mini|350px|Die Orte, Straßen und Pässe des Kriegsgebietes
Der Russisch-Osmanische Krieg 1877–1878, auch Russisch-Türkischer Krieg 1877–1878 (türkisch 93 Harbi wegen des Rumi-Kalenders) genannt, war eine militärische Auseinandersetzung zwischen dem Russischen Kaiserreich, Serbien und Rumänien, und dem Osmanischen Reich. Der Krieg fand überwiegend auf dem Gebiet des heutigen Bulgarien statt und endete mit einem Sieg Russlands, dessen Truppen am Ende der Kampfhandlungen etwa 20 km vor Konstantinopel standen. Da jedoch besonders Großbritannien das Prinzip der Balance of Power und Österreich-Ungarn seinen Einfluss auf dem Balkan durch den Machtzuwachs Russlands gefährdet sahen,Burkhard Asmuss: Der Berliner Kongress. Deutsches Historisches Museum, Berlin, 8. Juni 2011
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/berliner-kongress-1878 wurden die Ergebnisse des russisch-türkischen Friedens von San Stefano auf dem Berliner Kongress teilweise zurückgenommen, vor allem hinsichtlich Bulgariens.
Unmittelbare Auslöser des Krieges waren die osmanischen Repressionen gegen die Serben und die Bulgaren nach dem Serbisch-Osmanischen Krieg sowie dem bulgarischen Aprilaufstand 1876. Russland sah sich seit jeher als Schutzmacht der Christen im Balkan und der Panslawismus forderte auch unter Berufung auf den Pariser Frieden (1856) ein Eingreifen zugunsten der Balkanvölker. Zu den strategischen Zielen Russlands zählte außerdem ein Zugang zum Mittelmeer. Neben Serben und Montenegrinern betrachten besonders die Bulgaren, die im Zuge des Krieges zum ersten Mal seit Jahrhunderten ihre Unabhängigkeit wiedererlangten, dieses Ereignis heute als die zweite Geburt ihrer Nation. In der bulgarischen Geschichtsschreibung spricht man daher offiziell vom Russisch-Türkischen Befreiungskrieg und vom Sieg über die Türken als der Bulgarischen Wiedergeburt. Der Krieg bot auch Rumänien die Gelegenheit, seine volle Unabhängigkeit zu gewinnen. Obwohl es im Gegensatz zu anderen Gebieten des Balkans nie unmittelbarer Teil des Osmanischen Reiches war, stand es zunächst offiziell unter dessen Suzeränität. In der rumänischen Geschichtsschreibung wird der Krieg daher auch als Rumänischer Unabhängigkeitskrieg bezeichnet.
Der Russisch-Türkische Krieg von 1877–1878 war der letzte Krieg zwischen europäischen Großmächten vor dem Ersten Weltkrieg. Mehr als eine halbe Million Soldaten kämpften an zwei Kriegsschauplätzen beiderseits des Schwarzen Meeres. Der Krieg dauerte länger als der Deutsch-Französische Krieg von 1870–1871 und nutzte einige der damals modernsten Waffen.
Vorgeschichte
In Bosnien-Herzegowina ereignete sich im Sommer 1875 ein Aufstand gegen die Osmanen. Der wichtigste Grund dieser Revolte war die schwere Steuerlast, die der Bevölkerung von der finanziell am Rande des Bankrotts stehenden osmanischen Verwaltung aufgebürdet worden war. Trotz Lockerung der Steuern dauerte der Aufstand bis ins Jahr 1876 an und löste seinerseits den Bulgarischen Aprilaufstand 1876 aus. Die Spannungen in Bosnien und russische Unterstützung ermutigten die Fürstentümer Serbien und Montenegro zu einer Kriegserklärung gegen ihre nominellen osmanischen Herrscher.
mini|The Dogs of War – eine Karikatur von John Tenniel, die im Juni 1876 im Punch erschien und Russland zeigt, wie es die Balkanländer zurückhält, das Osmanische Reich anzugreifen, während England über den Zaun hinweg zuschaut.
Der Serbisch-Türkische Krieg verstärkte die imperialen Ambitionen der Großmächte Russland und Österreich-Ungarn, so dass am 8. Juli 1876 Alexander Michailowitsch Gortschakow und Gyula Andrássy die Vereinbarung von Reichstadt trafen, mit der sie den Balkan in ihre zwei Einflusssphären aufteilten. Im August 1876 wurde die serbische Armee, in der auch viele russische und bulgarische Freiwillige dienten, von der osmanischen Armee besiegt. Das war für Russland und Österreich-Ungarn die unglücklichste Variante, da sie nun keine guten Aussichten für Gebietsansprüche an das Osmanische Reich hatten.
Während des bulgarischen Aprilaufstandes 1876 kam es zum Massaker von Batak. Es schreckte die westliche Öffentlichkeit auf und wurde zu einem Sinnbild der Grausamkeiten, die die osmanische Armee sowohl in Bulgarien als auch in Serbien an der slawischen Zivilbevölkerung beging. Victor Hugo, Dostojewski, Aksakow, Garibaldi und weitere namhafte Persönlichkeiten protestierten.
Im Dezember 1876 wurde die Konferenz von Konstantinopel abgehalten, auf der die Autonomie und die Grenzen einer oder mehrerer künftiger autonomer bulgarischer Provinzen innerhalb des Osmanischen Reiches diskutiert wurden. Die Osmanen boykottierten die Veranstaltung jedoch und lösten sie schließlich auf. Die Konferenz wurde vom türkischen Außenminister unterbrochen, der die Delegierten informierte, dass das Osmanische Reich eine neue Verfassung angenommen habe. Diese garantiere die Rechte und die Freiheiten aller ethnischen Minderheiten im Osmanischen Reich, und die Bulgaren würden die gleichen Rechte haben wie alle osmanischen Staatsbürger.
Russlands Einstellung gegenüber dem Osmanischen Reich blieb jedoch feindselig, denn die osmanische Verfassung wurde nur als vorgeschobene Scheinlösung betrachtet. Durch diplomatische Verhandlungen im Januar 1877 sicherten sich die Russen die Neutralität Österreich-Ungarns für den Fall künftiger militärischer Auseinandersetzungen. Im Gegenzug sollte Österreich-Ungarn nach diesem Krieg Bosnien und die Herzegowina besetzen dürfen.
Jörg Baberowski weist darauf hin, dass der Zar und seine Minister seinerzeit „Gefangene der öffentlichen Meinung“ gewesen seien. Danach habe sich Alexander II gegen den Widerstand seines Finanzministers Michael von Reutern auf das Kriegsabenteuer deshalb eingelassen, weil er glaubte, den patriotischen und nationalen Gefühlen der russischen Medien Folge leisten zu müssen. Treibende Kräfte waren hier vor allem die Birzhevyie Vedomosti (Börsennachrichten), Novoye Vremya (Neue Zeit), Peterburgski Listok (Petersburger Blatt) und die Peterburgskaja Gaseta (Petersburger Zeitung)Jörg Baberowski: Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich München 2024, S. 468 ff.
In Großbritannien war die öffentliche Meinung hinsichtlich des Balkans gemischt. Trotz weitgehender Sympathie für den bulgarischen Freiheitskampf war Premierminister Disraeli ein erbitterter Gegner eines russischen Machtzuwachses. Er positionierte Großbritannien als Beschützer des Osmanischen Reiches, wie es bereits im Krimkrieg der Fall war. Der britische Diplomat Lord Salisbury handelte mit dem russischen Gesandten Graf Nikolai Ignatjew allerdings ein Kompromissabkommen aus: Bulgarien sollte in eine östliche und eine westliche Provinz, Bosnien-Herzegowina in eine einheitliche Provinz umgewandelt werden und einen hohen Grad an Autonomie erhalten, darunter ein eigenes Parlament und eine eigene Polizei. Serbien wurde die territoriale Integrität garantiert und Montenegro sollte Gebiete in Nordalbanien und Bosnien behalten dürfen, die es im Krieg zuvor erobert hatte.
Die übrigen Mächte waren in ihrer Handlungsfreiheit blockiert, da es in Europa eine breite Zustimmung für ein unabhängiges Bulgarien gab bzw. weil sie mit ihren inneren Problemen beschäftigt waren. Man zweifelte allgemein an den militärischen Fähigkeiten Russlands. Am 31. März 1877 unterzeichneten die europäischen Großmächte das Londoner Protokoll und forderten das Osmanische Reich darin auf, bald Reformen einzuleiten. Sie kündigten an, ihre Vertreter in Konstantinopel darüber wachen zu lassen, ob und wie die türkische Regierung ihre Versprechungen halten werde. Das Osmanische Reich lehnte am 9. April 1877 die Annahme des Protokolls ab.
Im April schloss Russland ein Übereinkommen mit Rumänien ab, nach dem es seine Truppen durch das Land marschieren lassen durfte. Das gleiche Abkommen sicherte Russland den Anschluss des südlichen Bessarabiens zu (das Gebiet war bereits 1812–1856 unter russischer Kontrolle), während Rumänien die nördliche Dobrudscha versprochen wurde.
Ausgangssituation mini|Nikolai Dmitrijew-Orenburgski: Russische Überquerung der Donau in der Nacht vom 26. auf 27. Juni 1877, Gemälde von 1883
Russland erklärte am 24. April 1877 dem Osmanischen Reich den Krieg. Die Russen marschierten in Bessarabien zunächst mit einer Armee von etwa 180.000 Mann (VIII., IX., XI. und XII. Armeekorps) auf, dazu kamen das VII. und X. Armeekorps, die für die Sicherung der Küste des Schwarzen Meeres bestimmt waren.Brockhaus Conversationslexikon, XIII. Band, Leipzig 1886, S. 941. Noch am Abend des 24. April gelang vier Kolonnen der Russen ein fast ungestörter Übergang am Pruth. Generalmajor Skobelew konnte gleichzeitig eine Brücke über den Sereth bei Barboși sichern, über die die Bahnstrecke nach Bukarest verlief.
Durch den Frieden von Paris 1856 wurde in Bessarabien eine künstliche Grenze gezogen, welche an der Grenze zwischen Russland und der Türkei durch das Territorium der Donau-Fürstentümer verlief. Während des folgenden Krieges bauten die Russen die Bahnstrecke Bender–Galați von Bender zum Dnjester nach Galați. Auch die rumänische Eisenbahnstrecke von Giurgevo zur Brücke bei Zimnicea-Sistova wurde für zukünftige Operationen gegen das Osmanische Reich gebaut.
Die Osmanen unter Abdülkerim Nadir Pascha hatten zum Schutz der 825 Kilometer langen Donau-Front rund 160.000 Mann versammelt; zudem hatten sie die (nach dem Krimkrieg zugesprochene) Kontrolle über das Schwarze Meer. Auch auf der Donau patrouillierten türkische Kanonenboote. Das Donau-Geschwader verlor aber bald das Panzerschiff Lüfti-Dschelil vor Brăila und am 25. Mai den Monitor Hefzi-Rahman bei Matschin durch russische Granaten und Torpedoboote.Spamers Weltgeschichte, Leipzig 1898, S. 449. Aufgrund mangelnder Kampfbereitschaft konnten die Osmanen allerdings die meiste Zeit nur 25 % ihrer militärischen Ressourcen nutzen. Hinzu kam, dass die osmanische Aufklärung keinerlei Informationen über die russischen Pläne bekommen konnte, sodass die osmanische Führung nichts über die Absichten des Gegners wusste. Daher zogen die Osmanen es vor, in der Nähe ihrer Befestigungen zu bleiben und den Angriff der Russen abzuwarten.
Im Rätselraten über die russischen Pläne machte das osmanische Kommando in Istanbul einen strategischen Fehler: In der Annahme, dass die Russen zu „faul“ wären, die Donau weit entfernt vom Delta zu überqueren und stattdessen den kürzesten Weg über das Donaudelta nehmen würden, obwohl dieses stark befestigt war, stationierten sie die meisten Garnisonen in diesem Gebiet. Im Landesinneren hatten sie an der Donau lediglich eine gut bemannte Festung in Widin, deren Besetzung mit den Truppen von Osman Pascha nur dem Umstand zu verdanken war, dass diese Truppen kurz zuvor am Krieg gegen Serbien teilgenommen hatten.
Kaukasus-Front mini|Kriegsschauplatz in Armenien mini|hochkant|General Michael Loris-Melikow
Die Kampfhandlungen des Russisch-Türkischen Krieges begannen zuerst am Kaukasus, wo die russischen Truppen bereits im April 1877 offensiv wurden. Die Operationen im Kaukasus wurden nach den Plänen von General Obrutschew durchgeführt. Nachdem die entscheidenden Aktionen an der Donau und in Rumelien geplant waren, sollten in der asiatischen Türkei zur Ablenkung schwächere Angriffe in Richtung auf Batumi und Kars geführt werden, mit dem Ziel die türkischen Streitkräfte in Armenien vom europäischen Kriegsschauplatz abzulenken. Die russische Kaukasus-Armee (anfangs etwa 90.000, später auf 164.000 Mann verstärkt) unter dem nominellen Oberkommando des Großfürsten Michail Nikolajewitsch Romanow konnte während des Krieges durch lokale georgische und armenische Milizen verstärkt werden. Den Russen standen anfangs etwa 57.000 Osmanen mit 162 Geschützen unter dem Oberkommando von Muhtar Pascha gegenüber. Die Stärke aller verfügbaren türkischen Truppen in Anatolien und Armenien betrug etwa 120.000 Mann mit etwa 370 Geschützen.Brockhaus-Conversationslexikon, Band 13, 1886, S. 942.