Shanduraï und der Klavierspieler ist ein Spielfilm von Bernardo Bertolucci aus dem Jahre 1998. Das vom italienischen Fernsehen RAI produzierte Kammerspiel ereignet sich in einem alten, abgewohnten römischen Palazzo an der Spanischen Treppe und unterhalb der Kirche Santa Trinità dei Monti.Michael Althen: Die Poesie privater Dienstverhältnisse. In: FAZ, 2. März 2005, Nr. 51, S. 37, abgekürzte Originalversion. Noch während der Produktion entschied er sich, den Fernsehfilm von ursprünglich fünfzig auf neunzig Minuten auszuweiten und ihn damit für das Kino zugänglich zu machen.Claudio España: El cine está mutando. In: La Nación, 28. September 1998 Das Drehbuch verfasste er gemeinsam mit seiner in Afrika aufgewachsenen Ehefrau Clare Peploe Clare Peploe bei IMDb in Anlehnung an die Kurzgeschichte Die Belagerung von James Lasdun. Bertolucci bezeichnet den Film als ein „Stück Kammermusik für das Kino.“Kino in Kürze. In: Der Spiegel, Nr. 9 vom 28. Februar 2005, S. 151. Zunächst interessierte sich kein deutscher Verleih für diesen Film, bis er am 3. März 2006 durch Alamode Film in die deutschen Kinos kam. Im deutschsprachigen Fernsehen wurde er erstmals am 12. Dezember 2006 auf 3sat ausgestrahlt.Volker Behrens: Begegnungen mit Bernardo Bertolucci. In: Hamburger Abendblatt, 12. Dezember 2006.
Handlung links|miniatur|Thandie Newton, 2008 miniatur|Spanische Treppe in Rom. Der Drehort war hinter dem linken Eckhaus. miniatur|Spanische Treppe von oben, ganz rechts der Palazzo von Jason Kinsky miniatur|Zwischen den Palmen: Kinskys Palazzo und der Metro-Eingang an der Piazza di Spagna Nach den Flugaufnahmen über dem Krater eines erloschenen Vulkans an einer glitzernden Küste erklingt die Musik eines afrikanischen Sängers. Der Sänger hockt auf dem Boden unter einem Baum und begleitet sich mit einer afrikanischen Leier und einer Fußrassel. Sein Liedtext mit dem Refrain „Afrika“ wird nicht übersetzt, „um die Musikalität herauszustellen“.Claudio España: El cine está mutando. In: La Nación, 28. September 1998. (Im Original: „... no poner subtítulos, "de manera que la musicalidad se eleve por sobre todo"“.) In späteren Traumsequenzen begegnen sich er und die junge Shanduraï. Shanduraï lebt in einer namenlosen afrikanischen Diktatur und arbeitet als Krankenschwester in einer Klinik für kriegsversehrte Kinder. Eines Tages wird ihr Ehemann Winston, ein politisch engagierter Dorflehrer, vor ihren Augen von einer Soldateska verhaftet, getreten und abtransportiert.
Shanduraï lebt jetzt in Rom, wo sie als Putzfrau und Küchenhilfe für den englischen Pianisten Jason Kinsky arbeitet. Sie wohnt im Dienstmädchenzimmer eines Palazzo in der Nähe der Spanischen Treppe. Kinsky lebt zurückgezogen, übt Klavier, gibt Unterricht und komponiert. Shanduraï studiert neben der Arbeit Humanmedizin und verbringt ihre Freizeit mit ihrem schwulen Kommilitonen Agostino. Kinsky verliebt sich in die hübsche Afrikanerin. Auf seine unbeholfenen Annäherungsversuche mit kleinen Geschenken reagiert sie verärgert und ablehnend. In einer Traumszene reißt sie die Plakate eines afrikanischen Diktators von den Wänden, das letzte Plakat zeigt Kinskys Gesicht. Als er ihr schließlich stürmisch seine Liebe gesteht, ist sie verunsichert und fühlt sich in die Enge gedrängt. Kinsky wiederholt sein Liebesgeständnis und versichert, alles für sie tun zu wollen. Unvermittelt schreit sie ihn an, er solle ihren Ehemann aus dem Gefängnis holen. Kinsky ist schockartig ernüchtert und wendet sich ab. Auf seine Frage, warum er im Gefängnis ist, bricht sie in Schluchzen aus.
Kinsky bemüht sich insgeheim um die Freilassung ihres Ehemanns und baut entsprechende Kontakte zu Geschäftsleuten und über afrikanische Priester auf. Bei den Klängen von John Coltranes Jazzklassiker „My favourite things“ fotografiert er das Inventar seiner Wohnung. Stück für Stück verschwinden kostbare Kunstgegenstände und nach und nach auch das Mobiliar aus dem Palazzo. Mit seiner Haushälterin geht er wie zuvor höflich und distanziert um. Als Shanduraï einmal Staub saugt, komponiert Kinsky gerade eine langsame Passage. Das rhythmische Hin- und Herschieben des Staubsaugers und der Blick auf ihre Haut inspirieren ihn. Er wechselt in einen schnellen Stakkato-Rhythmus, den sie mit einem unwillkürlichen Kopfnicken aufnimmt, ärgerlich sich dabei ertappt, aufhört, wieder nickt und lächelt.
Als sie einen Brief erhält mit der Mitteilung, dass ihr Ehemann ein Gerichtsverfahren erhält, erkennt sie den Zusammenhang mit dem Verhalten Kinskys. Sie öffnet ihren Koffer, in dem sie Andenken an ihre Heimat aufbewahrt. Darunter befindet sich auch ihr Ehering, sie nimmt ihn in die Hand und legt ihn wieder zurück. Am Ende wird auch der Steinway-Flügel aus dem Gebäude gehievt. Schließlich kommt ihr Ehemann frei und kündigt brieflich seine Ankunft in Rom an. Shanduraï will einen Dankesbrief an Kinsky schreiben, nach vielen verworfenen Fassungen beschränkt sie sich auf Dear Mr Kinsky I love you. In der Nacht vor der Rückkehr des Ehemanns geht sie in Kinskys Schlafzimmer, um den Brief auf seinen Nachttisch zu legen. Kinsky ist betrunken. Sie zieht ihm zunächst die Schuhe aus, dann legt sie sich zu ihm ins Bett. Im Morgengrauen werden die beiden durch die Haustürklingel geweckt. Es ist ihr Ehemann, der beharrlich den Klingelknopf drückt. Zunächst öffnet sie nicht. Shanduraï hält Kinsky sanft bei sich. Doch dann verlässt sie das Zimmer. Die Kamera bleibt auf das Bett gerichtet.
Hintergrund Bertolucci lebte seit 1981 in London Loshitzky, The white continent is dark, S. 79. und kehrte für diese Aufnahmen vorübergehend nach Italien zurück. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit seiner britischen Frau Clare Peploe, einer Filmschauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin, die in Tansania geboren ist, in Kenia aufwuchs und als Muttersprache Kisuaheli spricht. Sie ließen sich dabei von der Kurzgeschichte Besieged des britischen Schriftstellers James Lasdun inspirieren, der seine Geschichte zwischen einem dilettierenden englischen Musiker und einem Zimmermädchenim Original: „cameriera“ = Zimmermädchen, in: Tullio Kezich, Corriere della Sera, 6. Februar 1999 aus Kolumbien in London spielen lässt. Ursprünglich wollte Clare Peploe die Kurzgeschichte verfilmen, musste dann aber das Projekt wegen fehlender finanzieller Unterstützung einstellen.Brigitte Baudin: « Shanduraï » La sonate de chambre de Bernardo Bertolucci. In: Le Figaro, 2. März 1999. (Im Original: « Le sujet m’a été apporté par ma femme, Clare Peploe, explique Bernardo Bertolucci. C’est une nouvelle de James Lasdun qu’elle avait adaptée sans succès pour le cinéma, faute de financement. ») Bertolucci und Peploe erweiterten die Handlung mit einem kurzen Prolog in Afrika, welcher der Geschichte „Wurzeln geben“ sollte.Brigitte Baudin: « Shanduraï » La sonate de chambre de Bernardo Bertolucci. In: Le Figaro, 2. März 1999. (Im Original: „Nous avons tourné trente-deux jours à Rome et quatre jours en Afrique pour donner un passé, des racines à Shanduraï.“) Die Drehzeit dauerte 32 Tage in Rom und vier Tage in Afrika. Das Budget betrug rund 3 Millionen Dollar.Italienische Presseschau von L’assedio bei Mario Ferrero auf tiscali.it, Februar 1999 Die Kamera-Aufnahmen wurden zu einem großen Teil mit einer digitalen Steadicam und bei Nahaufnahmen mit einer kleineren Handkamera gemacht, wodurch dem Geschehen eine größere Beweglichkeit und Intensität verliehen wird.Mariuccia Ciotta in Il Manifesto, 3. Februar 1999 über L’assedio
Über diesen Film äußerte Bertolucci: „Ich wollte eine empfindsame und prophetische Fantasie über das künftige Gesicht von Rom zeichnen. Rassenmischung ist noch neu für Italien, aber sie beschleunigt sich, und ich wollte das Schwindelgefühl mit diesen beiden Fremden teilen, die in einer Stadt leben, welche sie verzaubert.“Michel Pascal: In: Le Point, 6. März 1999. (Im Original: « Je voulais signer une fantaisie sentimentale et prophétique sur le futur visage de Rome, explique Bertolucci. Le métissage est encore nouveau pour l'Italie, mais il s'accélère, et je voulais faire partager le vertige de ces deux étrangers livrés à une ville qui les ensorcelle. ») Zu den Produktionsbedingungen meinte er: „Ich fand die Freude an der Schöpfung in völliger Freiheit wieder. In der Tat hatte ich keine Einschränkungen, den internen Druck einer Produktion von mehr als 30 Millionen Dollar. Ich konnte mich experimentelleren Filmuntersuchungen widmen, indem ich mich für die neuen Technologien öffnete.“Brigitte Baudin: « Shanduraï » La sonate de chambre de Bernardo Bertolucci. In: Le Figaro, 2. März 1999. (Im Original: „J’ai retrouvé le bonheur de la création, en toute liberté. En effet, je n’avais plus les contraintes, la pression inhérente à une production de plus de 30 millions de dollars. Je pouvais m’adonner à des recherches cinématographiques plus expérimentales en m’ouvrant aux technologies nouvelles.“)
Bertolucci bereitete sich mehrere Jahre lang auf die Herausforderung vor, mit den neuen digitalen Kameras und Bildbearbeitungen „nicht nur einen Film, sondern auch Kino zu machen“.Claudio España: El cine está mutando. In: La Nación, 28. September 1998. (Im Original: „Hoy hay muchas películas, pero hay poco cine....“) Übersetzung: „Heute gibt es viele Filme, aber wenig Kino...“ Er wollte mehr als nur Spezialeffekte herstellen, um die konkreten Möglichkeiten des Digitalfilms zu erkunden. Dabei gefiel ihm die Idee, einen weitgehend wortlosen Film zu drehen, und verglich dies mit den Ursprüngen des Films, der als Stummfilm begann.