Sex-positiver Feminismus (engl. sex-positive feminism) ist eine Bewegung, die in den frühen 1980er Jahren in den Vereinigten Staaten entstand. Sie entstand als Reaktion auf die Versuche einiger Feministinnen wie Catharine MacKinnon oder Andrea Dworkin, die Pornografie in den Mittelpunkt feministischer Erklärungsmodelle für die Unterdrückung der Frau zu stellen.Vgl. Wendy McElroy: A Woman's Right to Pornography. 1995.

Im angelsächsischen Raum sind diese kontroversen Auseinandersetzungen zwischen sexpositiven und antipornografischen Feministinnen als sogenannte Feminist Sex Wars bekannt. Andere sexpositive Feministinnen beteiligten sich an diesen Auseinandersetzungen, wobei sie sich aus ihrer Sicht nicht gegen andere Feministinnen richteten, sondern gegen eine Entwicklung, die sie als patriarchalische Kontrolle der Sexualität betrachteten.

Zu den Autorinnen, die sexpositive Positionen vertreten, gehören unter anderem Nadine Strossen, Susie Bright, Patrick Califia, Gayle Rubin, Camille Paglia, Tristan Taormino und Betty Dodson. Im deutschsprachigen Raum nahm die Diskussion um die PorNO-Kampagne die wichtigsten Argumente und Forderungen der antipornografischen Seite auf, eine vergleichbar intensive Diskussion unter Feministinnen blieb jedoch weitgehend aus.

Theoretische Grundlage Im Mittelpunkt des sexpositiven Feminismus steht die Vorstellung, dass sexuelle Freiheit ein grundlegender Bestandteil aller weiblicher Bestrebungen nach Freiheit und Gleichberechtigung sein sollte. Daher lehnen sexpositive Feministinnen alle sozialen oder rechtlichen Bestrebungen, einvernehmliche sexuelle Aktivitäten zwischen Erwachsenen einzuschränken, gänzlich ab. Diese Ablehnung ist unabhängig davon, ob die Initiatoren derartiger Maßnahmen Regierungen, andere Feministen, Gegner des Feminismus oder wie auch immer geartete Institutionen sind.

Gayle Rubin fasste den zu Grunde liegenden Konflikt über das Thema „Sex“ innerhalb des Feminismus wie folgt zusammen:

Das Anliegen des sexpositiven Feminismus vereint Mitglieder unterschiedlichster Gruppen, unter ihnen Aktivisten gegen Zensur, LGBT-Aktivisten, feministische Wissenschaftler sowie Produzenten von Pornografie und Erotika. Sexpositive Feministinnen lehnen die Herabsetzung männlicher Sexualität ab und bekennen sich ausdrücklich zur umfassenden Spannbreite einvernehmlicher sexueller Ausdrucksformen zwischen Erwachsenen. Sie vertreten die Ansicht, dass patriarchale Strukturen die sexuelle Freiheit und Ausdrucksfähigkeit einschränken, und treten dafür ein, allen Menschen, unabhängig von ihrer biologischen, sozialen oder psychologischen Geschlechtszugehörigkeit (Gender), sexuelle Freiheit zuzugestehen, statt bestimmte Ausdrucksformen der Sexualität wie etwa Pornografie einzuschränken.Vgl. Carol Queen: Real Live Nude Girl: Chronicles of Sex-Positive Culture. Cleis Press, Pittsburgh 1997, ISBN 1-57344-073-6. Sexpositive Feministinnen lehnen sexuellen Essentialismus generell ab; Gayle Rubin definiert diesen als „die Vorstellung, dass Sex eine Naturgewalt ist, die bereits vor dem sozialen Zusammenleben existierte und Institutionen herausformt“;Übersetzt nach: Gayle Rubin, 1984 (s.o) stattdessen vertreten sie die Auffassung, dass sexuelle Orientierung und Gender grundlegend durch die Gesellschaft geprägt werden.

Die Teilgruppe der so genannten sexradikalen Feministinnen begründet ihre sexpositive Position mit einem grundlegenden Misstrauen in die Fähigkeit des Patriarchats, bei der Ausarbeitung von die Sexualität einschränkenden Regelungen die Interessen von Frauen bestmöglich zu vertreten. Andere Feministinnen betrachten die sexuelle Befreiung der Frau als das eigentliche Motiv hinter der Frauenbewegung. Naomi Wolf schreibt hierzu: „Der Orgasmus ist der natürliche Ruf nach feministischer Politik: Wenn es so gut ist, eine Frau zu sein, muss es auch etwas wert sein, eine Frau zu sein.“

Historische Wurzeln Autorinnen wie Gayle RubinGayle Rubin (1984) und Wendy McElroyWendy McElroy: XXX: A Woman’s Right to Pornography. New York, St. Martin’s Press 1995. vertreten die Auffassung, dass die Ursprünge des Sex-positiven Feminismus bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, und sehen dies in der Arbeit von Reformern und Aufklärern wie Havelock Ellis, Margaret Sanger, Mary Dennett und später Alfred Kinsey begründet. Die aktuelle zeitgenössische Ausprägung der Bewegung entwickelte sich wesentlich später als Reaktion auf die zunehmende Fokussierung des feministischen Diskurses auf Pornografie, die seit den 1970er Jahren immer wieder als Grundlage der Unterdrückung von Frauen diskutiert wurde. Der Aufstieg des US-amerikanischen Second-wave-Feminismus in den 1960er Jahren ging mit der sexuellen Revolution und einer Lockerung der gesetzlichen Vorschriften zu pornografischem Material einher. In den 1970er Jahren geriet der Themenbereich Sexualität und Patriarchat zunehmend in den Fokus der feministischen Diskussion. Einige feministische Gruppierungen gingen so weit, festzulegen, wie korrekte feministische Sexualität auszusehen habe, und abweichendes Verhalten zu ächten. Dies war insbesondere bei einigen lesbischen Gruppen der Fall, wurde jedoch auch in heterosexuellen Zusammenhängen teilweise als Gedankengut übernommen. Viele Feministinnen begannen sexuelle Erfüllung selbst als problematisch zu betrachten, andere definierten weibliches Lustempfinden beim Geschlechtsakt mit einem Mann als unnatürlich oder gar krank und reine Folge der patriarchalen Indoktrination.

Andere Feministinnen wie z. B. Betty Dodson betrachteten weibliche Lust und Masturbation als zentrale Elemente auf dem Weg zur Befreiung der Frauen. Pornografie stand zu diesem Zeitpunkt thematisch noch nicht im Zentrum der Diskussion, Radikalfeministen lehnten Pornografie generell ab, das Thema wurde jedoch bis in die 1970er Jahre nicht als besonders bedeutend betrachtet. Einzelne feministische Anwältinnen setzten sich für die Entkriminalisierung von Prostitution ein.

In den späten 1970er Jahren setzte in der US-amerikanischen Gesellschaft eine Diskussion ein, in der zunehmend Sorge über die Auswirkungen der gesellschaftlichen Entwicklung der 1960er Jahre geäußert wurde. Insbesondere der Trend zu größeren sexuellen Freiheiten rückte in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Die mediale Darstellung von Gewalt und Sexualität und die zunehmende Akzeptanz pornografischer Medien im gesellschaftlichen Mainstream wurden ebenso kritisiert wie die zunehmenden sexuellen Aktivitäten unter Teenagern, Kinderpornografie und die angebliche Ausbreitung von Snuff-Filmen. Kritiker glaubten, in dieser Atmosphäre eine moralische Panik zu erkennen, die ihren Höhepunkt Mitte der 1980er Jahre erreichte. Die Bedenken spiegelten sich in der feministischen Bewegung, in der sich radikalfeministische Gruppen zunehmend auf Pornografie konzentrierten und diese als eine der Grundlagen des Patriarchats und als direkte Ursache für die Gewalt gegen Frauen zu entdecken glaubten. Robin Morgan fasste derartige Vorstellungen in einer Aussage zusammen: „Pornografie ist die Theorie; Vergewaltigung die Praxis.“

1974 begannen Andrea Dworkin und Robin Morgan vehement antipornografische Standpunkte zu vertreten, die auf radikalfeministischen Positionen basierten. Antipornografische Feministinnengruppen wie Women Against Pornography griffen die Kritik auf und waren bis in die späten 1970er Jahre hinein in vielen US-amerikanischen Städten sehr aktiv.

Als diese Gruppen ihre Kritik und die mit dieser verbundenen Aktionen nicht nur auf Pornografie beschränkten, sondern auch auf Prostitution und BDSM ausdehnten, wuchs bei anderen Feministinnen zunehmend die Sorge über die Richtung, die diese Bewegung einschlug, die Entwicklung wurde daher offen kritisiert. Unter den Kritikern waren BDSM praktizierende Feministinnen (hier vor allem Samois), Gruppen, die sich für die Rechte von Prostituierten einsetzten, und viele liberale und anti-autoritäre Feministinnen, für die freie Rede, sexuelle Freiheit und die moralische Eigenverantwortung zentrale Anliegen waren.

Eine der frühesten feministischen Erklärungen gegen die neu eingeschlagene Richtung der Bewegung war Ellen Willis’ Essay „Feminism, Moralism, and Pornography“.Ellen Willis: Feminism, Moralism, and Pornography. In: Ellen Willis: Beginning to See the Light: Sex, Hope, and Rock-and-Roll. Hanover, NH: Wesleyan University Press. Als Antwort auf die 1979 erfolgte Gründung der Gruppe Women Against Pornography äußerte Willis Sorge über die Versuche der antipornografischen Feministinnen, den Feminismus in eine Bewegung mit nur einem einzigen Anliegen umzuwandeln. Sie vertrat die Auffassung, dass Feministinnen Pornografie nicht pauschal verdammen sollten, da alle Einschränkungen von Pornografie genauso leicht gegen die für die Feministinnen bedeutende Redefreiheit gerichtet werden könnten. In ihrem Essay Lust Horizons: Is the Women’s Movement Pro-Sex?Ellen Willis: Lust Horizons: Is the Women’s Movement Pro-Sex? In: Ellen Willis: No More Nice Girls: Countercultural Essays. Wesleyan University Pr. prägte Willis den Begriff „Pro-Sex-Feminismus“.Ellen Willis: , The Village Voice

Gayle Rubin forderte in Thinking Sex: Notes for a Radical Theory of the Politics of Sexuality eine neue feministische Theorie der Sexualität. Sie vertritt die Auffassung, dass die existierenden feministischen Positionen zum Thema Sexualität die sexuelle Befreiung lediglich als eine Entwicklung betrachtete, die die männliche Vorherrschaft weiter festigt. Rubin kritisierte antipornografische Feministinnen, die aus ihrer Sicht „geradezu jede Variante sexuellen Ausdrucks als antifeministisch verurteilt haben“, sie stellte hierzu fest, diese Perspektive auf Sexualität sei gefährlich nahe an den Positionen einer antifeministischen konservativen Sexualmoral. Rubin forderte Feministinnen dazu auf, die politischen Aspekte der Sexualität zu betrachten, ohne sexuelle Unterdrückung zu begünstigen. Weiterhin forderte sie, die Schuld für die Unterdrückung der Frau statt gegen relativ einflusslose sexuelle Minderheiten gegen Faktoren zu richten, die es verdienen: „Die Familie, Religion, Kindererziehung, Ausbildung, die Medien, der Staat, die Psychiatrie, Benachteiligungen am Arbeitsplatz und ungleiche Bezahlung ...“

McElroy vertritt den Standpunkt, dass die Konzentration der Feministinnen auf Aspekte des sexuellen Ausdrucks in den 1970er und 1980er Jahren das Resultat ihrer Frustration mit dem offensichtlichen Versagen des Feminismus auf politischer Ebene war, nachdem das Equal Rights Amendment gescheitert war und unter der Regierung Ronald Reagans das Recht auf Abtreibung zunehmend angegriffen wurde.

Die österreichische lesbische Erotik-Fotografin Krista Beinstein bezeichnet sich als Bestandteil einer „feministische(n) Dirty-Sex-Bewegung“ und „setzt … ihre Arbeit gegen die moralisch-sexfeindlliche Frauenbewegung ein, in der sie selber aktiv war“.kristabeinstein.de

Bedeutende Themenbereiche Pornografie mini|Tristan Taormino erhält den Feminist Porn Award (Pokal in Form eines Butt-Plug)

Das Thema Pornografie war wahrscheinlich das erste, das sexpositive Feministen vereinte. Bis heute hat sich ein weites Spektrum unterschiedlicher und komplexer Sichtweisen zu diesem Thema entwickelt.

Während der 1980er Jahre versuchten Andrea Dworkin, Catharine MacKinnon und von ihnen inspirierte Aktivisten in mehreren US-amerikanischen und kanadischen Städten antipornografische Verordnungen herbeizuführen. Als erste erließ 1983 die Stadtverwaltung von Minneapolis eine entsprechende Verordnung.