mini|hochkant=1.4|Notre-Dame du Port, Chorhaupt von Südosten mini|hochkant=1.4|Massif barlong über der Apsis Die ehemalige Wallfahrts- und Stiftskirche Notre-Dame-du-Port befindet sich in der Stadt Clermont-Ferrand in der Région Auvergne-Rhône-Alpes (Département Puy-de-Dôme) im Talbecken des Flusses Allier, etwa 170 km westlich von Lyon. Sie wird eingeschlossen und teilweise sogar verdeckt von einer gewöhnlichen Wohn- und Geschäftshausbebauung des alten Stadtviertels Port (von lat. Portus, Markt, Lager, Handelsplatz, Hafen), von dem sie einen Teil ihres Namens erhielt.
Die Kirche Notre-Dame-du-Port gehört zu den Hauptkirchen der Basse-Auvergne oder der Limagne, so wie die Kirchen von Orcival, Saint-Nectaire, Issoire, Saint-Saturnin und Mozac, die alle in der Umgebung von Clermont-Ferrand stehen. Sie ist repräsentativ für die regionale Auvergnatische Bauschule der Romanik und die älteste der noch erhaltenen Kirchen dieser Schule, die sich bis ins Detail gleichen. Die ehemalige romanische Kathedrale von Clermont-Ferrand würde als ihre Mutterkirche auch dazu gehören, wenn sie nicht einem gotischen Neubau hätte weichen müssen.
Seit 1998 gehört die Kirche zum Teil des Weltkulturerbe Jakobsweg in Frankreich.
Geschichte Antike und Völkerwanderungszeit Vor den Römern siedelten in dieser Region der gallische (oder keltische) Stamm der Arverner. Im Gebiet der heutigen Altstadt von Clermont lag wahrscheinlich eine gallische Siedlung, zumindest aber ein Heiligtum. In der Antike, bis ins 1. Jahrhundert, war der gallische Name Nemossos in Gebrauch.
Deutlich bekannter ist die nur wenige Kilometer vom heutigen Stadtzentrum gelegene alte Fliehburg des Keltenstamms der Arverner mit dem späteren Namen Gergovia (frz. Gergovie), auf einem steil aufragenden vulkanischen Plateauberg. Im Jahr 52 vor unserer Zeitrechnung belagerte Cäsar mit sechs Legionen die sich dort verschanzenden Gallier unter ihrem Führer Vercingetorix, musste aber eine seiner größten Niederlagen hinnehmen.
Nachdem Cäsar noch im selben Jahr in Alesia (Burgund) die Gallier unter Vercingetorix besiegt hatte, besetzten die Römer auch das Land der averna civitas, und die nun gallo-römische Stadt erhielt den Namen Nemetum, später Augustonemetum (1. bis 3. Jahrhundert) und wurde eine der zahlreichen gut ausgebauten Zentren in der gallischen Provinz. Auf dem Puy de Dôme wurde aus einem keltischen Heiligtum ein römischer Mercurius-Tempel.
Vom 3. bis ins 9. Jahrhundert hieß die Stadt Avernis, in Erinnerung an ihre keltischen Vorfahren. Die städtische Oberschicht war überaus reich. Der heilige Martin verließ die Stadt angewidert, weil er mit zu großem Prunk und Aufwand empfangen wurde. Das geschah im 4. Jahrhundert, als die gesamte Region christlich, und die Stadt Sitz eines Bistums geworden war, wie die meisten der römischen Städte.
Zur Zeit der Völkerwanderung (4. bis 6. Jahrhundert) überfielen Westgoten, Franken, Sarazenen und Wikinger wiederholt die Stadt und plünderten sie.
Mittelalter Im 5. Jahrhundert ließ der Bischof Namatius in der Stadt eine Kirche errichten, die er den heiligen Märtyrern von Bologna, Vitalis und Agricola weihte.
Die erste Kirche am späteren Standort von Notre-Dame-du-Port ließ der heilige Avius, Bischof der Stadt Avernis (dem späteren Clermont), in den Jahren 571 bis 574 errichten.
Beim Zusammenbruch des Römischen Reiches verließ die gallo-römische Oberschicht nicht die Stadt, wie es sonst häufig stattfand. Sie blieb bis ins Hochmittelalter Träger einer römischen Tradition und war eine der bedeutendsten und kulturell hochstehendsten Zentren in der Merowingerzeit und im Frankenreich. Nicht zufällig entstammt der angesehene Schriftsteller und Chronist Gregor von Tours der Oberschicht von Arvernis.
Erstmals im 8. Jahrhundert taucht der neue Name der Stadt Clairmont (damalige Schreibweise) auf, offiziell eingeführt seit 848.
Die Vorgängerkirche von Notre-Dame du Port blieb anscheinend von den Soldaten Pippins, die die Stadt 761 brandschatzten, verschont, nicht aber von den normannischen Einfällen, die die Auvergne 864 heimsuchten. Bei den letzten Einfällen der Normannen 916 und 923 wurde Clermont völlig zerstört. Bischof Signon ließ die alte Basilika restaurieren und wurde dort 875 beigesetzt.
Lange Zeit wurde die Kirche als die „Hauptkirche der Heiligen Jungfrau“ bezeichnet. Dieser Name stammt aus der Zeit, als die Hauptkirche der Stadt, die Kathedrale, als mater ecclesia der ganzen Diözese, noch nicht der Gottesmutter geweiht war. Als dann gegen Ende des 10. Jahrhunderts die Kathedrale von Stephan II. der Jungfrau Maria geweiht worden ist, wurde die alte Bezeichnung aufgegeben und es setzte sich der Namenszusatz du-port durch, nach dem Namen des Stadtviertels, in der die Kirche stand.
Stephan II., von 937 bis 972 (?) Bischof der Auvergne, gleichzeitig Abt von Ste-Foy de Conques und Bischof von Clairmont, sammelte die überlebenden Einwohner, um mit ihnen eine gänzlich neue Stadt aufzubauen. Die damals entstandenen städtebaulichen Strukturen sind noch heute weitgehend erhalten.
Auf dem höchstgelegenen Platz der Stadt ließ er eine Kathedrale errichten, das spätere Vorbild aller romanischen Kirchen der Auvergne. Sie ist Vorgängerin der heutigen gotischen Kathedrale, die über ihren Grundmauern, vermutlich auch ihrer Krypta, errichtet worden ist. Über das genaue Datum der Errichtung dieser romanischen Kirche und deren Krypta gibt es unterschiedliche Auffassungen der Historiker. Als allgemein anerkannt wird das Jahr 946 (und 947) als Weihedatum angenommen. Nicht unwahrscheinlich scheint auch eine andere Datierung der Weihen der Krypta um 946 und der Oberkirche „etwas vor 1029“.
Notre-Dame du Port war eine Stiftskirche. Das möglicherweise von Bischof Stephan Mitte des 10. Jahrhunderts gegründete Stiftskapitel bestand bis zur Revolution.
Auch über die Erbauungsdaten von Notre-Dame du Port gibt es unterschiedliche und teilweise unsichere Annahmen. Nach geläufiger Interpretation der Quellen, wurde mit dem Bau der Kirche in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts begonnen. Ihre Fertigstellung soll erst um 1185 erfolgt sein, nachdem für die Vollendung des Bauwerks gesammelt worden war. Der Bischof von Clairmont musste seinem Ersuchen um Freigiebigkeit bei seinen Diözesanen Nachdruck verleihen. Als letztes wurde der Narthex mit den ihn einst überragenden beiden Türmen fertig gestellt.
Archäologische Untersuchungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben nicht weniger als sechs am heutigen Bauwerk erkennbare Bauperioden festgestellt. So sollen zum Beispiel von der im 6. Jahrhundert vom heiligen Avius errichteten Basilika noch die Unterteile des Narthex vorhanden sein. Angeblich sollen Chor und Querschiff aus dem 11. Jahrhundert stammen, und das im 10. Jahrhundert errichtete Mittelschiff soll nachträglich eingewölbt worden sein.
Jüngere Quellen sprechen aber davon, dass Notre-Dame du Port allem Anschein nach in einer einzigen kurzen Bauperiode errichtet worden ist. Belegt wird diese Auffassung mit der „außergewöhnlichen Einheitlichkeit des Gebäudes“, und der „tief greifenden Konformität der Bauteile zueinander“, verbunden mit einer „vollkommenen und äußerst seltenen Homogenität“. mini|hochkant=0.6|links|Jakobspilger, Holzschnitt von 1568 Die romanische Kathedrale von Clairmont galt in der Mitte des 10. Jahrhunderts als ein Bauwerk ersten Ranges und erfuhr weit über die Grenzen der Region hinaus Anerkennung. Es gäbe sie vielleicht heute noch, wenn nicht das Kapitel 1248 beschlossen hätte, sie abzureißen, um eine neue, dem damaligen Zeitgeschmack entsprechende gotische Kathedrale zu errichten.
Die recht späte Fertigstellung – erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts – von Notre-Dame du Port als typische Pilgerkirche mit Chorumgang und Kapellen, ließ sie kaum noch von den Wallfahrten nach Santiago de Compostela in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts profitieren. Die Pilgerbewegungen gingen Mitte des 12. Jahrhunderts, beginnend mit dem Streit zwischen Frankreich und England um Aquitanien, wesentlich zurück. Die Kriege des 13. und 14. Jahrhunderts brachten dramatische Einbrüche der Pilgerfahrten im Südwesten des heutigen Frankreich, die erst in unseren Zeiten wieder auflebten.
Clermont-Ferrand liegt an einer Nebenroute des Jakobswegs, etwa mittig zwischen den Hauptrouten der Via Lemovicensis (mit Beginn in Vézelay) und der Via Podiensis (mit Beginn in Le Puy).
Der Hundertjährige Krieg und die Religionskriege hinterließen offensichtlich an Notre-Dame-du-Port keine wesentlichen Spuren.
Stattdessen fiel dem großen Erdbeben von 1478 der Vierungsturm zum Opfer. Er ist wohl eingestürzt und konnte damals wegen fehlender Mittel nicht wiederhergestellt werden. Vielleicht trifft das auch für die beiden Fassadentürme zu. Sie werden allerdings in den Archivalien nicht erwähnt.
Neuzeit mini|links|Notre-Dame-du-Port, Zustand vor der Restaurierung Anfang des 19. Jahrhunderts Die Stadt Clairmont wurde 1631 mit Montferrand vereinigt zur Stadt Clermont-Ferrand.
Im 17. Jahrhundert gewann Notre-Dame du Port wieder an Bedeutung als Wallfahrtskirche. Die in dieser Kirche verehrte schwarze Madonna, die lange nach der romanischen Epoche von einer thronenden Madonna ersetzt wurde, ist in der Kirche Notre-Dame de La Souterraine zu sehen.
Infolge der Revolution von 1789 wurde die Inneneinrichtung der Kirche teilweise und einige Skulpturen des Südportals zerstört. Vermutlich wurden in dieser Zeit die Stiftsgebäude abgebrochen.
Eine Druckgrafik aus der Zeit von 1817 bis 1824 zeigt die Südseite des damaligen Zustandes. Darauf ist zu erkennen, dass zwar der achteckige Vierungsturm fehlt, aber das massif barlong mit der Vierungskuppel und dem achteckigen Turmsockel erhalten ist. Es sind dementsprechend lediglich die beiden oberen Geschosse des Turms mit ihrem Helm infolge des Erdbebens von 1478 eingestürzt. Auf dieser Grafik ist der geschlossene Unterbau des Südturms des Westwerkes dargestellt, in einem Zustand, wie er etwa auch heute zu sehen ist. mini|links|Notre-Dame-du-Port, alter Grundrissplan, Zustand vor der Restaurierung Anfang des 19. Jahrhunderts Von 1823 bis 1825 errichtete man über dem Narthex einen mittleren Turm aus dunklem Andesitgestein aus Volvic. Das ursprüngliche Gebäude kannte nur die beiden Westwerktürme, ähnlich der Kirche Saint-Nectaire.
1841 wurde Notre-Dame du Port unter Denkmalschutz gestellt. Aimon-Gilbert Mallay (1805–1883) leitete wenig später ihre Restaurierung. In dieser Zeit sind wohl auch die beiden Querhauskapellen rekonstruiert worden, entsprechend dem Vorbild der Radialkapellen. Ein alter Grundriss mit der Anmerkung „vor der Restaurierung“ zeigt statt der Kapellen je eine viertelkreis-gewendelte Treppe, aus dem Vierungsarm, um 90 Grad geschwenkt, in das erste Joch des Umgangs (oder der Krypta), und ihre viertelkreisförmige Einhausung.
Mallay ist der wenig authentische Vierungsturm zu verdanken. Er ließ auch die vermutlich marode ursprüngliche Hohlziegeleindeckung gegen dunkle Dachplatten aus Volvic austauschen, wie dies auch bei anderen Kirchen der Region erfolgt ist. Das wurde allerdings bei Restaurierungen in den letzten Jahren rückgängig gemacht. Die Dächer sind wieder mit roten Hohlziegeln eingedeckt.
Mitte des 19. Jahrhunderts zeichnete Viollet-le-Duc einen Schnitt durch das Langhaus, in dem das Mittelschiff ein wenig die Dächer der Seitenschiffe überragt. Ob es sich dabei um eine Darstellung der Substanz oder um einen Restaurierungsvorschlag handelt, ist nicht bekannt. Die Druckgrafik vom Beginn des 19. Jahrhunderts zeigt diesen Versatz jedenfalls nicht. mini|links|Aufriss Langhaus Mitte des 19. Jahrhunderts von Viollet-le-Duc Das in den 1920er Jahren begonnene Abbeizen der Oberflächen des Innenraumes wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen, konnte aber kurz danach abgeschlossen werden.