Bicheris (eigentlich Bicherēs) ist die gräzisierte Namensform des vorgeblich fünften altägyptischen Königs (Pharao) der 4. Dynastie im Alten Reich. Eine sichere Gleichsetzung des Namens mit zeitgenössisch und/oder archäologisch nachgewiesenen Horus- und Kartuschennamen erweist sich als schwierig, da unbekannt ist, auf welcher Originalschreibung „Bicheris“ gründet.

Zum Namen Die einzigen möglicherweise zeitgenössischen Namensnennungen stammen aus der ihm zugeschriebenen, unfertig gebliebenen Pyramidenanlage in Saujet el-Arjan. In der dortigen Ausschachtung wurden mehrere Arbeiter-Graffiti entdeckt, die mehrheitlich eine Königskartusche enthalten. Ebendiese Kartuschen sind Gegenstand lebhafter Kontroversen, da der Ausgräber der Pyramidenanlage, Alessandro Barsanti, die Graffiti in seiner Grabungspublikation nicht als Faksimiles wiedergab, sondern lediglich als grobe Skizzen. Somit ist zwar das zweite Zeichen in den Kartuschen eindeutig als Ka-Symbol zu erkennen, das erste Zeichen ist hingegen so undeutlich wiedergegeben, dass es bis heute nicht eindeutig identifiziert werden konnte.siehe hierzu M. Verner: Archaeological Remarks on the 4th and 5th Dynasty Chronology. Prag 2001.

Die mittlerweile verbreitetste Lesung ist die als Baka, wobei das erste Zeichen als Storch mit dem Lautwert „Ba“ zu lesen ist. Auf dieser Lesung basiert auch die Gleichsetzung von Bicheris mit einem Sohn von Pharao Radjedef, welcher auf einer in Abu Roasch gefundenen Statue dieses Königs genannt wird. Dieser Königssohn hieß zwar „Baka“, jedoch wurde sein Name nicht mit einem Sattelstorch (Gardiner-Zeichen G29), sondern mit einem Widder (Gardiner-Zeichen E10) geschrieben, der aber ebenfalls den Lautwert „Ba“ hat. Der Name Baka könnte dann im weiteren Verlauf der ägyptischen Geschichte zu Ba-ka-Re entstellt worden sein, wovon sich die griechische Namensform Bicheris ableitete.J. von Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. ... Mainz 1997, S. 158. Einen ähnlichen Vorschlag machte bereits George Andrew Reisner. Er ging davon aus, dass bereits Bicheris selbst seinen Prinzennnamen „Baka“ nach der Thronbesteigung in „Bakare“ änderte.George Andrew Reisner: A History of the Giza Necropolis. Band I, Harvard University Press, Harvard 1942, S. 28 (PDF; 249,8 MB).

Aidan Dodson schlug 1985 eine Lesung des Königsnamens als Sethka vor. Demnach würde die umstrittene Hieroglyphe ein Seth-Tier (Gardiner-Zeichen E20) darstellen.Aidan Dodson: On the date of the unfinished pyramid of Zawyet el-Aryan. Oxford 1985, S. 22. Nach Dodson wäre es möglich, dass der Name Sethka nur eine Abänderung des ähnlich klingenden Setka ist. Unter diesem Namen ist ein weiterer Sohn des Radjedef bekannt.Aidan Dodson, D. Hilton: The Complete Royal Families of Ancient Egypt. London 2004, S. 61.

Wolfgang Helck hat versucht, Bicheris mit dem Prinzen Baefhor, wahrscheinlich ein Sohn des Cheops, zu identifizieren. Dieser soll nach der Thronbesteigung seinen Namen in Rabauef (Bauefre) geändert haben. Unter diesem Namen wäre er dann noch im Mittleren Reich bekannt gewesen, wie eine Felsinschrift im Wadi Hammamat belegen soll, auf der die Namen von Cheops, Chephren, Radjedef, Bauefre und Hordjedef in Kartuschen geschrieben sind. Helcks Vorschlag wird jedoch in der Forschung weitgehend abgelehnt.Peter Jánosi: Giza in der 4. Dynastie. Die Baugeschichte und Belegung einer Nekropole des Alten Reiches. Band I: Die Mastabas der Kernfriedhöfe und die Felsgräber. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2005, S. 64–65, ISBN 3-7001-3244-1.

Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe weiterer Namenslesungen, die allerdings keine eindeutige Einordnung von Bicheris in die Königsfamilie der 4. Dynastie zulassen. So las Kurt Sethe den Namen als NebkaJaroslaw Černý: Name of the King of the unfinished pyramid at Zawiyet el-Aryan. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. Nr. 16, 1958, S. 26., Gaston Maspero als Nefer-KaGaston Maspero: Fouilles de Zaouiét el-Aryân (1904–1905). In: Annales du Service des Antiquités. Nr. 7, 1906, S. 257 (Volltext als PDF; 20 MB)., Jean-Philippe Lauer als Bikka oder Hor-kaJean-Philippe Lauer: Sur l'âge et l'attribution possible de l'excavation monumentale de Zaouiêt el-Aryân. In: Revue d'Égyptologie. Nr. 14, 1962, S. 34f., Klaus Baer als WehemkaNabil Swelim: Some Problems on the History of the Third Dynasty. Kairo 1983, S. 143. und Peter Kaplony als Schena-Ka.

Im Grabschacht wird außerdem der mutmaßliche Goldname des Bicheris genannt. Allerdings sind Lesung und Zugehörigkeit dieses Namens genauso umstritten. Kaplony beispielsweise sieht darin den möglichen Horusnamen des Huni.Peter Kaplony: Die Rollsiegel des Alten Reiches. Band I, Fondation Egyptologique, Brüssel 1981, S. 146–155.

Herrschaft Die genaue Regierungsdauer von Bicheris ist unbekannt. Der Königspapyrus Turin, der im Neuen Reich entstand und ein wichtiges Dokument zur ägyptischen Chronologie darstellt, ist an der entsprechenden Stelle stark beschädigt, so dass sich weder der Name, noch die Angabe der Regierungsjahre erhalten haben. Der im 3. Jahrhundert v. Chr. lebende ägyptische Priester Manetho schreibt Bicheris ganze 22 Regierungsjahre zu. Der antike Geschichtsschreiber Eratosthenes nennt den Herrscher Biurés und schreibt ihm immerhin 10 Jahre Herrschaft zu. Beides wird in der modernen Forschung jedoch allgemein als Schreibfehler angesehen und die meisten Forscher gehen aufgrund der sehr geringen Anzahl zeitgenössischer Denkmäler von einer wesentlich kürzeren Regierungsdauer aus. So geht etwa Jürgen von Beckerath von sieben Jahren aus,J. von Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. ... Mainz 1997, S. 157, 159. andere Forscher sogar von noch weniger. Wolfgang Helck nimmt lediglich zwei Jahre anWolfgang Helck: Untersuchungen zu Manetho und den ägyptischen Königslisten (= Untersuchungen zur Geschichte und Altertumskunde Ägyptens. Band 18). Leipzig / Berlin 1956, S. 52f. und Peter Jánosi hält auch eine Regierungsdauer von weniger als einem Jahr für möglich.

Identitätsforschung Bicheris zählt zu den schwer erfassbaren Herrschern des Alten Reiches, da bislang für seine historische Figur keine direkten zeitgenössischen Belege sicher ermittelt werden konnten. Erschwerend kommen die Widersprüche in den wenigen Einträgen späterer Quellen und Dokumente hinzu. Aus diesem Grund wird seine historisch-chronologische Zuordnung als König in der Ägyptologie intensiv diskutiert. Bicheris’ Fall ist nicht der Einzige seiner Art, auch vor ihm werden in altägyptischen Königslisten Herrscher aufgeführt, die sich archäologisch bislang nicht nachweisen lassen und nur in zeitlich späteren Urkunden und Listen erscheinen. Erschwert werden solche Fälle durch den Umstand, dass die ursprünglichen Königsnamen nicht selten fehlerhaft wiedergegeben werden oder den Namenskonventionen späterer Epochen angepasst wurden. Oder es wurden verschiedene Namen derselben Herrscher miteinander vermischt. In einigen Fällen scheint es sogar zu Anachronismen gekommen zu sein, bei denen die Herrscherreihenfolge vertauscht worden war.Kim Ryholt: Inclusion of Fictitious Kings. In: The political situation in Egypt during the second Intermediate Period. Kopenhagen 1997, S. 16.Miroslav Verner: Who was Shepseskare and when did he reign? In: Abusir and Saqqara in the Year 2000. (= Archiv Orientální. Supplement 9). Prag 2000, S. 581–602.

Da die einzige zeitgenössische Quelle, die die Existenz von Bicheris beweisen könnte, unleserlich bleibt, stellen sich Ägyptologen nicht selten die Frage, ob Bicheris überhaupt existiert hat. Ägyptologen wie zum Beispiel Miroslav Verner werfen ein, dass das augenscheinliche Fehlen eines Königsnamens in zeitgenössischen Dokumenten kein zwingender Beweis sein müsse, dass der betreffende König fiktiv ist. Er vergleicht die Situation um Bicheris (und Thamphthis) mit der des Königs Schepseskare (5. Dynastie), dem vielleicht illegitimen Nachfolger von König Neferefre. Obwohl Schepseskare durch Roll- und Tonsiegel archäologisch nachgewiesen ist, wird sein Name nicht in zeitgenössischen Gräbern von Totenpriestern genannt. Es mag gemäß Verner aber auch daran liegen, dass Schepseskare nur extrem kurze Zeit regierte, von seinem Nachfolger, König Niuserre, gewaltsam vom Thron vertrieben wurde und/oder unter diesem namentlich nicht erwähnt werden durfte.Miroslav Verner: Archaeological Remarks on the 4th and 5th Dynasty Chronology. (= Archiv Orientální- 69. Ausgabe). Prag 2001, S. 395–400. Die Fundsituation um Schepseskare legt jedenfalls nahe, dass es im Alten Reich durchaus zu Dynastiestreitigkeiten kommen konnte, die dann offenkundig einer Damnatio memoriae zum Opfer fielen. Die Regierungsjahre solcher Könige wurden nicht selten einfach den Vorgängern oder Nachfolgern angerechnet. Dies könnte vielleicht auch auf Bicheris zutreffen, doch von ihm fehlt jeglicher zeitgenössische Nachweis. Auch der Ägyptologe Kim Ryholt betont, dass ein Nicht-Erwähnen bestimmter „Blitz-Herrscher“ keineswegs darauf gründen muss, dass der Betroffene zu Lebzeiten unbeliebt, in Thronstreitigkeiten verwickelt oder illegitim war. Es sei durchaus denkbar, dass Bicheris schlicht im Laufe der Zeit vergessen wurde, weil es keinen Totenkult um ihn gegeben hatte.K. S. B. Ryholt: Inclusion of Fictitious Kings. In: The political situation in Egypt during the second Intermediate Period. Kopenhagen 1997, S. 17 & 18.

Grabmal

Die unvollendete Pyramide von Zaujet el-Arjan wird Baka zugeordnet. Ihre Grundfläche beträgt 200 m × 200 m. Im mit Granitblöcken gepflasterten Fundament ist ein 21 m tiefer Schacht als Grabkammer mit eingelassenem Sarkophag vorhanden. Spuren einer Bestattung sind ersichtlich.

Literatur Jürgen von Beckerath: Handbuch der ägyptischen Königsnamen. Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 1984, ISBN 3-422-00832-2. Jürgen von Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Die Zeitbestimmung der ägyptischen Geschichte von der Vorzeit bis 332 v. Chr. (= Münchner ägyptologische Studien.Band 46). von Zabern, Mainz 1997, ISBN 3-8053-2310-7. Aidan Dodson: On the date of the unfinished pyramid of Zawyet el-Aryan. In: Discussion in Egyptology. Nr. 3, Oxford 1985. Aidan Dodson, Dyan Hilton: The Complete Royal Families of Ancient Egypt. The American University in Cairo Press, London 2004, ISBN 977-424-878-3. K. S. B. Ryholt: The political situation in Egypt during the second Intermediate Period. B.C. c. 1800–1550. With an appendix by Adam Bülow-Jacobsen (= CNI-Publications. Band 20). Museum Tusculanum Press, Kopenhagen 1997, ISBN 87-7289-421-0. Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Albatros, Düsseldorf 2002, ISBN 3-491-96053-3. Rainer Stadelmann: Die ägyptischen Pyramiden. Vom Ziegelbau zum Weltwunder (= Kulturgeschichte der Antiken Welt. Band 30). von Zabern, Mainz 1985, ISBN 3-8053-0855-8. Rainer Stadelmann: Die großen Pyramiden von Giza. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1990, ISBN 3-201-01480-X. Nabil M. A. Swelim: Some Problems on the History of the Third Dynasty (= Archaeological and historical studies. Band 7). Archaeological Society of Alexandria, Cairo 1983. Miroslav Verner: Die Pyramiden (= rororo-Sachbuch. Band 60890). Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999, ISBN 3-499-60890-1. Miroslav Verner: Archaeological Remarks on the 4th and 5th Dynasty Chronology. In: Archiv Orientální. Band 69, Prag 2001, S. 363–418 (PDF; 31 MB). Dietrich Wildung: Die Rolle ägyptischer Könige im Bewußtsein ihrer Nachwelt. Teil I: Posthume Quellen über die Könige der ersten vier Dynastien (= Münchener Ägyptologische Studien. Band 17). Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 1969.

Weblinks The Ancient Egypt Site (englisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Altägyptischer König (Altes Reich) Kategorie:4. Dynastie (Ägypten) Kategorie:Geboren im 26. Jahrhundert v. Chr. Kategorie:Gestorben im 26. Jahrhundert v. Chr. Kategorie:Mann