mini|hochkant=1.4|Keith Haring, 1985rahmenlos|zentriert|klasse=skin-invert-image Keith Allen Haring (* 4. Mai 1958 in Reading, Pennsylvania; † 16. Februar 1990 in New York City) war ein US-amerikanischer Künstler, dessen Malstil anhand klarer Linien und Flächigkeit erkennbar ist. Er arbeitete ohne Vorlagen oder Skizzen. Einige seiner Methoden entnahm er der Graffiti-Szene. Haring gilt als Vertreter der Pop Art der 1980er Jahre und als einer der größten Streetart-Künstler aller Zeiten.
Leben und Werk Kindheit und Ausbildung Haring wurde 1958 in Pennsylvania als ältestes Kind von Joan und Allen Haring geboren. Zusammen mit drei Schwestern wuchs er in Kutztown auf. Dank seines Vaters, der mit ihm Comic-Figuren zeichnete, interessierte er sich schon früh für die Kunst.
1976 studierte er für zwei Semester an der Ivy School of Professional Art in Pittsburgh Werbegrafik. 1978 hatte er seine erste Einzelausstellung im Pittsburgh Arts and Crafts Center. Im selben Jahr zog er nach New York und schrieb sich an der School of Visual Arts (SVA) ein. Zu dieser Zeit machte er Bekanntschaft mit aufstrebenden Künstlern wie Kenny Scharf und Jean-Michel Basquiat.
mini|Berliner Bär mit Figuren von Keith Haring Ab 1980 organisierte er Ausstellungen und Vorführungen im Club 57. Zur selben Zeit entstanden seine ersten Arbeiten, die auf ein öffentliches Publikum abzielten: Mit einer Schriftschablone sprühte er den Text Clones Go Home auf die Wände und entlang der Bürgersteige zwischen die Grenze von East und West Village. Damit wollte er ein Statement gegen die Gentrifizierung, also den Zuzug von Neureichen in sein Viertel, setzen. Des Weiteren verbreitete er Collagen, die täuschend echt an die Titelseiten der New York Post erinnern und provokante Titel wie „Reagan Slain by Hero Cop“ („Reagan von heldenhaftem Polizisten getötet“) enthielten.
Im Juni 1980 wurde er zur Teilnahme an der Times Square Show eingeladen. Im Herbst desselben Jahres verließ Haring die SVA und arbeitete weiter im Club 57 und im Mudd Club, wo er Ausstellungen kuratierte. Inspiriert von der Graffiti-Szene begann er zur selben Zeit, seine tags zu hinterlassen, beispielsweise ein krabbelndes Baby oder einen Hund. Daraus entwickelte sich der Drang, auf leeren dunklen Werbeflächen seine Subway Drawings zu kreieren.
Subway Drawings
Das erste seiner Subway Drawings fertigte Haring im Dezember 1980 an und führte diese bis etwa 1985 fort. Die Gänge des Systems der New Yorker U-Bahn sind mit zahlreichen Werbetafeln ausgestattet. Wenn die Tafeln nicht mit aktuellen Werbeplakaten beklebt sind, wird der festmontierte Rahmen mit schwarzem Makulaturpapier als eine Art Platzhalter beklebt. Haring bemalte diese mit weißer Tafelkreide – ein Medium, das leicht zu transportieren und günstig in der Anschaffung ist und ihm erlaubte, seine typische durchgehende Linie schnell, gleichmäßig und äußerst kontrastreich auf das schwarze Papier zu bringen.
Außerdem war keine vorherige Präparation im Studio notwendig, was Harings intuitivem und schnellem Stil zugutekam.Alexandra Kolossa: Keith Haring – Ein Leben für die Kunst. Köln 2004, S. 22. Er konzipierte seine Bilder in den U-Bahn-Gängen immer auf ähnliche Weise. Zuerst wurde ein Rechteck als Bildbegrenzung gezogen, manchmal wurden diese noch nummeriert, hiermit wird der Anschein eines Comic-Strips erweckt. Dann wurden sie mit seinen typischen Motiven wie einem Strahlenbaby, Menschen, bellenden Hunden, Ufos, Fernsehern und Kreuzen gefüllt.
Haring betonte wiederholt, dass er seinen Subway-Werken bewusst keine Titel gegeben habe, um den Betrachtern keine vom Künstler vorgegebene Interpretation zu liefern. Seine Werke haben laut Haring nicht nur eine Bedeutung oder Interpretation, sondern sind so vielfältig wie die Menschen, die sie betrachten und sich mit ihnen auseinandersetzen.Julian Cox: Introduction – Social Justice and Public Display. In: Dieter Buchhart (Hrsg.): Keith Haring – The Political Line. New York 2014, S. 25. Die Formen, die seine Werke beinhalten, sind nicht fremd, sondern leicht erkennbar, sodass jeder Betrachter selbst ohne vorgegebenen Titel schnell eine eigene Assoziation entwickeln kann. Außerdem sind seine Motive in der New Yorker U-Bahn vor allem für ein vorbeilaufendes Publikum konzipiert, das schon durch ein flüchtiges Hinsehen den Bildaufbau begreifen kann.Alexandra Kolossa: Keith Haring – Ein Leben für die Kunst. Köln 2004, S. 27.
Haring malte ohne Skizzen und Studien, schnell und spontan aus dem Gefühl heraus ohne Änderungen. So konnte er bis zu dreißig Subway Drawings am Tag schaffen, die sich von 1980 bis 1985 zu insgesamt etwa fünf- bis zehntausend angefertigten Bildern im New Yorker U-Bahn-System summierten.Dieter Buchhart: The Endless Political Line. In: Dieter Buchhart (Hrsg.): Keith Haring – The Political Line. New York 2014, S. 35. Seine Darstellungen wurden größtenteils von dem mit ihm befreundeten Fotografen Tseng Kwong Chi festgehalten.Henry Geldzahler (Hrsg.): Art in Transit – Subway drawings by Keith Haring. New York 1984.
Durchbruch als Künstler Im Oktober 1982 war seine erste Einzelausstellung in der Tony Shafrazi Gallery. Haring hatte bereits zuvor als Assistent bei Shafrazi gearbeitet und Erfahrung im kuratorischen Bereich gesammelt. Für die Ausstellung malte er zum ersten Mal seit längerer Zeit, da sich sein Schaffen zuvor aufs Zeichnen konzentriert hatte. Mit dem Graffitikünstler L.A. II bemalte er Reproduktionen berühmter Skulpturen wie eine Büste des David von Michelangelo. Daraus entstanden labyrinthische Bilder, in denen alle Zwischenräume ausgefüllt wurden, sodass ein Maximum an Information auf kleinster Fläche präsentiert werden konnte.Alexandra Kolossa: Keith Haring – Ein Leben für die Kunst. Köln 2004, S. 27.
mini|Wandbild von Keith Haring in der Lobby des Woodhull Medical Center, New York, 1986 Die Ausstellung ermöglichte Haring den internationalen Durchbruch: Er erhielt Einladungen nach Rotterdam und Amsterdam und nahm an der Documenta 7 in Kassel teil. Das Spectacolor Billboard am New Yorker Times Square bespielte einen Monat lang in regelmäßigen Abständen Animationen seiner Ikonen. 1983 beteiligte er sich an der Whitney Biennale und der Biennale von São Paulo. Er lernte Andy Warhol kennen und freundete sich mit ihm an. Für Warhol malte er eine Andy Mouse, die eine Mischung aus Warhol und Mickey Mouse verkörpern soll.Keith Haring: Keith Haring Journals. New York 1997, S. 154–157.
1984 bemalte er Wände in Sydney, Melbourne, Rio de Janeiro, Minneapolis und Manhattan; 1985 begann er auf Leinwand zu malen, zuvor hatte er entweder auf Papier oder Vinylplanen gemalt. Auf der Biennale 1985 in Paris malte Haring sein Werk an die Wand der Grande Halle de la Villette.Allan Tannenbaum: Keith Haring Installation, Paris Biennale, France, 1985 In: San Francisco Art Exchance, abgerufen am 10. Dezember 2024.
mini|Centrale Markthallen in Amsterdam, 1986 mini|Centrale Markthallen in Amsterdam, 1986 Das CAPC Museum für zeitgenössische Kunst von Bordeaux war 1985 das erste Museum, das eine Einzelausstellung des damals 27-jährigen Keith Haring präsentierte. Im Folgejahr widmete ihm ein zweites europäisches Museum von Weltrang, das Stedelijk Museum in Amsterdam, eine Einzelausstellung. Auf einer Papierbahn, die entlang der Wände des Museums gespannt war, malte er als Teil der Ausstellung Amsterdam Notes.India Jeffes: Keith Haring – Notes on Paper In: Stedelijk Studies, 6. Juni 2023, abgerufen am 10. Dezember 2024.Keith Haring – Amsterdam Notes In: WichMuseum, abgerufen am 10. Dezember 2024. Die 38 Meter lange schwarze Tuschezeichnung mit rotem Acrylfarbenrand gilt als eines seiner größten Museumsstücke.
Keith Haring bei der Arbeit an Amsterdam Notes
Zu seinen bekannten öffentlichen Wandgemälden gehört das in New York anlässlich des 100. Jahrestags der Freiheitsstatue im Jahr 1986 entstandene, an dem neunhundert Kinder teilnahmen. Im gleichen Jahr entstand sein Werk auf der Westseite der Berliner Mauer.
1986 eröffnete er in SoHo in New York den Pop Shop, einen Laden, in dem seine Werke und Vervielfältigungen verkauft wurden. Das Geschäft wurde 2005 geschlossen. Er bemalte Wände in Amsterdam, Paris, Phoenix und am 26. Oktober 1986 in Berlin am Checkpoint Charlie. Für ihr Video I’m not Perfect und den Film Vamp bemalte er den Körper von Grace Jones.
mini|In der Nacht: The Boxers, 1987, Stahlskulptur, Potsdamer Platz, Berlin mini|links|Tour Keith Haring im Hôpital Necker–Enfants malades, 1987 mini|links|Tuttomondo, 1989, Wandgemälde, Chiesa di Sant’Antonio, Pisa
Auf dem Turm der Nottreppe der chirurgischen Klinik im Innenhof des Hôpital Necker–Enfants malades in Paris schuf Haring 1987 ein monumentales Fresko, das den Namen Tour Keith Haring trägt. 1987 hatte er Einzelausstellungen unter anderem in Helsinki und Antwerpen. Im selben Jahr zeichnete er das Cover der Benefiz-Weihnachtsplatte A Very Special Christmas zugunsten der Special Olympics.
Zu den letzten öffentlichen Wandgemälden, die Haring 1989 vor seinem Tod realisierte, zählt Tuttomondo. Das Werk befindet sich an der rückseitigen Außenwand der Kirche Sant’Antonio Abate in Pisa. Es hat eine Länge von 10 Metern und eine Breite von 18 Metern bei einer Fläche von 140 Quadratmetern.Federico Giannini, Ilaria Baratta: Ein zeitgenössisches Meisterwerk im alten Pisa: Keith Harings Tuttomondo In: Finestre sull’Arte, 7. Mai 2014, abgerufen am 10. Dezember 2024.
Ein Jahr nachdem bei ihm AIDS diagnostiziert worden war, malte Haring 1989 als Hommage an den 20. Jahrestag der Stonewall-Unruhen sein Fresko Once Upon a Time auf die Wände der Männertoilette des LGBT-Zentrums Lesbian Gay Bisexual & Transgender Community Center in Manhattan. Das hochpolitische Werk hat alle Zerstörungsversuche überlebt und ist noch immer am selben Ort zu sehen.Sharyn Jackson: Keith Haring's 'Once Upon A Time' Bathroom Mural Restored and Open to the Public.. In: WNYC, 8. März 2012, abgerufen am 8. Dezember 2024.
Vorgehensweise und Stil Keith Haring gehört mit seiner Kunst im öffentlichen Raum, der gängige Regeln übertrat, zu den Kultkünstlern der 1980er Jahre. Mit Linien und Symbolen entwickelte er seine eigene Bildsprache, die unverkennbar und unnachahmlich zu seinem Markenzeichen wurde. Mit schlichten Zeichnungen und ihrer eigenen Kommunikation reagierte er auf brisante Themen seiner Zeit. Seine beißende politische Kritik hatte ihn in der New Yorker Popkunst berühmt gemacht.Keith Haring: Kunst auf der Toilette. Kultur erklärt – Flick Flack. ARTE. In: Irgendwas mit ARTE und Kultur, 26. Oktober 2023, abgerufen am 7. Dezember 2024.Courtney Tenz: Kunst als Aktivismus: Keith Harings politische Botschaft. In: Deutsche Welle, 4. Mai 2018, abgerufen am 7. Dezember 2024.
Erkrankung und Tod Haring engagierte sich mit seiner Kunst bei verschiedenen Benefiz-Aktionen gegen AIDS. Noch vor 1988, als bei ihm selbst die Immunschwächekrankheit diagnostiziert wurde, verarbeitete er die Thematik bereits in Werken wie AIDS aus dem Jahr 1985. Zusammen mit Kindern bemalte er Wände in Chicago und Atlanta. 1989 engagierte er sich in der Widespread-Kampagne für die AIDS-Vorsorge und wirkte in Rosa von Praunheims preisgekröntem Film Schweigen = Tod über den Kampf von Künstlern in New York City für AIDS-Aufklärung und die Rechte von Infizierten und Erkrankten mit. Die gemeinnützige The Keith Haring Foundation wurde von ihm noch zu Lebzeiten gegründet, und in der Galerie 121 in Antwerpen fand eine Ausstellung statt. Haring starb 1990 im Alter von 31 Jahren an den Folgen seiner Erkrankung. Noch kurz vor seinem Tod malte er einige Bilder, die sich mit dem Tod beschäftigen.
Postume Würdigung mini|Heart for two in einem Schaufenster an der North Michigan Avenue, Chicago