 , S. 242; Sanela Schmid: Deutsche und Italienische Besatzung im Unabhängigen Staat Kroatien 1941 bis 1943/45. Berlin/Boston 2020, S. 336.
Lager für Slawen (Lager I und III) Antislawischer Rassismus miniatur|Die Parteifahne der Faschisten als antislawisches Symbol Direkte körperliche Gewalt und Misshandlungen von Internierten waren in den Vorschriften der italienischen Militärkommandos oder der Lagerkommandanten zwar in der Regel nicht vorgesehen. Im Konzentrationslager Rab kam es aber dennoch wiederholt zu körperlichen Bestrafungen von Häftlingen durch das Lagerpersonal.Carlo Spartaco Capogreco: Mussolini's Camps: Civilian Internment in Fascist Italy (1940–1943). New York 2019 , S. 120. Die Haltung der italienischen Lagerbehörden gegenüber den slowenischen und kroatischen Internierten war insgesamt von Grobheit und Rücksichtslosigkeit geprägt; aus der Sicht des faschistischen Regimes waren sie allesamt „Slawen“ (slavi) und damit rassisch und kulturell minderwertige Menschen.Božidar Jezernik: Remaking the Heritage of the Italian Concentration Camp on the Island of Rab. In: Traditiones. 50/1, 2021, S. 107–134, hier S. 117.