Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Algerien wird in der algerischen Gesellschaft abgelehnt. Abweichungen von Hetero- und Cisnormativität sind Tabuisiert, homosexuelle Handlungen, sowohl zwischen Frauen als auch zwischen Männern stehen unter Strafe, auch andere queere Lebensweisen werden staatlicherseits verfolgt.
miniatur|Algerien Geschichte Während der Zugehörigkeit Algeriens zu Frankreich (1830–1962) wurde das Strafrecht zum einen zunehmend dem französischen Recht angeglichen, andererseits galt für die indigene Bevölkerung ein besonderes Kolonialstrafrecht. Zunächst galten französisches und islamisches Strafrecht parallel, wobei das islamische Strafrecht nur in Fällen angewendet wurde, in denen ausschließlich indigene Algerier beteiligt waren. 1859 wurde das islamische Strafrecht dann im nördlichen Landesteil komplett durch den Code pénal ersetzt, in den südlichen Landesteilen erst in den 1870er Jahren. 1881 wurde zudem der Code de l’indigénat als Strafrecht für die islamische Bevölkerung eingeführt.Bettina Dennerlein: Islamisches Recht und sozialer Wandel in Algerien (= Islamkundliche Untersuchungen, Band 221). Klaus Schwarz, Berlin 1998. ISBN 3-87997-273-7, S. 39. Der französische Code pénal kennt Strafbarkeit homosexueller Handlungen nicht. Nach der Unabhängigkeit führte Algerien 1966 ein eigenes Strafgesetz ein, das unter anderem auch homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte. Dieses gilt mit Abänderungen und Ergänzungen bis heute (2026).
1994 und 1996 wurde jeweils ein Mann aufgrund seiner Homosexualität von der Groupe Islamique Armé ermordet, 2001 zwei Männer auf offener Straße gesteinigt.Hicham Rouibah: La première association. LGBT en Algérie. In: Chimères 2017/2 (Nr. 92), S. 61–72 (Cairn.info).
Seit den 2010er Jahren trauten Homosexuelle zunehmend sich zu outen.Assiya Hamza: Homosexualité en Algérie : ils ont osé le coming out. In: France 24 vom 9. Oktober 2015; abgerufen am 10. Mai 2026.Stéphanie Plasse: Témoignages : le simple droit à la différence des homosexuels algériens. In: Jeune Afrique vom 2. November 2015; abgerufen am 10. Mai 2026.
2019 wurde der Medizin-Student Assil Belalta in seinem Zimmer im Studentenwohnheim der Universität Algier ermordet. Die Täter schnitten ihm die Kehle durch und schrieben die englischen Wörter „He is gay“ (Er ist schwul) mit seinem Blut an die Wand.Algerien: Student aus Homo-Hass getötet. Auf: Queer.de vom 11. Februar 2019; abgerufen am 10. Mai 2026.
Zwei junge Männer wurden nach der Anklage, „homosexuelle Beziehungen“ gehabt zu haben, am 3. September 2020 von einem algerischen Gericht zu drei Jahren Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. Sie wurden zusammen mit 42 weiteren Gästen, bei einer privaten Feier in El Khroub in der Nähe von Constantine festgenommen. Die Polizei bezeichnete die Feier als „homosexuelle Hochzeit“. Die 42 Gäste wurden wegen „ungebührlichen öffentlichen Verhaltens“ und wegen „Schädigung Dritter durch Verstoß gegen die Quarantänemaßnahmen im Zusammenhang mit Covid-19“ zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Die Feier fand während der Zeit der Ausgangssperre statt. Nur wenige private algerische Medien berichteten über den Fall.Toufik Doudou / AFP: Deux hommes écroués pour homosexualité en Algérie, Human Rights Watch se mobilise. In: Ouest-France, 16. Oktober 2020; abgerufen am 10. Mai 2026 (Ouest-France). Es gibt Hinweise darauf, dass zwischen 2020 und 2025 weitere schwule Männer festgenommen und drei strafrechtlich verfolgt wurden.UK Visas and Immigration: Guidance (Weblinks).
Am 26. Dezember 2022 kündigte der algerische Wirtschaftsminister Kamel Rezig den Start einer Kampagne gegen den Verkauf von Artikeln „in den Farben der LGBT-Bewegung“ mit dem Slogan an: „Schützen Sie Ihre Familie, hüten Sie sich vor Produkten, die Farben und Symbole tragen, die dem Islam und unseren moralischen Werten zuwiderlaufen“. Rechtliche Grundlage war Artikel 19 des Gesetzes 03-09 über den Verbraucherschutz und die Betrugsbekämpfung. 38.542 Artikel mit den Regenbogenfarben wurden beschlagnahmt, darunter Schulartikel, Kinderspielzeug und 4.561 Exemplare des Korans.Yacine Tazrout: Le ministère algérien du Commerce en croisade contre les couleurs LGBT. In: Jeune Afrique, 5. Januar 2023; abgerufen am 10. Mai 2026.UK Visas and Immigration: Guidance (Weblinks).Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hg.): Länderkurzinformation, S. 1.
Im August 2023 verhängte die Zensurbehörde für audiovisuelle Medien eine 20-tägige Sendesperre für den Fernsehsender Salam TV, nachdem dieser eine Filmszene gezeigt hatte, in der eine gleichgeschlechtliche Hochzeit gezeigt wurde. Der Generaldirektor des Senders entschuldigte sich öffentlich für seine „Fehleinschätzung“.Human Dignity Trust (Hg.): Algeria vom 1. April 2026; abgerufen am 11. Mai 2026.
In den 2020er-Jahren verstärkte sich die Ablehnung der LGBT+-Gemeinschaft, vor allem bei der jüngeren Generation. Über Dating-Apps und „soziale“ Medien wurden LGBT+-Personen Opfer von Raub und Erpressung, Straftaten, die sie gewöhnlich nicht melden, um nicht noch zusätzliche staatliche Repression auf sich zu lenken.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hg.): Länderkurzinformation, S. 2.
Rechtliche Lage Verfassung Die Algerische Verfassung von 2020 Verfassung der Republik Algerien. gibt den Bürgern Grundrechte (Art. 34–77) und garantiert diese (Art. 35 Abs. 1). Zu den Grundrechten zählen die Gleichheit vor dem Gesetz (Art. 37), Recht auf Leben (Art. 38), Unverletzlichkeit der Person (Art. 39), Garantie von Privatsphäre und Ehre (Art. 47), Meinungsfreiheit (Art. 52), Vereinigungsfreiheit (Art. 53), Pressefreiheit (Art. 54) und das Recht Schutzbedürftiger auf Integration in das gesellschaftliche Leben (Art. 72).
Strafrecht Diese Grundrechte gelten aber offensichtlich nur für Heterosexuelle, denn homosexuelle Handlungen werden in Algerien als Straftaten klassifiziert. Es handelt sich um systematische Diskriminierung.Bertelsmann Stiftung: 2026 Country Report Algeria. hier, S. 14. LGBTIQ-Personen sind zusätzlich einem erhöhten Risiko von Folter und Misshandlung durch die Behörden sowie in Haftfällen durch andere Insassen der Gefängnisse ausgesetzt.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hg.): Länderkurzinformation, S. 2.
Das Gesetz selbst definiert die einschlägigen Begriffe nicht. Es setzt voraus, dass klar ist, was denn „eine homosexuellen Handlung“ ist. Die einschlägigen Bestimmungen des Strafrechts, die gegen Homosexuelle eingesetzt werden, sind: Artikel 338 des StrafgesetzbuchsOrdonnance n° 66-156 du 8 juin 1966 portant code pénal, modifiée et complétée. (Code pénal = CP) legt so, ohne den strafrechtlichen Tatbestand zu definieren, ausschließlich das Strafmaß fest. Bei homosexuellen Handlungen unter Volljährigen beträgt dieses zwei Monate bis zwei Jahre Freiheitsstrafe und eine Geldstrafe von 500 bis 2000 Dinar.Aufgrund hoher Inflation sind diese Geldstrafen (3,45 bis 13,40 €) heute ohne Bedeutung. Ist eine der beteiligten Personen minderjährig, so kann sich die Strafe für den Volljährigen auf 3 Jahre Freiheitsentzug und 10000 Dinar Geldstrafe erhöhen.Bereits 2007 stellte der UN-Menschenrechtsausschuss fest, dass diese und weitere Bestimmungen des algerischen Strafgesetzes, insbesondere aber Artikel 338 CP, gegen Artikel 17 und 26 des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte verstoße und forderte Algerien auf, diese Bestimmungen aufheben.UN-Menschenrechtsausschuss (Hg.): Consideration of Reports Submitted by States Parties under Article 40 of the Covenant – Concluding observations of the Human Rights Committee – Algeria vom 12. Dezember 2007, Ziffer 26. Algerien reagierte darauf nicht. Artikel 333 Abs. 2 CP stellt „outrage public à la pudeur“ (Verletzung des öffentlichen Anstands) unter Strafe – wiederum ohne dass das Gesetz definiert, was darunter zu verstehen ist. Wenn dieser öffentliche Verstoß gegen sittliches Verhalten in einer „widernatürlichen“ Handlung mit einer Person des gleichen Geschlechts besteht, beträgt die Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und drei Jahren, die Geldstrafe 1.000 bis 10.000 Dinar. Artikel 333 bis„Artikel 333 bis“ wird in deutschsprachigen Texten auch als „Artikel 333a“ bezeichnet. CP stellt unter Strafe Dinge zu besitzen, zu verbreiten, zu reproduzieren oder zur Schau zu stellen, die gegen die guten Sitten verstoßen. Dazu gehört ausdrücklich die „unsittliche Darstellung einer Handlung gegen die natürliche Ordnung mit einer Person des gleichen Geschlechts“. Der Strafrahmen ist eine Freiheitsstrafe von zwei Monaten bis zu zwei Jahren und eine Geldstrafe von 500.000 Dinar. Artikel 334 CP behandelt die Verletzung der Sittlichkeit ohne Gewaltanwendung gegenüber einer Person unter 16 Jahren des eigenen oder anderen Geschlechts. Der Strafrahmen beträgt fünf bis zehn Jahre. Auch der Versuch ist strafbar. Artikel 335 CP spricht eine Strafe von fünf bis zehn Jahren aus, wenn der Übergriff von Verwandten oder Erziehungsberechtigten ausgeht oder es sich um eine Vergewaltigung handelt. Artikel 336 CP erhöht das Strafmaß auf zehn bis zwanzig Jahre Freiheitsentzug, wenn es sich um ein Opfer im Alter unter 16 Jahren handelt. Artikel 337 CP bestimmt ebenso lange Haftstrafen für Personen, die eine Machtposition, z. B. als Lehrkraft, ausnutzen. Alle diese Bestimmungen sind Teile des Abschnitts Attentats aux mœurs (Verstoß gegen die guten Sitten) des Code pénal.
Auch aufgrund scheinbar neutraler gesetzlicher Bestimmungen zu kommerziellem Sex, öffentlicher Unsittlichkeit und dem „Umgang mit schlechten Charakteren“, die unverhältnismäßig gegen LGBT+-Personen angewendet werden, kommt es zu deren strafrechtlicher Verfolgung.Association Alouen / MantiQitna (Hg.): Examen Périodique Universel – 3e cycle – Algérie, S. 5; abgerufen am 10. Mai 2026. Digitalisat: C:/Users/drfer/AppData/Local/Temp/MicrosoftEdgeDownloads/48fb5f83-f71b-4e31-bc98-15b81834ada5/JS4_UPR27_DZA_F_Main.pdf
Antidiskriminierung Während die Verfassung antidiskriminierende Grundrechte enthält, werden diese Bestimmungen jedoch aufgrund der gesellschaftlichen Lage nicht zugunsten queerer Menschen angewandt. Infolge dieser Lage gibt es in Algerien keine Antidiskriminierungsgesetze.UK Visas and Immigration: Guidance (Weblinks). In Medien findet sich das Thema LGBT+-Diskriminierung aufgrund staatlicher Zensur nicht.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hg.): Länderkurzinformation, S. 3 (ohne Nennung von Details).
Ehe und Partnerschaft Gleichgeschlechtliche eingetragene Partnerschaft oder Ehe sind nach der rechtlichen Lage in Algerien unzulässig, Adoptionen in solchen Verbindungen deshalb nicht möglich.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hg.): Länderkurzinformation, S. 2 (ohne Nennung von Details).
Der erste bekannte Versuch, eine Hochzeitszeremonie für ein gleichgeschlechtliches Paar in der arabischen Welt zu veranstalten – getarnt als Geburtstagsparty –, endete am 16. Mai 2005 in einem Hotel in Waharan mit einem Polizeieinsatz. Correction: First Middle East Gay Wedding in Algeria auf ordoesitexplode.com vom 27. August 2005: abgerufen am 10. Mai 2026.
Soziale Lage Allgemeingesellschaftlich