Bernd A. Laska (* 4. August 1943 in Berlin; † 8. April 2025 in Nürnberg) war ein deutscher philosophischer Schriftsteller, Herausgeber, Übersetzer und Verleger.

Werdegang Laska studierte an der Technischen Hochschule München und schloss sein Studium 1969 mit dem Grad des Dipl.-Ing. ab. Nach Auslandsaufenthalten und verschiedenen Tätigkeiten begann er mit schriftstellerischen Arbeiten auf nicht-technischem Gebiet. Er übersetzte Schriften von Wilhelm Reich aus dem Englischen ins Deutsche und begründete 1975 die Wilhelm-Reich-Blätter, eine Alternativzeitschrift als Organ einer informellen Studiengruppe.Angaben nach Laskas Rowohlt-Monographie Wilhelm Reich (1981; 6. Aufl. 2008) 1981 erschien von Laska die Rowohlt-Monographie über Wilhelm Reich.

Anschließend verfasste Laska eine Rowohlt-Monographie über Max Stirner, die jedoch auch nach längeren Auseinandersetzungen mit dem Verlag nicht zum Druck kam. Laska hielt diese Differenzen mit dem Rowohlt-Lektorat für symptomatisch für die Stirner-Rezeption.Eine merkwürdige Anzeige und ihre merkwürdigen Folgen Die Auseinandersetzung veranlasste ihn, sich intensiver mit der Stirner-Rezeption zu befassen. Die Ergebnisse seiner Recherchen publiziert er seit Mitte der 1980er Jahre in einer Reihe von Aufsätzen und der Buchreihe Stirner-Studien.Übersicht, Kurzbeschreibungen, Inhaltsverzeichnisse der bisherigen Titel hier

In den 1980er Jahren entdeckte Laska den französischen Philosophen Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) für sich.Nach Lektüre des Standardwerkes Die Aufklärung von Panajotis Kondylis. Näheres dazu teilt er in einer Art Nachruf auf den 1998 verstorbenen Kondylis, Panajotis Kondylis – unfreiwilliger Pate des LSR-Projekts mit. Da von La Mettrie bisher nur dessen Schrift L'homme machine in deutscher Übersetzung (Der Mensch als Maschine) vorlag, brachte er in dem 1985 gegründeten LSR-Verlag eine vierbändige deutsche Werkausgabe mit Neu- oder Erstübersetzungen von Schriften La Mettries heraus. Parallel dazu konzipierte er das sogenannte LSR-Projekt, das er in der Einleitung zu Band 1 der Werkausgabe La Mettrie umreißt.Bernd A. Laska: Einleitung zu La Mettrie, Der Mensch als Maschine, Nürnberg 1985, S. xxxiv–xxxvi

Laska macht geltend, dass die Wahl und „Zusammenjochung“ dieser drei ideengeschichtlich randständigen Autoren nicht beliebig geschah, sondern einer neuen Perspektive auf die Geschichte der neuzeitlichen Aufklärung zu verdanken ist: Diese neue Perspektive nimmt in den Blick, was jene drei sonst isolierten, jeweils um die Mitte des 18., 19. und 20. Jahrhunderts wirkenden Denker verbindet: inhaltlich und wirkungsgeschichtlich. Ein erster Versuch, den „gemeinsamen Ideenkern“ der drei Autoren freizulegen, liegt in drei monographischen Artikeln vor: Die Negation des irrationalen Über-Ichs bei La Mettrie / …bei Max Stirner / …bei Wilhelm Reich.Diese Artikel sind online verfügbar. Der Großteil der bisher vorliegenden Arbeiten betrifft jedoch die Abwehr und Verdrängung dieses Ideenkerns durch den Mainstream der Aufklärung, in Laskas Worten: die Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichte.Vgl. neben den Bänden der Stirner-Studien vor allem die Artikel Nietzsches initiale Krise. Die Stirner-Nietzsche-Frage in neuem Licht (2002) und 1750 – Rousseau verdrängt La Mettrie. Eine ideengeschichtliche Weichenstellung (2012)

Laska erklärt, dass er mit seinem LSR-Projekt das Ziel verfolgt, durch Aufdeckung der mehrfachen „falschen Weichenstellungen“ und „Pyrrhussiege“ im Verlauf der neuzeitlichen Aufklärung deren „Paralyse“ seit Mitte des 20. Jahrhunderts aufzuheben; dass er der defätistischen Interpretation etwa Horkheimers und Adornos (Dialektik der Aufklärung) eine potentiell zukunftsweisende entgegensetzen will.

Das LSR-Projekt Das LSR-Projekt ist ein ideenhistorisches Projekt, das Laska 1985 ins Leben rief.Als „Gründungsdokument“ kann die Skizze gelten, die Laska 1985 in seiner Einleitung zu La Mettries Buch Der Mensch als Maschine (S. xxxiv–xxxvi) gegeben hat Die Buchstaben L, S, R stehen für La Mettrie, Stirner, Reich. Zeitgleich wurde der LSR-Verlag gegründet, in dem zunächst eine vierbändige deutsche Werkausgabe zu La Mettrie (großteils Erstübersetzungen), dann eine Sammlung der kleineren Schriften von Stirner (Parerga, Kritiken, Repliken) und schließlich eine Schriftenreihe Stirner-Studien (bisher drei Bände von Laska) erschienen.

Seit 1975 hatte Laska vorwiegend über Wilhelm Reich publiziert. Mit den von ihm herausgegebenen Wilhelm-Reich-Blättern wollte er drei damaligen Tendenzen entgegenwirken: dem Vergessen Reichs auf Seiten der Linken; der Vereinnahmung des späten Reich – des Orgonforschers – durch die boomende Esoterik; der Kommerzialisierung der Reich’schen Therapietechnik.wilhelm-reich-blätter Laska ist bestrebt, eine allgemeinere Bedeutung Reichs, die man „philosophisch“ nennen könnte,Wilhelm Reich wurde bisher nur selten als Philosoph gewürdigt, aber so ausdrücklich von Paul Edwards in einem längeren Artikel der Encyclopedia of Philosophy (1967 ff., rev. 2006) oder in der Biographischen Enzyklopädie deutschsprachiger Philosophen (2001). herauszuarbeiten und in den Vordergrund zu stellen. Dabei bemüht er sich zunächst um den Nachweis, dass Reich zwar Schüler Freuds war, aber vor allem der (aufklärerische) Antipode dieses letzten großen Aufklärers.

Sowohl Freud als auch Reich sahen sich, trotz des immensen ideengeschichtlichen Einflusses der Psychoanalyse, nicht als Philosophen. Aber nicht nur deshalb, sondern aus in der Sache liegenden Gründen, charakterisierte Laska sein LSR-Projekt als „paraphilosophisch“.Dieser Terminus wird im Intro wie folgt erklärt: „Paraphilosophie ist ein Wort, das bisher kaum in Gebrauch war – zu Recht, denn bisher ist es noch nie gelungen, aus einem originär philosophischen Impetus Gedanken zu entwickeln, die dem üblichen Bereich der Philosophie nicht zuzuordnen sind; sie stehen sozusagen außerhalb, neben der herkömmlichen Philosophie. … (Ein Missverständnis wäre es jedenfalls, die Paraphilosophie des LSR-Projekts als analog zu den neueren Parawissenschaften oder der etwas älteren Parapsychologie konzipiert aufzufassen)“

Das LSR-Projekt entwickelte sich im Anschluss an die Theoriediskussionen der 1968er Jahre über eine Zusammenführung der aufklärerischen Großtheorien von Karl Marx und Sigmund Freud im sog. Freudomarxismus. Diese Zusammenführung wurde in den 1920er Jahren hauptsächlich von Wilhelm Reich (1897–1957) begonnen. „1968“ wurde sie vor allem durch Herbert Marcuse modifiziert und wiederbelebt. In den 1970er Jahren schwand das breite Interesse an freudomarxistischer Theorie. Stattdessen gewannen Jacques Lacans „neue Lesart“ Freuds und Louis Althussers „neue Lesart“ Marx’ an Einfluss. Michel Foucaults neuartige Sicht fand schnell große Beachtung. Diesen neuen Theorien war gemein, dass sie stillschweigend mit der freudomarxistischen Tradition gebrochen hatten. Diese und einige andere Entwicklungen in der politischen Philosophie nach 1945 – Stichworte: Postmoderne; Habermas’ „neue Unübersichtlichkeit“ etc. – führten Laska zu der Annahme, dass durch diesen komplexen und chaotischen Prozess der große aufklärerische Impetus des ursprünglichen Freudomarxismus verschüttet, ja „verdrängt“ worden sei.

„Verdrängung“ ist denn auch ein zentraler Begriff in den bisher großteils rezeptionsgeschichtlichen Studien im Rahmen des LSR-Projekts. Zunächst geht es darin um den Nachweis, dass tatsächlich verdrängt wurde, danach um die Erschließung der Idee, die verdrängt wurde. Den Untersuchungen zu Wilhelm Reich folgten später weitere zu Max Stirner (1806–1856) und schließlich zu Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) und ihren jeweiligen Umfeldern. Als Akronym der Namen der (chronologisch geordneten) Protagonisten wurde der Name LSR-Projekt gebildet.

Im LSR-Projekt soll gezeigt werden, dass zu den jeweiligen Höhepunkten der neuzeitlichen Aufklärung ein radikal materialistisch-atheistischer Denker auftrat, dessen Ideen von seinen Zeitgenossen – paradoxerweise besonders von den aufklärerischen Denkern – „verdrängt“ und sozusagen totgeschwiegen wurden. Weiterhin soll gezeigt werden, dass nach der Durchsetzung aufklärerischer Ideen und der Aufarbeitung der Ideengeschichte der Aufklärung diese stillschweigende Ächtung wiederum übergangen wurde, also „Sekundärverdrängungen“ vorliegen. Die geistesgeschichtliche Relevanz dieser Vorgänge soll dadurch gezeigt werden, dass in den drei jeweils fast ein Jahrhundert auseinanderliegenden Fällen trotz sehr unterschiedlicher gesellschaftlicher und philosophischer Kontexte ein in seiner Grundstruktur sehr ähnliches Rezeptionsmuster herauspräparierbar sei, nämlich das der „Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichte“.

In dem bisher weitgehend außerakademisch durchgeführten, und primär über die Einzelarbeiten, nicht über den Gesamtanspruch rezipierten LSR-Projekt wird nicht angestrebt, die drei in der Philosophiegeschichte marginalen Autoren La Mettrie, Stirner und Reich zu rehabilitieren. Die Fallstudien zu diesen als „Parias des Geistes“ bezeichneten DenkernSo der Name einer 1985 angekündigten Buchreihe des LSR-Verlages und eine konsequent gegen den Strich gelesene Geschichte der aufklärerischen Philosophie sollen gemäß dem Selbstverständnis des Projekts vielmehr einen Impuls „für die Reanimation der paralysierten Aufklärung“Vgl. z. B. Bernd A. Laska: Sigmund Freud contra Wilhelm Reich (Auszug aus Bernd A. Laska: Wilhelm Reich. Reinbek 1981, 6. Aufl. 2008) geben. Rezensenten von LSR-Publikationen haben sich sowohl positivDirk van den Boom in: eigentümlich frei. Marktplatz für Liberalismus, Anarchismus und Kapitalismus. Jg. 1, Nr. 3, 3. Quartal 1998, S. 98–99 als auch negativWolfgang Schuller in: Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 4. Juli 1997 geäußert.

Nachdem die Webseite des LSR-Projekts seit 2016 keine wesentlichen Erweiterungen mehr erfahren hatte, übernahm im April 2024 Christian Fernandes die Administration. Im selben Jahr gab er aus dem Vorlass Laskas dessen Briefwechsel mit dem Philosophen Hermann Schmitz sowie eine Neuauflage von Laskas nicht zustande gekommener Stirner-Biographie heraus.Christian Fernandes (Hrsg.): Bernd A. Laska, Hermann Schmitz: Der Briefwechsel (1993–2016). Königshausen & Neumann, 2024.Christian Fernandes (Hrsg.): Bernd A. Laska: Max Stirner – Leben, Werk, Wirkung. Königshausen & Neumann, 2024

Geschichte Die bisher in Zeitschriften und Büchern veröffentlichten Arbeiten Laskas sind vorwiegend rezeptionsgeschichtliche Studien, die, oft mit großer Akribie, Zusammenhänge näher erforschen, die in der etablierten Philosophiegeschichte – das zeigen schon die Namen der drei Protagonisten – normalerweise wenig Beachtung finden. Es geht dabei aber offenbar auch, wahrscheinlich sogar in erster Linie, um Inhaltliches, denn über die Gründe, die den Konflikt zwischen Freud und Reich provozierten, führte der Weg zu den beiden anderen Konflikten, die im LSR-Projekt thematisiert werden und deren Analyse laut Laska geeignet sein soll, „die seit Mitte des 20. Jh. paralysierte europäische Aufklärung neu zu beleben.“ Um den Vorwurf des ahistorischen Vorgehens zu konterkarieren, betont Laska die strukturellen und inhaltlichen Gemeinsamkeiten der drei Konflikte, die jeweils durch ein Jahrhundert getrennt stattfanden. Strukturell seien die Konflikte durch den Vorgang der „Verdrängung“ gekennzeichnet, der sowohl psychologisch (bei den Protagonisten) als auch ideenpolitisch (bei deren Theorieproduktion) zu fassen sei – was an den unten dargestellten Beispielen klarer wird. Worum es in den drei Konflikten inhaltlich ging, ist nur im Ansatz ausgearbeitet und kann nur nach dem gegenwärtigen Stand des LSR-Projekts darzustellen versucht werden.

Freud contra Reich