mini|hochkant|Szene der Tel Aviv Pride, 2004 mini|Hinweisschilder / Widmung für die israelische LGBT Gemeinde im Ja'ar ha-Ga'ava („Wald des Stolzes“)

Homosexualität in Israel beschreibt die komplexe Situation von Lesben und Schwulen in Israel.

Dabei galten in der Anfangszeit Israels noch die Sodomiegesetze der Mandatszeit. Diese Strafgesetze wurden früh nicht mehr vollstreckt und am 1. März 1988 abgeschafft. Nach 1993 haben die unter dem Stichwort LGBT (Lesbians, Gays, Bisexuals und Transgender) zusammengefassten Gruppen sowohl zur Regierungszeit des Likud-Blocks als auch unter der Labor-Partei weitreichende Verbesserungen in Politik, Recht und Gesellschaft erringen können. In Urteilen des Obersten Gerichts von 1993 und 1994 gegen die Armee und El Al wurde die Gleichstellung ausgebaut:Lee Walzer: Between Sodom and Eden. A gay journey through today's changing Israel, New York 2000, S. 118. Seither nimmt die israelische Armee Bewerber ohne Unterscheidung der sexuellen Orientierung an,Im August 2013 wurde die erste Transfrau zum israelischen Militär eingezogen: Israel drafts first transgender female soldier. die alle Ränge bis zum General bekleiden.Föderl-Schmid, Alexandra: Sharon Afeq. Der erste offen schwule General der israelischen Armee will ein Zeichen setzen, in Süddeutsche Zeitung, 15. Juli 2018

Vorbehalte gibt es nach wie vor unter anderem in den stark religiösen und orthodox orientierten Gesellschaftsbereichen und den zugehörigen Siedlungen. Es kam auch danach noch zu vereinzelten gewaltsamen Übergriffen, etwa auf die Gay-Pride-Parade in Jerusalem 2015Israel: Ultraorthodoxer verletzt sechs Menschen bei Homosexuellen-Parade Zeit, 30. Juli 201516-Jährige stirbt nach Anschlag auf Gay-Pride-Parade in Jerusalem. Tages-Anzeiger, 2. August 2015.Hunderte PolizistInnen schützen Jerusalemer Gay-Pride-Parade. Der Standard, 22. Juli 2016. und juristischen Auseinandersetzungen.

In Israel genießen LGBT die fortgeschrittensten Rechte und weitestgehende Emanzipation im Vergleich aller Länder des Nahen Ostens. Israel war zudem das erste Land in Asien, das 2001 Homosexuelle durch ein Antidiskriminierungsgesetz schützte. Gegen erhebliche Widerstände wurde ebenso die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare ermöglicht. Eine eingetragene Partnerschaft ist möglich, eine Ehe als solche nicht.

Speziell Tel Aviv gilt dem Magazin Out zufolge als „Schwulenhauptstadt des Mittleren Ostens“ Was Arafat Gay? , in: Out.com, abgerufen am 27. Mai 2012 und wurde 2011 als eine der schwulenfreundlichsten Städte weltweit bezeichnet.

Lebenspartnerschaften und Ehen Seit 2002 kann man in Tel Aviv seine homosexuelle Partnerschaft eintragen lassen und bekommt zusätzliche kommunale Vergünstigungen.Yam,Yehoshua: Tel Aviv grants gay couples eligibility for benefits Artikel vom 3. Oktober 2002 in: Haʾaretz Ein Gerichtsurteil des Obersten Gerichts vom 21. November 2006 legt fest, dass im Ausland geschlossene „Homo-Ehen“ Gültigkeit haben.Queer.de: Israel: Schwule als Ehe-Partner anerkannt, 31. Januar 2007 Homosexuelle Paare haben Steuerprivilegien wie heterosexuelle Paare sowie das Adoptionsrecht. Dabei muss in Israel die homosexuelle Partnerschaft nur glaubhaft gemacht werden, während eine offizielle juristische Verpartnerung nicht erforderlich ist und aufgrund der Begrenzungen durch das Standes- und Zivilrecht in Israel selbst nicht möglich wäre. Seit 2013 wurde im Parlament ein Gesetzentwurf zum Ausbau der staatlichen Anerkennung homosexueller Partnerschaften zur Eingetragenen Partnerschaft (unabhängig von der sexuellen Orientierung) beraten.New York Times:Centrist Party in Israel Introduces Civil Union Measure Der Gesetzentwurf scheiterte im Juli 2015.Queer.de:Israel: Gesetze zur Zivilehe gescheitert, abgerufen am 10. Juli 2015. Am 6. November 2023 beschloss die Knesset mit 2/3-Mehrheit, dass homosexuelle Partner gefallener Soldaten dieselbe Unterstützung bekommen wie verwitwete heterosexuelle Ehepartner. Sie folgte damit der Petition von Omer Ohana, dessen Verlobter Hauptmann Sagi Golan in den ersten Tagen nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 gefallen war.Ariella Marsden: Same-sex partners of fallen soldiers are now recognized as IDF widow/ers. In: Jerusalem Post, 7. November 2023.

Im November 2005 wurde einer lesbischen Ehefrau die Adoption des Kindes ihrer Partnerin erlaubt, welches durch einen anonymen Samenspender gezeugt wurde. Dieser Entscheid wurde von den jüdisch-orthodoxen Parteien stark kritisiert, welche jedoch im Parlament in der Minderheit sind.

Im Juni 2012 beschloss das Komitee der konservativen jüdischen Gemeinschaft einstimmig, gleichgeschlechtliche Verpartnerungen in einem Gottesdienst zuzulassen.Conservative Movement sanctions same-sex marriage Artikel vom 2. Juni 2012 in: Haʾaretz Während das liberale Judentum dies schon längere Zeit ermöglicht, wird es nur noch von den orthodoxen Gemeinschaften strikt abgelehnt.

Ausländische homosexuelle Partner von Israelis bekommen seit dem Jahr 2000 – auch ohne juristische Verpartnerung – zunächst ein zeitlich befristetes Wohnrecht in Israel, das nach Jahren in den unbefristeten Status und schließlich in die israelische Staatsbürgerschaft umgewandelt werden kann.Gaylawnet, Kapitel "Asylum, Immigration, Refugees" Seit August 2014 muss jeder mit einer jüdischen Person offiziell verheiratete Homosexuelle die israelische Staatsbürgerschaft auf Antrag gleich erhalten."Einwanderung: Israel stärkt Rechte von Homo-Paaren": queer.de-Artikel vom 13. August 2014

Seit Mai 2015 behandelt die israelische Armee homosexuelle Paare (auch ohne staatliche Verpartnerung) mit Kind wie entsprechende heterosexuelle Paare: Beide müssen nie gleichzeitig zum Reservedienst (der für viele jedes Jahr einen Monat umfasst), damit sich einer der beiden Partner um das Kind kümmern kann. Artikel vom 19. Mai 2015 bei israelnetz

Entwicklung der gesellschaftlichen Situation homosexueller Menschen Das hier bis 1918 regierende türkische Osmanische Reich entkriminalisierte Homosexualität schon 1852. Seit 1936Yonay, Yuval: Gay German Jews and the Arrival of 'Homosexuality' to Mandatory Palestine, in: Kraß, Andreas; Sluhovsky, Moshe; Yonay, Yuval: Queer Jewish lives between Central Europe and Mandatory Palestine. Biographies and Geographies, Bielefeld 2022, 131–156, 133 stellten die so genannten Sodomie-Gesetze der britischen Mandatszeit, die offiziell bis 1988 Rechtskraft hatten, Homosexualität wieder unter Strafe. Allerdings gab es in den 1920er-Jahren parallel dazu eine starke sexualemanzipatorische StrömungMehrere Beispiele hierfür finden sich bei: Kozma, Liat: Sexology in the Yishuv: The Rise and Decline of Sexual Consultation in Tel Aviv, 1930-39, in: International Journal of Middle East Studies 42 (2/2010), 231-249 (=Kozma), besonders Seite 231 und 236: Besonders ist hier der Tel Aviver Arzt Chaim Berlin zu nennen, der im Sinne des schwulen, jüdischen Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld für die gesellschaftliche Akzeptanz der Homosexualität warb.Hirschfeld schrieb über ihn, "daß in Tel Aviv Dr. Chaim Berlin, einer der treuesten Schüler unseres Instituts für Sexualwissenschaft, praktizierte". (Magnus Hirschfeld: Die Weltreise eines Sexualforschers, Brugg/Schweiz 1933, S. 356) Nach einer Vortragsreise im Februar/März 1932Eine ausführliche Bewertung dieser Etappe auf Hirschfelds Weltreise findet sich hier: Kraß, Andreas: Magnus Hirschfeld in Palestine. The Journey of a German Jewish Sexologist, in: Kraß, Andreas; Sluhovsky, Moshe; Yonay, Yuval: Queer Jewish lives between Central Europe and Mandatory Palestine. Biographies and Geographies, Bielefeld 2022, 183–220, z. B. mit der Bemerkung: "When Hirschfeld … describes Tel Aviv as an almost utopian city where all inhabitants are Jewish ... he implicitly evokes the fantasy of an all-homosexual city." (211) bestätigte Hirschfeld diese liberale Grundströmung in seinem Reisetagebuch.Ein Kibbuzbewohner aus dem Jisre'el-Tal im Norden nennt ihn "Vorkämpfer für Befreiung und Erneuerung der Menschheit auf dem Gebiet sexueller Probleme" (Hirschfeld, Weltreise, 1933, S. 375),und Meir Dizengoff, Bürgermeister von Tel Aviv, schrieb in Hirschfelds Album: "Dr.Hirschfeld, der sein Leben der Erneuerung des menschlichen Geschlechts gewidmet hat". (Hirschfeld, Weltreise, 1933, S. 363) Die israelische Gewerkschaftszeitung Davar würdigte Hirschfeld in einem Nachruf 1935 dafür, dass er „den Menschen aus körperlichem und psychischem Leid und sozialen Qualen befreien“ wollte, und reiht ihn unter die Menschen ein, die „viel für das Gut der Menschlichkeit arbeiten“.Der längere, von Chaim Berlin verfasste Artikel auf Seite 3 (unter dem Datum 21. Mai 1935 zu finden in: Dawar online) erwähnt die Vortragsorte in Israel (5. Absatz), ordnet ihn den Menschen zu, die "viel für das Gut der Menschlichkeit arbeiten" (7. (letzter) Absatz), weil er "den Menschen aus körperlichem und psychischem Leid und sozialen Qualen befreien" (6. Absatz) wollte, würdigt seine "Erforschung der unterschiedlichen Arten des menschlichen Sexuallebens und der Liebe" und dabei speziell die "männliche und weibliche Homosexualität" und "Übergänge zwischen Gendern", beispielsweise "Transvestiten" (alles 2. Absatz). 1932 gründete Avraham Matmon, der im Rahmen seiner medizinischen Ausbildung an Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaften tätig war, in Tel Aviv ein gleichnamiges Institut, das sich der Sexualberatung und -reform widmete.Kozma, Seite 237f

Anfang der 1940er-Jahre brachte der Dichter Jiří Mordechai Langer einen weiteren homosexuellen Impuls nach Israel.Sein letzter Gedichtband: Mordechai Georgo Langer: Meʻat Tsori. Shirim (dt. Ein wenig meines Balsams. Gedichte), Tel Aviv 1943 Er war der Erste, der auf Neuhebräisch und unter Einbeziehung des Landes Israel dichterisch Homosexualität positiv darstellte." ... mein hübscher Geliebter ... Der Jordan - Trauzeugen lauschen dort andächtig unserer Partnerschaft, als wir zwei unter der Pracht des Trau-Baldachins einschlafen, und es wird uns der Gnadenfürst segnen, ein Lied werden Engel dazu wunderschön singen." (deutsche Übersetzung der letzten Strophe des Gedichtes "Shir jan'imu Är'älam" nach der hier veröffentlichten hebräischen Fassung: Halper, Shaun Jacob: . Berkeley 2013, S. 215)

Auch nach der Gründung des Staates Israel wurden die Strafgesetze aufgrund des Drucks der starken religiösen Parteien lange nicht aufgehoben. In der Realität aber galt: Artikel der Jerusalem Post vom 9. November 2006: Middle Israel. Oy Gay! Israelische Generalstaatsanwälte gaben 1953 (Chaim Cohn) und 1972 (Meir Shamgar) ausdrücklich Anweisung, diese Paragrafen bei Erwachsenen nicht anzuwenden.Gay Rights in Israel 05/01/2010 Artikel auf der Webseite der Interessenvereinigung Aguda Seit den 1990er Jahren hat sich die Situation und die gesellschaftliche Anerkennung von LGBT nochmal deutlich verbessert.

mini|links|hochkant=0.8|David and Jonathan in„La Somme le Roy“, 1290

1975 gründete sich die SPPR (Society for the Protection of Personal Rights), um für die Rechte von Schwulen und Lesben zu kämpfen. Die immer noch aktive Gruppe wurde später in Agudah umbenannt.Agudah ()

Am 17. September 1977 fand, von der Agudah unterstützt, der erste öffentliche queere Event „Aliziada“ im Yarqon-Park im Norden Tel Avis statt.

Seit 1993 hatte die homosexuelle Gemeinschaft in Jael Dajan, Parlaments-Abgeordnete für die sozialdemokratische Awoda und Tochter des Generals Mosche Dajan, eine aktive Fürsprecherin. Sie traf nicht nur als erste Knessetabgeordnete mit der PLO zusammen, sondern lud zum ersten Mal Schwule und Lesben offiziell in das israelische Parlement ein. Dajans Begründung, die die Trauerrede des biblischen König David für seinen Freund Jonathan den religiösen Parteien als Mahnung zur Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben vorhielt, erzeugte einen handfesten Skandal und gilt als Wendepunkt im Umgang mit LGBT in der israelischen Öffentlichkeit.Gay King David theory starts Goliath of a row ROBERT BLOCK, The Independent, 11. Februar 1993