miniatur|Die mexikanische Schriftstellerin Inés Arredondo (1928–1989) in ihrer Wohnung in Mexiko-Stadt, Mai 1989

Inés Camelo Arredondo (* 20. März 1928 in Culiacán, Sinaloa, Mexiko; † 2. November 1989 in Mexiko-Stadt) war eine mexikanische Schriftstellerin.

Leben Inés [Camelo] Arredondo wurde am 20. März 1928 in Culiacán, im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa, in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren, die allerdings später verarmen sollte. Ihr Vater, Mario Camelo Arredondo, war Arzt und bekannt für seine liberale Einstellung; von ihrer Mutter weiß man nicht viel, außer dass sie ihrem Mann neun Kinder gebar, von denen Inés die Älteste war, und dass sie ihre Tochter in ihrem Hang zur Literatur und zu weiterführenden Studien bestärkte.

Die Hacienda ihres Großvaters, auf der sie die wichtigste Zeit ihrer Kindheit verbrachte, hieß „Eldorado“ – Inbegriff utopischen Denkens seit der Entdeckung Amerikas. Die wichtigste Gestalt dieses mythischen Universums war ihr Großvater mütterlicherseits, Francisco Arredondo. Ihm zu Ehren verzichtete sie auch in späteren Zeiten auf den im spanischsprachigen Kulturraum sonst wichtigeren ersten Zunamen, Camelo, und nannte sich nur noch Arredondo. Außerdem wäre „camelo“, das im Spanischen entweder „Liebelei“ oder „Zeitungsente“ bedeutet, negativ besetzt gewesen.

Das Mädchen wurde zunächst in Culiacán auf eine katholische Klosterschule geschickt, die von spanischen Nonnen betrieben wurde, das Colegio Montferrant, welches sie zwischen 1936 und 1944 besuchte. Von 1945 a 1946 absolvierte sie dann das Colegio Aquiles Serdán in Guadalajara. Der eigentliche Zusammenstoß mit den traditionellen Werten ihrer bisherigen Welt erfolgte bei ihrer Entscheidung für ein Studium in der mexikanischen Hauptstadt; damit wurde sie, zusammen mit einer Freundin, zur Pionierin der Frauenbildung in ihrem Heimatort: 1947 immatrikulierte sie an der Fakultät für Philosophie und Geisteswissenschaften der UNAM in Mexiko-Stadt.

Der Zusammenprall unterschiedlicher Weltanschauungen konnte krasser nicht sein: Das bisher streng katholisch erzogene junge Mädchen geriet in skeptische bis atheistische Kreise ihrer Philosophie-Kommilitonen, beschäftigte sich mit Friedrich Nietzsche und Sören Kierkegaard. Die jähe Erkenntnis, dass „Gott tot ist“, stürzte sie in eine tiefe Krise, verunsicherte sie in einem Ausmaß, dass sie konkret an Selbstmord dachte. Auf ärztliche Anordnung entschied sie sich dazu, das Fach zu wechseln und ein Literaturstudium zu beginnen, das besser auf die Erfordernisse „weiblichen Geistes“ zugeschnitten sei (sie berichtet, dass sie von Professoren und männlichen Studienkollegen als Frau stets diskriminiert worden war).

1948 begann sie mit der „Licenciatura“ in Spanischer und Lateinamerikanischer Literatur an der Universidad Nacional Autónoma de México, die sie 1950 mit einer Diplomarbeit über Mexikanisches Theater von 1900 bis 1950 abschloss; von 1950 bis 1951 studierte sie Theaterwissenschaften, und 1953 belegte sie einen Intensivkurs aus Bibliothekswesen.

Während ihres Studiums machte sie vor allem auch die Bekanntschaft mit den Exilierten des Spanischen Bürgerkrieges, die das geistige und kulturelle Klima an der Fakultät und in den informellen Runden im Kaffeehaus bestimmten. Für die junge Inés stellten die spanischen Republikaner ein wichtiges Gegengewicht zu den nationalistischen Unterströmungen in Mexiko dar, die ihr zutiefst zuwider waren. Wenn es ihr gelang, über den Tellerrand der mexicanidad zu blicken, dann dank dieser Kontakte, durch die sie auch in Berührung mit dem französischen Existentialismus kam.

Im Alter von 28 Jahren machte sie eine zweite Lebenskrise durch, die auch Auslöser für ihren Drang zu schreiben wurde: 1953 hatte sie den Schriftsteller Tomás Segovia geheiratet; die Ehe sollte eine menschliche Katastrophe werden, doch zunächst überwogen die gemeinsamen Interessen für die Literatur. Aber nach der Geburt ihrer ersten Tochter Inés wurde ihr zweites Kind, José, tot geboren – ein fast unüberwindbares Trauma für die junge Mutter. Um über den Schmerz hinwegzukommen, stürzte sie sich in vermehrte berufliche Aktivitäten. Sie hatte schon zuvor, 1952 bis 1955, an der Mexikanischen Nationalbibliothek gearbeitet. Nun übernahm sie einen Lehrstuhl an der Theaterakademie und intensivierte ihre Übersetzerinnentätigkeit. Dabei „passierte“ ihr, wie von ungefähr, als wäre sie von der Übersetzung gewissermaßen angesteckt worden, ihre erste eigene Erzählung, „El membrillo“ (Die Quitte). Etwa zur selben Zeit wirkte sie auch an der Erstellung des von der UNESCO herausgegebenen Diccionario de Literatura Latinoamericana mit. Von 1959 bis 1961 war sie als Redakteurin des Diccionario de Historia y Biografías Mexicanas tätig und arbeitete daneben als kommerzielle Autorin für Radio und Fernsehen (1961).

In all dieser Zeit – kaum unterbrochen durch die Geburt zweier weiterer Kinder (Ana und Francisco) – agierte sie, nebenbei und ohne dass ihre Arbeit namentlich erwähnt worden wäre, als Mitarbeiterin in der hauptsächlich von ihrem Mann Tomás Segovia gestalteten Zeitschrift Revista Mexicana de Literatura – ein typisches Frauenschicksal nach dem Motto „Hinter jedem bedeutenden Mann steht eine Frau“. Segovia machte zwar sicherlich seinen Einfluss in der Zeitschrift dahingehend geltend, dass er immer wieder Erzählungen Arredondos in ihr abdrucken ließ, doch gleichzeitig entwickelte er paradoxerweise eine Art beruflicher Eifersucht, als spürte er, dass ihm seine Frau (die 1961/62 ein Stipendium des angesehenen Centro Mexicano de Escritores für die Gattung „Erzählung“ und 1962 ein Stipendium der Fairfield Foundation in New York City bekommen hatte) als Autorin über den Kopf wachsen könnte.

Um die wachsenden Eheschwierigkeiten in den Griff zu bekommen, beschlossen die beiden einen Tapetenwechsel: Sie zogen nach Montevideo (Uruguay), wo Inés Arredondo in der Asociación Latinoamericana de Libre Comercio (ALALC) arbeitete. Doch dort kam es schließlich 1962 zur endgültigen Trennung. Nach ihrer Rückkehr nach Mexiko und der schließlich erfolgten Scheidung (1965) ereilte Arredondo das typische Schicksal einer alleinerziehenden Mutter mit drei kleinen Kindern: Um für ihre Familie zu sorgen, nahm sie einen Job nach dem anderen an, rieb sich auf zwischen Unterricht, Übersetzungstätigkeit und Journalismus – für das eigene Schreiben blieb wenig Zeit. Unter anderem übte sie folgende Funktionen aus: Redaktionsmitglied der Revista Mexicana de Literatura bis zu deren Einstellung 1965, Dozentin an der UNAM (1965–1968), Kritikerin in der Kulturbeilage der Zeitschrift Siempre! (1965 bis 1967), Mitarbeiterin bei Radio Universidad UNAM, von 1965 bis 1970, Dozentin an der Theaterschule des Instituto Nacional de Bellas Artes (INBA), 1965 und 1967, Drehbuchautorin, Dozentin für Theatergeschichte an der Universidad Iberoamericana, 1970, Forscherin am Centro de Estudios de Historia de México (CONDUMEX) von 1966 bis 1973.

Außerdem veröffentlichte sie nun, 1965, ihren ersten eigenen Erzählband La Señal (Das Zeichen); fast hatte es den Anschein, als hätte es erst der Trennung vom übermächtigen Schatten ihres ersten Mannes bedurft, um sich literarisch auf eigene Beine zu stellen. Auch in Zukunft sollten die relativ kurzen Prosatexte ihr Markenzeichen bleiben, was auch auf ihre prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen zurückzuführen sein dürfte; einzig und allein Opus 123 erschien als etwas längere, selbständige Novelle.

Dieses gigantische Arbeitspensum, zusammen mit den psychischen Problemen nach der Scheidung, begann sich auch negativ auf ihre Gesundheit auszuwirken: Sie wurde fünf Mal an der Wirbelsäule operiert und musste dennoch den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen. 1972 heiratete sie ihren behandelnden Arzt, den Chirurgen Carlos Ruiz Sánchez. Diese zweite Ehe sollte ihr zwar eine gewisse finanzielle Sicherheit bringen, doch die psychische Depression wird allmählich chronisch und immer mehr war auch die Rede von einem Alkoholproblem.

Trotz allem nahm Arredondo noch einmal ihr Literaturstudium auf und schrieb 1973 eine Magisterarbeit über den mexikanischen Essayisten und Lyriker Jorge Cuesta, der sie durch seine Rätselhaftigkeit und Widersprüchlichkeit faszinierte. Einige Jahre später, 1980, sollte sie sich auch dazu aufraffen, ihre Abschlussprüfung abzulegen, die sie mit Auszeichnung bestand. Doch dazwischen herrschte praktisch Funkstille bis zur Veröffentlichung ihres zweiten Buches, Río subterráneo (Unterirdischer Fluss) 1979. Es wurde von der Kritik enthusiastisch begrüßt und mit dem renommiertesten Literaturpreis ausgezeichnet, den Mexiko zu vergeben hat, dem Premio Xavier Villaurrutia, den schon zuvor Juan Rulfo und Octavio Paz bekommen hatten. Damit wurde auch die internationale Aufmerksamkeit auf sie gelenkt: 1979 wurde sie eingeladen, drei ihrer Erzählungen für die Library of Congress in Washington, D. C. auf Band zu sprechen, und auch die UNAM gab 1980 eine Schallplatte in der Serie Voz Viva de México heraus. Übersetzungen in verschiedene Sprachen und Ehrungen diverser Organisationen folgten auf dem Fuße. 1983 brachte der Verlag Oasis ihre Novelle Opus 123 heraus, ein Jahr später erschien ihr Jugendbuch Historia Verdadera de una Princesa als Gemeinschaftsproduktion von CIDCLI und SEP, und 1988 ihr dritter und letzter Erzählband Los espejos. Im selben Jahr erschienen schließlich die Gesammelten Werke, Obras completas; beim Verlag Siglo XXI.

Rund um ihren sechzigsten Geburtstag häuften sich die akademischen Auszeichnungen und Bekundungen öffentlicher Anerkennung, von denen dem Ehrendoktorat, das ihr die Universidad Autónoma de Sinaloa am 27. Mai 1988 verlieh, sicherlich das größte Gewicht zukommt. Der Fernsehsender „Canal 11“ widmete ihr ein langes Interview, und im November 1988 wurde ihr zu Ehren ein eigenes Festival in ihrer Heimatstadt Culiacán veranstaltet.

Die letzten Lebensjahre verbrachte Inés Arredondo großteils im Krankenbett; am 2. November 1989 starb sie in ihrer Wohnung in Mexiko-Stadt.

Preise und Auszeichnungen Premio „Xavier Villaurrutia“ 1979 für Río Subterráneo Ehrenmedaille „Bernardo de Balbuena“, 1986 Ehrendoktorat der Universität von Sinaloa 1988

Werk