Die Blueserszene [] bzw. Kundenszene, selten auch Post-Hippies, war eine DDR-spezifische Jugendkultur bzw. eine Gegenströmung zur „offiziellen“ Jugendkultur in der DDR. Ihre Anhänger bezeichneten sich selbst als Blueser, Kunden oder Tramper. Zum Ende der 1970er Jahre erreichte die subkulturelle Jugendkultur ihren Höhepunkt und bildete als signifikante BewegungZur Bedeutung des Worts Bewegung aus duden.de eine Gegenkultur zum vorgezeichneten DDR-Alltag. Innerhalb der Szene wurde nicht ausschließlich Blues gehört und gespielt.
Ihr Leitsatz waren die Ideale aus der westlichen Hippie-Bewegung wie Freiheit, Authentizität und Nonkonformismus. Sie zeichnete sich durch gemeinsame Verhaltensmuster und musikalische Vorlieben sowie „ihr“ spezielles Outfit aus, das ein Wir-Gefühl erzeugte. Die überwiegende Mehrzahl der Blueser nahm eine betont antimilitaristische Geisteshaltung ein, viele engagierten sich in der Friedensbewegung in der DDR. Von den Behörden, der Polizei oder dem Ministerium für Staatssicherheit wurde häufig eine Oppositionshaltung gegenüber dem Staat seitens der Jugendlichen eruiert, so dass sie unverhältnismäßig oft kontrolliert, teilweise kriminalisiert (z. B. PM 12) und gelegentlich sogar zu Haftstrafen verurteilt wurden.
Die Blueser- oder Kundenszene war die langlebigste und zugleich lebendigste Jugendkultur in der DDR.
Begriffe Der Begriff Blueser ist ein unscharfer Sammelbegriff und beschreibt phänotypische Gemeinsamkeiten wie Kleidungsstil und bestimme Formen von Verhalten (Trampen, Blueskonzerte besuchen). Dabei pflegten die mit diesem Begriff beschriebenen Personen unterschiedliche Haltungen und Lebensweisen. Eine Quelle für die Begriffsbildung von Blueserszene sind neben der Präferenz des Musikgenres Blues(rock) die Blues-Messen, stark frequentierte Blueskonzerte in kirchlichen Räumen zwischen 1979 und 1988.Bluesmessen. hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e. V.
Der Begriff Kunde bezeichnet hier nicht den heute bekannten Geschäftskunden, sondern bezieht sich auf die seit dem frühen 19. Jahrhundert belegte rotwelsche Bezeichnung Kunde für wandernde Handwerksburschen, Bettler, LandstreicherSiegmund A. Wolf: Wörterbuch des Rotwelschen / Deutsche Gaunersprache. Bibliographisches Institut, Mannheim 1956, S. 188, Nr. 3017. als positives Synonym für «unterwegs sein», inspiriert nicht zuletzt durch den 1978 auch in der DDR erschienenen Roman Unterwegs von Jack Kerouac.Jack Kerouac: „Unterwegs“. On The Road. Berechtigte Übertragung aus dem Amerikanischen. Nachwort von Bernhard Scheller. Reclam, Leipzig 1978 (= Reclams Universal-Bibliothek 760, Lizenz des Rowohlt Verlags, Reinbek b. Hamburg). Identitätsbildend wurde zugleich untereinander der Soziolekt Typ (ebenfalls aus der Gaunersprache) gebraucht.
Der Begriff Käthe war eine szeneinterne Bezeichnung für Blueserinnen.Heiner Stahl: Rezension zu: Rauhut, Michael; Kochan, Thomas (Hrsg.): Bye, Bye, Lübben City. Bluesfreaks, Tramps und Hippies in der DDR. Berlin 2004, In: H-Soz-u-Kult. 13. Februar 2006.
Der Begriff Post-Hippie(s) war ebenfalls eine Eigenbezeichnung von Personen in der Szene.Rex Joswig In: Michael Rauhut: Honeckers Schmuddelkinder. Hippies in der DDR. Rundfunkfeature, Deutschlandfunk, Erstausstrahlung am 25. Januar 2005, 45 Minuten
Die Bezeichnung Gammler hingegen wurde ausschließlich außerhalb der Szene benutzt, insbesondere durch die Staatsmacht.
Geschichte In den 1960er Jahren erlangte der Blues in der DDR zunehmend offiziell Anerkennung. Neben traditionellen Jazzliebhabern begannen sich auch rockbegeisterte Jugendliche für den Blues zu interessieren. Ihre Idole waren u. a. die Rolling Stones oder die Animals, Jimi Hendrix, Cream, Janis Joplin und The Doors. Über deren live gespielte Coverversionen gelangte die erste „Bluesergeneration“ zu den Wurzeln des Blues. Ihren Höhepunkt erreichte die Blueser- oder Kundenszene zum Ende der 1970er Jahre. Insbesondere die am Rock orientierten Vertreter wie John Mayall, Rory Gallagher, Canned Heat, Lynyrd Skynyrd oder ZZ Top fanden Anklang in der Szene. In der Identifikation mit dem Blues verkörperte sich die Aneignung von Werten wie Echtheit und Ursprünglichkeit. Analogien zum DDR-Alltag leitete man aus dem Freiheitskampf der Afroamerikaner ab und äußerte sich in der Suche nach Überlebensstrategien und Nischen innerhalb der DDR-Gesellschaft. Mitte der 1980er-Jahre ging die Bewegung der aufmüpfigen Blueser zurück, weil weitere mehr oder weniger oppositionelle Subkulturen wie Punks, Gruftis, Heavy-Metal-Fans zusätzlich entstanden, existierte aber parallel dazu weiter bis über das Ende der DDR hinaus.
Angehörige der Szene wurden, vor allem in den ersten Jahren nach ihrer Herausbildung, von den Behörden, der Polizei oder dem Ministerium für Staatssicherheit häufig unverhältnismäßig oft kontrolliert, teilweise kriminalisiert und gelegentlich sogar zu Haftstrafen verurteilt.Zu entsprechenden Fällen in der Kleinstadt Weimar vgl. Axel Stefek: 1969–1984. Unangepasste Jugendliche werden zu Staatsfeinden gemacht. In: Axel Stefek: Weimar unangepasst, widerständiges Verhalten 1950 bis 1989 (Weimarer Schriften, Bd. 68). Weimar: Stadtmuseum, 2014. S. 49–60.
Erscheinungsbild mini|Parka, Hirschbeutel, Levi’s, Klettis mini|Römersandalen/Jesuslatschen 1979 zeichnete die Berliner Band Monokel in ihrem Song Bye, Bye Lübben City ein treffendes Selbstporträt der Szene. „Blueser“ waren eine Mischung aus Bluesfan, Beatkunde, Rockfan und Blumenkind.
Die Stasi charakterisierte in ihrem Identifikationsschlüssel in teilweise schwer diskriminierender Weise Tramper als Menschen, die schmutzige, ungepflegte Kleidung und Schuhe trügen, ungenügend Körperpflege betreiben würden, Schlafdecken und Landkarten dabei hätten und draußen im öffentlichen Raum wie z. B. auf Bahnhöfen und in Kulturparks übernachteten. Sie wurden als provozierend gegenüber Sicherheitskräften und staatstreuen Jugendlichen dargestellt, mit politischem Desinteresse und gewisser Oppositionshaltung gegenüber dem Staat. Damit wurde ihnen die „Verherrlichung asozialer Lebensgewohnheiten“ vorgeworfen. Gleichzeitig beobachtete die Stasi, dass die Kontaktaufnahme von Trampern zu Gleichgesinnten und Sympathisanten schnell klappte.Quelle: Michael Rauhut: Rock in der DDR. S. 80.
Der Szene gehörten mehrheitlich junge Facharbeiter, aber auch Oberschüler und Studenten an. Der gemeinsame Nenner bestand in der Ablehnung staatlich verordneter Kulturmuster und in dem Drang zur Flucht aus der Enge und Beschränktheit des DDR-Alltages.Michael Rauhut, Thomas Kochan: Bye bye, Lübben City. Bluesfreaks, Tramps und Hippies in der DDR. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2009, ISBN 978-3-89602-793-1.
Äußerliche Merkmale waren lange Haare, häufig mit Mittelscheitel, die Männer trugen gern Vollbart. Die „Bekleidungsstandards“ wirken nachträglich uniform, beinhalten aber auch eine gewisse Bandbreite kreativer Modifikationen und Dekontextualisierungen tradierter Kleidung, die Ausdruck der Individualität der Träger war und sich auch daran orientieren musste, was der Träger erhalten konnte: Jeanshose und -jacke, Parka, langer wallender Rock oder Kleid, gebatikte T-Shirts, gefärbte historische Unterkleider, Nachthemden und Latzhosen, Fleischerhemd, Jesuslatschen oder Tramperschuhe machten das spezielle Outfit aus. Charakteristische Accessoires sind der oft selbst genähte Hirschbeutel, häufig mit dem Motiv des röhrenden Hirsches, und bei Bedarf die Nickelbrille.siehe Die unerlässlichen Tramperutensilien der ostdeutschen Hippies. (Hirschbeutel, Hebammentasche, Nickelbrille, „Klettis“ (Kletterschuhe), Karo, Goldbrandflasche, Tornister, Brotbeutel) auf Jugendopposition.de. Diese selbstgewählten Äußerlichkeiten waren stark identitätsstiftend und damit Erkennungszeichen. Sie symbolisierten Freiheit, Unangepasstheit, Individualität (trotz relativer Uniformierung) und symbolisierten den Gegenentwurf zum sozialistischen Menschenbild, das geprägt war von kleinbürgerlichen Werten wie Sauberkeit, Fleiß, Patriotismus und Unterordnung unter das sozialistische Kollektiv.Die „Norm“ der sozialistischen Persönlichkeit. In: Opposition und Repression in der DDR. Bildungsserver Berlin-Brandenburg. Von diesem Erscheinungsbild, besonders von langen Haaren bei Männern und westlichen Jeans fühlten sich häufig angepasstere Personen und die Polizei provoziert.
Studentenkutte Das wohl wichtigste Markenzeichen war der grüne Shell-Parka (auch Studentenkutte oder Shelli), der im Original aus den USA stammte und gleichzeitig als Bekleidung und Schlafsack diente. Als Ersatz mussten oftmals Drillichjacken der FDJ aus den 1950er Jahren oder nicht mehr aktuelle Uniformjacken von NVA und der GST dienen, die ähnlich aussahen. Etabliert hatten sich auch alte, dunkle Ledermäntel und später Lodenmäntel, die nur noch gebraucht zu kaufen waren.
Jeans Als Nonplusultra galten Bluejeans, vor allem echte aus den USA. Dazu häufig die passende Jeansjacke. Ein Schlüssel zur beliebtesten Bluejeans-Marke Levi’s ist u. a. in dem 1972 erschienenen Roman von Ulrich Plenzdorf Die neuen Leiden des jungen W. zu sehen, in dem, neben dem Fehlen von Entfaltungsmöglichkeiten parallel zur Erziehung einer sozialistischen Persönlichkeit in der DDR und der Flucht aus der kleinbürgerlichen Enge, ausführlich und genau zu „dieser Jeans“ gesprochen wurde. Dieser Roman war sofort – zunächst durch Mundpropaganda – unter den Jugendlichen Kult, mit der Folge, dass er selbst im Kinderferienlager gelesen wurde und die kommende Blueser-Generation nachhaltig beeinflusste. Neben diesem Buch wurde auch der 1975 erschienene Jugendroman von Joachim Walther Ich bin nun mal kein Yogi (später 1980 als „Light-Version“ verfilmt unter Und nächstes Jahr am Balaton) zu einem Dokument der unangepassten Jugendlichen und deren spezieller Sprachkultur.
Bluejeans waren in der DDR kostbar, weil sie nur über Umwege aus Westeuropa zu bekommen waren. Wer z. B. eine Levi’s besaß, trug sie daher auch noch, wenn sie bereits zerschlissen war. Daraus entstand eine – neue – identifikationsstiftende Komponente: Die Flickenjeans. Die Jugendlichen nähten und arrangierten sich die passenden, häufig kleinteiligen Flicken möglichst ästhetisch, in verschiedenen Blautönen abgestimmt, auf „ihre“ Bluejeans. Um den schweren Baumwollstoff zu bewältigen, wurden alte Singer-Nähmaschinen plötzlich sehr gefragt. Manche Bluejeans bestanden fast nur noch aus Flicken. Wichtig war die persönliche Individualität, die die Blueser mit ihrem Beinkleid nach außen dokumentierten.
Tramper (Schuhe) An den Füßen trugen Blueser braune knöchelhohe, aber leichte Bergkletterschuhe aus Wildleder, die Tramper oder Klettis genannt wurden. Getragen wurden auch die Arbeitsschuhe oder Wanderschuhe. Im Sommer waren die sogenannten Jesuslatschen oder „Römersandalen“ obligatorisch.
Accessoires Als ständiger Begleiter galt ein möglichst historischer Brotbeutel oder auch Tornister. Der Hirschbeutel, eine aus einem alten Wandteppich mit Hirschmotiv oder ähnlichem selbstgenähte Umhängetasche, setzte sich erst in den 1980er-Jahren als unverwechselbares Attribut durch.
mini|Michael Linke von Monokel, 2008
Musikrezeption, Begegnungsräume und Freizeitkultur Musikalisch orientierten sich Blueser am Folk, Blues, Southern Rock und Bluesrock.
Als Motor der Szene fungierten einheimische Bands wie Engerling, Freygang, Die Firma, Monokel, Hof-Blues-Band, Passat, Jonathan Blues Band, Hansi Biebl, Mama Basuto, Kerth, Blues vital, Pasch, ergo, Keimzeit und Stefan Diestelmann.
mini|Der Amorsaal Orte An den Wochenenden waren Blueser häufig unterwegs, reisten per Bahn oder trampten den Bands hinterher und lebten ihre Auffassung von Freiheit und Moral.