Magnús Eiríksson (* 22. Juni 1806 in Skinnalón, Norður-Þingeyjarsýsla, Island; † 3. Juli 1881 in Kopenhagen) war ein seit 1831 in Kopenhagen lebender isländischer Theologe und religiöser Schriftsteller.
Sein Werk lässt sich in zwei Hauptphasen einteilen: die Zeit seiner Auseinandersetzung mit der spekulativen Theologie von Hans Lassen Martensen (1808–1884) und die Zeit seiner immer schärfer werdenden Kontroversen um die Bibel und die kirchlichen Dogmen (1863–1877), vor allem das Dogma der Trinität Gottes und der Göttlichkeit Jesu Christi. Die dazwischenliegenden Jahre, in denen er nur vereinzelt Artikel in Zeitungen und ZeitschriftenWartburg. In: Illustreret Magazin 2, 1854, S. 283–284 (Nr. 36) u, S. 301 (Nr. 38); Brigham Joung. In: Illustreret Magazin 2, 1854, S. 281–283 (Nr. 36) u, S. 290–292 (Nr. 37); Endnu et Indlæg i Sagen: Dr. S. Kierkegaard contra Biskop Martensen m. Fl. In: Avertissements-Tidende (1855), Nr. 82–86, 89, 91–93; Til Íslendínga. In: Þjóðólfur 9 (1856/57), S. 140 (Nr. 34/35); Brudstykker af den islandske Elucidarius. In: Annaler for nordisk Oldkyndighed og Historie, Kopenhagen 1857, S. 238–308. sowie zwei kleine Schriften unter einem Pseudonym veröffentlichte,[Adam Homo]: Epistel eller Sendebrev til den Herre „Intrepidus“ (?) [i.e. Peter Salicath] angaaende H. M. Kongens Ægteskab og Reise i Jydernes Land. Kopenhagen 1852 und [Lars Maagensen]: En liden epistel til hvidtölsbrygger Hans Mikkelsen, i Kallundborg, indeholdende en chemisk undersøgelse af hans „hvidtøl“, Kopenhagen 1852. können als Zeit des „literarischen Schweigens“ charakterisiert werden.
mini|Magnús Eiríksson (1876) mini|Unterschrift von Magnús Eiríksson
Leben Kindheit und Ausbildung mini|Skinnalón, Gemeinde Ásmundarstaðir, Norður-Þingeyjarsýsla (D. Dankel) Magnús Eiríksson wurde als erstes von fünf Kindern des Bauern Eiríkur Grímsson († 1813) und der Pastorentochter Þorbjörg Stephánsdóttir († 1841) in Skinnalón im äußersten Nordosten Islands geboren. Aus der Lateinschule in Bessastaðir als Jahrgangsbester 1829 verabschiedet, begann Magnús 1831 ein Studium der Theologie an der Universität Kopenhagen. Seine Aufmerksamkeit galt dabei in erster Linie der Bibel und ihrer Auslegung, was ihm schon bald den Ruf als tüchtiger Exeget einbrachte. In den ersten Jahren nach seinem, wiederum mit Bestnoten bestandenen, theologischen Amtsexamen im April 1837 war Magnús Eiríksson ein gefragter Manudukteur unter den Studenten, vorrangig für alt- und neutestamentliche Exegese.
Die Auseinandersetzung mit Martensen (1844–1851) Während Magnús Eiríksson sich schon zur Zeit seines Studiums von der rationalistischen Theologie und Bibelexegese Henrik Nicolai Clausens (1793–1877) überaus angesprochen fühlte, verspürte er von Anfang an eine tiefe Abneigung gegenüber Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783–1872) und dessen Anhängerschaft, die er abfällig als „die katholisierenden Theologen“Om Baptister og Barnedaab (1844), S. VI. bezeichnete. In noch höherem Maße galt seine Antipathie der spekulativen Theologie Hans Lassen Martensens (1808–1884), dessen universitärer Aufstieg zum Star der Kopenhagener Theologischen Fakultät in etwa zeitgleich mit dem Beginn von Magnús Eiríkssons Wirken als Manudukteur zusammenfiel.
Bereits Martensens gegen Ende der 1830er-Jahre Aufsehen erregende Dogmatikvorlesungen boten Magnús Anlass zu deutlicher Kritik, da ihm hier nicht nur die biblische Fundierung von Martensens Aussagen fehlte, sondern auch die dabei von Martensen an den Tag gelegte Bibelauslegung als völlig willkürlich erschien. Hinzu kam Magnús Eiríkssons merkliches Unbehagen gegenüber der Begeisterung, die Martensens „Modetheologie“ unter den Studenten zu dieser Zeit auslöste. Da diese sich nun vorrangig mit spekulativer Dogmatik zu beschäftigen schienen, auf Kosten der Exegese, befanden sie sich für Magnús auf dem besten Wege dahin, „Freidenker zu werden, bewusste oder unbewusste Pantheisten und Selbstvergötterer“.Om Baptister og Barnedaab, S. XXXIX. Als unmittelbarer Anlass für eine schriftliche Entgegnung auf Martensens theologische Anschauung in aller Öffentlichkeit erwies sich jedoch die Verfolgung der Baptisten.
Die Verfolgung der Baptisten als Anlass für Magnús Eiríkssons Erstlingswerk Om Baptister og Barnedaab (1844) Unmittelbarer Anlass für sein Erstlingswerk Om Baptister og Barnedaab (Über Baptisten und Kindertaufe, 1844) waren die zunehmenden Repressalien gegenüber der freikirchlichen Bewegung der Baptisten Anfang der 1840er-Jahre in Dänemark. Entgegen ihrer eigenen Praxis der Gläubigentaufe wurden die baptistischen Eltern in einer auf einem Kanzleiplakat (dänisch Kancelliplakat) vom 27. Dezember 1842 veröffentlichten königlichen Resolution zur Taufe ihrer Kinder aufgefordert. Als dies jedoch nicht den gewünschten Erfolg brachte, sprach sich der Bischof von Seeland, Jacob Peter Mynster, für eine Zwangstaufe der Baptistenkinder aus, die schon bald danach von einigen Pfarrern durchgeführt wurde. Als nach Bischof Nicolai Faber (1789–1848) aus Odense schließlich auch Martensen zur Frage der Taufe der Baptisten schriftlich Stellung nahm, seine Position bezüglich einer Zwangstaufe der Baptistenkinder dabei aber unklar blieb,H. L. Martensen: Den christelige Daab betragtet med Hensyn paa det baptistiske Spørgsmaal. Kopenhagen 1843. bot sich Magnús Eiríksson die Möglichkeit, sich nicht nur der Angelegenheit der (nach ihm zu Unrecht) verfolgten Baptisten schriftstellerisch anzunehmen, sondern zugleich damit gegen Martensen selbst und dessen spekulative Theologie aufzutreten. Von der Bibel als Grundlage seiner Argumentation ausgehend und ohne selbst ein Anhänger der baptistischen Bewegung zu sein, wollte Magnús Eiríksson dabei das Recht der Baptisteneltern auf einen Aufschub der Taufe ihrer Kinder verteidigen und die Unchristlichkeit ihrer Verfolgung durch Staat und Kirche aufzeigen:
Die Anklage Martensens Die von Anfang an scharfe, im Laufe der Jahre sich immer mehr bis ins Unerbittliche steigernde Opposition gegen Martensens Theologie war Anlass fast sämtlicher Veröffentlichungen Magnús Eiríkssons in den Jahren 1844 bis 1851. Dass mit der Intensität dieser Auseinandersetzung zugleich auch deren Polemik immer mehr zunahm, ist in erster Linie auf das von Martensen seinerseits an den Tag gelegte Verhalten zurückzuführen, anstelle einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit Magnús Eiríkssons Vorwürfen lediglich mit „vornehmem Schweigen“ darauf zu reagieren. Ihren Höhepunkt fand Magnús Eiríkssons Polemik schließlich am Ende seiner Schrift Dr. Martensens trykte moralske Paragrapher (1846) (Dr. Martensens gedruckte moralische Paragraphen) in der unverhohlenen Drohung einer öffentlichen Anklage Martensens, die Magnús Eiríksson im Jahr darauf auch in die Tat umsetzte. Als er sich hierzu im Juni 1847 auch mit einem Brief an König Christian VIII. persönlich wandte, worin er sich auch „über die Prinzipien und das Verhalten der Regierung in vielen anderen Angelegenheiten beschwerte, die am ehesten oder alleine zum Politischen gehören“,So Magnús Eiríkssons späterer Bericht über diesen (nicht mehr erhaltenen) Brief in seinem Buch Speculativ Rettroenhed (1849), S. II. führte dies zur Anklage Magnús Eiríkssons wegen Majestätsbeleidigung durch den obersten Ankläger der Staatsmacht (Generalfiskalsag). Aufgrund des unmittelbar nach der Thronbesteigung König Frederiks VII. erlassenen Amnestiedekrets vom 20. Januar 1848 wurde die Anklage gegen Magnús Eiríksson jedoch schon bald danach wieder fallen gelassen.
Finanzielle Probleme Seine unerbittliche Opposition gegen Martensen ließ Magnús Eiríkssons vormaliges Ansehen und damit auch die Nachfrage nach Manuduktion bei ihm nach und nach sinken, was zunehmend finanzielle Probleme mit sich brachte, zumal Magnús auch die meisten seiner Schriften auf eigene Kosten veröffentlichen musste. Die bisweilen prekäre finanzielle Lage sowie die damit einhergehenden Entbehrungen und Nöte sollten von Mitte der 1840er-Jahre an ständiger Begleiter von Magnús Eiríkssons Leben sein. In seiner Not bat Magnús mehrmals auch Søren Kierkegaard um finanzielle Unterstützung, was dieser ihm jedoch abschlug.Magnús Eiríkssons Brief vom 14. Oktober 1847 an Søren Kierkegaard, in: Breve og Aktstykker vedrørende Søren Kierkegaard, hrsg. v. Niels Thulstrup, Kopenhagen 1953–1954, 2 Bde., Band 1, S. 181–183 (Nr. 163) sowie Kierkegaards Antwort an Magnús noch am selben Tage in: Breve og Aktstykker, Band 1, S. 183 (Nr. 164). Im Jahr 1856 schien sich Magnús Eiríkssons angespannte finanzielle Situation kurze Zeit zum Besseren zu wenden, als ihm – allen seinen Differenzen mit der Lehre der Kirche zum Trotz – auf Bestreben des isländischen Bischofs Helgi Guðmundsen Thordersen (1794–1867) eine Stellung als Pfarrer auf Island angeboten wurde. Dass Magnús jedoch schon kurze Zeit später auf einen Antritt dieses Amtes verzichtete, ist in erster Linie auf die einschneidenden Veränderungen zurückzuführen, die sein theologisches Denken in der Zeit seines „literarischen Schweigens“ (1851–1863) erfahren hatte.
Die Radikalisierung von Magnús Eiríkssons Anschauung (1863–1877) Alle Schriften, die Magnús nach 1863 veröffentlichte, zeugen von einer zunehmend radikaler werdenden Kritik an der Bibel selbst und vor allem am Dogma von Jesu Gottessohnschaft. Magnús Eiríkssons Selbstverständnis, wie es in seinen späteren Schriften immer mehr zu Tage trat, war dabei das eines „Reformators“: „es soll eine kirchliche Reformation beginnen“,Gud og Reformatoren, S. XV. die eine neue „vernünftige Religion“ zum Ziel hat, welche durch und durch von – positiv verstandener – „Einfältigkeit“ und „Nächstenliebe“ geprägt ist.
Der Auftritt auf dem 4. Nordischen Kirchentreffen (1871) Bezeichnend für Magnús Eiríkssons kritische Haltung gegenüber Theologie und Kirche und für seine Überzeugung, im Dienst der „Wahrheitsliebe“ zu handeln, war schließlich sein Auftritt als Redner auf dem 4. Nordischen Kirchentreffen in Kopenhagen (September 1871),Forhandlingerne paa det fjerde Nordiske Kirkemöde i Kjøbenhavn den 5., 6. og 7. September 1871. Udgivne af den danske Bestyrelse ved Mødets danske Sekretær. Kopenhagen 1871, S. 40–68. das sich in seinem ersten Verhandlungspunkt mit dem Thema „Das Verhältnis des Neurationalismus zum christlichen Glauben“ befasste. Anstatt wie seine Vorredner dasjenige bestimmen zu wollen, was unter „Neurationalismus“ zu verstehen sei, hielt es Magnús für dringender und gebotener, danach zu fragen, was unter „christlichem Glauben“ zu verstehen sei und ob der von der Kirche bekannte Glaube mit Jesu Christi eigener Lehre und Glauben übereinstimme. Nachdem seine Rede mehrmals von Verhandlungsleitung und Publikum unterbrochen worden war, wandte sich Magnús vor allen Anwesenden an „den Herrn des Himmels und der Erde“ und schloss sein Gebet mit den Worten:
Das Schweigen der Theologen zu einer Auseinandersetzung mit Magnús Eiríksson Während die maßgeblichen Repräsentanten von Theologie und Kirche in Magnús Eiríkssons Kopenhagener Umfeld einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dessen immer radikaler werdenden Anschauungen konsequent aus dem Wege gingen, nahmen religiös interessierte Laien, wie zum Beispiel der religiöse Schriftsteller Andreas Daniel Pedrin (1823–1891) oder der Postkontrolleur und Schriftsteller Jørgen Christian Theodor Faber (1824–1886), Stellung zu Magnús Eiríkssons Schriften. Nicht zuletzt das entschlossene Auftreten Magnús Eiríkssons gegenüber den in der Kirche Verantwortlichen auf dem Kirchentreffen 1871 brachte ihm jedoch auch zahlreiche Respekt- und Sympathiebekundungen ein und war schließlich mit Anlass dafür, dass sich ein Unterstützerkreis bildete, der – ohne Magnús Eiríkssons „religiöse Anschauungen“So ausdrücklich in Indbydelse til at bidrage til at understøtte Magn. Eiriksson. Kopenhagen 1872. deshalb zu teilen – seiner schwierigen finanziellen Situation Abhilfe schaffen wollte.
Kontroverse in Island, Erfolge in Schweden