mini|Neuer Tempel in der Poolstraße, 1844 Der Israelitische Tempel war die Synagoge des 1817 gegründeten Neuen Israelitischen Tempel-Vereins in Hamburg. Sie gilt als eine der ersten Reformsynagogen der Welt. Ihr Gebetritus war die erste Liturgie des Reformjudentums.

Die Predigt wurde als besonderer Bestandteil des Gottesdienstes in deutscher Sprache gehalten und der Prediger übernahm eine besondere Rolle im Gottesdienst, der bisher in der Regel allein vom Chasan (Kantor) gehalten worden war. Die Gebete wurden teilweise in deutscher Sprache oder nach sefardischem Vorbild gemäß dem Hamburger Gebetbuch gesprochen oder gesungen. Die Synagoge wurde Tempel genannt und war außen und innen von der Tradition stark abweichend gestaltet. Die ausschließliche Orientierung auf das Ziel, den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen, wurde aufgegeben.

Die historisch bedeutsame Synagoge bestand seit 1818 zunächst an der Ersten Brunnenstraße, von 1844 bis 1931 in der Poolstraße (beide in der Hamburger Neustadt) und von 1931 bis 1938 in der Oberstraße in Hamburg-Harvestehude.

Im Dezember 2020 kaufte die Stadt Hamburg ein Teilgrundstück des Poolstraßentempels, sprach sich für den Erhalt der Ruine aus und entwickelt ein Konzept, den ehemaligen Tempel der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Anfänge der Tempelgemeinde bis 1844 mini|Der Prediger Eduard Kley Gleichzeitig mit der Judenemanzipation in der Hamburger Franzosenzeit bildete sich in Deutschland eine an der jüdischen Aufklärung (Haskala) orientierte Reformbewegung des Judentums, die eine religiöse Erneuerung zum Ziel hatte. Israel Jacobson, Hoffaktor von Jérôme Bonaparte, gründete seit 1801 als erster in Seesen und später in Kassel die reformorientierte jüdische Jacobsonschule und eine Schulsynagoge, den Jacobstempel.

Nach dem Ende des Königreichs Westphalen initiierte Jacobson 1815 private Tempel-Veranstaltungen in Berlin, bei denen unter anderen die Prediger Isaak Levin Auerbach, Eduard Kley, Karl Siegfried Günsburg und Leopold Zunz gottesdienstliche deutschsprachige Vorträge mit deutschen Gebeten und Gesängen und Orgelmusik hielten.Der neu-israelitische Tempel in Hamburg. In: Illustrirte Zeitung Leipzig 1845 Nr. 82, IV. Band, S. 55, 56. Sie fanden, nachdem der sogenannte Palais ItzigAn der Burgstraße (Berlin) 26 stand 1765 ein Komplex von fünf Häusern, die für Daniel Itzig zum Palais Itzig umgebaut wurden. von Jacobsen aufgrund des großen Andrangs zu klein geworden war, von 1815 bis 1823 in einer neu gestalteten Synagoge (Beer-Tempel) im Haus des Industriellen Jacob Herz Beer (1759–1829) und seiner Frau Amalie Beer statt, die einen musikalischen Salon in Berlin hatte.Louise Hecht: Zunz in Prag: Ein vergessenes Kapitel in der jüdischen Kultreform In: Aschkenas https://doi.org/10.1515/asch-2021-0009 Zwar bewirkten altgläubige Kreise in Berlin ein Regierungsdekret, das 1817 die Schließung des Beer-Tempels befahl: Die deutschsprachigen Andachten waren unüblich, erregten Aversionen und schienen die Religionsgemeinschaft zu spalten. Jakob Hertz Beer intervenierte allerdings beim Staatskanzler Hardenberg, so dass die Gottesdienste wieder aufgenommen werden konnten. 1823 verbot die Regierung die Gottesdienste dann ganz.Deborah Hertz: Ihr offenes Haus – Amalia Beer und die Berliner Reform. Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte aus dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut 2. Jahrgang 1999 Heft 1 Erst im Jahr 1840 erhielten die Berliner Reformer wieder die Erlaubnis, einen „Reformtempel“ zu eröffnen.Deborah Hertz: Ihr offenes Haus – Amalia Beer und die Berliner Reform. 1999

Einer der Prediger aus Berlin, Eduard Kley, wurde 1817 nach Hamburg berufen, um als Oberlehrer und Schulleiter die jüdische Freischule zu leiten. Kley hielt an Sonntagen in dieser Hamburger Freischule Religionsvorträge für die Kinder öffentlich, so dass auch Erwachsene teilnehmen konnten. Diese Andachten waren nach dem Berliner Vorbild von Chorälen begleitet und fanden derart Anklang, dass aus dieser Bewegung des Reformjudentums heraus 65 jüdische Hausväter im Dezember 1817 in Hamburg den Neuen Israelitischen Tempelverein gründeten. Kley arbeitete an einem stark modifizierten liturgischen Gebetbuch mit, das auch neue Hymnen in deutscher Sprache enthielt. Das neue Gebetbuch des Tempelvereins war die erste umfassende jüdische Reformliturgie und erregte Widerstand im herkömmlichen Judentum in Hamburg.Michael A. Meyer: Antwort auf die Moderne. Böhlau, Wien 2000, S. 92–100.

Am 18. Oktober 1818, dem Gedenktag der Völkerschlacht, wurde in diesem Sinne ein erstes Gotteshaus in der südlichen Neustadt (Erste Brunnenstraße)Das Gelände des Tempelvereins mit dem Tempelgebäude war eine Querverbindung zwischen den Straßen Alter Steinweg und Erste Brunnenstraße, lag also nicht direkt am Großneumarkt. Die Adresse lautete: Alter Steinweg 42. Man erreichte den Tempel über einen Zugang von der Ersten Brunnenstraße. eingeweiht. Dabei waren auch Honoratioren wie Meyer Israel Bresselau, Lazarus Gumpel und Ruben Daniel Warburg (1773–1847).Auch Moses Ruben Daniel Warburg, Sohn von Daniel Samuel Warburg (1720–1796) und Genendel Warburg (geb. Friedburg, 1740–1821) Beim Hamburger Tempel handelte es sich um den ersten offiziellen deutschen reformsynagogischen Ort mit Orgel, deutscher Predigt und gemischtem Chorgesang.Ursula Wamser, Wilfried Weinke (Hrsg.): Eine verschwundene Welt: Jüdisches Leben am Grindel. Überarbeitete Neuauflage. Hamburg 2006, S. 66.

Im Tempel gab es von 1818 bis 1922 jeweils zwei Prediger. Alle Geistlichen am Tempel waren promoviert. Erster Prediger war Eduard Kley und 1818 wurde als zweiter Prediger Gotthold Salomon berufen. Kley und Salomon widmeten sich auch dem Unterricht an der neu gegründeten Freischule.

Kaum hatte sich diese neue Richtung etwas etabliert, gab es unabhängig davon Angriffe gegen Juden in Hamburg: Am 19. August 1819 wurden jüdische Gäste aus einem Kaffeehaus an der Binnenalster vertrieben (Hep-Hep-Krawalle).Bereits seit 1798 wurde in Hamburg eine intensive und langjährige Debatte geführt, ob jüdischen Gästen der Besuch der Kaffeehäuser gestattet sein sollte. Vgl. Stefan Rohrbacher: Nachwort, in: Jacob Katz: Die Hep-Hep-Verfolgungen des Jahres 1819, 1994, S. 122–136, hier S. 134 f. Erst am 26. August beendete die Verhängung des Ausnahmezustands und ein Militäreinsatz mit Androhung des Gebrauchs von Schusswaffen die Unruhen. Viele jüdische Bewohner Hamburgs waren inzwischen von Hamburg nach Altona geflohen, das damals zu Dänemark gehörte. Der Hamburger Senat nutzte in den kommenden Monaten die Vorfälle, um die vollständige Gleichstellung der Juden, die in der Hamburger Franzosenzeit eingeführt worden war, wieder aufzuheben. 1830 und 1835 wiederholten sich die Ausschreitungen gegen Juden in Hamburg.Stefan Rohrbacher: Ausschreitungen, antijüdische. In: Das Jüdische Hamburg. Abgerufen am 5. April 2025.

Während der Leipziger Messe 1820 wurden Gottesdienste im Stil des Beer-Tempels und des Hamburger Tempels gehalten, die die Reformbewegung auch im Ausland allgemein bekannt machten.Der neu-israelitische Tempel in Hamburg. In: Illustrirte Zeitung Leipzig 1845 Nr. 82, IV. Band, S. 55, 56. In Wien wurde 1821 eine Gemeinde nach Hamburger Vorbild gebildet, in der auch das Hamburger Gebet- und Gesangbuch eingeführt wurde. Ihr Rabbiner war Isaak Mannheimer.

Der evangelische Organist und Komponist Johann Friedrich Schwencke arrangierte für den Israelitischen Tempel 1833 die Melodieen zum neuen israelitischen Gesangbuche.David Leimdörfer (Hrsg.): Festschrift zum hundertjährigen Bestehen des Israelitischen Tempels in Hamburg 1818–1918. Hamburg 1918, S. 74.Tina Frühauf: Orgel und Orgelmusik in deutsch-jüdischer Kultur. 2005, ISBN 978-3-487-12872-6, S. 305.

Viele jüdische Flüchtlinge oder Exilanten nutzten die Hafenstadt Hamburg für die Ausreise. Manche lernten in Hamburg die Tempel-Reformbewegung kennen und nahmen diese Anregungen nach Amerika mit. In den USA wurde 1842 nach Hamburger Vorbild der Tempel Har Sinai in Baltimore gegründet. Diese Gemeinde übernahm das umstrittene Hamburger Tempelgebetbuch. 1845 folgten in New York City der Temple Emanu El. Heute gibt es in den USA sehr viele Reformgemeinden nach Hamburger Vorbild.vgl. den Aufsatz von Rose Proszowski über den Beginn des progressiven Judentums.

1840 folgte auf Kley Naphtali Frankfurter. Die Prediger Frankfurter und Salomon nahmen 1844 an der reformorientierten Braunschweiger Rabbinerversammlung teil und wurden 1848 beide in die Hamburger Konstituante gewählt.

Reformmerkmale und Hamburger Tempelstreit mini|Der Tempel in der Ersten Brunnenstraße/Alter Steinweg (1818–1844) mini|Das Innere des Tempels in der Ersten Brunnenstraße Besondere Merkmale der Reformen waren die Neuordnung des Gottesdienstes, die eine Orientierung an den christlich-protestantischen Gottesdienst nicht leugnen konnte, die Ähnlichkeit zwischen der Amtstracht der Pastoren und Rabbiner und die Neugestaltung der Synagoge als Tempel:

Die Predigt wurde als besonderer Bestandteil des Gottesdienstes in deutscher Sprache gehalten und der Rabbiner im Ornat übernahm eine besondere Rolle im Gottesdienst, der bisher in der Regel allein vom Chasan (Kantor) gehalten worden war. Von Eduard Kley wurde die Bar Mitzwa (religiöse Mündigkeit, erstes öffentliches Vorlesen aus der Tora für Jungen) durch eine Art jüdischer Konfirmation für Jungen und Mädchen ersetzt. Die Gebete wurden teilweise in deutscher Sprache oder nach sefardischem Vorbild gemäß dem Aufsehen erregenden Hamburger Gebetbuch gesprochen oder gesungen. Ein Beispiel ist das Fehlen des Gebets Kol Nidre am Vorabend zum Versöhnungstag, bei dem bestimmte Gelübde widerrufen werden können, das aber emotionale und musikalische Bedeutung hat. Viele Texte wurden gekürzt. Die Frauenräume wurden als Empore gestaltet und nicht mehr vergittert.

Die musikalische Gestaltung des Tempelgottesdienstes war eine aufsehenerregende Reform. Dass in einer Synagoge auf der Empore ein gemischter Chor zu Orgelbegleitung sang, war etwas vollkommen Neues und löste heftige Diskussionen aus.Andreas Brämer: Judentum und religiöse Reform. Hamburg 2000, S. 15 – Der ungarische Rabbiner Aaron Chorin veröffentlichte 1818 ein Buch zur Verteidigung der Orgel in der Synagoge.

Der Organist war ein Nichtjude (ab 1934 waren die Organisten jüdisch), also nicht der Kantor, denn am Sabbat war es Juden untersagt, ein Instrument zu spielen.Michael Koglin: Zu Fuß durch das jüdische Hamburg. 2009, S. 112. Der erste Kantor der Tempelgemeinde David Meldola führte sefardische Melodien ein und verrichtete die Gebete mit der sefardischen Aussprache, die zwar im Ruf sprachwissenschaftlicher Korrektheit stand,Andreas Brämer: Judentum und religiöse Reform. Hamburg 2000, S. 15. aber gegenüber der üblichen aschkenasischen Sprechweise als empfindlicher Bruch der Tradition galt. Teilweise wurde sogar die melodische Rezitation der Gebete und der Bibeltexte als unzeitgemäß angesehen und durch einfaches Vorlesen ersetzt. Für die Gesänge und Chorstücke im Tempel wurden außerdem neue Kompositionen geschrieben.