mini|Philipp Otto Runge, Selbstporträt (1804/05)
Philipp Otto Runge (* 23. Juli 1777 in Wolgast; † 2. Dezember 1810 in Hamburg) war neben Caspar David Friedrich der bedeutendste deutsche Maler der Frühromantik.
Leben Herkunft mini|hochkant|links|1806: Die Eltern des Künstlers, Hamburger Kunsthalle
Philipp Otto Runge wurde in der See- und Handelsstadt Wolgast in Schwedisch-Pommern geboren. Seine Eltern waren die Eheleute Daniel Nikolaus Runge (1737–1825) und Magdalena Dorothea (1737–1818), Tochter des Hufschmieds Daniel Christian Müller.Philipp Otto Runge. Scherenschnitte. Schirmer/Mosel, München 2010, S. 115. Er war das neunte von elf Kindern, die in der Zeit von 1763 bis 1781 geboren wurden.Die elf Geschwister: Maria Elisabeth (* 14. August 1763; † 21. März 1839), unverheiratet. Ilsabe (Elisabeth) Dorothea (* 30. Oktober 1764; † 6. Oktober 1810), verheiratet mit Johann Christian Hellwig (1744–1797), Gutspächter von Pleetz und Roga. Regina Charlotte (* 25. Juni 1766; † 8. Juli 1784). Johann Daniel (* 29. November 1767; † 12. März 1856), Kaufmann, verheiratet mit Mine Behrmann. Anna Christine (* 21. Oktober 1769; † 9. April 1827). Jacob Friedrich (* 12. August 1771; † 7. Juni 1811), Kaufmann in Wolgast. David Jochim (* 19. Juli 1773; † 27. Januar 1843), verheiratet mit Sophie Otto. Karl Gustav (* 18. Dezember 1774; † 19. Dezember 1777). Philipp Otto (* 23. Juli 1777; † 2. Dezember 1810). Karl Hermann (* 12. Januar 1779; † 13. Juni 1863). Gustav (* 13. Dezember 1781; † 1. März 1870).
Der Großvater väterlicherseits, Nicolaus Runge (1700–1766), entstammte einer Rügener Bauernfamilie, er ließ sich nach 1720 in Wolgast nieder und erwarb 1729 das Bürgerrecht. Der Vater des Künstlers, Daniel Nikolaus, war Kaufmann und Reeder.
Philipp Otto Runge erkrankte bereits im frühen Kindesalter an Lungentuberkulose. 1789 besuchte er die Wolgaster Schule, deren Leiter Ludwig Gotthard Kosegarten war. 1792 erkrankte er schwer.
Werdegang Philipp Otto Runge sollte ursprünglich in die Fußstapfen seines Vaters treten. 1795 zog er mit seinem ältesten Bruder Daniel nach Hamburg, um in dessen „Kommissions- und Speditionshandlung“ eine Kaufmannslehre zu beginnen. Der Freundeskreis seines Bruders, dem unter anderem der Dichter Matthias Claudius, der Verleger Justus Perthes und der Kunstsammler Johannes Michael Speckter angehörten, sowie seine Begegnung mit Friedrich Gottlieb Klopstock regten Runge zum Zeichnen und zum Studium der Autoren der Antike an.
Nach erstem Zeichenunterricht 1797 durch Heinrich Joachim Herterich und Gerdt Hardorff d. Ä. in Hamburg studierte er in den Jahren 1799 bis 1801 an der königlichen Akademie in Kopenhagen bei Jens Juel sowie Akt und Antikenkopie, Freihandzeichnen, Anatomie, Geometrie und Perspektive bei Nicolai Abildgaard, einem Lehrer Thorvaldsens. Hiernach studierte er von 1801 bis 1804 bei Anton Graff in Dresden an der Kunstakademie, wo er Kontakt zu den Romantikern aufnahm, vor allem zu Caspar David Friedrich und Johann Gottfried Quistorp. Der Dichter Ludwig Tieck, den er in Dresden kennenlernte, vermittelte ihm die Mystik Jakob Böhmes und machte ihn mit den Anschauungen Novalis’ vertraut.
Auf einer Reise vom 14. bis 19. November 1803 nach Weimar traf Runge am 15. November auf Johann Wolfgang von Goethe bei Christian Gottlob von Voigt und besuchte am 17. und 18. November den Dichter gemeinsam mit Ludwig Tieck jeweils zum Mittagstisch im Haus am Frauenplan.Goethe, Weimarer Ausgabe, III, 3, 87. Runge und Goethe führten während ihrer Treffen lange Kunstgespräche. In Verbindung blieben beide dadurch, dass Runge am 26. April 1806 an Goethe Zeichnungen und Stiche zu seinem Zyklus Die vier Tageszeiten sowie Schriften zur Farbsymbolik übersandte. Daraus entwickelte sich ab 2. Juni 1806Goethe, Weimarer Ausgabe, III, 3, 129. bis zu Runges Tod ein aufschlussreicher, brieflicher GedankenaustauschHellmuth Frhr. v. Maltzahn (Hrsg.): Phillip Otto Runges Briefwechsel mit Goethe. Schriften der Goethe-Gesellschaft (Band 51), Weimar 1940. über das Wesen der Farben.
1808 wurde Runge Ehrenmitglied der Patriotische Gesellschaft.Der Bienenkorb - Nachrichten aus der Patriotischen Gesellschaft von 1765, Dezember 2023.
Ehe und Kinder mini|hochkant|links|1810: Pauline, die Ehefrau des Künstlers
Runges Ehefrau Pauline Susanna geb. Bassenge (* 18. September 1785 in Dresden; † 26. April 1881 in Hamburg) war die Tochter des Handschuhfabrikanten Charles Frédéric Bassenge aus hugenottischer Abstammung. Als sie Runge im Sommer 1801 in Dresden zum ersten Mal begegnete, war sie noch keine sechzehn Jahre alt. Der Vater lehnte anfangs die Verbindung seiner Tochter mit Runge entschieden ab – erst im April 1803 stimmte er einer Verlobung zu. Am 3. April 1804 heirateten Pauline und Philipp Otto in Dresden. Das Ehepaar siedelte nach Hamburg über. Sie bekamen vier Kinder: Otto Sigismund (30. April 1806 – 16. März 1839, Bildhauer) Maria Dorothea (26. Juni 1807 – 1881, verh. Behrmann) Gustav Ludwig Bernhard (10. April 1809 – 1883, Drechslermeister) Philipp Otto (3. Dezember 1810 – 2. Dezember 1893, Kaufmann und Versicherungsmakler). Der jüngste Sohn wurde am Tag nach Runges Tod geboren und erhielt die Vornamen seines Vaters.
Tod und Grabstätte mini|Grab von Philipp Otto Runge und seiner Frau Pauline auf dem Ohlsdorfer Friedhof
Philipp Otto Runge starb im Alter von 33 Jahren an Tuberkulose. Er wurde im Erbbegräbnis des Buchhändlers Friedrich Christoph Perthes auf dem St. Petri-Begräbnisplatz vor dem Dammtor beigesetzt. Seine Frau Pauline überlebte ihn um mehr als 70 Jahre. Sie starb am 26. April 1881 im Alter von 95 Jahren und wurde auf demselben Friedhof beigesetzt.Pauline (Susanna) Runge hamburg-frauenbiografien.de.
Nach der Aufhebung der Dammtorfriedhöfe wurden die Überreste von Runge, seiner Frau und deren Angehörigen 1935 auf den Ohlsdorfer Friedhof umgebettet. Dies wurde von dem Chronisten und Rechtsanwalt Hans W. Hertz dokumentiert. Philipp Otto Runge und Pauline haben ein Ehrengrab an dem Kreuzungspunkt des Althamburgischen Gedächtnisfriedhofes (Grablage P 6, Grab Nr. 15).
Das Grabmal mit dem Porträt-Relief Runges wurde in den Jahren 1953/54 von dem Wedeler Bildhauer Egon Lissow (1926–1990) geschaffen, der seinerzeit der Leiter des Hamburger Friedhofskulturdienstes war.Peter Schulze: 200. Todestag von Philipp Otto Runge, Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof, Oktober 2010.
Arbeiten Zeitlebens betrieb Runge das Kunsthandwerk des Scherenschnitts und sandte Goethe zum Beispiel zahlreiche Blumen für die Zimmerdekoration samt Anleitung zur Anbringung und Aufbewahrung der Schnitte. Einige Zeitgenossen wussten seine Scherenschnitte zu schätzen. So bewunderte Johanna Schopenhauer seine Silhouetten so sehr, dass sie selbst versuchte, in Runges Manier zu schneiden. 1805 gelang ihm der künstlerische Durchbruch mit Radierungen zu seinen Scherenschnitten in dem Zyklus Die Zeiten. Dieser erschien in einer ersten Auflage von 25 Stück. Ein Exemplar erwarb Goethe und schmückte damit sein Musikzimmer mit der Beurteilung: „zum rasend werden, toll und schön zugleich“.Die Romantik kehrt zurück. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 105, 7./8. Mai 2011, S. 22.
Runge, der gegen die akademische, von einem Sujet ausgehende Malerei opponierte, ist neben Friedrich der bedeutendste Maler norddeutscher Romantik. Er vertritt zusammen mit Friedrich die Norddeutsche Frühromantik. Stärker als Friedrich beschäftigte ihn das Figurenbild und vor allem als Porträtist schuf er Beachtliches (Die Hülsenbeckschen Kinder, 1806). Als Kunsttheoretiker äußerte er für die damalige Zeit revolutionäre Gedanken und entwickelte in seinen „Hinterlassenen Schriften“ seine romantische Kunstkonzeption. Inspiriert von Ludwig Tiecks Künstlerroman Franz Sternbalds Wanderungen entwickelte Runge eine spekulative Auffassung von der „Landschaft“ als großer „Hieroglyphe“, d. h. Allegorie oder Symbol (Beispiele: Die zwei Fassungen von Der Morgen, Arions Meerfahrt, Die Zeiten). Nach Runge konnte die „tiefste Mystik der Religion“ nur in der neuen Kunst einer ihm vorschwebenden speziellen „Landschafterey“ ausgedrückt werden, die den Kern seiner romantischen Kunstkonzeption ausmacht. Runge war von der Vision beseelt, Malerei, Dichtung, Musik und Architektur in einem Gesamtkunstwerk zu vereinen und betrat damit künstlerisches Neuland.Kosmos Runge, Angaben zur Ausstellung in der Kunsthalle München.
Runges Landschaft und sein Konzept, die gesamte Umgebung des Menschen künstlerisch zu gestalten, machen ihn zum Vorbereiter des Gesamtkunstwerks. Für die deutsche Literatur leistete Runge Beiträge, indem er mehrere Gedichte verfasste. Er schrieb die beiden Märchen Van den Machandelboom und Van den Fischer und siine Fru und stellte sie den Brüdern Grimm zur Verfügung.
Runge wurde zur Romanfigur in Der Butt von Günter Grass. Mit Clemens Brentano führte Runge einen Briefwechsel, der 1974 als Buch veröffentlicht wurde, herausgegeben von Konrad Feilchenfeldt.
Werke
Drei bedeutende Werke von Runge wurden 1931 beim Großbrand des Münchner Glaspalastes zerstört. In der Hamburger Kunsthalle, wo 1977/78 die Ausstellung Runge und seine Zeit stattfand, befindet sich fast das gesamte erhaltene Werk Runges. Einige seiner Werke sind auch im Besitz des Kulturhistorischen Museums der Stadt Stralsund und im Pommerschen Landesmuseum Greifswald erhalten geblieben.
mini|Mutter und Kind an der Quelle(1804; 1931 verbrannt) mini|Bildnis der Wilhelmina Sophia Helwig (1807) (Nichte des Künstlers, gest. 1820)
Ausstellungen 1977/1978: Runge in seiner Zeit, Hamburger Kunsthalle 2010: Die Geburt der Romantik in Pommern: Friedrich, Runge, Klinkowström, Pommersches Landesmuseum, GreifswaldFAZ vom 21. September 2010, Seite 33: Die drei Musketiere der Romantik 2010/2011: Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik in Hamburger Kunsthalle. Aus Anlass des 200. Todestags.Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik, Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Anschließend in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München. 2019: Hamburger Schule – Das 19. Jahrhundert neu entdeckt (12. April bis 14. Juli), Hamburger Kunsthalle
Schriften und Briefe mini|Runges Farbenkugel
Hinterlassene Schriften. Hrsg. von Johann Daniel Runge. 2 Teile. Friedrich Perthes, Hamburg 1840–41 (Teil 1 enthält Aufsätze zur Kunst und literarische Arbeiten, Teil 2 den Briefwechsel mit Brentano, Arnim, Goethe und Tieck) Teil 1.1840 (Digitalisat) [enthält auch Teil 2] Teil 2.1841 (Digitalisat) Phillip Otto Runges Briefwechsel mit Goethe. Hrsg. von Hellmuth von Maltzahn. Weimar 1940. Clemens Brentano – Philipp Otto Runge: Briefwechsel. Hrsg. von Konrad Feilchenfeldt. Frankfurt/M. 1974. Briefe und Schriften. C. H. Beck, München 1982, ISBN 3-406-08534-2. Von den Fischer un syne Fru sowie Von dem Mahandel Bohm. (De lütt Bökerie; Bd. 1). 1. Auflage. VEB Hinstorff-Verlag, Rostock 1984. Mit Zeichnungen von Horst Hussel und einem Nachwort von Siegfried A. Neumann. Farbenkugel. Konstruktion des Verhältnisses aller Mischungen der Farben zueinander und ihrer vollständigen Affinität; mit Notizen zur Farbe und dem Briefwechsel mit Goethe. Stuttgart-Bad Cannstatt 1999. – Digitalisat der Ausgabe von 1810 im Verlag Perthes, Hamburg, Digitale Sammlungen der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main, 2012, . Mit Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Von dem Machandelboom – Von dem Fischer un syner Fru. Zwei Märchen textkritisch herausgegeben und kommentiert von Heinz Rölleke. Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2008, ISBN 978-3-86821-045-3. Briefe über Kunst. Hrsg. von Peter Betthausen. Leipzig 2010.
Literatur Markus Bertsch; Regine Gerhardt (Hrsg.): Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik. Ausstellungskatalog. Hirmer, München 2010. ISBN 978-3-7774-3061-4 Otto Böttcher: Philipp Otto Runge. Sein Leben, Wirken und Schaffen. Gruyter, Hamburg 1937. Frank Büttner: Philipp Otto Runge. C. H. Beck, München 2010. ISBN 978-3-406-60092-0