mini|Carrie, Logo der Erstausgabe 1974 Carrie ist der erste veröffentlichte Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Stephen King. Herausgegeben wurde der Roman am 5. April 1974 durch den Doubleday-Verlag und es war der erste kommerziell erfolgreiche Roman des Autors. Der Roman verbindet Elemente des Horrorromans mit einer tragischen Coming-of-Age-Geschichte um ein ausgegrenztes Mädchen mit telekinetischen Fähigkeiten. King hatte zuvor bereits mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht, jedoch noch keinen Roman erfolgreich auf dem Buchmarkt platzieren können.
Obwohl sich die gebundene Erstausgabe zunächst nur mäßig verkaufte, wurde die ein Jahr später erschienene Taschenbuchausgabe ein großer Erfolg und machte Carrie zu Kings erstem Bestseller. Der Roman begründete damit seine Karriere als einer der erfolgreichsten Autoren der modernen Horrorliteratur. Die deutsche Erstausgabe erschien 1977 im Schneekluth-Verlag in einer Übersetzung von Elisabeth Epple. Eine Neuübersetzung von Wolfgang Neuhaus wurde 1992 vom Gustav Lübbe Verlag veröffentlicht.
Inhalt Aufbau Das Buch ist in die beiden Hauptteile Blutsport, Ballnacht sowie den Epilog Trümmer gegliedert. Die Rahmenhandlung umfasst verschiedene Erzählebenen. Die Haupthandlung spielt im Jahr 1979. Zusätzlich werden das Geschehen und die involvierten Personen durch fiktive Zeitungsartikel, fiktive wissenschaftliche Aufsätze, fiktive Verhandlungen einer Untersuchungskommission, welche die Geschehnisse aufarbeiten soll, sowie fiktive persönliche Berichte beschrieben.
Handlung Die 16-jährige Schülerin Carietta White, genannt Carrie, lebt in der Kleinstadt Chamberlain, Maine. Sie wächst ohne ihren Vater auf, der vor ihrer Geburt auf einer Baustelle ums Leben kam. Bereits im Alter von drei Jahren lässt sie mit ihren telekinetischen Kräften einen Steinregen über das Haus niedergehen, in dem sie mit ihrer Mutter lebt, als diese ihr in religiösem Wahn die Augen herausschneiden will.
Im Alter von fast 17 Jahren bekommt Carrie nach dem Sportunterricht unter der Dusche ihre erste Periode. Sie erschrickt, und ihre Mitschülerinnen hänseln und demütigen sie deshalb. In der Folge treten einige Fälle von Telekinese als Reaktion auf Beleidigungen, Demütigungen oder Ignoranz ihrer Mitmenschen auf, und Carrie wird sich der Tatsache bewusst, dass diese mysteriösen Ereignisse von ihr verursacht wurden. Sie überdenkt die Beziehung zu ihrer Mutter, die alles Körperliche und Sexuelle als grässliche Sünde darstellt und über Jahre verhinderte, dass Carrie wie ein normales Mädchen aufwachsen konnte. Nachdem ihre Mutter sie vorher häufig hart bestraft hat, gelingt es Carrie, die sich nun ihrer Macht bewusst wird, den Einfluss ihrer Mutter zurückzudrängen.
Mit Hilfe der Sportlehrerin Rita Desjardin legt Carrie allmählich ihre Ängste ab und wird daraufhin sogar von einem Jungen zum Frühlingsball der Schule eingeladen. Für den Ball näht sie sich, gegen den erbitterten Widerstand der Mutter, ein schönes Kleid. Ihre Mutter schmiedet unterdessen einen Mordplan gegen ihre Tochter, weil sie darin die einzige Möglichkeit sieht, Carrie „vom Satan reinzuwaschen“. Zur gleichen Zeit besorgen sich andere Schüler zwei Eimer Schweineblut, mit dem sie Carrie beim Frühlingsball übergießen wollen. Carrie und ihr Begleiter Tommy werden zu „König und Königin“ des Balls gewählt. Als sie auf der Bühne stehen, schüttet Carries Mitschülerin Chris mithilfe eines Zugseils die heimlich unter der Decke befestigten Eimer mit dem Schweineblut über Carrie und Tommy aus. Einer der Eimer fällt Tommy auf den Kopf und tötet ihn, was zunächst nicht klar ist. Als alle Anwesenden, inklusive die Aufsichtspersonen, über den „Streich“ lachen, fühlt sich Carrie von allen hintergangen und rächt sich mit ihren telekinetischen Fähigkeiten. Zunächst schließt sie alle Türen, sodass niemand entkommen kann, setzt dann die Sprinkleranlage in Betrieb und löst damit tödliche Stromschläge aus. Schließlich eskaliert ihre Zerstörungswut, und die Schule geht in Flammen auf. Am Ende können nur zwölf Personen gerettet werden.
Auf dem Weg nach Hause richtet Carrie weitere Verwüstungen an, bei denen weitere Menschen zu Tode kommen. Das Zentrum der Stadt wird zerstört. Beim anschließenden Gebet in der Kirche beschließt Carrie, ihre Mutter umzubringen, weil sie nun weiß, dass ihre Mutter sie töten will. Zu Hause angekommen, verwickelt ihre Mutter Carrie in ein Gespräch und sticht ihr daraufhin ein Küchenmesser in die Schulter. Die schwer verletzte Carrie bringt durch ihre telekinetischen Kräfte das Herz ihrer Mutter zum Stillstand. Anschließend rächt sie sich an Chris und deren Freund Billy, die das Schweineblut unter der Decke des Ballsaales angebracht hatten. Sue, eine der wenigen Mitschülerinnen, die Mitleid und keinen Groll gegenüber Carrie empfanden, findet die im Sterben liegende Carrie, die ihr verzeiht und kurz darauf stirbt.
Wegen der Vorkommnisse, bei denen 440 Menschen gestorben sind, wird der Ort weltberühmt, während viele Bewohner wegen dieser Ereignisse aus Chamberlain wegziehen. Die Stadt stirbt deswegen langsam aus und verwandelt sich so zusehends in eine Touristenattraktion für Leute, die den Ort wegen der geschehenen, schauerlichen Begebenheiten sehen wollen.
Figuren Carietta „Carrie“ White: Namensgebende Protagonistin des Romans. Sie leidet unter ihrer bigotten Mutter. Carrie besitzt telekinetische Kräfte, die sie im Lauf des Romans mehrmals einsetzt (infolge von Mobbing durch andere Personen). Schließlich geraten ihre Kräfte außer Kontrolle und sie setzt diese daraufhin wahllos ein, wobei es zu vielen Toten und Verletzten kommt. Am Ende des Romans tötet sie ihre Mutter, nachdem diese mit einem Messer auf Carrie einsticht. Margaret White: Carries Mutter Margaret ist eine religiöse Fanatikerin und unterdrückt die weibliche Entwicklung ihrer einzigen Tochter mit grausamem Wahn. Im Verlauf des Romans plant sie die Ermordung ihrer Tochter und verletzt sie am Ende mit einem Messer. Sie wird daraufhin von Carrie getötet. Sue Snell: Mitschülerin, die Carrie anfangs mobbt. Zum Beispiel bewirft sie – zusammen mit anderen – Carrie nach dem Sport unter der Dusche mit (unbenutzten) Tampons, nachdem Carrie beim Duschen von ihrer ersten Periode überrascht wird. Später bereut sie ihr Verhalten und entwickelt Sympathien für Carrie. Tommy Ross: Freund von Sue, der, auf ihr Bestreben hin, mit Carrie zu einem Schulball geht. Er entwickelt Sympathien für Carrie. Tommy wird von einem der – mit Schweineblut gefüllten – Eimer getroffen, die Chris beim Schulball über Carrie ausleert, und stirbt durch einen Stromschlag. Chris Hargensen: Chris ist eine Mitschülerin von Carrie und die Freundin von Billy. Sie kippt während des Schulballs mittels Zugseilen zwei zuvor heimlich angebrachte und mit Schweineblut gefüllte Eimer über Carrie aus. Billy Nolan: Freund von Chris, der, auf deren Bestreben hin, die zwei Eimer mit Schweineblut besorgt, die dann während des Schulballs über Carrie ausgeleert werden. Rita Desjardin: Sportlehrerin an Carries Schule, ohrfeigt Carrie, als diese beim Duschen nach dem Sportunterricht von ihrer ersten Periode überrascht wird. Danach sieht Rita ihren Fehler jedoch ein und ist Carrie gegenüber wohlwollender eingestellt und versucht sie zu unterstützen.
Hintergrund Entstehung und Veröffentlichung mini|hochkant|Stephen King, 1984 Stephen King begann mit den ersten Arbeiten an Carrie 1972. Er lebte zu dieser Zeit mit seiner Familie in einem gemieteten Wohnwagen und arbeitete als schlecht bezahlter Englischlehrer an der Highschool Hampden Academy. King verkaufte zwar einige Kurzgeschichten an verschiedene Männermagazine, vor allem für den Cavalier. Größere finanzielle Erfolge blieben jedoch zunächst aus.
Die Geschichte von Carrie sollte die Antwort auf eine Wette mit einem Freund sein, bei der King für eine weibliche Perspektive einnehmen sollte. Er entschied sich für die Geschichte der gemobbten Teenagerin und wollte sie als Kurzgeschichte für den Cavalier konzipieren. Die Idee von einer Geschichte, bei der ein junges Mädchen in der Gruppendusche einer High-School ihre erste Periode bekommt und von den anderen Mädchen mit Tampons beworfen wird, kam King bei einer Schicht in der Wäscherei New Franklin, in der er während der Sommerferien jobbte. Er verband die Idee mit Erinnerungen an einen Artikel über Poltergeister und Telekinese, den er einige Jahre vorher gelesen hatte, und kam so auf den Plot von Carrie.
King war von Beginn an mit der Geschichte unzufrieden und er hatte Probleme, sich in das Thema einzufinden. Die Hauptfigur, Carrie White, war ihm nicht sympathisch und entwickelte sich zu passiv und schwerfällig, zu sehr wie ein klassisches Opfer und er fühlte sich zu wenig vertraut mit dem Lebensumfeld und den ausschließlich weiblichen Figuren. Er konnte sich dem Thema nicht nähern und fühlte sich wie in einem „Neoprenanzug, den [er] nicht abstreifen konnte.“ Zudem merkte er, dass die Geschichte zu lang werden würde, um wirklich zu funktionieren. Der äußerste Umfang für ein Männermagazin lag etwa bei seiner Geschichte Manchmal kommen sie wieder und er sah keinen Grund, Zeit für eine Novelle zu verschwenden. Er warf seinen Entwurf entsprechend in den Mülleimer. Seine Frau fand die weggeworfenen Seiten und las sie, danach motivierte sie ihn zum Weiterschreiben. Sie brachte ihre weibliche Perspektive ein und half an einigen Stellen, an denen King nicht weiterkam. Gemäß eigener Aussage von Stephen King wäre er gern hartnäckig geblieben, weil er zu dem Zeitpunkt keine besseren Ideen hatte und (in der Geschichte) „die größte Verliererin der Welt“ beschrieben habe.Charles L. Grant: Stephen King: I like to go for the Jugular. Twilight Zone Magazine. April 1981, Zitat: „I persisted because I was dry and had no better ideas… my considered opinion was that I had written the world's all-time loser.“ Stephen King schrieb das Buch jedoch zu Ende und ergänzte die erste aus etwa 100 Seiten bestehende Fassung durch ein paar weitere Szenen, sodass er am Ende einen kurzen Roman vorliegen hatte. King hatte bereits einige Romane geschrieben, bis dahin noch keinen veröffentlichen können.
Er versuchte sich an einer Überarbeitung von seinem Romanentwurf Getting it On und das Manuskript kam in die Hände von Bill Thompson, einem Redakteur von Doubleday, der es King mehrmals zur Überarbeitung zurückschickte, es dann letztlich doch ablehnte. Als Thompson ihm allerdings einen Kalender zuschickte, um Kontakt zu halten, schickte King ihm als Antwort sein Manuskript von Carrie. Nach ein paar kleineren Überarbeitungen kündigte Thompson an, dass Doubleday Carrie tatsächlich annehmen werde. King lieh sich 85 US-Dollar von seiner Schwiegermutter und besuchte Thompson in New York. Um Kosten zu sparen, hatte King das Telefon aus seinem Wohnwagen entfernen lassen und so war er nicht erreichbar, als sein Buch tatsächlich zur Veröffentlichung ausgewählt wurde. Thompson schickte Ende März oder Anfang April 1973 ein Telegramm an Kings Haus mit dem Wortlaut: „Carrie officially a Doubleday Book. $ 2.500 against royalties. Call for glorious details. The future lies ahead.“ Am 13. Mai 1973, also einen Monat später, kaufte der Verlag Signet die Rechte an einer Taschenbuch Version für 400.000 Dollar, die laut seinem Vertrag mit Doubleday geteilt wurden. King trat von seiner Lehrtätigkeit zurück, nachdem er die Vergütung erhalten hatte. Zusammen mit seinem Bruder Dave King ging er zu seiner krebskranken Mutter Ruth, die trotz Alter und Krankheit noch arbeiten musste, und finanzierte ihr verbleibendes Leben. Sie starb kurz darauf an dem Krebs, noch bevor der Roman tatsächlich erschien.