miniatur|250px|Kaum wahrnehmbare Grenze auf der Autobahn (A12/BAB3), 2007 Die deutsch-niederländischen Beziehungen betreffen die Nachbarländer Deutschland und die Niederlande. Beide Länder gehören vielen europäischen und globalen Organisationen wie der EU an. Regionale und kommunale Akteure arbeiten in vier Euregios zusammen, um das Leben an der gegenseitigen Grenze zu vereinfachen.
Bestimmend für das Verhältnis ist die unterschiedliche Größe: Für die Niederlande ist Deutschland ein großer Nachbarstaat, in dem etwa fünfmal so viele Menschen leben. Der einzige sonstige Nachbarstaat heißt Belgien. Aus deutscher Sicht sind die Niederlande nur eines von mehreren kleineren Nachbarländern. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Geschichte des Zweiten Weltkrieges: Die Niederlande waren vom Mai 1940 bis 1944/1945 vom nationalsozialistischen Deutschland besetzt.
Die deutsche und die niederländische Sprache sind nahe miteinander verwandt, da beide aus Dialekten des kontinentalwestgermanischen Dialektkontinuums entstanden sind. Bis in die Frühe Neuzeit gehörten die Gebiete der beiden heutigen Staaten zum Heiligen Römischen Reich. Ferner gibt es Gemeinsamkeiten in der Religion und Kultur. Es gibt einen regen Handelsaustausch, nicht zuletzt über den Rhein als Wasserstraße, und beide Länder sind für das jeweils andere ein beliebtes Touristenziel.
Geschichte Vor der Gründung des Deutschen Reiches (bis 1871) Die niederländisch-deutschen Beziehungen entwickelten sich lange Zeit nicht zwischen zwei Nationalstaaten. Während sich mit der Republik der Vereinigten Niederlande bereits im 16. und 17. Jahrhundert ein eigenständiger niederländischer Staat herausbildete, blieben die deutschen Gebiete bis 1871 politisch in zahlreiche eigenständige Staaten und Territorien geteilt. Die Beziehungen der Niederlande konzentrierten sich zu dieser Zeit daher vor allem auf die unmittelbar benachbarten deutschen Staaten sowie auf die am Rhein gelegenen Gebiete und Städte, mit denen enge Handels-, Verkehrs- und Migrationsbeziehungen bestanden.
Die deutsche Migration in die Niederländische Republik nahm bereits im 16. Jahrhundert deutlich zu und gewann im 17. Jahrhundert weiter an Bedeutung. Dabei war die Wanderungsbewegung weitgehend einseitig: Viele Deutsche zogen in die wirtschaftlich aufstrebenden niederländischen Gebiete, während deutlich weniger Niederländer in die deutschen Gebiete wanderten. Die deutschen Einwanderer hatten bei der niederländischen Bevölkerung ein geringes gesellschaftliches Ansehen und genossen keinen guten Ruf. In populären Lustspielen wurden sie daher häufig als mürrisch, einfältig und betrunken dargestellt und dienten dabei oft als komischen Figuren. Ein häufig verwendeter Spottname für Deutsche aus dieser Zeit war „mof“, ein Begriff, der bereits seit dem 16. Jahrhundert belegt ist und vermutlich abgeleitet von Muff und muffig.Helmut Glück: Deutsch als Fremdsprache in Europa vom Mittelalter bis zur Barockzeit. 2002, S. 31.
Der niederländische Begriff war auch in Deutschland bekannt und wurde von den Brüdern Grimm als Muff („Spottwort der Holländer wider die Niedersachsen“) im Deutschen Wörterbuch gebucht.
Die meisten Deutschen stammten aus dem Nordwesten des heutigen Deutschlands, insbesondere aus Nordfriesland. Später entwickelte sich das Münsterland zu einem ebenso bedeutenden Herkunftsgebiet deutscher Einwanderer. Viele dieser Westfalen lernten die Niederlande als sogenannte „Hollandgänger“ kennen, saisonale Arbeitskräfte, die während der Heuernte in die Niederlande zogen, um Gras zu mähen. Ein Teil von ihnen fand anschließend dauerhaft Arbeit als Tagelöhner in niederländischen Städten. Im 19. Jahrhundert ließen sich viele deutsche Tödden, dauerhaft in den Niederlanden nieder, insbesondere als Schneider und Betreiber von Warenhäusern beziehungsweise größeren Einzelhandelsgeschäften. Eine auffallend große Zahl der größten niederländischen Warenhäuser, wie Brenninkmeijer, Dreesmann sowie Peek & Cloppenburg, hat deshalb deutsche Wurzeln. Ein erheblicher Teil der umherziehenden deutschen Hausierer wurde aber Teil der sogenannten „woonwagenbewoners“, einer niederländischen Subkultur ehemaliger Landfahrer.
Nach der napoleonischen Zeit war das Königreich der Niederlande (seit 1815) neutral. Zwischen 1839 und 1866 waren Teile der niederländischen Provinz Limburg gleichzeitig Teil der Deutschen Bund; dasselbe galt für Luxemburg, dessen Großherzog gleichzeitig der niederländische König war. Dieses Verhältnis endete mit dem Deutschen Bund. Die Niederlande nahmen dann bilaterale Beziehungen mit dem Norddeutschen Bund von 1867 auf.
Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit (1914–1939) mini|Karikatur von Albert Hahn (1915) über das Grenzhochspannungshindernis an der belgisch-niederländischen Grenze. Die deutsche Invasion des neutralen Belgiens im Jahr 1914, begleitet von Berichten über Gräueltaten und dem massenhaften Zustrom belgischer Flüchtlinge in die Niederlande, beeinträchtigte das niederländische Ansehen Deutschlands erheblich und weckte die Befürchtung, dass die niederländische Neutralität das Land möglicherweise nicht vor deutscher Expansionspolitik schützen würde.
Im Jahr 1915 führte der Bau des Grenzhochspannungshindernis, eines elektrifizierten deutschen Grenzzauns, der Belgier daran hinderte, aus dem besetzten Belgien in die Niederlande zu fliehen und zahlreiche Menschen auf grausame Weise das Leben kostete, ebenfalls zu einer Zunahme der antideutschen Stimmung. Auch die deutsche U-Boot-Kampagne, durch die niederländische Handels- und Fischerboote bedroht und versenkt wurden, verstärkte die ablehnende Haltung gegenüber Deutschland zusätzlich, da sie unmittelbar niederländische Menschenleben, den Handel und die Neutralität des Landes gefährdete.Maartje Abbenhuis: The Art of Staying Neutral: The Netherlands in the First World War, 1914–1918, Amsterdam University Press, Amsterdam, 2006, S. 423
Als Deutschland sich in einem Zustand der Revolution befand, floh Kaiser Wilhelm II. von seinem Hauptquartier in Spa in die Niederlande. Am 10. November 1918 traf er mit seinem Gefolge im limburgischen Grenzort Eijsden ein. Bis zu seinem Tod im Jahr 1941 lebte Wilhelm II. in den Niederlanden, zunächst in Schloss Amerongen und später in Huis Doorn. Auf seinem Schreibtisch in Doorn standen drei Porträts: eines des Großen Kurfürsten, eines von Jesus Christus und eines von Wilhelm von Oranien.Beatrice de Graaf: Vorstin op vredespad. Wilhelm II en Wilhelmina en het einde van de Eerste Wereldoorlog, in: Tijdschrift voor Geschiedenis, Volume 131, Issue 4, Amsterdam University Press, 2018, S. 577–604.
Obwohl die offizielle Haltung der niederländischen Regierung stets gewesen ist, dass sie von der Ankunft Wilhelms II. und seinem anschließenden Asylgesuch völlig überrascht worden sei, kamen schon bald Gerüchte auf, dass die niederländische Königin Wilhelmina eine Rolle bei den Ereignissen gespielt habe. Allgemein bekannt war, dass die Beziehungen zwischen Wilhelm II. und seiner Großnichte Wilhelmina eng waren. Dennoch beharrte Wilhelmina bis zu ihrem Tod darauf, von der Ankunft Wilhelms II. völlig überrascht worden zu sein. Verschiedene Historiker bezweifeln dies jedoch und argumentieren, dass es zwar keinen endgültigen Beweis gebe, aber starke Indizien dafür sprächen, dass die niederländische Regierung im Vorfeld von Wilhelms Ankunft gewusst habe und dass ihm auf Drängen Wilhelminas Asyl gewährt worden sei.
mini|Rotterdam 1940, nach dem deutschen Bombenangriff
mini|Bakker-Schut-Plan mini|1975 wurde in Bonn ein Abkommen unterzeichnet, das die Zusammenlegung der Grenzabfertigung regelte.
Zweiten Weltkrieg (1939–1945) Der Zweite Weltkrieg führte zu einer weitgehenden Zerrüttung des Verhältnisses beider Länder: Nach dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 wurde das Land ausgebeutet, viele junge Männer zur Zwangsarbeit verpflichtet, knapp drei Viertel der jüdischen Bevölkerung verschleppt und ermordet und viele Gebäude und Straßen zerstört. In der Zeit der deutschen Besatzung wurden nationale Stereotypen verstärkt, die noch lange nachwirkten. Nach dem Krieg wurden deutsche Kriegsgefangene zu Aufräumarbeiten verpflichtet und bemühte sich die niederländische Regierung über den so genannten Bakker-Schut-Plan um die Annexion großer Gebiete im Nordwesten Deutschlands. Dies wurde von den Alliierten allerdings abgelehnt. 1947 forderten die Niederlande kleine Territorien, in denen damals ungefähr 160.000 Menschen lebten. Tatsächlich annektiert wurden 1949 nur sehr kleine Landstriche, darunter Gebiete bei Sittard mit 5665 und Elten mit 3235 Einwohnern. Die meisten annektierten Gebiete wurden aber 1963, eine Straßenverbindung 2002 zurückgegeben. Bei den Niederlanden verblieb der Wylerberg. Zwei Deutschlands (1949–1990)
Die Einreise in die Niederlande war Deutschen in den ersten Nachkriegsjahren in der Regel nur in Familienangelegenheiten oder aus beruflichem / geschäftlichem Anlass gestattet. Auf Initiative von Kaplan Johannes Bours, der im seit 1945 niederländischen Elten geboren war, durfte im Sommer 1950 erstmals eine Jugendgruppe des Bundes Neudeutschland „anlasslos“ einreisen und eine Radtour durch die Niederlande unternehmen – ein damals vielbeachtetes Ereignis.Paul Deselaers: Und doch ist Hoffnung. Gedanken zu und von Johannes Bours. Herder, Freiburg im Breisgau 1992, ISBN 3-451-22897-1, S. 25–26.
Seit der deutschen Wiedervereinigung (1990–heute) Die Wiedervereinigung 1990 belebte Ängste vor einer neuen Dominanz Deutschlands. Dazu kam Anfang der 1990er Jahre eine Serie von fremdenfeindlichen Anschlägen. Nach dem Mordanschlag von Solingen schickten 1,2 Millionen Niederländer vorgedruckte Protestpostkarten mit dem Titel „Ik ben woedend“ (Ich bin wütend) ab. Am Ende wurden die Karten gesammelt und unter großer Medienaufmerksamkeit an Kanzleramtsminister Friedrich Bohl in Bonn übergeben.Christoph Driessen: Mit dem Rücken zum Nachbarn. Das schwierige Verhältnis zu Deutschland. In: Christoph Driessen: Geschichte der Niederlande. Regensburg 2009, S. 250.Bernd Müller: Stille Tage im Klischee: Stinn, Unsinn und Entwicklung niederländischer Deutschlandbilder. In Bernd Müller, Friso Wielenga (Hrsg.:): Kannitverstan? Deutschlandbilder aus den Niederlanden. agenda Verlag, Münster 1995, S. 15–29, hier S. 25. Die sozialliberale Regierung von Ministerpräsident Wim Kok erklärte die Verbesserung des deutsch-niederländischen Verhältnisses offiziell zum Ziel. 1995 kam Bundeskanzler Helmut Kohl zu einem offiziellen Besuch in die Niederlande und sprach in deutlichen Worten über deutsche Untaten während des Krieges, wie die Bombardierung Rotterdams.Zit.n.: Christoph Driessen: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland. Regensburg 2009, S. 252. Er appellierte jedoch an die niederländische Jugend, sich selbst ein Bild davon zu machen, wie sehr sich Deutschland verändert habe. Seitdem hat sich das deutsch-niederländische Verhältnis kontinuierlich verbessert.
Personen Monarchie miniatur|hochkant|Königinwitwe und Regentin Emma und mit ihrer Tochter Wilhelmina, 1897 miniatur|links|Bernhard zur Lippe-Biesterfeld, 1942
Die Königshäuser Oranien (Niederlande) und Hohenzollern (Preußen bzw. Deutschland) sind verwandtschaftlich miteinander verbunden. Seit 1890 regierte die deutschstämmige Königin Emma, geborene zu Waldeck und Pyrmont für ihre Tochter, die spätere Königin Wilhelmina. Sowohl Wilhelmina und ihre Tochter Juliana als auch ihre Enkelin Beatrix haben Deutsche geheiratet: Wilhelmina den mecklenburgisch-strelitzschen Prinzen Heinrich zu Mecklenburg, Juliana den lippischen Adligen Bernhard zur Lippe-Biesterfeld und Beatrix den niederen Adligen Claus von Amsberg aus dem Wendland.