Levitikus (abgekürzt Lev) ist das dritte Buch des Pentateuch. In jüdischen Bibelübersetzungen heißt das Buch nach seinem ersten Wort Wajikra ( „Und er rief“). Einige evangelische Bibelübersetzungen bezeichnen das Buch als Drittes Buch Mose.
Im Pentateuch bildet Levitikus als das dritte der fünf Bücher das Zentrum: JHWH offenbart Mose die Lebensordnung für Israel als „heiliges und priesterliches Volk“. Die Anwesenheit JHWHs in seinem Heiligtum mitten in Israel erfordert die Heiligkeit der Israeliten mit einem Ineinander von ethischen und kultischen Regelungen. Den Kohanim kommen dabei besondere Aufgaben zu. Das Buch Levitikus erläutert, auf welchen Wegen Versöhnung zwischen Israel und seinem Gott immer wieder erreicht werden kann. 400px|mini|Levitikusrolle in althebräischer Schrift (11QpaleoLeva, Schrein des Buches im Israel-Museum, Jerusalem)
Wajikra – Levitikus – Drittes Buch Mose Beim hebräischen Buchtitel handelt es sich um eine Benennung nach den Anfangsworten (Incipit). Sie lauten: „Und er rief“. In der jüdischen Traditionsliteratur heißt Levitikus auch , „Weisung für die Priester.“
Der Buchtitel in der Septuaginta lautet „levitisches (Buch)“. In hellenistischer Zeit bezeichnete man die jüdischen Priester als Leviten. Der Unterschied, der in der Tora zwischen Kohanim (Priestern) und Leviten gemacht wird, war verblasst und spielte keine Rolle mehr: Idealerweise waren alle Priester Angehörige des Stammes Levi und also „Leviten“. Das ist für heutige Leser insofern irreführend, als das Buch sich hauptsächlich mit den Kohanim beschäftigt, während die Leviten nur an einer Stelle überhaupt erwähnt werden.Thomas Hieke: Levitikus. Erster Teilband: 1–15, Freiburg u. a. 2014, S. 47f.
Textüberlieferung Der Text von Levitikus ist außergewöhnlich gut überliefert, was den Stellenwert des Buchs zur Zeit des Zweiten Tempels unterstreicht. Fragmente von mindestens zwölf Buchrollen befinden sich im Textkorpus der Qumran-Handschriften, darunter ein wohlerhaltenes Exemplar in althebräischer Schrift (11QpaleoLev, Foto). Die Unterschiede zum Masoretischen Text sind gering, mit einer Ausnahme: 4Q365, Fragment 23 enthält im Anschluss an eine Anordnung über sonst unbekannte Erntefeste für Holz und Öl.Daniel Stökl Ben Ezra: Qumran. Die Texte vom Toten Meer und das antike Judentum. Mohr Siebeck, Tübingen 2016, S. 209f.
Die Septuaginta-Version von Levitikus bleibt nah an ihrer hebräischen Vorlage, die im Allgemeinen mit dem Masoretischen Text übereinstimmt, aber in einigen Fällen mit dem Samaritanischen Pentateuch und griechischen Levitikus-Fragmenten aus Qumran. Der Übersetzer war imstande, ein flüssiges Griechisch zu schreiben, strebte aber nach einer wörtlichen Wiedergabe des Hebräischen, wo das möglich war. Eine wichtige inhaltliche Textänderung findet sich in : „Wer aber den Namen des Herrn nennt, soll durch den Tod hingerichtet werden. Mit Steinen soll die ganze Versammlung Israels ihn steinigen. Ob Hinzugekommener oder Eingeborener – wenn er den Namen des Herrn nennt, soll er sterben.“ Während im Masoretischen Text nur das Schmähen des Gottesnamens JHWH verboten ist, wird in der Septuaginta jedes Aussprechen des Namens mit der Todesstrafe geahndet.Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 98f. und 127.
Verfasser Die Überlieferung der im Buch Levitikus enthaltenen Traditionen und deren Niederschrift verortet Thomas Hieke in der Jerusalemer Priesterschaft. Frauen waren wohl kaum beteiligt. Auch wo es im Text um Themen geht, die nur Frauen betreffen, werden sie aus männlicher Perspektive abgehandelt. Andererseits unterscheidet Levitikus bei den Laien nicht zwischen Männern und Frauen: alles, was Nicht-Priester tun dürfen, können sowohl Männer als auch Frauen verrichten. Das in diesem Kontext gern gebrauchte Wort ist „Seele, Kehle, Leben“.Thomas Hieke: Levitikus. Erster Teilband: 1–15, Freiburg u. a. 2014, S. 72.
In Levitikus werden die priesterlichen Privilegien, Aufgaben und Einkünfte grundsätzlich aus priesterlicher Perspektive dargestellt; angeredet sind aber nicht exklusiv Priester, sondern auch Laien. Letztere sollen offenbar über kultische Verrichtungen Bescheid wissen, auch wenn diese Priestern vorbehalten sind. Insofern haben Laien eine Art Kontrollfunktion.Thomas Hieke: Levitikus. Erster Teilband: 1–15, Freiburg u. a. 2014, S. 72f.
Levitikus als Buch Häufig wird Levitikus einfach als dritter Teil des Pentateuch gesehen: der Text des Pentateuch war so umfangreich, dass man ihn auf fünf Buchrollen aufteilen musste, und Levitikus war deren dritte, inhaltlich die Fortsetzung der Sinaiperikope, die im Buch Exodus begonnen hatte und bis ins Buch Numeri reichte. Dagegen gibt es in neuerer Zeit Vorschläge, Levitikus als kunstvolle Komposition zu lesen. Mary Douglas meint beispielsweise, dass das Buch in Analogie zum Wüstenheiligtum (Mischkan) aufgebaut sei und seine Lektüre bzw. sein Vortrag daher einem Pilgerweg zu diesem Heiligtum gleichkomme.Christophe Nihan: Leviticus, Book of. I Hebrew Bible/Old Testament. In: Encyclopedia of the Bible and Its Reception, Band 16. De Gruyter, Berlin / Boston 2018, Sp. 359–367, hier Sp. 361. Vgl. Mary Douglas: Leviticus as Literature. Oxford University Press, Oxford 1999.
Das Buch Levitikus besteht aus erzählten, wörtlich zitierten Gottesreden. „Von seiner Großstruktur her ist es als Erzählung zu klassifizieren.“Thomas Hieke: Levitikus. Erster Teilband: 1–15, Freiburg u. a. 2014, S. 53, hier mit Verweis auf Andreas Ruwe: Das Reden und Verstummen Aarons vor Mose: Leviticus 9–10 im Buch Leviticus. In: Sylke Lubs et al. (Hrsg.): Behutsames Lesen. FS Christof Hardmeier. EVA, Leipzig 2007, S. 169–196. Die Gottesrede an Mose wird jeweils mit der Formel „Und JHWH sprach zu Mose: Sprich zu X …“ (oder Abwandlungen davon) eingeleitet. Diese sich wiederholende Formel gliedert den Text. Kapitel 1–24 bezeichnen als Ort dieser Reden stets das „Zelt der Begegnung“, Kapitel 25–27 dagegen den Berg Sinai.Adrian Schenker: Leviticus. In: Thomas Römer, Jean-Daniel Macchi, Christophe Nihan (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament. Die Bücher der Hebräischen Bibel und die alttestamentlichen Schriften der katholischen, protestantischen und orthodoxen Kirchen. TVZ, Zürich 2013, S. 246–255, hier S. 247. Das bedeutet freilich keine Ortsveränderung, da das Zelt und damit der gesamte Offenbarungsvorgang am Sinai gedacht ist.Thomas Hieke: Levitikus. Erster Teilband: 1–15, Freiburg u. a. 2014, S. 51f.
Gliederung Die folgende Gliederung folgt dem Endtext-orientierten Kommentar von Thomas Hieke. Die von ihm vertretene Komposition mit dem Versöhnungstag als Zentrum wurde zuvor von Erich Zenger vorgeschlagen:Thomas Hieke: Levitikus. Erster Teilband: 1–15, Freiburg u. a. 2014, S. 56.
Opferbestimmungen (Lev 1–7), Einsetzung der Priester als Träger der Heiligkeit (Lev 8–10), Reinheit im Alltag (Lev 11–15), Der Versöhnungstag, Jom Kippur (Lev 16–17), Heiligkeit im Alltag (Lev 18–20), Einzelgebote für Priester und Opfer zur Wahrung der Heiligkeit (Lev 21–22), Leben in der Gemeinschaft mit Gott (Lev 23–27).
Inhalt Levitikus hat Ähnlichkeit mit Ritualhandbüchern, wie sie aus Mesopotamien, Kleinasien und Ugarit bekannt sind. Sie definieren, welche Materien für ein bestimmtes Ritual benötigt werden, unter welchen Bedingungen es vollzogen wird und was die einzelnen Schritte des Rituals sind. Vieles, was zum Vollzug des Rituals nötig wäre zu wissen, bleibt unausgeführt, weil es priesterliches Berufswissen war, das vorausgesetzt wurde. Das ist auch in Levitikus so. Gelegentlich wird im Text auf dieses Exklusivwissen angespielt mit der Formulierung „wie es Brauch ist.“ Einzelne Ritualbeschreibungen werden häufig eingeleitet oder abgeschlossen mit der Formel: „Das ist die Weisung () für X …“ Damit wird lapidar festgestellt, dass dies die korrekte Weise ist, das entsprechende Ritual zu vollziehen. Levitikus geht also davon aus, dass es für Rituale die eine richtige, standardisierte Form gibt.Christophe Nihan: Leviticus, Book of. I Hebrew Bible/Old Testament. In: Encyclopedia of the Bible and Its Reception, Band 16. De Gruyter, Berlin / Boston 2018, Sp. 359–367, hier Sp. 364f. mini|Grobgliederung Levitikus Opfergaben (Kapitel 1–7) Das Buch beginnt mit Vorschriften zum Darbringen unterschiedlichster Opfer (Brandopfer, Speiseopfer, Mahlopfer, Sühneopfer, Wiedergutmachungsopfer), die von den Priestern, Aaron und seinen Nachkommen durchgeführt werden. Des Weiteren werden die Pflichten der Priester beschrieben. Die verschiedenen Opferarten haben im hebräischen Original jeweils ganz eigenständige Namen, heißen also nicht jeweils „…-Opfer“. Bei der Übersetzung in moderne Sprachen ist dies sehr schwierig wiederzugeben, da unsere Kultur solche Handlungen und die entsprechende reichhaltige Fachsprache nicht mehr kennt.
Aarons Priesterweihe (Kapitel 8–10) Mit der Weihe Aarons und seiner Söhne zum Priester wird der Priesterstand der Israeliten begründet. Nadab und Abihu, zwei Söhne Aarons, begehen einen schweren Verstoß gegen die Opfervorschriften und werden von Gott getötet.
Rituelle Reinheitsgebote (Kapitel 11–15) Vorschriften zum Verzehr erlaubter Tierarten werden gegeben. Darauf folgen Angaben über die rituelle Reinheit von Menschen in verschiedenen Situationen (Geburt, Menstruation, Geschlechtsverkehr, Krankheit).
Ausführlich wird in Kapitel 13 und 14 auf den Umgang mit Aussätzigen eingegangen. Auch wenn aus dem Text nicht explizit hervorgeht, welche Krankheit (mit hebräisch Zaraath/Ṣaarʿat „Niederschlag, Ausschlag“, von zara’a „[von Gott] geschlagen werden, aussätzig werden“ – in der Vulgata von Hieronymus folgenreich mit lepra übersetzt – das deutsche Wort „Aussatz“ gibt es als uzsatz erst seit dem 13. JahrhundertStefan Winkle: Kulturgeschichte der Seuchen. Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997; Lizenzausgabe für Komet, Frechen, ISBN 3-933366-54-2, S. 4–7, 15–17 und 21 f.) gemeint ist – die Beschreibung könnte sich auf verschiedene Erkrankungen mit Hautsymptomen beziehen –, kann wegen der Allgegenwart der Lepra zur damaligen Zeit und dem üblichen Umgang mit den Leprakranken davon ausgegangen werden, dass die Regeln auch den Umgang mit Leprakranken betreffen:
In den folgenden Aussagen wird genau darauf eingegangen, wie der Priester den weiteren Verlauf der Erkrankung beobachten und beurteilen soll, welche Handlungen zu erfolgen haben.
Im Neuen Testament wird erzählt, dass Jesus Christus einen Aussätzigen heilte und zum Tempel schickte, damit ein Priester mit ihm das Ritual zur Wiederaufnahme in die Gesellschaft durchführte.
Jom Kippur (Kapitel 16) Das alljährliche Fest zur Sündenvergebung aller Israeliten wird eingesetzt. Die Vertreibung des Sündenbocks bildet den Ursprung des jüdischen Versöhnungstages.
Heiligkeitsgesetz (Kapitel 17–26) Die geheiligte Lebensweise wird zuerst durch den rechten Umgang mit dem Blut von Speise- und Opfertieren erreicht. Dies ist grundlegend, da nach jüdischer Lehre das Blut die Seele ist .
Ein zweiter Regelkomplex betrifft Heiratsverbote zwischen Verwandten sowie Vorschriften zum Sexualverhalten. Inzest , Geschlechtsverkehr während der Menstruation, Geschlechtsverkehr zwischen männlichen BeteiligtenHanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel. 3., unveränderte Auflage. Heidelberg 2011, S. 120; vergleiche Wilhelm Gesenius: Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament. 18. Auflage. Berlin / Heidelberg 2013, S. 302 s. v. זָכָר; Greek-English Lexicon of the Septuagint. 3., verbesserte Auflage. Stuttgart 2015, S. 84 s. v. ἄρσην, ἄρσηνος/ἄρρην, ἄρρηνος. Luther hatte hier noch mit „Knabe“ übersetzt, mit dem ein Mann keinen Beischlaf haben soll. sowie der Geschlechtsverkehr zwischen Mensch und Tier werden streng untersagt. Strafen beim Übertreten dieser Regeln sind in Kapitel 20 angegeben (in der Regel Todesstrafe) .