Macht und Gewalt ist eine Studie der politischen Theoretikerin Hannah Arendt, erstmals veröffentlicht unter dem Titel On Violence 1970 gleichzeitig in den USA und Großbritannien. Sie hatte im Sommer 1968 begonnen diesen Essay auszuarbeiten.Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. Frankfurt a. M. 2004, S. 573 Auch die deutsche Fassung erschien 1970. Es handelt sich um eine Auseinandersetzung mit damals aktuellen Texten und Praktiken der Studentenbewegung (bis einschließlich 1969), vor allem in Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland und in den USA hinsichtlich der Gewaltfrage. Darüber hinaus legt Arendt eine politische Theorie der Begriffe Macht und Gewalt vor. Sie untersucht ihren historischen Bedeutungswandel und ihre gegenseitige Beziehung. Arendt definiert diese, vielfach synonym verwandten Termini unterschiedlich. Überdies beleuchtet sie kritisch die zeitgenössische politische Weltlage.
Inhalt
Beschreibung und Abgrenzung von Gewalt und Macht
Die Autorin konstatiert, dass die Rolle der Gewalt in Geschichte und Politik durch die weltweite Rebellion an den Universitäten und die Diskussionen über gewaltsamen und friedlichen Widerstand in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit geraten ist. Als tiefere Ursache dafür bezeichnet sie die immense technische Entwicklung der Gewaltmittel nach dem Zweiten Weltkrieg, deren Potential zur Vernichtung der Welt führen kann. Daher gebe es in möglichen kriegerischen Auseinandersetzungen mit diesen nuklearen oder biologischen Waffen und beim Rüstungswettlauf keine Sieger.
Der heutige (1969) durch Europa bestimmte Staatsbegriff setzt laut Arendt politische Freiheit mit nationaler Unabhängigkeit und Souveränität gleich. Theoretisch könnten die USA sich davon abheben, da ihre Verfassung basierend auf der Amerikanischen Revolution einen solchen Nationalstaatsgedanken nicht enthält. Doch die Vereinigten Staaten haben Arendt zufolge inzwischen den europäischen Nationalstaatsgedanken übernommen und handeln damit nicht mehr im Sinne der Amerikanischen Revolution.Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 10 Den von ihr wahrgenommenen Unterschied zwischen der Französischen und der Amerikanischen Revolution beschreibt die Publizistin in ihrer Arbeit Über die Revolution aus dem Jahr 1963. Demnach gewährte der Bund der amerikanischen Revolutionäre den freien Bürgern mehr politische Mitwirkungsmöglichkeiten, als der soziale Umsturz der französischen Revolution für die Bürger bereithielt.
Arendt stellt in Macht und Gewalt die These auf, dass – durch die „Wissenschaftsgläubigkeit“ der Regierungen – die Politik das Denken über Krieg und Frieden durch maschinengesteuerte Prognosen von Computern auf der Grundlage angenommener Konstellationen ersetzt und sich damit von der Wirklichkeit entfernt hat. Wissenschaft wird demnach durch Pseudowissenschaft ersetzt. Damit wird die gefährliche Illusion erzeugt, Ereignisse könnten verstanden und kontrolliert werden. Hingegen laufen Ereignisse nicht automatisch ab, sondern unterbrechen gerade automatische Prozesse bzw. zur Gewohnheit gewordene Verfahrensweisen. Sie wendet sich hier wiederum ihrem alten Thema der Unvorhersehbarkeit der zukünftigen Geschichte zu, wenn sie schreibt: „Zukunftsprognosen […] sagen voraus, was aller Wahrscheinlichkeit nach eintreten wird, wenn Menschen nicht handelnd eingreifen und wenn nichts Unerwartetes geschieht.“Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 11f
Sich von futurologischen Prognosen abgrenzend, argumentiert sie mit Proudhon, die Fruchtbarkeit des Unerwarteten übersteige bei weitem die Weisheit des Staatsmannes. Sie polemisiert gegen Engels und Trotzki, die Unvorhersehbares unterschätzt hätten, und bezeichnet Schlüsse aus der Gegenwart auf die Zukunft als „Projektionen“, mit denen Historiker zu „Propheten“ werden. Hiermit tritt eine hypnotische Wirkung ein, der gesunde Menschenverstand schwindet, und die Menschen können sich nicht mehr verstehen und in der Wirklichkeit handelnd orientieren.Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 12
Den Unterschied zwischen Gewalt und Macht sieht sie darin, dass erstere Werkzeuge zur Erreichung ihrer politischen Ziele erfordert. Die Mittel hält sie dabei auf Grund der rasanten technischen Entwicklung für erheblich bedeutsamer als die jeweiligen Zwecke. Ein Atomkrieg kann beispielsweise zum „Selbstmordmittel“ für die ganze Welt werden, der Einsatz biologischer Waffen zum Kampfmittel Einzelner oder kleiner Gruppen. Gewalthandlungen haben immer etwas Zufälliges, Willkürliches an sich. Auf dem Hintergrund der Erfahrungen mit totaler Herrschaft postuliert die Autorin, dass der Hang zur Unterwerfung, der Trieb zum Gehorsam und der Schrei nach dem starken Mann in der menschlichen Psychologie eine mindestens ebenso große Rolle spielt wie der Wille zur Macht.Friedrich Nietzsche prägte den Begriff Wille zur Macht Unter Macht versteht sie indes im Sinne der griechischen Tradition eine „Organisation der Gleichen im Rahmen des Gesetzes“.Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 41 Sie fährt fort: „Was den Institutionen und Gesetzen eines Landes Macht verleiht, ist die Unterstützung des Volkes, die wiederum nur die Fortsetzung jenes ursprünglichen Konsenses ist, welcher Institutionen und Gesetze ins Leben gerufen hat.“
Erzwungener Gehorsam verleihe keine Macht.Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 42 Die Macht entspringt, unterstreicht Arendt, der menschlichen Fähigkeit, sich handelnd mit anderen zusammenzuschließen. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner. Ausschließlich Gruppen können Macht haben.Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 45
Aus Arendts Sicht treten Macht und Gewalt in unterschiedlicher Konstellation gewöhnlich zusammen auf. Nur in extremen Fällen hat die Gewalt die absolute Übermacht. Selbst die totale Herrschaftsiehe: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft benötigt eine Machtbasis. So wurde die Herrschaft über die Sklaven durch die solidarische überlegene Organisation der Sklavenhalter abgesichert.Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 51 Die verbreitete Vorstellung, Revolutionen seien Folge eines bewaffneten Aufstands, bezeichnet die Publizistin als „Märchen“. Als Beispiel dafür, dass Revolutionen nicht „gemacht“ werden können, nennt sie den Ungarischen Volksaufstand 1956, wo nicht die Gewalt, sondern die geistige Überlegenheit der Aufständischen gesiegt habe, als Polizei und Armee nicht mehr bereit waren, ihre Waffen zu gebrauchen. Sie schlussfolgert: „Wo Gewalt der Gewalt gegenübersteht, hat sich noch immer die Staatsgewalt als Sieger erwiesen. Aber diese an sich absolute Überlegenheit währt nur solange, als die Machtstruktur des Staates intakt ist, das heißt solange Befehle befolgt werden und Polizei und Armee bereit sind, von ihren Waffen Gebrauch zu machen.“Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 49
Wie schon in anderen Werken spricht sie sich wiederum für die politische Beteiligung der Bürger am Staat aus. Denn: „Macht gehört in der Tat zum Wesen aller staatlichen Gemeinwesen, […] Gewalt jedoch nicht.“ Gewalt sei instrumental und diene immer einem Zweck. Macht (wie auch Friede) bezeichnet sie hingegen als etwas „Absolutes“, als „Selbstzweck“. Die Machtstrukturen gehen danach Zielen voraus und überdauern sie. Wenn der Staat – wie Arendt ihn definiert – organisierte und institutionalisierte Macht ist, hat die Frage nach seinem „Endzweck“ keinen Sinn. Macht bedarf nach Arendt der Legitimität, Gewalt indessen kann nie legitim sein. Gewalt kann zwar Macht „vernichten“, jedoch keine Macht „erzeugen“.Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 52f, 57
Wiederum widmet sich Arendt der Frage nach der Schuld, diesmal am Beispiel der zeitgenössischen Unterdrückung der Schwarzen in den USA. Während die weißen Liberalen die berechtigten Beschwerden der „Negerbevölkerung“ mit der Aussage „Alle sind schuldig“, beantwortet hatten, benutzte die Black-Power-Bewegung dieses Bekenntnis dazu, eine „schwarze Wut“ auf den „weißen Mann“ überhaupt zu entfachen. „Wo alle schuldig sind, ist es keiner; gegen die Entdeckung der wirklich Schuldigen oder Verantwortlichen, die Mißstände abstellen könnten, gibt es keinen besseren Schutz als kollektive Schuldbekenntnisse“, hebt Arendt hervor.Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 65
Aus ihrer Sicht ist Gewalt nur „rational“, wenn kurzfristige Ziele damit verfolgt werden. Langfristige Ziele sind demnach für Menschen, die politisch handeln, nicht vorhersehbar, da es keine notwendige geschichtliche Entwicklung in irgendeine Richtung gibt. Arendt betont, dass Gewalt „Mißstände dramatisieren und die öffentliche Aufmerksamkeit auf sie lenken“ kann. Daher fordert sie einen Zusatz zur Verfassung, der symbolische Gewalt, wie Sit-ins (Sitzblockaden), straffrei stellen sollte (Ziviler Ungehorsam).
Laut Arendt gab es bisher nur wenige Autoren, die Gewalt um ihrer selbst willen verherrlicht haben. Sie nennt Georges Sorel, Wilfredo Pareto und Frantz Fanon. Diese „hegten einen tieferen Haß auf die Gesellschaft und vollzogen einen erheblich radikaleren Bruch mit ihrem Sittenkodex als die konventionelle Linke, deren Hauptmotive das Mitleiden waren.“Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 66
Studentenrebellion und Gewalt
Die weltweite Studentenrebellion begrüßt Arendt als ursprünglich moralisch motivierte Bewegung, die vor allem in den USA zur friedlichen Reform der Universitäten beigetragen habe, jedoch immer problematisch wurde, wenn sie Gewalt anwandte oder sich langfristigen politischen Zielen zuwandte. Die Autorin setzt sich mit veröffentlichten Texten, insbesondere der deutschen und der US-amerikanischen Bewegung auseinander und bewertet die Praxis der amerikanischen Studenten- und Bürgerrechtsbewegung sowie der Black Panther-Organisation.
An den Sohn ihres Freundes Erich Cohn-Bendit im Pariser Exil, den Studentenführer Daniel Cohn-Bendit, schrieb sie 1968, sein Vater wäre stolz auf ihn gewesen, hätte er das Engagement seines Sohnes im Pariser Mai verfolgen können. Trotz ihrer positiven Grundhaltung zur Studentenbewegung übte sie derart heftige Kritik, dass viele ihre allgemeine Position übersahen. In einem Interview mit Adelbert Reif über Macht und Gewalt, welches in der deutschen Ausgabe des Buches abgedruckt ist, stellte sie diese positive Grundbewertung, aber auch Abgrenzung, nochmals klar.Adalbert Reif: Interview mit Hannah Arendt. (1970) In: Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 109
In Macht und Gewalt hebt Arendt hervor: Die Neue Linke habe zunächst mit großem Erfolg gewaltfrei für die „Bürgerrechte der Neger“ gekämpft und gegen den Krieg in Vietnam Widerstand geleistet. Doch schon bald (1969), kritisiert sie, gab es eine „Eskalation der Gewalt“. Sie kennzeichnet die neue Generation von Rebellen als „mutig“ mit „Lust am Handeln“. Diese agiere angesichts der Bedrohung des Lebens auf der Erde durch den technischen Fortschritt bewusster als die ältere.Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 18–21 „[…] diejenigen, die sich am heftigsten und kompromisslosesten über sie [die Rebellen] entrüsten, (sind) zumeist auch der Meinung, daß wir in der besten aller möglichen WeltenDie Wendung Die beste aller möglichen Welten geht auf den Philosophen Leibniz zurück leben.“ Sie weigern sich demzufolge, die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen.Hannah Arendt: Macht und Gewalt. TB; München, Zürich 2003, S. 21