Die Jazygen, auch Jazygier (, ) waren ein Stamm der iranischen Sarmaten (), eines antiken Volks von Reiterkriegern, das besonders in den älteren Quellen auch unter dem Namen Sauromaten () angeführt wird.

Herkunft Die ursprüngliche Heimat der Sarmaten – Sarmatien – waren die nordkaspischen Steppen an der Wolga, das Gebiet südlich des Urals sowie der Westteil des heutigen Kasachstan.Renate Rolle (Hrsg.): Gold der Steppe. Archäologie der Ukraine. Wachholtz, Neumünster 1991, ISBN 3529018414. S. 212. Wie archäologische Funde zeigen, verließen die Sarmaten im Laufe des 6. Jahrhunderts v. Chr. ihre Heimat.Marianne Karabelnik-Matta (Hrsg.): Aus den Schatzkammern Eurasiens. Meisterwerke antiker Kunst. Kunsthaus Zürich, 29. Januar bis 2. Mai 1993 Kunsthaus, Zürich 1993. S. 247. Im 5. Jahrhundert v. Chr. berichtet der griechische Geschichtsschreiber Herodot über das Territorium der Sauromaten östlich der Tanaïs (Don).Herodot 4, 21: „Wenn man den Tanaïs überschreitet, findet man kein Skythenland mehr; sondern das erste Gebiet gehört den Sauromaten, die das Land erlöst haben und einen fünfzehn Tage langen Streifen nördlich von der Spitze des Maietissees bewohnen, ein Land ganz ohne wilde und veredelte Bäume.“ Dieser Fluss galt in der Antike als Demarkationslinie zwischen Europa und Asien. Herodot berichtet auch vom mythischen Ursprung der Sauromaten, die aus den Beziehungen von skythischen Jünglingen mit Amazonen entstammen sollen und auf den Steppen am Asowschen Meer zu Hause waren. Ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. lokalisieren antike Autoren die Sarmaten bereits westlich des Don. Eine erste Nennung von Sarmatien und des Stammesnamens Sarmaten ist aus Schriften des Heraklit von Pontos (390–310 v. Chr.) bekannt. Der Geschichtsschreiber Diodor von Sizilien berichtet im 1. Jahrhundert v. Chr. von einer iranischen Herkunft der Sauromaten. Dies erwähnt auch der Römer Plinius der Ältere. Derselbe sowie Pomponius Mela berichten im 1. Jahrhundert n. Chr. weiter, dass die Sarmaten ein Volk sind, das aus mehreren Stämmen besteht, die eigene Namen tragen. Plinius nennt auch einen anderen Namen für die Sauromaten: Serboi.Plinius: Naturalis historia 6, 19.

Die Jazygen waren möglicherweise auf Druck der Goten, Aorsen und Alanen ähnlich wie die nachfolgenden sarmatischen Roxolanen nach Westen gezogen und noch vor der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.Paul Lambrechts u. a. (Hrsg.): Abriß der Geschichte antiker Randkulturen. Oldenbourg-Verlag, München 1961, S. 141. im östlichen Pannonischen Becken ansässig geworden.Ion Ioniţă: Sarmaten. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 26. de Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-017734-X, S. 511.

Auf ihrem Zug nach Westen waren die Jazygen zunächst in die östlichen dakischen Gebiete vorgedrungen. Teile ihres Stammes blieben eine Zeitlang östlich der Karpaten und zogen dann in westliche Richtung weiter. Ihre Route folgte dem Dnjestr nach Norden und Nordwesten. Anschließend umgingen sie im Norden die Gebirgszüge der Karpaten und richteten sich zwischen dem östlichen und nördlichen Donauufer entlang der Grenze zur römischen Provinz Pannonien ein. Ihr Siedlungsgebiet reichte nach Osten über die Theiß in die Ungarischen Tiefebene. Sie entwickelten rasch sehr gute Beziehungen zu den nordwestlich lebenden germanischen Quaden, die jahrhundertelang hielten. Der Stamm der Roxolanen siedelte in der Walachei,Martin Eggers: Sarmaten. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 26. de Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-017734-X, S. 505. an der Nordgrenze der Provinz Mösien und später auch im Banater Raum.Christian Körner: Philippus Arabs. Ein Soldatenkaiser in der Tradition des antoninisch-severischen Prinzipats. (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte 61). de Gruyter, Berlin u. a. 2002, ISBN 3-11-017205-4, S. 150–151.

Die Jazygen in der Pannonischen Tiefebene mini|Sarmatische Panzerreiter fliehen vor römischer Kavallerie, Abbildung an der Trajanssäule, Rom. Die Römer waren im angehenden 1. Jahrhundert n. Chr. um Sicherungsmaßnahmen gegen das als potentiellen Gegner angesehene Dakien bemüht und förderten um 20 n. Chr. die Ansiedlung der einwandernden sarmatischen Reiterkrieger der Jazygen im östlich und nördlich der Donau liegenden Barbaricum des Pannonischen Beckens. Sie hofften, mit den Jazygen einen Bundesgenossen zu gewinnen, der dakische Angriffe von der Ostflanke der römischen Provinz Pannonien im Vorfeld abwehren würde.Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit. Beck, München 1995, ISBN 3-406-36316-4, S. 271.

Quadische Machtfrage Erste Bedeutung als militärische Macht erlangten die Jazygen während der Regierungszeit des von Rom eingesetzten germanischen Quaden-Königs Vannius (19–50). In dieser Zeit wurden auch die jahrhundertelangen guten Beziehungen zwischen den beiden Volksgruppen geknüpft. Vannius hatte es geschafft, zum König aller Quaden aufzusteigen und konnte seine Herrschaft auch über die Jazygen ausdehnen, wie der Geschichtsschreiber Tacitus berichtete.Tacitus: Annales XII, 29, 1–3. Kaiser Claudius (41–54 n. Chr.) wurde der erfolgreiche König letztendlich zu mächtig und so leiteten die Römer einen Umsturz ein, indem sie die beiden Neffen des Vannius, Vangio und Sido, als seine Nachfolger einsetzten. Vannius, der Claudius mehrfach erfolglos um Hilfe bat, verschanzte sich mit seinen Kriegern und den verbündeten Jazygen hinter Fluchtburgen, doch die Jazygen forderten eine offene Feldschlacht gegen die beiden Brüder und deren Verbündete. Diese endete mit einem Debakel für Vannius, der auf der Flucht den Römern in die Arme fiel. Unter Kaiser Vespasian (69–79) gehörten Vangio und Sido zu dessen treuen Bundesgenossen und kämpften im Jahr 69 mit einer Auswahl ihrer besten Krieger gemeinsam mit den Jazygen während der Zweiten Schlacht von Cremona in der vordersten Linie.Herwig Wolfram: Gotische Studien. Volk und Herrschaft im frühen Mittelalter. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52957-7, S. 59–60; Tacitus: Historiae III 5, 1; 21, 2; Tacitus: Annales XII, 30, 2.

Dakische Grenzstreitigkeiten Der mit den Roxolanen verbündete dakische König Decebalus (ca. 85–105 n. Chr.)Claude Lepelley: Rom und das Reich 44 v. Chr.–260 n. Chr. Bd. 2. Die Regionen des Reiches. Saur. München, Leipzig 2001, ISBN 3-598-77449-4, S. 268. konnte den Jazygen Teile ihrer östlichen Gebiete im Pannonischen Becken entreißen,Christo M. Danov: Die Thraker auf dem Ostbalkan. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Bd. II, 7,1, de Gruyter, Berlin, New York 1979, ISBN 3-11-006875-3, S. 23–182, hier: S. 169. was zu anhaltenden Spannungen um diese Ländereien führte. Als Kaiser Domitian (81–96) die verbündeten Jazygen, Quaden und Markomannen zur Waffenhilfe gegen die im Winter 88/89 in der Provinz Mösien eingefallenen Daker aufrief, verweigerten sie ihre Gefolgstreue, weshalb Domitian eine Strafexpedition gegen die Markomannen ansetzen ließ, die jedoch katastrophal scheiterte. Erst nach den für Rom verlustreichen Dakerfeldzügen und dem anschließenden kompromittierenden Friedensschluss mit Decebalus wurde für den Herbst 89 eine erneute Strafexpedition gegen alle drei treulosen Stämme entsandt, doch musste sie ergebnislos abgebrochen werden. Um seine ehemaligen Verbündeten doch noch zu schwächen, stellte sich Domitian 92/93 während der Grenzkonflikte zwischen Markomannen, Quaden und den ostgermanischen Lugiern auf die Seite der Lugier. Daraufhin verbündeten sich die beiden Germanenstämme erneut mit den Jazygen und griffen Pannonien von Norden und Westen an. In Brigetio gelang es dabei den Jazygen, die Legio XXI Rapax zu vernichten.Marcelo Tilman Schmitt: Die römische Außenpolitik des 2. Jahrhunderts n. Chr. Steiner, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07106-7, S. 84–85. Noch im Jahr 92 gelang es dem herbeigeeilten Domitian jedoch, den Stamm zu besiegen.

Nach der Teilung der Provinz Pannonien in Pannonia superior (Oberpannonien) und Pannonia inferior (Niederpannonien) musste der erste niederpannonische Statthalter und spätere Kaiser Hadrian (117–138) im Jahr 107 n. Chr. erneut einen Krieg gegen die Kataphrakten und Bogenschützen der Jazygen führen. Der Grund dazu war nach dem siegreichen Einmarsch der römischen Armee in Dakien gelegt worden. Die Jazygen hatten sich zuvor mit den Römern verbündet. Sie erwogen die geschürte Hoffnung, nach einem siegreichen Abschluss des Feldzuges ihr unter Decebalus verlorengegangenes Territorium von Kaiser Trajan zurückzuerhalten. Doch dieser verweigerte nach der Einnahme Dakiens jegliche Gebietsabtretungen.Karl Strobel: Untersuchungen zu den Dakerkriegen Trajans. Studien zur Geschichte des mittleren und unteren Donauraumes in der Hohen Kaiserzeit. Habelt, Bonn 1984 (Antiquitas, Reihe 1, 33), ISBN 3-7749-2021-4, S. 205. Die Jazygen fühlten sich um ihre Beute betrogen und nahmen dies zum Anlass für einen Rachekrieg, der sich gegen die neugegründete Provinz Dakien richtete, da sie hofften, ihre verlorenen Gebiete doch noch zurückerobern zu können. In der sich für die Römer nun ergebenen unruhigen Lage wagte auch die besiegte dakische Bevölkerung einen Aufstand.

Etwa Anfang 117 begannen die Jazygen und Roxolanen gemeinsam, römisches Grenzgebiet in Dakien anzugreifen.Jörg Fündling: Kommentar zur Vita Hadriani der Historia Augusta (= Antiquitas. Reihe 4: Beiträge zur Historia-Augusta-Forschung. Serie 3: Kommentare; Bd. 4.). Habelt, Bonn 2006, ISBN 3-7749-3390-1, S. 405. Im Herbst 117 war Hadrian daher erneut an der Donaufront, übernahm die Führung des Feldzuges von Niedermösien aus und konnte die Kämpfe im Jahr 118 beilegen. Die besiegten Jazygen sollten gemeinsam mit den germanischen Quaden Roms Grenzen vor räuberischen Einfällen schützen. Jedoch blieben beide Stämme unberechenbar.

Markomannenkriege Erster Krieg mini|Römische Soldaten kämpfen während der Markomannenkriege gegen Germanen. Grabstein aus Brigetio, um 173 n. Chr.: Ae(lio) Septimo opt(ioni) leg(ionis) I / [Ad]i(utricis) desideratus est / [bello 3]aris qui vix(it); mögl. Übersetzung: „Dem Aelius Septimus, Unteroffizier der Legio I Adiutrix, vermisst im Krieg gegen die (N?)aristen, der lebte …“ Während der Markomannenkriege (166–180) waren die Jazygen neben den germanischen Markomannen, Quaden und Vandalen die Hauptgegner der Römer.