Obersalzberg, auch mit dem bestimmten Artikel („auf dem Obersalzberg“),Neben der für Ortsnamen üblichen Ausdrucksweise in Obersalzberg wird, seit dem 19. Jahrhundert nachweisbar, der Name des heutigen Gemeindeteils auch mit dem bestimmten Artikel und der Präposition an oder auf gebraucht (am Obersalzberg, auf dem Obersalzberg), sowohl umgangssprachlich als auch zum Beispiel in der geschichtswissenschaftlichen Literatur zur NS-Vergangenheit des Ortes – so etwa in: Ulrich Chaussy: Nachbar Hitler. Führerkult und Heimatzerstörung am Obersalzberg. 1. Auflage. Links, Berlin 1995, ISBN 3-86153-100-3, passim. ist ein Gemeindeteil bzw. eine Gnotschaft des Marktes Berchtesgaden im oberbayerischen Landkreis Berchtesgadener Land. Obersalzberg war Teil der Gemeinde Salzberg, bis diese am 1. Januar 1972 nach Berchtesgaden eingemeindet wurde.
Mit der 1877 von Mauritia Mayer begründeten Pension Moritz, die zahlreiche prominente Gäste beherbergte, wurde Obersalzberg zu einer der Wiegen des Tourismus im Berchtesgadener Land. Um die Jahrhundertwende ließen sich in dem Ort auch viele bekannte Persönlichkeiten wie Carl von Linde mit einem Zweitwohnsitz nieder.
1923 war Adolf Hitler erstmals in ObersalzbergUlrich Chaussy: Nachbar Hitler. Führerkult und Heimatzerstörung am Obersalzberg. Mit aktuellen Fotos von Christoph Püschner. 7. Auflage. Links, Berlin 2012, ISBN 978-3-86153-704-5, S. 30 (Google Books). und hatte dort regelmäßig sein Feriendomizil. Später mietete er dauerhaft ein Haus und baute es nach dem Erwerb zum Berghof, einer repräsentativen Zweitresidenz, aus. Nahezu der ganze Ortsteil inklusive des Kehlsteins wurde ab 1933 zum Führersperrgebiet. Sowohl die einheimische Bevölkerung wie auch die Zweitwohnsitz-Inhaber wurden zum Teil zwangsumgesiedelt; ihre Häuser wurden angekauft oder enteignet und anschließend zum großen Teil abgetragen. Bei einem Bombenangriff im April 1945 wurde die Bebauung weitgehend zerstört.
Die von den früheren Einwohnern nach dem Kriegsende angestrebte Rückkehr nach Obersalzberg mit dem Wiederaufbau des ursprünglichen Ortes kam nicht zustande. Das Areal war in der Nachkriegszeit weitgehend Teil eines Erholungszentrums der amerikanischen Streitkräfte. Nach der Freigabe an den Freistaat Bayern im Jahr 1996 wurde im Rahmen des „Zweisäulenkonzeptes“ der bayerischen Staatsregierung 1999 die Dokumentation Obersalzberg eingerichtet und 2005 ein Hotel der Luxusklasse mit der Bezeichnung InterContinental Berchtesgaden Resort (seit 2015: Kempinski Hotel BerchtesgadenKempinski übernimmt Resort-Hotel. In: Berchtesgadener Anzeiger (berchtesgadener-anzeiger.de), 21. Oktober 2014.) eröffnet.
Lage mini|Obersalzberg von Nordwesten (ab Bildmitte u. a. links: Kempinski Hotel, rechts davon in der Mitte Dokumentation Obersalzberg), oben rechts Hoher Göll und daneben bis Bildrand Kehlstein mit Kehlsteinhaus Der Gemeindeteil Obersalzberg grenzt im Norden und Nordosten an den Gemeindeteil Untersalzberg I, im Nordwesten und Westen an den Gemeindeteil Untersalzberg II sowie im Süden und Osten an das gemeindefreie Gebiet Eck. Der niedrigste Punkt mit rund 752 Metern liegt im Nordwesten in der Nähe des abgegangenen Anwesens Lehen. Höchste Erhebung ist der KlingeneckkopfObersalzberg, gezoomter Kartenausschnitt im BayernAtlas, online unter geoportal.bayern.de im Südosten mit 1137 Metern.
Die Gemeindeteile Obersalzberg, Untersalzberg I und Untersalzberg II (hier ist u. a. auch die Einfahrt in das Salzbergwerk)Berchtesgadener Land – Klassifizierung Alltagsradwege – Gemeinde Berchtesgaden, online unter gemeinde.berchtesgaden.de verteilen sich über den Salzberg bis zu dessen Ausläufern an der Berchtesgadener Ache.Volker Dahm: , historisches Essay als Presse-Info der Dokumentation Obersalzberg vom 1. November 2001, online unter obersalzberg.de.Wolf-Armin von Reitzenstein: Lexikon bayerischer Ortsnamen. Herkunft und Bedeutung. Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz. Beck Verlag, München 2006, ISBN 978-3-406-55206-9; Stichwort Obersalzberg, S. 194. Der SalzbergSalzberg, Quelle: Pierer’s Universal-Lexikon, Band 14. Altenburg 1862, S. 819, online unter zeno.org. selbst ist ein „Bergrücken“ mit einer Höhe von etwa 1000 m,Siehe auch Adolf Bühler: Berchtesgaden und seine Umgebung von Adolf Bühler. 1870, S. 16 via der Ortsdatenbank des bavarikon der dem südlich gelegenen Kehlstein, einem Nebengipfel des Göllmassivs am Ostrand der Berchtesgadener Alpen, vorgelagert ist.
Geschichte Entwicklung als Gnotschaftsbezirk Vermutlich bereits ab Ende des 14. Jahrhunderts war Obersalzberg der 5. Gnotschaftsbezirk der „Urgnotschaft“ Berg im Berchtesgadener Land, das ab 1380 das Kernland der Reichsprälatur Berchtesgaden und der später eigenständigen, reichsunmittelbaren Fürstpropstei Berchtesgaden (1559–1803) bildete. Nach drei kurz hintereinander folgenden Herrschaftswechseln wurde 1810 das Berchtesgadener Land mit seinen Gnotschaften dem Königreich Bayern angegliedert und aus Berg ab 1812 die Gemeinde Salzberg, deren Ortsteil bzw. Gnotschaft Obersalzberg bis zur Eingemeindung Salzbergs in den Markt Berchtesgaden blieb (→ siehe hierzu den Abschnitt: Gebietsreform). Die Bezeichnung „Obersalzberg“ ist für die Gnotschaft erstmals 1816 nachweisbar.
Historisch, nach einer statistischen Übersicht von 1698, bestand der damalige Fünfte Gnotschafterbezirk bzw. die heutige Gnotschaft Obersalzberg aus 13 verstreut liegenden Anwesen. Dies waren 10 ganze Höfe (Antenberg, Bodenlehen, Baumgarten, Freiding, Graetz (Sitz des Gnotschafters), Ob. Kesselstein, Lehen, Meisterlehen, Steinhaus und Weißlehen) sowie 3 halbe Höfe (Auf der Eben, Mittertratten und Wurf).Dieter Albrecht: Fürstpropstei Berchtesgaden. München 1954, S. 27 (= Historischer Atlas von Bayern, Teil Altbayern, Heft 7).
Anfänge des Tourismus mini|Pension Moritz um 1900
Mauritia Mayer eröffnete 1877 die nach ihrem Spitznamen benannte Pension „Moritz“ und gilt damit als Pionierin des modernen Tourismus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Gebirgskurhaus Obersalzberg und später in Platterhof umbenannt, steht dieses Gasthaus „am Beginn des Tourismus in Deutschland und Mitteleuropa“., siehe 5. Absatz, online unter obersalzberg.de.
Aber noch in den 1920er Jahren war Obersalzberg „ein idyllisches Streudorf mit Bergbauern und Beherbergungsbetrieben, das unter Wohlhabenden und Prominenten als touristischer Geheimtip galt“. In der Folge wurden alsbald auch bekannte Persönlichkeiten wie der Erfinder der Kältetechnik Carl von LindeHellmut Schöner: Berchtesgaden im Wandel der Zeit. 1973, S. 202. oder die Klavierherstellerfamile BechsteinHellmut Schöner (Hrsg.): Das Berchtesgadener Land im Wandel der Zeit. Ergänzungsband I, Berchtesgaden 1982, S. 369. in Obersalzberg sesshaft.
Zeit des Nationalsozialismus mini|Adolf Hitler mit Eva Braun auf dem „Berghof“, 1942
→ Zu diesem Geschichtsabschnitt siehe auch Hauptartikel: Führersperrgebiet Obersalzberg
Ab 1923 verbrachte Adolf Hitler des Öfteren in Obersalzberg seine Ferien. Ab Oktober 1928 mietete er das Landhaus Haus Wachenfeld, dessen Eigentümerin die Lederfabrikantin und frühe Automobilistin Margarete Winter, geborene Wachenfeld, war.Joachim Fest: Hitler. Eine Biographie. 2002, S. 445–447. Im Sommer 1933 erwarb Hitler das Haus, um es alsbald in Berghof umzubenennen und zu einer repräsentativen Residenz umzubauen.. Dokumentation Obersalzberg, Ausstellungs-Info.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland erfuhr der Ort die größten baulichen Veränderungen seiner Geschichte. Sämtliche privaten und ein Teil der Immobilien im öffentlichen Eigentum wurden unter der Leitung von Martin Bormann aufgekauft. Den Eigentümern wurden Preise über dem Verkehrswert angeboten. Nicht Verkaufswillige wurden mit angedrohter und zum Teil vollzogener Haft im KZ Dachau zum Verkauf ihrer Grundstücke gezwungen. Der Großteil der vorhandenen Bebauung wurde abgetragen, der Charakter des Ortes völlig verändert. Um den Berghof gruppierten sich nun unter anderem die Häuser aller wichtigen NSDAP-Politiker.
Auf eine Anregung Hitlers hin ließ Bormann auf dem Bergrücken des Kehlsteins das Kehlsteinhaus als Repräsentationsgebäude errichten.
Erst die massiven Luftangriffe der alliierten Streitkräfte auf große Teile Deutschlands führten zum Ausbau der Luftschutzanlagen in Obersalzberg. Es entstand ein tief im Fels gelegenes, weit verzweigtes Bunkersystem mit Stollen von rund 6,5 Kilometer Länge.25 Jahre Aufklärung über NS-Verbrechen. In: Nordbayerischer Kurier, 19./20. Oktober 2024, S. 3.
Regierungsgeschäfte und Repräsentation mini|Hitler empfängt Chamberlain, Vorbereitung des Münchner Abkommens
Häufig hielt sich Hitler mehrere Monate im Jahr in Obersalzberg auf, um von Berchtesgaden aus die Regierungsgeschäfte zu führen. Insgesamt verbrachte er dort nahezu ein Drittel seiner Regierungszeit Zur Geschichte des Führersperrgebiets mit Abbildungen und empfing auf dem Berghof auch Staatsgäste. Im Februar 1938 wurde in Obersalzberg das Berchtesgadener Abkommen geschlossen, der erste Schritt zum „Anschluss“Österreichisches Staatsarchiv: Österreichs an den NS-Staat.
Durch die neu errichtete nahe gelegene Reichskanzlei Dienststelle Berchtesgaden wurde die Verfügbarkeit eines Regierungsbeamtenstabes während der Aufenthalte Hitlers in Obersalzberg sichergestellt.
Es galt als besondere Auszeichnung für deutsche Politiker und Parteimitglieder der NSDAP, von Hitler oder der inoffiziellen Hausherrin Eva Braun in seiner Obersalzberger Residenz im „privaten Rahmen“ empfangen zu werden.
Bombenangriff gegen Kriegsende Der US-amerikanische General Dwight D. Eisenhower, der Oberkommandierende der Alliierten, gab seine Pläne zur Eroberung der Reichshauptstadt Berlin auf, da er befürchtete, die SS und andere Elitetruppen könnten sich in der tatsächlich nicht existierenden Alpenfestung verschanzen. So ließ er seine Truppen nach Süden schwenken, um deutschen Truppen den Rückzug in die Alpen abzuschneiden.
Am 25. April 1945 warfen Lancaster-Bomber der Royal Air Force fast 1.300 Bomben über Obersalzberg ab, während das im Tal liegende Berchtesgaden davon nahezu vollständig verschont blieb. Nach diesem Angriff waren – bis auf das Kehlsteinhaus – sämtliche Gebäude des Führersperrgebiets in Obersalzberg beschädigt. Abziehende SS-Wachtruppen setzten sie in Brand, was jedoch weder Besatzer noch die einheimische Bevölkerung von Plünderungen in den Gebäuden abhielt.
Nachkriegszeit – Amerikanische Besatzung in Obersalzberg mini|Gedenktafel in Obersalzberg über die Einnahme durch die US-Truppen im Jahr 1945 mini|Kehlsteinhaus
Obersalzberg wurde nach der kampflosen Übergabe des Landkreises Berchtesgaden von einem Verband aus US-Truppen und einigen Franzosen am 4. Mai 1945 besetzt. Mit der Übergabe wurde der Chef der Arbeitsgemeinschaft der Bauunternehmen am Obersalzberg Grethlein betreut. Dieser wurde zusammen mit seinem Fahrer von betrunkenen französischen Soldaten erschossen, als er über die Zukunft seiner Belegschaft verhandeln wollte. Die NSDAP-Grundstücke gingen 1947 offiziell in das Eigentum des Freistaates Bayern über, jedoch nutzten die amerikanischen Besatzer einen Großteil ihrer Gebäude weiterhin.
Obwohl es nach dem Krieg Bestrebungen der ehemaligen Salzberger gab, in ihre alten Häuser zurückzukehren, kam es nicht zum Wiederaufbau des Dorfes. Lediglich das Hotel zum Türken wurde an die ehemaligen Besitzer zurückgegeben. Hier besteht heute die Möglichkeit – neben den später in die Dokumentation Obersalzberg integrierten Bunkerteilen –, weitere Abschnitte der Bunkeranlage in Obersalzberg zu besichtigen.
Verschiedene Gebäude wurden nach dem Krieg für die US-Streitkräfte instand gesetzt, wie der Platterhof („Hotel General Walker“), das Atelier Speer (Evergreen Lodge) sowie der ehemalige Gutshof; sie dienten der US Army als Erholungszentrum. Die anderen Gebäude – insbesondere die Wohnhäuser der NS-Größen – wurden 1952 abgetragen oder gesprengt, um jedweden Kult zu verhindern.
Steigenberger-Affäre