mini|Siegelmarke „Reichsmessestadt Leipzig“ mini|Frankfurt „Stadt des deutschen Handwerks“ auf Siegel und Absenderfreistempel
In der Zeit des Nationalsozialismus erhielten mehrere Städte im Deutschen Reich Städtebeinamen (Ehrentitel, vgl. Ortsname). Diese Beinamen konnten auf eine besondere Bedeutung der Stadt für die Entwicklung des Nationalsozialismus verweisen oder auf die historische Bedeutung der Stadt hindeuten. Nicht alle derartigen Bezeichnungen beruhten auf einer offiziellen Verleihung.
mini|Poststempel „Stuttgart Stadt der Auslandsdeutschen“ 1938
Grundlagen Deutsche Gemeindeordnung von 1935 Die im Jahr 1935 in Kraft getretene Deutsche Gemeindeordnung (DGO) ermöglichte Gemeinden in ihrem § 9 das Führen „besonderer Bezeichnungen“, die jedoch nicht unbedingt einen spezifischen Bezug zum Nationalsozialismus aufweisen mussten:
Beispiel für eine Bezeichnung, die auf der geschichtlichen Vergangenheit einer Stadt beruhte, war etwa die Bezeichnung „Hansestadt“; Eigenart oder Bedeutung einer Stadt konnten es beispielsweise rechtfertigen, dem Namen die Bezeichnung „Bad“ beizufügen. War einer Gemeinde oder einer Stadt eine solche „besondere Bezeichnung“ verliehen worden, so mussten Behörden im Schriftverkehr diese Bezeichnung verwenden.Runderlass des Reichs- und preußischen Ministeriums des Inneren vom 7. Juli 1936, RMBliV 1936, 939. Die Entscheidung, einer Stadt eine „besondere Bezeichnung“ im Sinne des § 9 DGO zu verleihen, sollte in den damals reichsweit verbreiteten Verkündungsblättern, also dem Reichsministerialblatt (RMBl) sowie dem Ministerialblatt für die innere Verwaltung (RMBliV), veröffentlicht werden.
Verleihung durch nationalsozialistische Amtsträger In der Praxis kam es jedoch nicht selten vor, dass Adolf Hitler selber einer Stadt einen besonderen Titel verlieh. Grundlage hierfür war das im nationalsozialistischen Deutschland geltende Führerprinzip, demzufolge dem „Führerwillen“ rechtliche Bindungswirkung zukam. Teilweise wurde eine kraft „Führerwillens“ verliehene „besondere Bezeichnung“ nachfolgend noch auf Basis des § 9 DGO umgesetzt. So verlieh Hitler der Stadt München am 8. August 1935 in einer Besprechung mit Oberbürgermeister Fiehler offiziell den Beinamen „Hauptstadt der Bewegung“;Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus, 2. Auflage, Berlin 2007, s. v. „Hauptstadt der Bewegung“ (S. 296 f.). die entsprechende Bekanntmachung datiert vom 7. Juli 1936.Erste Bekanntmachung über die Führung besonderer Bezeichnungen durch Gemeinden vom 7. Juli 1936, Reichsministerialblatt 1936, S. 234. Die Stadt Frankfurt am Main erhielt rechtzeitig zum „Reichshandwerkertag“ 1935 im Juni 1935 die Zustimmung Hitlers, die Bezeichnung „Stadt des Deutschen Handwerks“ zu führen;Dieter Rebentisch: Frankfurt am Main und das Reich in der NS-Zeit. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst, Heft 57 (1980), S. 263. verkündet wurde dies im November 1936 mit der Vierten Bekanntmachung über die Führung besonderer Bezeichnungen durch Gemeinden.11. November 1936, RMBl 1936, S. 501.
In einzelnen Fällen wurden Ehrenbezeichnungen zudem durch nationalsozialistische Amtsträger oder andere Personen „verliehen“, etwa in den Fällen Innsbrucks oder Salzburgs. Für verschiedene weitere „Titel“ lässt sich keinerlei offizielle Verleihung nachweisen.
Übersicht der Ehrentitel und sonstigen Bezeichnungen Offiziell verliehene Titel Stadt Bezeichnung Verleihung Verkündung Anmerkungen Frankfurt am Main „Stadt des deutschen Handwerks“Juni 193511. November 1936 siehe auch unter Friedrich Krebs Goslar „Reichsbauernstadt“ 8. Oktober 1936Dritte Bekanntmachung über die Führung besonderer Bezeichnungen durch Gemeinden vom 8. Oktober 1936, RMBl 1936, S. 407. P. Schyga: Von der nationalen Stadt zur Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus, Goslar 1918–1945 – Ein historisch-politischer Essay, Bielefeld, 1999. Graz „Stadt der Volkserhebung“ 25. Juli 1938 Helmut Konrad, Andrea Strutz: Graz – „Stadt der Volkserhebung“. Leipzig „Reichsmessestadt“ 20. Dezember 1937Bekanntmachung über die Führung besonderer Bezeichnungen durch Gemeinden vom 30. Dezember 1937, RMBl 1938, S. 2. Leipzig-Lexikon: Register R: „Reichsmessestadt“ München „Hauptstadt der deutschen Kunst“ 1933 „Hauptstadt der Bewegung“ 8. August 1935 7. Juli 1936 Nürnberg „Stadt der Reichsparteitage“ 7. Juli 1936 Schmidt, Alexander: Geländebegehung. Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, 3. vollständig überarbeitete Neuauflage, Nürnberg 2002 Stuttgart „Stadt der Auslandsdeutschen“ 11. September 1936Zweite Bekanntmachung über die Führung besonderer Bezeichnungen durch Gemeinden vom 11. September 1936, RMBl 1936, S. 372. siehe auch unter Karl StrölinStadt Stuttgart: Roland Müller: Stuttgart, die „Stadt der Auslandsdeutschen“. Anspruch und Wirklichkeit eines „NS-Ehrentitels“. In: Stadt und Nationalsozialismus, hrsg. von Fritz Mayrhofer und Ferdinand Opll im Auftrag des Österreichischen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung. Linz 2008, ISBN 978-3-900387-61-7, S. 289–310 (Aufsatz).
Aufgrund Hitlers Zustimmung geführte Titel Stadt Bezeichnung seit Anmerkungen Coburg „Erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands“ 23. Juni 1939 Benennung aufgrund telegrafischer Zustimmung Hitlers.Harald Sandner: Coburg im 20. Jahrhundert. Neue Presse, 2000, ISBN 3-00-006732-9, S. 157. Siehe auch Coburg in der Zeit des Nationalsozialismus. Linz zunächst:„Jugendstadt des Führers“;„Heimatstadt des Führers“ schließlich:„Gründungsstadt des Großdeutschen Reichs“, „Deutsches Budapest“;„Patenstadt des Führers“ 1938 Als Hitler im März 1938 unmittelbar nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich (siehe Anschluss Österreichs) für mehrere Tage in Linz Station machte, versprach er die Übernahme der Patenschaft über die Stadt.Fritz Mayrhofer: Die „Patenstadt des Führers“ - Träume und Realität, in: Fritz Mayrhofer, Walter Schuster (Hrsg.): Nationalsozialismus in Linz, Band 1, Linz 2001, S. 335.
Weitere Benennungen Die 1945 in Wolfsburg umbenannte Ansiedlung bei der Gemeinde Fallersleben für das Volkswagen-Werk erhielt 1938 den Gründungsnamen „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“. Der Berliner Bezirk Friedrichshain wurde 1933 in „Horst-Wessel-Stadt“ umbenannt.
Stadt Bezeichnung seit Anmerkungen Berlin-Friedrichshain „Horst-Wessel-Stadt“ 1933 Braunschweig „Die deutsche Siedlungsstadt“ selbst vergebener TitelVerkehrszeitschrift der Stadt Braunschweig: Braunschweig – Die deutsche Siedlungsstadt, Siedlungs-Sonderheft Folge 5, 1935. Bremen „Stadt der Kolonien“ Offiziell war Bremen „Hansestadt“; für die Verleihung des Titels „Stadt der Kolonien“ fehlen Quellen.Heinz Gustafsson (Namibia, Bremen und Deutschland, Aschenbeck & Holstein, 2003, ISBN 3-932292-40-5) erwähnt zwar die Bezeichnung, jedoch ohne konkreten Bezug zum Nationalsozialismus. Die Initiative zu einer solchen Benennung ging von einer regionalen Interessengruppe aus. Korrespondenzen sind im Staatsarchiv Bremen überliefert. Innsbruck „Stadt der deutschen Bergsteiger“ 31. März 1938 verliehen durch „Reichssportführer“ von Tschammer und OstenAmtsblatt der Landeshauptstadt Innsbruck vom 15. April 1938, S. 2. Landsberg am Lech „Stadt der Jugend“ 1937 Manfred Deiler: Neumarkt in der Oberpfalz „Dietrich-Eckart-Stadt“ siehe hierzu unter Dietrich Eckart Salzburg „Stadt der Lebensforschung“ 1940 wohl kein offizieller BeinameSoweit ersichtlich, erste und einzige Verwendung durch Eduard Paul Tratz, Salzburg, die Stadt der Lebensforschung, in: Salzburger Landeszeitung, Jg. 3 (1940), Nr. 205, Ausgabe vom 31. August / 1. September 1940, S. 12–13. Salzgitter „Stadt der Hermann-Göring-Werke“ Für die neu gegründete Stadt, die Wohnraum für die Beschäftigten der „Hermann-Göring-Werke“ bieten sollte, wurde sowohl die Bezeichnung „Hermann-Göring-Stadt“ als auch „Stadt der Reichswerke 'Hermann Göring'“ in Betracht gezogen. Keine dieser Bezeichnungen fand jedoch die Zustimmung der Reichskanzlei.Matthias Riedel: Vorgeschichte, Entstehung und Demontage der Reichswerke im Salzgittergebiet, Düsseldorf 1967, S. 113. Soest „Stadt des deutschen Mittelalters“ keine Quellen für offizielle Verleihung Wels „Stadt der Bewegung“ keine Quellen für offizielle Verleihung
Siehe auch Ortsname Führerstadt
Einzelnachweise
Kategorie:Sprache des Nationalsozialismus Kategorie:Liste (deutsche Toponyme) !Stadtehrentitel der NSZeit Kategorie:Ehrentitel Kategorie:Titel (Nationalsozialismus)