Die Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Brasilien wird von einer – im internationalen Vergleich – früh beginnenden liberalen Gesetzgebung zur Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben geprägt, der aber eine verhältnismäßig geringe gesellschaftliche Akzeptanz und eine hohe Zahl gewalttätiger Übergriffe gegenüberstehen.
mini|Brasilien mini
Geschichte Vorkoloniale Zeit Es gibt viele Hinweise darauf, dass Homosexualität und weitere von der frühneuzeitlichen Hetero-Norm abweichende sexuelle Verhaltensweisen bei – zumindest Teilen – der indigenen Bevölkerung im Gebiet des späteren Brasilien gelebt wurdenMott: Etno-historia, S. 125 f., ein von der portugiesischen Kolonialmacht als „Sodomie“ eingestuftes Verhalten. Es gibt Berichte sowohl über männliche als auch weibliche Homosexualität.Mott: Etno-historia, S. 125 f; Trevisan, S. 67. Entsprechende Berichte aus dem 16. Jahrhundert liegen für die Tupinambás und die Tupinaés vor.Trevisan, S. 65. Zu den Guaycurú gibt es Berichte über geschlechtlichen Rollentausch: Cudinas, kastrierte Männer, kleideten sich als Frauen und übten ausschließlich der Weiblichen Geschlechterrolle zugeordnete Aufgaben aus. Bei den Bororo zogen sich die jungen Männer in ein Männerhaus zurück, das Frauen nicht betreten durften, und übten dort auch gleichgeschlechtlichen Sex aus.Trevisan, S. 66. Für die Coerunas sind medizinische Praktiken bezeugt, die auch Analverkehr einschlossen.Trevisan, S. 66 f. Entsprechende Praktiken sind auch im Lehrer-Schüler-Verhältnis von Schamanen bekannt.Trevisan, S. 67.
Kolonialzeit mini|Titelblatt der Ordenações Filipinas von 1603
Auch europäische Siedler begannen solche Praktiken zu leben.Trevisan, S. 65; Mott: Etno-historia, S. 135f. Die Kolonialverwaltung und die römisch-katholische Kirche versuchten, dem entgegenzuwirken, Verordnungen gegen die Sodomie wurden erlassen, behördlich dagegen vorgegangen.Mott: Etno-historia, S. 133. Ab 1603 galten die Ordenações Filipinas, eine umfassende Gesetzessammlung, die König Philipp II. (Spanien) / Philipp I. (Portugal) erlassen hatte. Die Ordenações Filipinas verboten jedwelche von der heterosexuellen Norm abweichende sexuelle Handlungen als „Sodomie“, ebenso das Tragen von Kleidung, die Geschlechterrollen in Frage stellte. Art. 13 des fünften BuchesDas Fünfte Buch der Ordenações Filipinas enthält das Strafrecht. der Ordenações Filipinas bestimmte: Jede Person, welchen Standes sie auch sei, die die Sünde der Sodomie begeht, soll verbrannt und durch das Feuer zu Asche gemacht werden, sodass keinerlei Erinnerung an ihren Körper oder ihr Grab bestehen bleibt. Sämtliche Güter werden zugunsten der Krone eingezogen, auch wenn sie Nachkommen hinterlässt. Ebenso werden ihre Kinder und Enkel ehrlos, wie diejenigen, die das Verbrechen der Majestätsbeleidigung begehen.Código filipino, ou, ordenações e leis, do Reino de Portugal : recompiladas por mandado d'el-rey D. Filipe I. Band 4, S. 1162.
19. und 20. Jahrhundert Mit der Lösung des Kaiserreichs Brasilien vom Königreich Portugal 1822 ging auch die rechtliche Verselbständigung einher. So erhielt Brasilien am 16. Dezember 1830 ein neues Strafgesetzbuch Código Criminal do Império do Brasil, das 1831 in Kraft trat. Es war für seine Zeit sehr fortschrittlich und richtete sich nach den Modellen des französischen Code pénal von 1810 und dem im Wesentlichen von Paul Johann Anselm von Feuerbach gestalteten Strafgesetzbuch für das Königreich Bayern von 1813. Beide Gesetzbücher kennen eine Strafbarkeit homosexueller Handlungen nicht. Homosexuelle Handlungen sind in Brasilien somit seit 1831 straffrei, auch wenn kirchliche Moral und Vorurteile weiter in der Gesellschaft verankert waren.
mini|Marta Suplicy (2024) brachte als Abgeordnete 1995 erstmals einen Gesetzentwurf ein, der gleichgeschlechtliche Verpartnerungen ermöglichen sollte.
1979 forderten Aktivistinnen und Aktivisten bei einem der ersten Treffen homosexueller Gruppen in Rio de Janeiro, den Schutz der sexuellen Orientierung in die Bundesverfassung aufzunehmen, organisierten Kampagnen, die die Forderung unterstützen, Homosexualität aus dem Katalog der Krankheiten zu streichen und organisierten landesweite Treffen homosexueller Gruppen. 1985 strich der Conselho Federal de Medicina (Bundesärzterat Brasiliens) Homosexualität aus dem Verzeichnis psychischer Störungen.Historia do movimento LGBT (Weblinks).
Anlässlich der Beratungen zur brasilianischen Bundesverfassung von 1988 gab es auch den Antrag, den Begriff „sexuelle Orientierung“ in Artikel 3 Absatz IV aufzunehmen, der das Wohl aller Menschen ohne Diskriminierung gewährleisten sollte. Der Vorschlag wurde jedoch von der Mehrheit der Verfassungsgebenden Versammlung abgelehnt. Von den 559 Abgeordneten des Nationalkongresses stimmten 429 – also mehr als drei Viertel – dagegen.Historia do movimento LGBT (Weblinks).
1995 brachte die Abgeordnete Marta Suplicy ein Gesetz im Kongress ein, das eine Verpartnerung auch gleichgeschlechtlicher Paare ermöglichen sollte. Das Vorhaben wurde im parlamentarischen Verfahren mehr als ein Jahrzehnt verschleppt.Projeto de Lei nº 1151/1995. Viele der darin vorgesehenen Rechte queere Menschen wurden in dieser Zeit aber durch höchstrichterliche Urteile gewährt. So entschied das Oberste Bundesgericht Brasiliens (Supremo Tribunal Federal) am 5. Mai 2011, dass gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften als Familie anzuerkennen und als eheähnliche Lebensgemeinschaften zu behandeln seien.Castro: Aprovado. Das Gericht überholte damit die parlamentarische Initiative von 171 Abgeordnete und Senatoren unter Führung des Sozialisten Jean Wyllys, dem ersten offen schwulen Parlamentarier des Landes, vom Frühjahr 2011 zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.Queer.de: Uruguay und Brasilien debattieren Ehe-Öffnung, 12. April 2011 Infolge der Gerichtsentscheidung beantragten zahlreiche gleichgeschlechtliche Paare die Umwandlung ihrer eheähnlichen Lebensgemeinschaft in eine Ehe und der Oberste Gerichtshof (Superior Tribunal de Justiça) entschied im Verfahren eines gleichgeschlechtlichen Paars, das sie das Recht hatten, die Eheschließung unmittelbar zu beantragen – die Ehe zwischen Personen gleichen Geschlechts wurde zunehmend Realität. Dies führte zu unterschiedlichen Regelungen in den einzelnen Bundesstaaten, was wiederum den Nationalen Justizrat (Conselho Nacional de Justiça) veranlasste, eine einheitliche Regelung zu schaffen. Er erließ mit einer Mehrheit von 14 zu 1 Stimmen am 14. Mai 2013 die Resolution Nr. 175 (veröffentlicht am 15. Mai 2013), die nun die Eheschließung zwischen Personen gleichen Geschlechts endgültig für rechtmäßig erklärte.Castro: Aprovado.Decisão do CNJ obriga cartórios a fazer casamento homossexual, G1 vom 14. Mai 2013
Rechtliche Lage Strafrecht Homosexuelle Handlungen sind in Brasilien bereits seit 1831 kein Straftatbestand mehr.
Zivilrecht 2010 bewilligte der Oberste Gerichtshof die Adoption zweier Kinder durch ein lesbisches Paar, ein Präzedenzfall.Lesbisches brasilianisches Paar darf adoptieren Spiegel Online vom 28. April 2010
Seit Januar 2011 erhalten auch Einzelpersonen und gleichgeschlechtliche Paare Zugang zur künstlichen Befruchtung.Advocate.com Editors: Brazil OK's In Vitro for Gay Couples. Auf Advocate.com vom 6. Januar 2011; abgerufen am 1. Juni 2026.
Antidiskriminierungsgesetze Die Verfassung der Bundesstaaten Mato Grosso und Sergipe von 1989 verbieten Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung. Seit 2003 gilt dies auch in 73 Kommunalgesetzen, darunter auch in São Paulo und Rio de Janeiro, sowie in drei weiteren Bundesstaatsverfassungen. In Rio wurde dies im Mai 2000 durch ein Gesetz ergänzt, wonach zum Beispiel Hotels, Restaurants und Bars bei benachteiligender Behandlung homosexueller Gäste mit einer Geldstrafe von bis zu 7.000 US-Dollar bestraft und bis zu einem Monat geschlossen werden können.Helmut: Mittel- und Südamerika. Auf: Rosa Rauschen.
2004 wurde das Regierungsprogramm Brasil sem Homofobia („Brasilien ohne Homophobie“) ins Leben gerufen. Ziel war die ressortübergreifende Koordinierung staatlicher Maßnahmen gegen Homophobie. Vertreter der Verwaltung, Fachleute und Aktivisten wirkten daran mit.Secretaria Especial dos Direitos Humanos SEDH: Brasil Sem Homofobia. Programa de Combate à Violência e à Discriminação contra GLBT e de Promoção da Cidanania Homossexual. 2008. Im Dezember 2010 beschloss die brasilianische Regierung, dass gleichgeschlechtliche Paare landesweit die gleiche Hinterbliebenenversorgung erhalten wie heterosexuelle Paare.Stephanie Stevens: Gay Rights Victory in Brazil. In: The Advocate vom 14. Dezember 2010; abgerufen am 6. Juli 2026.
Im Mai 2019 urteilte das oberste Gericht, dass Diskriminierung von Homo- und Transsexuellen mit einer Haftstrafe von ein bis fünf Jahren bestraft werden kann.
2024 traten Bestimmungen in Kraft, die Mobbing aufgrund der sexuellen Identität an Schulen verhindern sollen.ILGA: ILGA database – Brazil; abgerufen am 7. Juli 2026.
Rechtliche Regelungen für Transpersonen Seit 2018 legt die betroffene Person selbst fest, unter welchem Geschlecht sie amtlich geführt wird.ILGA: ILGA database – Brazil; abgerufen am 7. Juli 2026.
Ehe und Partnerschaft
In Brasilien besteht neben einer Ehe nach Artikel 1.723 des brasilianischen Zivilgesetzbuches auch eine eheähnliche Lebensgemeinschaft. Bis 2011 konnte die Vorschrift nur auf heterosexuelle Verbindungen angewandt werden. Am 5. Mai 2011 entschied das Oberste Bundesgericht Brasiliens (Supremo Tribunal Federal), dass auch gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften als eheähnliche Lebensgemeinschaften zu behandeln seien.Castro: Aprovado.
Der Nationale Justizrat (Conselho Nacional de Justiça) erließ am 14. Mai 2013 seine Resolution Nr. 175 (veröffentlicht am 15. Mai 2013), die eine Eheschließung zwischen Personen gleichen Geschlechts für rechtmäßig erklärte.Castro: Aprovado.
Soziale Lage Allgemeingesellschaftlich Während die rechtliche Situation in Brasilien für queere Menschen im internationalen Vergleich als besonders fortschrittlich gilt, ist die gesellschaftliche Toleranz sehr gering, was sich besonders in der hohen Anzahl gewalttätiger Übergriffe zeigt. Homophobie ist in Brasilien ein verbreitetes und anhaltendes Problem. In Brasilien werden immer wieder homophobe Vorfälle registriert, viele mit Gewalt verbunden. 169 Morde an queeren Menschen aufgrund ihrer Sexualität fanden 1999 statt. Laut einem Bericht von Amnesty International wurden 2002 126 Homosexuelle ermordet.
Die Gewalt gegen queere Menschen besteht auch weiter: Die Beobachtungsstelle der „Bahia Gay Group“ verzeichnete im Jahr 2024 291 gewaltsame Todesfälle queerer Menschen. Darüber hinaus registrierte der Nationale Verband der Transvestiten und Transsexuellen im selben Jahr mehr als 100 Morde mit Opfern aus diesem Personenkreis. Brasilien liegt damit weltweit an vorderster Stelle hinsichtlich der Gewalt gegen Homosexuelle, Transvestiten und Transsexuelle. Da die Zahlen der Morde einer Statistik der Grupo Gay da Bahia entnommen wurden, die wiederum lediglich auf der Sammlung von Presseberichten basiert, ist von einer weitaus höheren Gewaltrate auszugehen.Amnesty international: International report 2025/26. Brazil
Das Auswärtige Amt dagegen formuliert in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen zu Brasilien: „Es gibt keine Hinweise auf besondere Schwierigkeiten; die Akzeptanz [von LSBT-Personen] ist insbesondere in Großstädten gut ausgeprägt“.Brasilien: Reise- und Sicherheitshinweise. Stand: 7. Juli 2026.
Auch unterhalb dieser Schwelle von Gewaltkriminalität gegen queere Menschen findet häufig Diskriminierung aufgrund sexueller Identität statt.
Queere Selbsthilfe-Organisationen mini|Queere Demonstration vor dem Nationalkongress in Brasilia