mini|Das leuchtende EURO-Zeichen vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt/Main mini|Das Bayer-Kreuz in Leverkusen, mit 51 Metern Durchmesser eine der größten Lichtwerbeanlagen der Welt mini|Allianz Arena München

Leuchtreklame, auch Lichtwerbung genannt, gibt es in Deutschland seit 1896.

Deutsches Kaiserreich mini|Berlin, Potsdamer Platz, 1907

Die erste nachgewiesene Lichtwerbeanlage unter Verwendung von Hochspannungs-Leuchtröhren (Kaltkathodenröhren) wurde vom Glasbläser Heinrich Geissler im Schaufenster seiner Bonner Werkstatt im Jahre 1853 installiert. Geissler hat durch die vakuumdichte Einschmelzung der Stromzuführungsdrähte in das Glas erstmals die abgeschmolzene Gasentladungsröhre (d. i. die später zu seinen Ehren Geissler’sche Röhren genannt wurden) technisch möglich gemacht. Er war der Erste, der die dünnen Glasröhren in Form von Buchstaben gebogen hat, um seinen Namen als leuchtende Schrift auszuführen. Die auch Nachts leuchtende Schrift erregte Aufsehen, was zu Menschenaufläufen vor dem Schaufenster geführt haben soll. Da Geissler seine Röhren nur mit den damals bekannten unedlen Gasen (Luft, Kohlendioxid etc.) befüllen konnte, hatten aufgrund chemischer Reaktionen der Gase mit den Elektroden diese Leuchtröhren nur kurze Lebensdauer. Auch wurde die Hochspannung aus Batterien über Induktorien (d.i. Funkeninduktor) erzeugt, die nicht dauerbetriebsfest waren. Lichtwerbeanlagen mit Geissler’schen Röhren blieben -wie die Geissler’schen Röhren selbst- neben wissenschaftlicher Anwendung ein Kuriosum zur Belustigung des Volkes auf Jahrmärkten.Günter Dörfel: Zum 200.Geburtstag des Glastechnikers Heinrich Geißler, S. 21ff. Als die Elektrizität in den 1890er Jahren ihren Aufstieg begann, wurde das Potential des elektrischen Lichts als Werbeträger von den Unternehmen schnell erkannt und genutzt. Die erste Lichtwerbeanlage für den Markenartikel Malton-Wein entstand 1896 am Berliner Spittelmarkt. In der Leipziger Straße in Berlin wurde 1897 eine Lichtwerbeanlage installiert, die in den Farben Rot und Weiß leuchtete.Dirk Reinhardt: Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland. Berlin 1993, S. 312.

Die 1898 ebenfalls in Berlin errichtete Lichtwerbeanlage für die Zigarettenmarke Manoli – das sogenannte Manolirad – erlangte damals eine gewisse Berühmtheit. Der beleuchtete Markenname wurde von einem Kreis aus Glühlampen umgeben, von denen jeweils eine Lampe nach der anderen kurz ausgeschaltet wurde, so dass der Eindruck eines sich drehenden Rades entstand. Die erfolgreiche Wirkung dieser neuartigen Werbeform veranlasste auch die Firma Bahlsen für ihr Produkt Leibniz-Cakes ähnliche Lichtwerbeanlagen in Berlin und anderen deutschen Großstädten zu errichten.Dirk Reinhardt: Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland. Berlin 1993, S. 313.

1902 entstand die bis dahin größte Anlage im Deutschen Reich auf dem Dach eines Berliner Geschäftshauses der Firma Rudolph Hertzog mit aus Blech geformten Buchstabenprofilen, auf denen Glühbirnen installiert wurden, so dass der Firmenname nachts weithin sichtbar war. Die Reaktionen der Zeitgenossen gegenüber der Lichtwerbung waren zwiespältig. Ablehnende Proteste richteten sich einerseits gegen die „infernalischen Lichtattentate“, die angeblich für „Nervenzerüttungen“ verantwortlich seien und „wie ein Dolchstoß“ in die Augen stachen. Andererseits wurde die These aufgestellt, dass die moderne Lichtwerbung „das hervorstechendste Merkmal moderner Kultur“ sei.Dirk Reinhardt: Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland. Berlin 1993, S. 314.

Die Behörden verhielten sich gegenüber dieser neuen Werbeform, die das abendliche und nächtliche Erscheinungsbild der Großstädte massiv veränderte, zunächst restriktiv. Um 1900 wurden polizeiliche Verbote von Lichtwerbung erlassen, mit der Begründung, das ungewohnte Licht würde die Pferde scheu machen. Städte wie München und Dresden, die sich der Bewahrung ihrer traditionellen Kunst und Kultur verschrieben hatten, verboten die Lichtwerbung lange Zeit grundsätzlich. Die behördlichen Einschränkungen hemmten vorübergehend die technische Entwicklung der Lichtwerbung.Dirk Reinhardt: Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland. Berlin 1993, S. 315.

Erst ab 1907 setzte dann eine starke Weiterentwicklung der gestalterischen Möglichkeiten von Lichtwerbeanlagen durch Elektrographenanlagen mit wechselnden Werbebotschaften und durch Konstruktionen großer Lichtwerbeanlagen mit bildlichen und szenischen Darstellungen ein. Ein bekanntes Beispiel für große animierte Lichtwerbeanlagen dieser Zeit ist die Anlage für die Sektmarke Kupferberg Gold an der Berliner Friedrichstraße aus dem Jahr 1912. Die Kupferberg-Anlage war 60 m² groß und war mit 1.600 Glühbirnen bestückt. Sie bestand aus dem zweizeiligen Schriftzug Kupferberg Gold und zeigte wie aus einer Sektflasche ein Sektglas langsam gefüllt wurde. Mit derartigen Großanlagen war zwischen 1909 und 1914 ein erster Höhepunkt der Lichtwerbung erreicht, welcher die nächtliche Großstadtatmosphäre stark veränderte.Dirk Reinhardt: Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland. Berlin 1993, S. 317. Im Ersten Weltkrieg ging die Nutzung der Lichtwerbung stark zurück, im Kriegsjahr 1916 wurde die Lichtwerbung aus energiepolitischen Gründen verboten.Dirk Reinhardt: Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland. Berlin 1993, S. 318 f.

Weimarer Republik mini|Stresemannstraße in Berlin bei Nacht, 1932 mini|Das Haus Scharlachberg, ca. 1935

Das reichsweite Verbot der Lichtwerbung aus dem Jahre 1916 blieb mehr als fünf Jahre in Kraft und wurde erst 1922 wieder aufgehoben, allerdings wurde die Leuchtmittelsteuer deutlich angehoben, so dass viele Unternehmer den Einsatz von Lichtwerbung aus Kostengründen zunächst nicht forcierten.Dirk Reinhardt: Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland. Berlin 1993, S. 319.

Die wirtschaftlich desolate Lage und die Inflation bis 1923 hemmten zunächst einen Aufschwung der Lichtwerbebranche. Die allmähliche wirtschaftliche Erholung der Weimarer Republik in den sogenannten Goldenen Zwanzigern führte dann aber zu einem rasanten Aufschwung der Lichtwerbebranche. Laufschriftanlagen und die technisch weiterentwickelten farbigen Neonleuchten schafften völlig neue Möglichkeiten für die Lichtwerbung. Besonders in Berlin wurde durch Lichtwerbeanlagen die Nacht quasi zum Tage gemacht.Carola Jüllig: „Wo nachts keine Lichter brennen, ist finstere Provinz“. Neue Werbung in Berlin. In: Susanne Bäumler (Hrsg.): Die Kunst zu werben. Das Jahrhundert der Reklame. Köln 1996, S. 71.

Im Zeitraum zwischen 1925 und 1929 wurde die wirtschaftliche Lage von den Markenartikelherstellern so günstig beurteilt, dass sie verstärkt Neuinstallationen großer Anlagen durchführen ließen. 1926 erregte eine Lichtwerbeanlage der Firma Odol am Potsdamer Platz in Berlin aufsehen, die zeigte, wie das Mundwasser aus der bekannten Odol-Flasche in ein Glas tropfte. Die größte Lichtwerbeanlage Europas zu dieser Zeit entstand 1929 am Haus Scharlachberg (Kurfürstendamm 211) für das alkoholische Getränk Scharlachberg Meisterbrand. Insgesamt wurden auf dieser Anlage 6.000 Glühbirnen und 70 km Verbindungskabel auf einer Fläche von 360 m² verbaut, das Gewicht der Haltekonstruktion betrug 10.000 kg.Dirk Reinhardt: Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland. Berlin 1993, S. 312.

In den 1920er Jahren trat das Neue Bauen der avantgardistischen Architekten aus dem Umfeld des Bauhauses seinen Siegeszug an. Die modernen Architekten empfanden die bis dahin montierten Lichtwerbeanlagen zumindest tagsüber nicht ästhetisch und sahen die Anlagen als Fremdkörper an den Fassaden oder auf den Dächern der Gebäude.Carola Jüllig: „Wo nachts keine Lichter brennen, ist finstere Provinz“. Neue Werbung in Berlin. In: Susanne Bäumler (Hrsg.): Die Kunst zu werben. Das Jahrhundert der Reklame. Köln 1996, S. 72. Durch die Beschäftigung mit der Lichtwerbung entdeckten die Architekten völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten und machten das nächtliche Bild von Gebäudefassaden und Straßen zu einer künstlerischen Lichtarchitektur. Die Fachzeitschrift Bauwelt schrieb, dass kaum ein neuer Baustoff so viele Möglichkeiten biete, wie das Licht.Fabian Wurm (Hrsg.): Signaturen der Nacht. Die Welt der Lichtwerbung. Ludwigsburg 2009, S. 60.

NS-Zeit mini|Berlin Alexanderplatz, 1936

Unmittelbar nach der Machtergreifung wurde die gesamte Werbewirtschaft durch die Nationalsozialisten gelenkt. Grundlage war das „Gesetz über Wirtschaftswerbung“, welches festlegte, dass das „gesamte öffentliche und private Werbungs-, Anzeigen-, Ausstellungs-, Messe- und Reklamewesen der Aufsicht des Reichs“ unterliegt und die Aufsicht der gesamten Wirtschaftswerbung durch den Werberat der deutschen Wirtschaft erfolgen sollte. Ziel der Nationalsozialisten war es, durch die Kontrolle der gesamten Werbebranche Propaganda in eigener Sache machen zu können und das Konsumverhalten des Volkes im nationalsozialistischen Sinne zu beeinflussen.Antonia Linzbach: Transparente Schilder, fluoreszierende Papageien - kommerzielle Lichtwerbung in den Jahren 1933 bis 1945. In: Fabian Wurm (Hrsg.): Signaturen der Nacht. Die Welt der Lichtwerbung. Ludwigsburg 2009, S. 68.

Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatte die Lichtwerbung für die Öffentlichkeit eine große Bedeutung, denn sie galt als Zeichen wirtschaftlichen Aufschwungs nach der Weltwirtschaftskrise. Die nationalsozialistischen Behörden forderten in den Jahren 1933/34 die Ladenbesitzer und Werbungstreibenden auf, mehr Lichtwerbeanlagen zu installieren, um zu einer Belebung der nächtlichen Innenstädte beizutragen.Antonia Linzbach: Transparente Schilder, fluoreszierende Papageien - kommerzielle Lichtwerbung in den Jahren 1933 bis 1945. In: Fabian Wurm (Hrsg.): Signaturen der Nacht. Die Welt der Lichtwerbung. Ludwigsburg 2009, S. 68.

Nach 1933 wurden viele kleinere Lichtwerbeanlagen an Einzelhandelsgeschäften montiert, während die Installation von Großanlagen deutlich zurückging. Die erstarkte Heimatschutzbewegung forderte strikte Einschränkungen der Licht- und Außenwerbung, die dann in der Bekanntmachung des Werberates der Deutschen Wirtschaft Ausdruck fanden: „Leuchtanschlag darf am Tage nicht verunstaltend wirken.“Antonia Linzbach: Transparente Schilder, fluoreszierende Papageien - kommerzielle Lichtwerbung in den Jahren 1933 bis 1945. In: Fabian Wurm (Hrsg.): Signaturen der Nacht. Die Welt der Lichtwerbung. Ludwigsburg 2009, S. 69.

Durch den Kriegsbeginn im September 1939 wurde auf Grundlage des Luftschutzgesetzes die Verdunkelung des Reichsgebietes angeordnet. Die gesetzliche Pflicht zur Verdunkelung machte das Betreiben von konventionellen Lichtwerbeanlagen demnach zu einem Straftatbestand. Um der Verdunkelungspflicht zu genügen, wurden Leuchtfarben für die nächtliche Werbung eingesetzt – es entstand eine regelrechte „Verdunkelungs-Werbeindustrie“.Antonia Linzbach: Transparente Schilder, fluoreszierende Papageien - kommerzielle Lichtwerbung in den Jahren 1933 bis 1945. In: Fabian Wurm (Hrsg.): Signaturen der Nacht. Die Welt der Lichtwerbung. Ludwigsburg 2009, S. 70f.

Im weiteren Kriegsverlauf wurde die Lichtwerbung neben der Verdunkelungspflicht zusätzlich durch Maßnahmen zur Energie- und Rohstoffeinsparung weiter eingeschränkt und schließlich wurde die Herstellung von Lichtwerbeanlagen ab dem 15. März 1942 verboten. Von diesem Zeitpunkt an war die Lichtwerbung in deutschen Städten bis nach dem Zweiten Weltkrieg verschwunden.Antonia Linzbach: Transparente Schilder, fluoreszierende Papageien - kommerzielle Lichtwerbung in den Jahren 1933 bis 1945. In: Fabian Wurm (Hrsg.): Signaturen der Nacht. Die Welt der Lichtwerbung. Ludwigsburg 2009, S. 71f.

Deutsche Demokratische Republik mini|Ost-Berlin Alexanderplatz, 1964